Warum Brennweite immer auch eine Frage der richtigen Perspektive ist

... und was die Gummi-Linse damit zu tun hat.

Die richtige Brennweite ist auch eine Frage der Perspektive Was können Weitwinkel-Objektive und Zoom-Objektive für das Storytelling leisten?

Die Brennweite ist ein filmisches Gestaltungsmittel erster Güte. Sie bestimmt maßgeblich über die Bildwirkung mit. Ebenso wie die Kamerabewegungen, Kamerafahrt und Kameraschwenk ist sie ein wichtiger Teil der Bildgestaltung für Film und Video. FILMPULS erklärt, was Weitwinkel-Objektive und Zoom-Objektive für das Storytelling leisten können.

Die Brennweite ist nichts anderes, als der Abstand zwischen dem Bildbrennpunkt von Lichtstrahlen, die von einem Objektpunkt in „unendlicher“ Ferne herrühren, und einem Objektiv. Dieser Abstand kann wie jede optische Abbildung mathematisch berechnet werden. Er hat aber auch einen starken Einfluss auf die subjektive Wahrnehmung eines Bildes und bestimmt das Kino im Kopf in maßgeblicher Weise mit. Das ist mit ein Grund, warum man sich mit der Frage nach der richtigen Brennweite auseinandersetzen sollte.

Die Brennweite prägt das Storytelling mit

Aufnahmen mit einem Teleobjektiv (lange Brennweiten) verringern den Raumeindruck. Sie nehmen einer Aufnahme die Plastizität, lassen diese perspektivisch „verschachtelt erscheinen. Tele-Aufnahmen werden vom Zuschauer als flach, plakativ und ohne perspektivische Bezugsgrößen empfunden. Bewegungen scheinen im Vergleich zu normalen Aufnahmen verzögert („auf der Stelle treten“). Gleichzeitig ist die Schärfentiefe bei Aufnahmen mit einem Teleobjektiv begrenzt: sie lässt den Zuschauer durch die Unschärfe im Ungewissen, wie es vor und hinter der Handlungsebene genau „aussieht“ und öffnet damit der Induktion viel Spielraum.

Umgekehrt betonen Filmbilder, die mit kurzer Brennweite (Weitwinkel) gedreht wurden, die Raum-Perspektive. In einer Weitwinkel-Aufnahme wird ein Objekt deutlicher vom Hintergrund „getrennt“, als wenn das identische Motiv mit einem Tele-Objektiv gedreht wird.

Ein Beispiel zur Illustration: wenn ein Darsteller vor einem Haus steht, und in beiden Aufnahmen, Tele und Weitwinkel, gleich groß erscheinen soll (weil das durch die Geschichte vorgegeben ist), muss die Kamera für die Weitwinkel-Aufnahme näher an den Darsteller als in der Weitwinkel-Aufnahme. Diese Veränderung des Kamerastandortes hat zur Folge, dass sich das Verhältnis von Vordergrund und Hintergrund ändert. Bei der mit Tele gedrehten Aufnahme ist der Hintergrund deutlich präsenter als in der Weitwinkel-Aufnahme, die den Hintergrund viel kleiner erscheinen lässt. Je nach Story und Aussagewunsch wird sich der Cinematographer also für die eine oder andere Option entscheiden.

Weitwinkel-Aufnahmen eignen sich gut dafür, den Betrachter in das Bild „hineinzuziehen“. Der Zuschauer wird Teil des Filmbildes und steht mitten in der Handlung. Diese Wirkung wird durch die Vorführung eines Filmes auf einer großen Leinwand nochmals deutlich verstärkt, anders als wenn dieselbe Bildsequenz auf einem Smartphone betrachtet wird.

Bei extremen Weitwinkel-Aufnahmen wirkt die Perspektive schnell einmal überzeichnet. So oder so, Aufnahmen mit Weitwinkel stärken das Gefühl, Teil eines realen Raums zu sein. Anders als beim Teleobjektiv werden Bewegungen schnell einmal als hektisch, gehetzt oder als zu schnell empfunden. Diese optische Dynamik ist für die Bildgestaltung und die künstlerische Arbeit von Regie und Kameramann von höchster Bedeutung.

Brennweite, Blende und Bildschärfe

Weitwinkel-Aufnahmen haben (bei identischem Aufnahmeabstand und bei identischer Blende) eine grössere Schärfentiefe als mit einem Teleobjektiv gedrehte Aufnahmen. Umgekehrt bleibt die Schärfentiefe fast vergleichbar, wenn bei einer Tele-Aufnahme und einer Weitwinkel-Aufnahme die Kamera verschoben wird um die Größe des Motivs gleich groß zu halten. Brennweite und Blende haben gemeinsam, dass sie einen großen Einfluss auf die Bildschärfe haben.

