360 Grad Video und Virtual Reality ist ein Trend. Die Lobeshymnen, die über diese neue Spielart der Videoproduktion kolportiert werden, erinnern an den gewaltigen Hype um 3D-Fernseher vor einigen Jahren. Deren Siegeszug hätte weltweit die Kommunikation mit Film und Video auf den Kopf stellen sollen. Genau so wenig wie es 3D war, ist auch 360 Grad Video sind keine Neuheit.

Die Audiovision experimentiert mit diesen exotischen Filmformaten schon seit mehr als fünfzig Jahren. Neu aber sind die technischen Möglichkeiten der Herstellung für 360 Grad Video. Und diese bieten, klug eingesetzt, in der Tat und auf Dauer neue Perspektiven und ein überzeugenderes Ergebnis als früher.

Teil 1 dieser Artikel-Serie hat die Eigenheiten und Funktionsweisen von 360° Filmen beleuchtet. Teil 2 untersucht nun die Frage, wann ein 360 Grad Video oder 360 Image Film wirklich Sinn macht, wie und wo man ein 360-Video einsetzen soll, und was das „Rundum-Bild“ für das Storytelling bedeutet:

Imagefilme und Produktfilme als 360 Grad Video?

Der 360 Image film porträtiert ein Unternehmen, kommuniziert die Alleinstellungsmerkmale des Unternehmens und illustriert die Werte des Unternehmens. Der Produktfilm stellt anders als der Imagefilm nicht das Unternehmen als sozio-technischen Wirtschaftskörper in den Vordergrund, sondern ein Produkt oder eine Dienstleistung dieses Unternehmens.

Bei 360° Video ist die Rundum-Sicht des Zuschauers systembedingt beim Wiedergeben die ganze Dauer gegeben. Die gezielte Auswahl eines Blickwinkels in nur eine Richtung ist unmöglich. Gleichzeitig entfallen die Vorteile des konventionellen Filmschnitts. 360 Grad Filme können nicht erst im Schnitt ihre Aussage, ihren Rhythmus und ihre Struktur bekommen.

Für die Prüfung, ob ein 360 image film oder Produktfilm in 360 Grad gedreht werden kann, heißt das ganz konkret:

Dort wo Inhalte, Werte oder der Produktenutzen nicht auf einen Blick als äußerliche Erscheinung vom Zuschauer visuell erfasst und verstanden werden können, ist ein 360 Grad Film das falsche Medium.

Beispiel: Die Werte eines Unternehmens sind erst auf den zweiten Blick zu entdecken. Sie spiegeln sich weder in der Architektur, noch in der Infrastruktur  der Offices oder in den Arbeitsabläufen. Diesfalls verhindern der Rundumblick, das Wegfallen der Montage und der Zwang zur Reduktion auf wenige Szenen für den Zuschauer das korrekte Erfassen des Aussagewunsches.

Wenn der Ort, an dem die 360-Grad-Kamera positioniert wird, den Zuschauer weder inhaltlich noch visuell dazu stimuliert, sich durch das 360°-Bild zu bewegen und die gesamte Bildwelt zu entdecken, ist 360° Film das falsche Medium.

Beispiel: Ein Unternehmens produziert erstmals in seiner Geschichte vollautomatisiert Produkteverpackungen. Das hochmoderne Fertigungsband mit Robotern steht in einer neu erstellten, seit Monaten noch teilweise leerstehenden Werkhalle. Für den Zuschauer eines 360 Grad Videos enthalten damit zwei Drittel der Dauer des Rundum-Videos keine spannenden Informationen, die seine Aufmerksamkeit verdienen. Der resultierende Effekt aus diesen Minuten ist vergleichbar mit einer Webpage, die dem User zu wenig Informationen bietet: Die Verweildauer sinkt, weil der User oder Zuschauer aussteigt. Sind Grafiken oder Interviews erfolgsrelevant, kommen 360 Grad-Filme schnell an ihre Grenzen.

