360 Grad Video (3/3): Trends und Beispiele, Tipps und Tricks

Was das Format wirklich kann

Die Wahrheit über 360 Grad Video (3/3): Trends und Beispiele - filmpuls Die besten Beispiele

Perfekt ist ein 360 Grad Video immer dann, wenn es seine Stärken ausspielen kann und seine Schwächen nicht schon in den ersten Sekunden offenbaren muss. Dieser abschließende, dritte Artikel präsentiert ausgewählte Beispiele und Trends. Er erklärt, warum sich die 360°-Dokumentation ganz besonders für das Genre des Rundum-Video eignet.

Im ersten Teil dieser Artikel-Serie ging es darum, wie ein 360°-Video inhaltlich funktioniert. Im zweiten Teil stand die Frage im Vordergrund, was immersive 360 Videos für Storytelling bedeuten und wo und wann ein 360°-Imagefilm oder ein 360° Video Sinn macht.

Inhaltsverzeichnis der 3-teiligen Serie zu 360 Film und Video:

Dem eigentlichen Ziel dieser Art Videos, der Immersion, widmet Filmpuls hier einen eigenen Artikel.

Kein Privileg des Umschnitts

Anders als bei herkömmlichen Filmen entfällt bei 360-Filmen das Privileg des Wechsels (Umschnitt) von einer Einstellung auf die nächste. Ebenso entfallen die Möglichkeiten im Umgang mit Kameraeinstellungen. Eine Szene zu verdichten erfordert gänzlich andere Methoden als ein herkömmliches Video. Den klassischen Schnitt imitieren führt bei 360° direkt in die Sackgasse. Es gibt hier kein Phänomen der unsichtbaren Schnitte. Dafür meistens eine Menge missverstandener Jump Cuts, die den Bock zum Gärtner machen.

Filme schneiden und Videos professionell montieren bedeutet beim 360 Grad Video nicht mehr und nicht weniger, als mit Sequenzen arbeiten zu müssen und als Regisseur in Szenen zu denken. Soll nicht einfach abgefilmt sondern verfilmt oder inszeniert werden (mehr dazu hier), bekommt das Genre 360 einen enorm engen Bezug zum Theater. Während Bullet Time nach Innen auf Objekt oder eine Person sieht, richtet sich der Blick von 360er-Videos immer nach Außen.

Die 360° Dokumentation

An Beliebtheit stetig zulegen können aktuell 360° Video Dokumentationen. Diese Art wird oft als Mischform zwischen 360° Video und 360°-Foto Produktion realisiert. So ist es nicht unüblich, dass in diesem Genre zwar der Blick beim Wiedergeben virtuell im Kreis wandern und entdecken kann, aber dies nicht immer in bewegten Video-Bildern, sondern auch in 360°-Fotos. Der Wechsel von Bewegtbild zu Fotos ist aber längst nicht so schmerzhaft wie in normalen, mono-perspektivischen Videos, weil der User sich während der Wiedergabe eh durch die Bildwelten bewegt.

Dokumentationen in 360° besitzen meist eine Länge zwischen 5 und 7 Minuten. Sie erzählen sequentiell: jede Szene ist eine Einstellung. Kürzere Längen beschneiden die Menge der zu vermittelnden Informationen.Damit kommt auch statischen Bildern wie Fotos oder Grafiken ein Bewegungs-Element zu. Der Mix aus 360° Video und 360° Foto eignet sich im Bereich Architektur-Dokumentation oder für Immobilien perfekt, denn dort steht das Wiedergeben unbeweglicher Objekte oftmals im Zentrum der Aufgabe.

Die Länge eines 360 Grad Videos bestimmt sich durch die Frage, wie lange die Aufmerksamkeit des Zuschauers aufrecht erhalten werden und ihm eine „Experience“ geboten werden kann. Eine Dramaturgie für 360-Filmen von 8 Minuten oder mehr stellt erfahrungsgemäß bereits höchste Anforderungen an die Macher.

Das Wiedergeben des Filmes selbst ist auch für den erstmaligen User problemlos und nach kurzer Zeit intuitiv. Zumal die Filme im Browser wie auf Smartphones (beispielsweise dem iPhone) schnell geladen sind. Nach dem Hochladen auf Google, Youtube Kanäle oder Facebook (was nach dem Anmelden mit Gratis-Konto nur wenige Minuten dauert), werden die Zuschauer während dem Wiedergeben des Videos von einem Off-Kommentar begleitet und geführt. Auch wenn diese Spielart des 360° Movie trotz interaktiver Komponenten in schlechten Minuten da und dort etwas an professionelle Multimedia-Dia-Shows der achtziger Jahre erinnert: sie wiedergeben die Anforderungen des Mediums  360° überdurchschnittlich gut.