Für die Blende gilt: je weiter die Blende geöffnet ist, desto weniger Schärfentiefe bekommt das Bild. Die Unschärfe wird grösser. Je weiter die Blende geschlossen ist, desto mehr Schärfentiefe und desto weniger Unschärfe entsteht. Auch damit kann, abhängig von den Lichtverhältnissen, das zur Story passende Filmbild vom Kameramann komponiert werden,

Die Bildschärfe, nicht die Schärfe-Ebene, ist auch rein praktisch ein Thema für die Wahl zwischen diesen beiden Arten von Kameralinsen. Eine Weitwinkel-Aufnahme aus der Hand gedreht wirkt auch bei unruhiger Kameraführung weit weniger verwackelt als ein Teleobjektiv, bei dem der Bildauschnitt schnell einmal zu wackeln bringt.

Eine Frage der Perspektive

Die Brennweite eines Objektivs bestimmt zusammen mit dem Aufnahmeformat den Bildwinkel. Oder anders formuliert: die perspektivische Wirkung ist eine Folge aus dem Abbildungsverhältnis von Vordergrund zu Hintergrund. Ist bei einem Film das Seitenverhältnis 16:9 (Breite zu Höhe), ergibt das einen grösseren horizontalen Bildwinkel als in der Vertikalen.

Die Frage nach der richtigen Perspektive wird also nicht nur durch die  Betrachtungshöhe (Vogelperspektive, Froschperspektive) oder den Betrachtungswinkel auf ein Objekt (frontal, seitwärts, etc.) sondern immer auch durch die Wahl des Objektivs bestimmt.

Normal-Objektiv, Weitwinkel-Objektiv und Tele-Objektiv

Was als normale Brennweite bezeichnet wird, ist nichts anderes als der Versuch, mit dem Kameraobjektiv ein Ereignis möglichst nahe am menschlichen Seherlebnis abzubilden. Das diese Definition von „normal“ zwar ehrenwert, aber auch problematisch ist, zeigt alleine der Umstand, dass der Filmemacher den Abstand des Zuschauers zum Bild nicht selbst kontrollieren kann.

Wer im Kino in der ersten Reihe sitzt, sieht das Bild auf der Großleinwand anders als wer in den hinteren Sitzreihen den Film verfolgt. Als empfohlener, idealer Abstand zu einem TV-Gerät galt jahrzehntelang die Formel „Bildschirmdiagonale mit Faktor 3 multiplizieren“ (bei Flat-Screens gilt heute Bilddiagonale in Zoll x 4,2). Trotzdem kalkulieren die wenigsten Käufer von einem TV-Gerät auf Basis ihres Wohnzimmers, wie groß der neue TV sein darf.

Physikalisch ist das Seherlebnis für den Kinozuschauer in der ersten Reihe dann möglichst natürlich, wenn dieser ein weitwinkliges Bild zu sehen bekommt. Umgekehrt empfindet, wieder aus Sicht der Optik und Physik gesehen, wer auf einem Smartphone TV-schaut, nur durch ein Teleobjektiv erstellte Aufnahmen als normal.

Die Wahrheit liegt für einmal irgendwo in der Mitte. Nach van Appeldorn ist die perspektivische Verjüngung eines Bildes physikalisch dann normal, wenn der Zuschauer das Bild aus der Entfernung der Aufnahmebrennweite betrachtet, wo nötig multipliziert mit dem Maßstab der Vergrösserung.

Wichtiger als der unkontrollierbare Abstand des Zuschauers zur Leinwand oder Flat-Screen müssen für den Kameramann diejenigen Dinge, sein, die er kontrollieren kann. Die Objektive. Für sie gibt es mehr oder weniger verbindliche Definitionen:

  • Als Normal-Objektive gelten Kameralinsen, die dem menschlichen Sehen möglichst nahe kommt. Orientieren kann man sich dabei am Blickwinkel des menschlichen Auges. Dieses erfasst einen Winkel von 24-35°. Welcher Wert das konkret ist, kann nur korrekt bestimmt werden, wenn das Filmformat bekannt ist. Als Faustregel gilt, dass die Brennweite eines Normalobjektivs in etwa der Diagonalen des Filmformats in Millimeter entspricht.
  • Objektive, deren Blickwinkel denjenigen des menschlichen Auges übertrifft, also Linsen die einen Winkel über 35° besitzen, können als Weitwinkelobjektive gelten. Sie bilden nahe Motive im Verhältnis zum Hauptmotiv (Hintergrund) grösser ab als in Realität (sog. zentrale Perspektive) und erzielen einen eindrücklichen Tiefeneffekt.
  • Umgekehrt unterschreitet der Blickwinkel eines Tele-Objektivs das minimale Mass des Blickwinkels eines Menschen, 24°. Es zeigt immer nur einen Ausschnitt eines Motivs.