Beispiel: Eine Bilanzmedienkonferenz wird als 360° Grad Video dokumentiert. Eingeblendete Grafiken mit Verlaufskurven sollen die Inhalte verdeutlichen. Für die Macher gibt es zwei Optionen, die beide nicht überzeugen: Entweder riskieren, dass der Zuschauer die Grafikinformation im Video nicht sieht weil er in die falsche Richtung blickt, oder aber die Zuschauerführung mit einem zusätzlichen, aber meist artfremden, Element in die gewünschte Richtung zu lenken.

Storytelling mit 360 Grad-Video

Mit 360 Grad Video eine Geschichte erzählen zu wollen, ist unglaublich anspruchsvoll. Wer das Gegenteil behauptet, hat es entweder noch nie versucht, oder nicht verstanden, wo wahrnehmungspsychologisch die Grenzen von 360° Video liegen.

Natürlich, abfilmen kann man alles. Das ist das Schicksal des Films. Aber gestalten, inszenieren und kontrolliert eine Geschichte in 360° zu erzählen, das ist ein großes Paar maßgeschneiderte Schuhe.

Oculus heißt das Ding, das man sich vor die Augen schnallt, um in eine elektronisch erzeugte Welt einzutauchen. Dem User wird vorspielt, dass alles möglich sei. Dabei merkt er kaum, wie gegängelt er durch diese elektronischen Visionen zappt. Oculus wird das nächste Must-have auf dem Elektronikmarkt sein. Es ist absehbar, wer sich davon neue Möglichkeiten verspricht: die Pornoindustrie.Adrian Daub, NZZ vom 25. Mai 2016

Idealerweise erzählt bei einem 360 Image Film der Drehort selbst ihre Geschichte. Die Platzierung und die Bewegung der Kamera kann dabei die Blickrichtung des Zuschauers, und damit die Abfolge von den Dingen, die der Zuschauer nach und nach während der Dauer der Spielzeit entdeckt, bis zu einem gewissen Grad beeinflussen und unterstützen. Die bewegte 360 Grad Kamera wandert dabei in Wahrheit auf einem schmalen Grat: erfolgt die Bewegung der Kamera mit einiger Geschwindigkeit, wendet sich die Mehrheit der Zuschauer in diesen Minuten fast sicher in die Richtung, aus der ihm das Bild entgegen kommt.

Fährt die 360 Grad Video-Kamera beispielsweise im Sport auf einer Piste, blickt der Zuschauer im Bild stellvertretend für den Skifahrer vorwärts. Dies weil der Blick zurück nicht dem eigenen Ski-Erlebnis entspricht – schließlich fährt kaum ein Mensch rückwärts blickend eine Skipiste hinunter. Der Zuschauer blickt aber auch darum voraus, weil die Bildinformationen in seinem Rücken ihm nichts Neues mehr bieten können. Alles, was an ihm digital vorbeizieht hat er wie in einem fahrenden Auto schon gesehen. Die digitale Bildinformation ist aus Sicht eines 360° Films nur noch visuelle Umweltverschmutzung ohne inhaltlichen Mehrwert.

360 Grad Film und Video: Kamerabewegungen wollen sorgfältig geplan

360 Grad Film und Video: Kamerabewegungen wollen sorgfältig geplant werden

360Film und Video: der bespielbare Kamerabereich besitzt enge Grenzen

360Film und Video: der bespielbare Kamerabereich besitzt enge Grenzen

Ergänzend zur sorgfältigen Wahl des Drehortes und der Kamerabewegungen nutzen inhaltlich anspruchsvolle 360 Grad Filme zur Inszenierung des Zuschauer-Erlebnis auch Bewegungen von Menschen vor der Kamera. Ist im Vordergrund auf 10° eine Person im Bild positioniert, die nun im Uhrzeigersinn um die Kamera herum auf die Position von 120° geht, wird der Zuschauer, animiert durch die Bewegung, der Person folgen wollen.