VorschaubildDie Wahrheit über 360 Grad Video (3/3): Trends und Beispiele

Ebenso ein gelungenes Beispiel ist das auf Gopro gedrehte 360° Video des Schweizer Fernsehens durch die neue Gotthard-Strecke. Aus Sicht der Unternehmenskommunikation dürfte es die Schweizerischen Bundesbahnen SBB zwar etwas schmerzen, dass ausgerechnet die Schienen im längsten Eisenbahn-Tunnel der Welt in der 360° Mountain Tour während einigen Minuten nicht immer recht zusammenpassen wollen. Trotzdem setzt das Video mit seinem ausgeklügelten technischen Umgang mit dem Wiedergeben des Blindspots im Bild neue Maßstäbe.

Der sog. Blindspot bezeichnet die Fläche im Video, bei welcher aus technischen Gründen im Video entweder keine Bildinformation wiedergeben können, oder bei der das Objekt, an dem das Aufnahmesystem befestigt werden musste, beim Wiedergeben selbst für den Zuschauer erkennbar im Bild des 360°-Videos erscheint.

VorschaubildDie Wahrheit über 360 Grad Video (3/3): Trends und Beispiele

Wo sich in Dokumentationen die  360°-Kamera bewegt, gilt es schon vor dem Wiedergeben nicht nur auf den bespielbaren Bereich der Kamerazone zu achten, sondern immer auch Sorge zu tragen, dass der Zuschauer die Motivation für die Bewegungsrichtung im Bild während der Tour durch die Virtual Reality im Video nachvollziehen kann.

Vollzieht die Kamera im Video in zu kurzen Abständen unerwartete Richtungswechsel, dies während der Zuschauer selbst noch am Entdecken der 360°-Welt ist, führt das Wiedergeben zu Frustration und letzten Endes dazu, dass sich der Zuschauer das Video während Minuten nicht mehr als 360°-Erlebnis, sondern so wie jedes andere Video ansehen wird.


Best Practise

Nescafé  zeigt auf YouTube statt eines klassischen Produktvideo in einer klug gemachten 360°-Video-Serie mit Gopro-Kameras den Herstellungsprozess des Kaffees. Die Serie beginnt mit dem Wiedergeben der Plantage, wo die Ernte der Kaffeebohnen stattfindet.

VorschaubildDie Wahrheit über 360 Grad Video (3/3): Trends und Beispiele

Auch bei Destinations-Videos (Tourismus-Filme) können 360° Imagevideos ihre Stärken voll wiedergeben. Quantas beispielsweise zeigt mit einem 360° World Video dem Zuschauer in Zusammenarbeit mit Reisedestinationen die Möglichkeit, schon vor der Ankunft per Video ein Gefühl für die komfortable Anreise und die gewünschte Traumdestination wiedergeben zu können.

VorschaubildDie Wahrheit über 360 Grad Video (3/3): Trends und Beispiele

Nicht fehlen darf hier natürlich die Erwähnung des langjährigen Spitzenreiters in Sachen Branded Entertainment: Red Bull. Der Salzburger Frontrunner nutzt 360°-Reportagen für Abenteuer-Videos und vermittelt dem Zuschauer beim Wiedergeben von Extremsport das Gefühl, im Video hautnah dabei zu sein wenn Unmögliches möglich wird.

VorschaubildDie Wahrheit über 360 Grad Video (3/3): Trends und Beispiele

Das perfekte 360 Grad Video

Wer unschlagbaren Perfektionismus beim Wiedergeben zum Ziel hat, für den gibt es auch im Genre 360° einen Königsweg. Dieser aber hat es bezüglich Aufwand und Kosten in sich: Man baut dazu nämlich das Filmset von A-Z um die 360°-Kamera herum. Entweder digital in 3-D auf dem Rechner, oder in Realität: Für einen der aufwändigsten 360° Themenparkfilme, die in Europa je produziert wurden, erstellten die Münchner Bavaria Studios Ende der neunziger Jahre während Wochen ein exakt auf die Brennweiten der 360°-Linsen abgestimmtes Dekor.

