Die Wahrheit über 360 Image Film (1/3): Funktion und Wirkung

Mögliche Unmöglichkeiten

Die Wahrheit über 360 Image Film (1/3): Funktion und Wirkung Die Wahrheit über 360 Image Film (1/3): Funktion und Wirkung - filmpuls

Ein 360 Image Film ist etwas Besonderes, keine Frage. Anders als in konventionellen Filmen kann sich der Blick des Zuschauers rundum im Bild frei bewegen. Was aber können 360° Videos für Marketing und Kommunikation mit Film und Video wirklich leisten?

Glaubt man den Anbietern der für die Herstellung von 360° Videos notwendigen Technologien, wird diese Art Film das nächste große Ding werden. Die Fachpresse, aber auch Publikumsmedien wie die deutsche BILD-Zeitung und Business-Analysten erklären 360°-Filme unisono zum Megatrend für 2016.

Wann macht es Sinn, einen Imagefilm mit dieser Art von Videos zu produzieren? Für welchen Einsatz eignen sich 360°-Filme? An was ist zu denken, damit 360° Videos ihre Wirkung richtig gut entfalten können?

Tipps und Tricks zur Funktion und Herstellung von 360°-Videos finden sich aus technischer Sicht im Internet reihenweise. Diese dreiteilige Artikel-Serie fokussiert darum auf das Wesen, die Inhalte und auf die Wirkung von  360°-Filmen.

Inhaltsverzeichnis der 3-teiligen Serie zu 360 Film und Video:

Wie 360 Image Film funktioniert

360°-Filme zeigen, anders als normale Videos, keinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Sie präsentieren die gesamte Szenerie rund um die Kamera. Ob nach oben, unten, links oder rechts: der Zuschauer entscheidet selbst, in welche Richtung er in einer Szene sehen will. 360°-Filme werden darum auch als Rundum-Videos bezeichnet. Ansehen kann man sich 360° Videos entweder auf dem Smartphone, am Computerbildschirm oder mit speziell dazu hergestellten Brillen. Während man seinen Blickwinkel auf dem Computer mit der Maus bestimmt, ändert dieser auf dem Smartphone automatisch, sobald man dieses in die gewünschte Blick-Richtung bewegt.

Noch perfekter geht es mit einer VR-Brille. Das Kürzel VR steht für virtuelle Realität. Dreht der Träger der Virtual-Reality-Brille seinen Kopf, ändert sich wie in Realität zeitgleich sein Blickfeld. VR-Brillen werden auch Head Mounted Displays (HMD) genannt. Es gibt sie als Billigmodell aus Karton mit oder ohne eigenem Werbeaufdruck (sog. VR Cardboard), aber auch als High-Tech-Spezialbrille (aktuell: Galaxy Gear, Oculus Rift und HTC Vive). Allerdings können diese Brillen nur dann ein virtuelles Erlebnis realitätsnah bieten, wenn sie mit einem leistungsstarken Computer verbunden sind, der als Bildquelle dienen kann.

Ein wenig ist das alles wie „Second Life“ aus den Nullerjahren, einem Riesenhype, dem ich seinerzeit wenig abgewinnen konnte. Markus Böhm, SPIEGEL ONLINE

Technisch können 360° Filme auf vielerlei Arten umgesetzt werden. Unterschieden werden kann grundsätzlich zwischen Aufnahmesystemen, die mit einer einzigen Kamera das gesamte 360°-Bild aufzeichnen und Systemen, die dazu mehrere Kameras einsetzen. Einfache Kamera-Systeme für Rundumfilme sind schon für tiefe vierstellige Beträge erhältlich. Am oberen Ende reicht das Spektrum für professionelle Hardware bis weit in den sechsstelligen Bereich.

In der Regel gilt, den richtigen Workflow in der Datenverarbeitung vorausgesetzt: je größer die Anzahl der Kameras, desto höher die Qualität des 360 Grad Films. Wird nur mit einer einzigen Kamera aufgezeichnet, entfällt zwar in der Bildbearbeitung das Zusammenfügen der Bilder zu einem Panorama (das sog. Stitching, was in der deutschen Sprache liebevoll als „zusammennähen“ übersetzt werden kann). Dafür müssen die Daten aus einer einzigen Kamera das gesamte 360°-Bild bedienen.

