Regieassistenz im Film: Schwerarbeiter auf dem Filmset

Meistverkannt, aber richtig wichtig

1st AD und Regieassistenz Das Berufsbild Regieassistenz und 1st AD

Und dann gibt es noch die Regieassistenz. Diese müsste eigentlich an die Spitze jeder Auflistung der Assistenz-Funktionen beim Film stehen. Oder noch besser, gar nicht Teil dieser Aufzählung sein. Denn der Regie-Assistent ist kein Regie-Assistent.

Jeder der beim Film ein klein wenig was taugt, kriegt eine Assistenz. Der Kameramann arbeitet auf dem Filmset mit ein oder zwei Kamera-Assistenten. Die Ton-Crew hat ihren Ton-Assistenten, zum Beleuchter gehört der Beleuchter-Assistent, und so weiter und so fort. Das mindert den Wert der Bezeichnung Assistenz zusätzlich. Für die Regieassistenz darf man mit gutem Recht behaupten: Die Bezeichnung ist, gelinde gesagt, missverständlich. Also falsch!

Filmpuls fasst unter dem Begriff Regieassistenz beide Formen, die Regieassistentin und den Regieassistenten, zusammen. Die englische Sprache, verbunden mit dem Blick nach Los Angeles, verspricht schon mal etwas Klärung. Im Abspann von Spielfilmen werden da nämlich nebst der Regie immer zwei Assistenz-Funktionen aufgeführt. Es gibt den Director’s Assistant, und den Assistant Director:

 1. Der Assistant Director

Der Assistent Director übernimmt beim Film machen auf dem Set unterstützende oder in kleinerem Rahmen eigenständige Regie-Aufgaben. Damit entlastet er den Regisseur, dessen Anweisungen er folgt. Die Wichtigkeit dieser Funktion wird auch daraus ersichtlich, dass der Assistent Director in der Regel bei Spielfilmen selbst einen oder zwei Assistenten beschäftigt. Wer als Assistent Director seine Sporen beim Film abverdient tut dies in der Regel, weil er sich damit für eine spätere Karriere als Regisseur empfehlen will.

Assistent Directors do not need to be well-read. They don’t necessary have to have seen another movie, either. Or maybe, all the’ve ever seen are movies. John Carpenter

Im deutschen Sprachraum wird der Assistant Director als Regieassistenz bezeichnet, auch wenn die Funktion eine andere ist. Der 1. Regieassistent hat andere Aufgaben, strebt eher selten eine Karriere als Regisseur an, und darf sich auf die Flagge schreiben, den wohl härtesten Job zu haben, den es beim Film gibt (vielleicht mit Ausnahme der Drehbuchautoren). Mehr dazu nachfolgend unter Pkt. 3.

Second Unit Director

Die Übernahme eigenständiger Regie-Aufgaben kann bei großen Spielfilmen oftmals auch in Form der Leitung einer sog. 2nd Unit, einer zweiten Regie-Einheit, erfolgen, die beispielsweise parallel zu den Dreharbeiten mit einer kleineren Crew auf Basis Landschaftsaufnahmen nach Drehbuch dreht. Die Arbeit der 2nd Unit unter Leitung des Second Unit Directors kann losgelöst (vorab oder nachher) oder parallel zum Hauptdreh erfolgen.

Crowd Control

Übernimmt die Regieassistenz Aufgaben bei der Inszenierung von Statisten oder bei der Inszenierungen von Szenen mit komplexen Bewegungsmustern vor der Kamera, wird die Tätigkeit des Regie-Assistenten auch als Crowd Control bezeichnet. Crowd-Control-Funktionen werden in der Regel vom 2ten Regie-Assistenten (also dem ersten Assistenten des Regie-Assisenten) übernommen.

2. Director’s Assistant

Der Director’s Assistent tut im Gegensatz zum Assistant Director das, was man sich gemeinhin unter dem Begriff Regie-Assistenz vorstellt: Notizen kopieren, Korrespondenz erledigen, Kaffee bringen, und auch mal Blumen für die Liebste des Regisseurs kaufen. Der Director’s Assistent ist die persönliche Assistenz des Regisseurs. Er ist vom ersten Drehtag an mit dabei und ist oftmals auch in administrative Belange bei der Erstellung des Drehbuchs einbezogen. Er ist das Mädchen für Alles. Mit großem Herz für kreative Persönlichkeiten mit Charisma, mit viel Energie und mit noch mehr Nerven.

