Bullet Time – der kleine große Bruder im Kreis der 360 Familie

Zeit und Luft anhalten: Bullet Time Aufnahmen

Wie-aus-der-Pistole-Bullet-Time-Filmpuls-Artikel Zeit und Luft im Raum anhalten: 360 Bullet Time

Bei 360 geht es um Räumlichkeit. Räumlichkeit wird heute meist mit 360 Video in Verbindung gebracht, mit Immersion und Filmen, welche dem Zuschauer interaktiv erlauben, den Blickwinkel im Raum selbst zu bestimmen. Das kann der Bullet Time Effekt nicht bieten. Trotzdem hat er viel mit 360-Grad zu tun. Er ist gewissermaßen der verkannte, kleine große Bruder des 360-Films. Ein Bruder, der nicht mehr lernen muss, wie er seine Muskeln zeigen kann, weil er seine Fähigkeiten längst schon weltweit dem Publikum bewiesen hat.

Seit jeher haben Filmemacher Mittel und Wege gesucht, um für noch besseres Storytelling Zeit und Raum im Film manipulieren zu können. Etablierte und erprobte Werkzeuge zur Manipulation von Zeitvergehen und Raumeindruck sind  beispielsweise Zeitraffer und Zeitlupe, die Film-Montage und die Kamerafahrten. Der Bullet Time Effekt ist im Vergleich dazu noch relativ jung. Er trat im Spielfilm erstmals Anfangs der neunziger Jahre in das Rampenlicht der Öffentlichkeit und ist mit der Matrix Trilogie der Wachowski Brothers unsterblich geworden.

Bullet Time: 360 Special Effekt

Wie viele Innovationen im Film hat der heute als Bullet Time bekannte Effekt jahrzehntealte, tiefe Wurzeln. Die ersten Ursprünge gehen zurück bis auf den Foto- und Filmpionier Eadweard Muybridge (*1830-†1904), der mit seinen Experimenten zu Reihenfotografien und Serienfotografien wichtige Grundsteine legte.

Es ist eher selten, dass sich ein Filmstudio den Begriff für einen Spezialeffekt gleich weltweit als Markennamen (Trademark) schützen lässt. Warner Brothers hat dies 2005 getan. Aus diesem Grund existieren eine Vielzahl von alternativen Bezeichnungen, die alle als Synonym für Bullet Time im professionellen Filmschaffen verwendet werden: Frozen Moment, temp mort (wörtlich aus dem französischen übersetzt: tote Zeit), virtuelle Kamera, View Morphing, Big Freeze, Flow Motion, Time Slice oder Time Slicing und Frozen Shot.

Bullet Time hat zum Ziel, ein Objekt in einem 360-Grad-Raum zu isolieren und aus allen Blickwinkel für die Kamera und damit für den Zuschauer zugänglich zu machen. Meist geschieht dies in Kombination mit extremer Zeitlupe, die unsichtbare Dinge erst sichtbar werden lässt, und in Verbindung von scheinbaren Kamerafahrten. Für eine Kreisfahrt um eine fliegende Pistolenkugel oder um eine sich im Sprung befindende Person reicht die Zeit mit einer realen Kamera nicht.

Dreharbeiten Werbespot Rangerover Discovery mit Timeslice

Drehvorbereitungen | © Foto: Timeslice Films

Bullet Time löst dieses Problem, indem eine Vielzahl von Kameras nebeneinander montiert werden und gleichzeitig einen Moment einzeln oder in Serie aufzeichnen. Die Aufnahmen werden später meist am Computer bearbeitet und mit zusätzlichen computergenerierten Shots ergänzt um die Bewegungen noch fließender wirken zu lassen.

Eingesetzt werden Time Slice-Shots in allen Disziplinen der Kommunikation von Film und Video, vom Spielfilm über TV Commercials bis zur Darstellung von 3D-Graphiken, aber auch als (in Echtzeit gerendertes) visuelles Stil-Mittel in Videogames.

Der Siegeszug der Bullet Time Aufnahmen hatte seinen Ursprung in der halb- oder kreisförmigen Anordnung von Foto-Kameras um ein Objekt oder eine Person herum. Die Kameras wurden dabei elektronisch und simultan in einem bestimmten Moment ausgelöst, entweder miteinander oder hintereinander. Werden diese Einzelbilder hintereinander projiziert erwecken sie den Eindruck einer fließenden Bewegung um ein Objekt herum.

Das Objekt in der Mitte erscheint dabei bewegungslos („gefroren“) oder in extremer Zeitlupe („Hyper Slow Motion“). Die Technik offeriert dem Macher unlimitierte Perspektiven auf ein Objekt bei frei wählbarem Tempo  der Kamerabewegung durch variable Frame Rates. Da die Kameras physisch um das Objekt platziert werden müssen, ist die simulierte Bewegung, anders als bei rein virtuellen Aufnahmen,  mit dem Aufbau der Kameras vorgegeben.

halbrundes Rigg für Time Slice | © Time/Slice

On location | © Foto: Timeslice Films

Die 360-Bewegung um ein Objekt herum bringt Freiheiten für den Regisseur, hat aber auch ihren Preis. Sind die Einzelkameras im Kreis angeordnet, sind sie für die gegenüberliegenden Linse im Bild und müssen digital aus den Bildern heraus retouchiert werden. Dies fällt einfacher, wenn in einem Green Screen Studio gedreht wird. Damit die Blickachse stimmt, wird der Blickwinkel jeder einzelnen Kamera in der Regel mit einem Laserstrahl auf das Zentrum ausgerichtet.