Weil auch bei 360° Filmen nur dann Bildinformationen verbessert werden können, wenn sie überhaupt vorhanden sind, garantieren in der Regel nur Mehrkamera-Systeme im Color Grading eine Qualität, die mit herkömmlichen Filmen mithalten kann. Fünf oder sogar sieben parallel aufzeichnende Kameras generieren auch bei einem nur wenige Minuten dauernden 360°-Videos eine gewaltige Datenmenge. Damit wächst die Verlockung, die Daten auf Kosten der Qualität zu komprimieren. Dies mag zwar die Verarbeitung der Daten vereinfachen und die Geschwindigkeit der Datenverarbeitung in der Bildbearbeitung erhöhen, macht aber letzten Endes gleich viel Sinn, wie wenn man ein feines Filet durch den Fleischwolf dreht.

Was können  360°-Videos leisten?

360°-Videos sind Filme zum Umherschauen, zum eigenständig Entdecken. Das bedingt einen hohen Erlebniswert. In jeder Blickrichtung muss es zwingend etwas zu sehen geben. Was nahe an der Kamera ist, erscheint groß im Bild. Was weiter weg ist, rückt in den Hintergrund. Abhängig von der Aufnahmetechnik, und je nach Spezifikation der eingesetzten Kameras, sollte der für einen  360°-Film ideale bespielbare Raum nicht näher als 1.5 Meter und nicht weiter als 7 Meter von der Kamera entfernt sein. Was sich näher zur Kamera befindet wird verzerrt. Was weiter weg ist, erscheint nur noch klein im Hintergrund des Videos.

360 Image Film: Bildzone

360 Image Film: Bildzone

360 Imagefilm: Bildzone bei Kamerabewegung

360 Imagefilm: Bildzone bei Kamerabewegung

Komplett weg fällt bei der Inszenierung von 360-Filmen das Privileg des subjektiven Blickwinkels (siehe dazu hier) und das Phänomen des sog. unsichtbaren Schnitts.

Der klassische Filmschnitt ist ungeachtet der Kamerabwegungen weder beim abgefilmten noch beim verfilmten oder inszenierten 360 Image Film eine gangbare Option. (Den Unterschied zwischen Abfilmen, Verfilmen und Inszenieren erklärt im Filmpuls der Artikel Video machen erfordert vom Auftraggeber nur eine einzige Entscheidung)

360° Film besitzt eine eigene Bildsprache

Der Auswahl der Locations kommt eine ganz besonders große Bedeutung zu, weil 360° Filme mit einer anderen Bildsprache arbeiten als herkömmliche Filme mit begrenztem Bildausschnitt. 360° Videos können nicht wie „normale“ Videos geschnitten werden. Die Kombination von Großaufnahmen mit Totalen bringt diese Filmart schnell an ihre Grenzen. Damit entfällt auch die Möglichkeit, nach dem Dreh in der Montage einen 360° Film zu gestalten oder nachträglich auf einen Aussage-Wunsch hin zu trimmen. So betrachtet streben 360° Videos viel stärker nach Authentizität, als dies andere Genre tun können. 360° Filme finden ihre finale Gestalt, ihre Struktur und ihren Rhythmus bereits bei den Dreharbeiten und nicht erst in der späteren Bildbearbeitung.

Die eingeschränkten Möglichkeiten der Montage bedeuten auch, dass nicht von Panorama-Aufnahmen auf Großaufnahmen geschnitten werden kann. Sollen Objekte in 360° Filmen in einer Szene ihre Größe (sprich: ihren Abstand zur Kamera) ändern, bedarf dies einer sorgfältigen Inszenierung. Entweder muss dazu die  Kamera bewegt werden, oder aber das Objekt. Weil die 360°-Kamera das Auge des Zuschauers ist und das Storytelling beeinflusst, sollten Kamerabewegungen immer auch inhaltlich motiviert sein.