Bei Bewegungen der 360°Kamera wie auch bei Bewegungen vor der 360-Grad-Kamera muss strikt darauf geachtet werden, dass die Bewegungen stets innerhalb des sicheren, bespielbaren Korridors erfolgen.

Der Korridor um die 360-Grad Video-Kamera bezeichnet die Fläche, in welcher die Subjekte oder Objekte vor der Kamera weder verzerrt (weil zu nah an der Kamera) noch zu klein (weil zu entfernt) aufgenommen werden können.

Die Inszenierung und das Storytelling in einem 360 Grad-Film kann maßgeblich auch auf der Ebene des Tons unterstützt werden. Erklingt im Raum eine Autohupe, wendet sich der Zuschauer unbewusst sofort neugierig dorthin, wo das Geräusch herkommt. Leider ist die aktuell verfügbare Technologie auf Youtube und anderen Digital-Plattformen für digitale 360 Grad Videos in dieser Hinsicht noch nicht auf der Höhe der Zeit angekommen.

Bei Circlevision-Filmen, welche standortgebunden in extra dafür erstellten Kinos vorgeführt werden, ist es eine zwingende Selbstverständlichkeit, den Ton dank unterschiedlich positionierten Lautsprecherboxen exakt einem Punkt auf der 360°-Leinwand zuordnen zu können. Facebook, Youtube und Apps können dies (noch) nicht. Damit mangelt es 360 Grad Video zur Zeit noch an einem der wichtigsten Tools zur dramaturgischen Führung des Zuschauers.

Einsetzbar sind 360-Filme auch als Testimonial. Hierbei ist besonders präzise auf die Positionierung der Personen im Film und auf den Abstand der Menschen zur 360-Kamera zu achten.

Distributionsplattformen

Das Wiedergeben von 360° Video ist, anders als die Denkarbeit, die mit der Kreation, Planung und Herstellung eines 360 Grad Film einhergehen sollte, ein Kinderspiel. Google, Facebook und Youtube unterstützen das Format ebenso wie die Browser Chrome, Opera oder Firefox. Einmal auf die Plattform geladen, lässt sich der Film ohne Hilfe problemlos in 360 Grad wiedergeben.

Wer es etwas exklusiver will, distribuiert sein 360° Video mit der eigens zu diesem Zweck erstellten App. (Diesfalls sollte man darauf achten, dass einem der Anbieter der App nicht eine, für kleines Geld erhältliche, Copy-Paste-Anwendung als aufwändige Eigenprogrammierung verkaufen will).

Fortsetzung

Der nächste Woche erscheinende, letzte Teil dieser Artikel-Serie (die sich auch als kleine Ausbildung zum Thema 360 Grad versteht) widmet sich der 360°-Dokumentation und präsentiert als zusätzlichen Service eine Gruppe ausgewählter online Video-Beispiele aus aller Welt auf Youtube für 360°-Videos, deren Leistungen überzeugen.


Hintergrundinformation:

Filmplakat für 360 Grad Film der Condor Films

Filmplakat für 360 Grad Film der Condor Films AG Zürich

Die Herausgeberin von Filmpuls, Condor Films AG, hat im Jahr 1963/1964 im Auftrag des Schweizerischen Verteidigungsdepartement (heute VBS) ihren ersten 360° Film gedreht. Der Autor dieser Artikel-Serie hat ab 1998 bis zu seiner Berufung in die Geschäftsleitung der Condor mit einem internationalen Team aus 360-Experten sieben 360°-Filme im Kundenauftrag gedreht, u.a. für die Volkswagen AG, die Expo.02, sowie mit Kameramann Michael Ballhaus (ASC) und Regisseur Dani Levy für einen europäischen Themenpark.


Haben Sie Fragen zu diesem Artikel? Oder eigene, möglicherweise andere Erfahrungen mit 360-Filmen und 360-Videos gemacht? Nehmen Sie mit uns via Kommentarfunktion bitte Kontakt auf und teilen Sie ihre Erfahrungen. Jeder Input und jedes Feedback ist willkommen!