3. Die Regie-Assistenz

Weil die Projektgröße im amerikanischen Unterhaltungskino meist markant über derjenigen europäischer Autorenfilme liegt, ist auch die Arbeitsteilung bei Filmberufen in den USA viel höher als hierzulande.

Die Funktionen und Aufgaben des 1. Regie-Assistenten unterscheiden sich im Berufsbild im deutschsprachigen Raum allerdings radikal von denjenigen des Assistant Directors in von angelsächsischen Produktionen geprägten Ländern. In Europa übernimmt der Regie-Assistent, anders als in Amerika oder beim Theater, nicht stellvertretend für den Regisseur einen Teil der eigentlichen Regieaufgaben. Diese bleiben, meist auch aus budgetären Gründen, in den Händen des zu einer Pauschale verpflichteten Regisseurs. Möglich ist das, weil der Regie-Assistent den Regisseur dafür in anderen, ebenso wichtigen, Aufgaben entlastet: im Abgleich mit der Produktion.

Die Produktion eines Filmes ist, immer und wie in überall wo es um Projekte geht, ein Monster: Tausend erfolgsrelevante, sich wechselseitig beeinflussende Dinge müssen zeitgleich logistisch und budgetär in den Griff bekommen werden, und dazu vorher besprochen, diskutiert, verworfen, re-evaluiert und entschieden werden. Und hier kommt der Regieassistent zum Zug. Er ist als Vertreter des Regisseurs die Schnittstelle zwischen Kreation und Herstellung. Der Regie-Assistent ist damit nicht nur dem Regisseur, sondern auch dem Produzenten, dem Budget und dem Zeitplan verpflichtet.

Ist der Umfang der Aufgabenstellungen beim Dreh zu anspruchsvoll für eine einzelne Person, wird der Regieassistent als 1. Regie-Assistent bezeichnet, und seine ihm zuarbeitenden Assistenten sind 2. Regie-Assistenz und 3. Regie-Assistenz.  Die 2. Regie-Assistenz übernimmt dann auch die Funktion der Crowd Cotnrol. Geführt werden 2. und 3. Regie-Assistenz als Stab von der 1. Regie-Assistenz.

Anders gewendet: Wer den Job des Regieassistenten …

  • ohne diplomatisches Geschick;
  • ohne langjährige Erfahrung in untergeordneten Funktionen;
  • ohne Verständnis für fast alle Aspekte der Filmherstellung und die damit verbundenen, scheinbar unlösbaren Probleme; und vor allem
  • ohne weit überdurchschnittlicher Sozialkompetenz zu besitzen; und
  • ohne die Bereitschaft, als Schwerarbeiter während der Produktionslaufzeit weder auf  Schlaf noch auf Zeit für sein persönliches Umfeld zu verzichten

… zu machen versucht, der macht ihn nur einmal. Weil er oder sie entweder von Seiten der Regie oder des Produzenten unter die Räder kommt, oder zwischen diesen beiden Polen und ihren Ansprüchen zermalmt wird. Auch darum dauert die Ausbildung und das Training on the Job viele Jahre.

Dem Regieassistenten gebührt daher allerhöchsten Respekt. Gute Produzenten und Regisseure wissen, dass ein guter Regie-Assistent für die Qualität, für das Budget und für das Termin-Layout ihres Film wenn nicht Gold, so doch mindestens Silber wert ist. Auf der gezielten Suche nach der Zusammenarbeit passen sie sogar die Drehtermine ganzer Spielfilme an die Verfügbarkeit ihres präferierten Regieassistenten an. Denn ihnen ist bewusst: Wie sie selbst ist auch der Regieassistent für seine Aufgabe geboren und ein Ausnahme-Talent.


Literaturhinweise

  • Gaffers, Grips and Best Boys: A behind-the-scenes look at who does what in the making of a Motion Picture, Eric Taub, St. Martin’s Press, New York 1994
  • Berufe beim Film, Thomas Geser, Verein Zürich für den Film (Herausgeber), 1991 (vergriffen)
Über Redaktion Filmpuls
Unter der Bezeichnung "Redaktion Filmpuls" erscheinen Beiträge, die von mehreren Autorinnen und Autoren kollaborativ erstellt werden.

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