Virtual Reality ist eine magische Technologie, weil sie einen fundamentalen Shift von einem mittelbaren Informationskonsum über Text, Bild und Video zu einem unmittelbaren Informationskonsum in virtuellen Welten bewirkt.Luca Caracciolo, t3n Magazin

Erschwerend kommt hinzu, dass der Rundumblick des Zuschauers nicht nur den Regisseur und Kamera zwingt, sich buchstäblich zu verstecken um nicht im Bild zu erscheinen. Auch Scheinwerfer und Mikrophone müssen in der Szenerie verborgen werden, damit sie nicht auf den ersten Blick sichtbar sind und die Illusion der Realität zerstören. So erklärt sich, warum viele 360°-Videos nur mit natürlichem Licht unter freiem Himmel statt in Innenräumen gedreht werden.

360° Filme bestehen fast ausnahmslos aus einer Aneinanderreihung von wenigen, in gemächlichem Abstand aufeinanderfolgenden Spielorten (Szenen).

Zuschauer brauchen (ob beim Ansehen via YouTube, Facebook oder im Browser via Google auf einer Startseite mit neuesten Nachrichten aus der Presse) immer mehr Zeit als in klassischen Videos, um die 360°-Szenerie zu erforschen. Neue Strategien für das Storytelling sind erforderlich. Um den Zuseher für die Entdeckungsreise zu motivieren, müssen bei 360 Grad Video ganz gezielt Elemente in die Szenen  eingebaut werden. Bewegt sich beispielsweise eine Person durch einen Raum (de facto um das Auge der 360°-Kamera herum), wird der Zuschauer dieser Person in der Regel folgen wollen.

Für Inhalte und Stories, die schnelle Szenenänderungen, Rhythmuswechsel oder eine präzise gesteuerte Verortung von Informationen und Emotionen durch Änderung der Einstellungsgrößen erfordern, sind  360°-Filme gänzlich ungeeignet. 360°-Videos geben dem Zuschauer die Freiheit, selbst hinzusehen. Im Gegenzug nehmen sie dem Macher der Filme einen großen Teil des filmischen Handwerkzeugs, mit denen sich das Zuschauerverhalten bei normalen Filmen steuern lässt.

Imagefilm, Produktfilm und Storytelling

In der Fortsetzung dieses Artikels (Teil 2) geht es um die Frage, unter welchen Umständen 360° Videos als Imagefilme und Produktfilme eingesetzt werden sollten und was 360° Filme für das Storytelling im Filme machen bedeuten. Im abschließenden Teil 3 wird eine Auswahl von Best Practise Beispielen vorgestellt, auf  die 360°-Dokumentation und das perfekte 360°-Video eingegangen.


360-film-variety-kristian-widmer-condor-films

Gratulationsanzeige in der US-Zeitschrift „Variety“ für 360 Film

Hintergrundinformation: Der Verfasser dieses Artikels beschäftigt sich seit 1998 intensiv mit 360°-Filmen. Er war 1999-2000 verantwortlich als ausführender Produzent für einen 360°-Unterhaltungsfilm im siebenstelligem Budgetbereich, der unter der Regie von Dani Levy mit 9 analogen 35MM Filmkameras gedreht und in Los Angeles und München postproduziert wurde. Nachdem dieser Film (im extra dafür gebauten Kino) über 10 Millionen Zuschauer generieren konnte, drehte Kristian Widmer in den Folgejahren sechs weitere internationale 360°-Filme in Australien und Europa.

Condor Films hat ihren ersten Circlevision-Film für die Schweizerische Landesausstellung 1964 gedreht. Aktuell produziert Condor im Kundenauftrag vier neue 360°-Filme. Um ein optimales Preis-Leistungsverhältnis garantieren zu können werden in der Herstellung und Bildbearbeitung teilweise auf proprietäre Tools und eigenständig entwickelte Workflows zugegriffen.

Über Kristian Widmer
Kristian Widmer ist Experte für Kommunikation mit Film und Video. Der gelernte Jurist und Absolvent eines MBA der Universität St. Gallen arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren im Mediengeschäft und ist seit 2002 Geschäftsführer der Condor Films AG.

Kommentar hinterlassen

(Email-Adresse bleibt anonym.)


*