Ein Teleobjektiv zeigt im Vergleich zu einen normalen Objektiv oder einem Weitwinkel immer nur einen Ausschnitt des Motivs. Falsch ist die Aussage, dass das Teleobjektiv ein Motiv vergrössert. Dieser Eindruck entsteht nur das Weglassen (die Reduktion auf einen Ausschnitt) des Umfelds.

Das Weitwinkel-Objektiv leistet, wieder mit einer normalen Aufnahme als Ausgangsbasis der Betrachtung, genau das Gegenteil. Es öffnet den Blick des Zuschauers und präsentiert den Raum als Umfeld der Handlung.

Zoom-Objektive

In den sechziger Jahren wurde es, getrieben von TV-Reportagen, üblich, sogenannte Transfokatoren (heute Zoom-Objektive genannt) einzusetzen. Ein Zoom-Objektiv hat in einem gewissen Rahmen eine stufenlos veränderbare Brennweite.

Möglich wird dies durch ein hochkomplexes optisches System, mit dem die Verschiebung des vorderen und hinteren Hauptpunktes möglich wird, ohne dass durch die Verschiebung die Schärfe-Ebene oder die Lichtmenge beeinflusst wird. Seit die dazu notwendigen Berechnungen von den Herstellern der Linsen computergestützt vorgenommen werden, hat sich die Qualität der Zoomobjektive sprunghaft verbessert.

In den ersten Jahren ihrer Einführung wurden Zoom-Objektive scherzhaft als „Gummi-Linse“ bezeichnet. Schmeichelhaft gemeint war das nicht.

Das Zoom-Objektive zu den meistgebrauchten Objektiven geworden sind, hat 3 Gründe:

  1. Ein gutes Zoom-Objektiv kann den herkömmlichen Linsensatz weitgehend ersetzen.
  2. Der Kameramann kann die Brennweite und damit den Bildausschnitt schneller anpassen, als dies mit einem Objektivwechsel möglich ist
  3. Der Zoom erlaubt die Simulation einer Kamerafahrt, von der Großaufnahme bis zur Totale.

Mit einem Zoom imitierte Kamerafahrten gelten unter strengen Cineasten als Missbrauch, weil der Kamerastandpunkt dabei nicht wechselt, was für den Zuschauer unnatürlich wirken kann.

Vorsatzlinsen und Konverter

Die Brennweite im Nahbereich oder im Weitwinkel-Bereich kann mit sog. Vorsatzlinsen weiter aufgebrochen (erweitert) werden. Der Multiplikationsfaktor einer Vorsatzlinse bezeichnet, ob das Bild mit der Vorsatzlinse weitwinkliger (Multiplikations-Faktor unter 1) oder weniger weitwinklig (Multiplikations-Faktor über 1) wirkt.

Konverter, die zwischen dem Objektiv und der Kamera angebracht werden können, verlängern die Brennweite. Ein Konverter mit Faktor 2 verdoppelt diesen Wert.

Leider werden damit aber auch automatisch Objektivfehler, die ohne Konverter kaum erkennbar und noch tolerierbar waren, verdoppelt und plötzlich zum Störfaktor und nimmt mit einem Konverter die Lichtstärke ab. Darum kommen Konverter im professionellen Film heute nur noch in Ausnahmefällen zum Einsatz.

Zusammengefasst

Normalobjektive

  • besitzen einen Blickwinkel, der demjenigen des Menschen entspricht (zwischen 24°-35°),
  • wirken im Film eher unauffällig, da die Perspektive des Normalobjektivs dem natürlichen Seh-Eindruck des Auges entspricht.

Weitwinkelobjektive

  • besitzen einen Blickwinkel, der kleiner ist als derjenige des Menschen (unter 24°),
  • besitzen „mehr“ Schärfentiefe,
  • besitzen „mehr“ Räumlichkeit,
  • eignen sich, wenn aus der Hand gedreht werden soll.

Teleobjektive

  • besitzen einen Blickwinkel, der grösser ist als derjenige des Menschen (über 35°),
  • besitzen „selektive“ Schärfentiefe,
  • haben eine grafischere Wirkung,
  • erfordern meist ein Stativ,
  • verbinden entfernte Objekte,
  • die Entfernung zwischen den Objekten erscheint kleiner als sie in der Realität ist,
  • das Bild wirkt dicht gedrängt, gestaucht und eher flach (Parallelperspektive)
  • es entsteht kaum ein räumlicher Eindruck.

Ob Weitwinkel, Tele-Objektiv oder Normalobjektiv. Nicht das Objektiv an sich macht einen Film außergewöhnlich, sondern die kluge Wahl und der überlegte Einsatz der „richtigen“ Brennweite.

Weiterführende Literatur

  • Werner van Appeldorn: „Handbuch der Film- und Fernsehproduktion. Psychologie-Gestaltung-Technik“. München: 2. überarbeite Auflage, 1988

Im Interesse der Lesbarkeit werden in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen auf die männliche Form reduziert. Gemeint sind immer Frauen und Männer | © Artikel Filmpuls

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