Zuvor wurden von Regisseur Dani Levy und Kameramann Carl-Friedrich Koschnick auf Basis des Drehbuchs festgelegt, zu welchem Zeitpunkt der Handlung die Kamera sich wie nah bei den Darstellern Meret Becker und Michael Gwisdek befinden sollte. Daraus ergab sich die Länge der dazu notwendigen Kamerafahrten und die Positionierung der Personen, womit auch das Dekor perspektivisch gerechnet, gezeichnet und gebaut werden konnte.

Mit digitaler Animation entfallen viele Probleme: Blickwinkel, Brennweite und Perspektive wie Kamerafahrten werden im Computer perfekter als in Realität erzeugt. Während es auch hier dem Zuschauer überlassen bleibt, wie er den Film erlebt (das Problem der subjektiven Wahrnehmung, das jede Konsumation von Bewegtbild mit sich bringt), hat der Filmemacher alles andere unter Kontrolle.

Digitale Perfektion in 360°:

VorschaubildDie Wahrheit über 360 Grad Video (3/3): Trends und Beispiele

Am Ende des Tages ist das perfekte Video ganz einfach zu eruieren. Perfektion ist nicht dann gegeben, wenn die Technik im Video zur Maximalform aufläuft. Perfekt ist ein 360°-Film und ein 360 Image Film ganz einfach dann, wenn das Video seinen Zweck erfüllt. Und damit maximale Wirkung wiedergeben kann.


Der neuste Trend: 360° Blogger

Seit April erlaubt YouTube das Streaming von 360°-Videos (sog. Live 360 Video). Google wird diesem Trend folgen. Seit einigen Wochen präsentieren sich darum Video Blogger ihren Fans nun mitsamt Wandschrank und dreckiger Wäsche unter dem Bett in 360° Video-Streams, Anzusehen auf dem iPhone oder den jeweiligen 360 Apps und einer Cardboard Brille. Ob dies als Anti-These zu dem, was in dieser Artikel-Serie zum Thema 360 Video propagiert wurde, oder ob als sicheres Zeichen dafür verstanden werden muss, dass der Trend zum 360°-Film seine Halbwärtszeit bereits überschritten hat, sei jedem Leser selbst zur Entscheidung überlassen.

Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass sich die Schöpfer dieser Technologie mit einer Virtualität abgefunden haben, die eine Schrumpfstufe dessen darstellt, was wir Konsumenten uns von der Technologie erträumen.
Adrian Daub, NZZ vom 25. Mai 2016

Fazit

Dort wo ein 360° Video keinen Sinn macht, gibt es eine einfache und erprobte Handlungsalternative: kein 360° Video zu produzieren!360°-Videos sind, klug gemacht, ein attraktives Tool für Marketing und Kommunikation.

Einsetzen sollte man 360 Grad Videos oder einen 360 Image Film aber nie darum, weil sie gerade ein Megatrend sind. Oder weil eine Cardboard Brille sich so trefflich mit der eigenen Werbebotschaft bedrucken lässt. Sondern nur dann, wenn sich der Rückgriff auf den Rundum-Blick auch inhaltlich-redaktionell und dramaturgisch begründen lässt. Filmwitze gibt es schon jetzt genug, im Wortsinn wie auch in Filmform.

Auch für 360-Grad-Filme lässt sich Gutes Storytelling mit CSI-Checkliste erkennen und optimieren. Gespannt sein darf man, was für Filme zukünftig mit der neuen YI HALO 360-Grad-Kamera von Google entstehen werden.

Falsch verstandene Trends sind zwar keine Todsünden im Filmgeschäft. Aber verpasste Chancen. Und das verdienen 360-Grad-Videos definitiv nicht.

Ergänzende Informationen:

Dreharbeiten für 360 Video in Australien Condor Films

Dreharbeiten für 360 Video in Australien

Der Autor dieses Artikels hat seit 1998 sieben internationale 360°-Filme (Circlevision und Dome-Projektionen) für Themenparks produziert. Condor Films AG hat bereits 1963/1964 einen 360-Film für standortgebundene Unterhaltung (Location Based Entertainment) hergestellt und arbeitet aktuell im Kundenauftrag an vier neuen 360°-Videos zu Unterhaltungszwecken auf Social Media Plattformen.

Über Kristian Widmer
Kristian Widmer ist Experte für sequentielles Storytelling. Er ist CEO der 1947 gegründeten Condor Films AG, promovierter Jurist und Inhaber eines MBA der Universität St. Gallen HSG.

1 Kommentar

  1. Rundsehen oder hinsehen, darum geht es. We alles sieht, sieht nichts. Warum hatte die Erfindung des Bikinis so Erfolg? Eben!

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*