Aktuelle Programme zur Bildbearbeitung sind heute in der Lage, aus den Einzelbildern weitere Zwischenbilder automatisch zu erstellen (sog. Interpolation). Je mehr Bilder für eine Kreisfahrt zur Verfügung stehen, desto langsamer wirkt die virtuelle Fahrt. Je weniger Bilder, desto schneller scheint die Kamera sich zu bewegen.

Als Zukunft der Bullet Shots wird oftmals die FTV-Technologie genannt. Das Kürzel steht für Free Viewpoint Television. Mit FTV soll dem Fernseh-Zuschauer zukünftig ermöglicht werden, seinen Blickwinkel selbst bestimmen zu können, gerade auch bei Live-Sendungen. Free Viewpoint Television ist damit die Live-Version der Frozen Shots, einfach ohne Keanu Reeves, Laurence Fishburne, Carrie-Anne Moss und ohne Zeitlupe.

Die wahre, tatsächliche Zukunft liegt nach Meinung von FILMPULS, zumindest was Film und nicht das Fernsehgeschäft betrifft, in volumetrischen Filmaufnahmen. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass nachträglich zum Dreh nicht nur den Blickwinkel individuell wählbar ist, sondern auch die Ebene, auf der die Schärfe liegt. Schon bei Matrix machte das sog. Universal Capturing, ein computergesteuertes Aufnahmesystem mit HD-Kameras, die freie Wahl der Schärfe-Ebene erstmals quasi in Serie möglich. Bullet Shots konnten auf diese Weise mühelos in ein digital erzeugtes Umfeld eingefügt werden. Immersion und das Storytelling wurden so noch perfekter. Dieses Privileg wird zukünftig allen Arten von Bewegtbild zu Gute kommen.

Der Trendsetter: The Matrix (1999) | Kinospielfilm der Wachowski Brothers

VorschaubildBullet Time im Spielfilm The Matrix (1999) der von The Wachowski Brothers

Bereits während dem Dreh der Spielfilm-Serie „The Matrix“ (1999 bis 2003) wurde die Technik der virtuellen Kamera zur stilistischen Sprengung von Raum und Zeit fortlaufend weiter entwickelt. Ihren Höhepunkt fand sie im letzten Teil der Trilogie, die bereits auf volumentrische Aufnahmen zugreifen konnte. Auch heute, mehr als 10 Jahre später, wird diese für Matrix entwickelte Aufnahmetechnik noch immer als eine neue Dimension des Filmemachens gefeiert.

Auf die Spitze getrieben: Carousel „Frozen Heist“ (2009) | Werbespot für Philips

VorschaubildTime Slice in der Werbung

Ein scheinbarer Tracking Shot von 139 Sekunden (2 min 19 Sekunden) zeigt, was möglich ist. Regisseur Adam Berg hat für die Online-Promotion des damals revolutionären LCD-Produktelinie von Philips (es waren die ersten TV-Gerät mit Filmformat 21:9) ein ebenso revolutionäres Webvideo gedreht. In Prag wurde dazu auf einer Länge von 100 Metern sieben Szenen inszeniert.

Insgesamt 60 Darsteller und Statisten wurden von einer Crew mit über 90 Personen an zwei Drehtagen zu einem einzigen Handlungsstrang verflochten. Obwohl über 90% der Aufnahmen in-camera (in der Kamera) und ohne digitale Erweiterungen in den Film übernommen werden sollten, wurde sicherheitshalber doppelt gedreht. Einmal mit der gesamten Live-Action im Bild und einmal nur mit clean-shots (ohne Darsteller, Stunts und physische Special Effects). In der Bildbearbeitung wurde in der Color Correction jeder Szene farblich ein andere Charakter verliehen.

Dank seinen cineastischen Qualitäten wurde der Werbefilm der Agentur Tribal DBB aus Amsterdam und der Produktionsfirma Stinkdigital aus London am Werbefilmfestial in Cannes mit dem prestigeträchtigen Grand Prix ausgezeichnet, dies in der Filmkategorie obwohl der Spot nur auf einer Webpage und nie am TV lief und damit eigentlich in die Festival-Kategorie Online gehörte.

100 Kameras auf einen Rigg: TV Spot | Werbekampagne für Landrover

VorschaubildTV-Commercial für Landrover, Agentur: Black + Cameron

„100 Kameras, 12 Computer, 1 Server und zahlreiche Switches“, so beschreibt der australische Kameramann Tom Brandon in einem Interview die Technik hinter seinem TV-Spot für Landrover. Diese stammt vom in Shanghai ansässigen und auf solche Aufnahmen spezialisierten Unternehmen Splice Boys. Das Rigg wurde vor dem Dreh des Commercials in unterschiedlichsten Konstellationen in zahlreichen internationalen Spielfilmen erprobt und immer wieder verfeinert.

TV-Opener für „Summer Challenge“ | Schweizer Radio und Fernsehen SRF

VorschaubildShot mit 50 Fotokameras

Frozen Shots & Time Slice

Time Slice ist ein Synonym zu Bullet Shot und bezeichnet dieselbe Aufnahmetechnik. Time Slice steht für extreme Slow Motion und Aufnahmen, die innerhalb einer Millisekunde gleichzeitig um ein Objekt herum erfolgen müssen, beispielsweise wenn realer Luftballon platzen soll oder ein echtes Projektil vor einer sich im Raum bewegenden Kamera eine Frucht durchschießen soll.

Der Unterschied zu 360 Videos

Time Slice Shots360 Videos (Virtuelle Realität)
Mehrere Dutzend Foto-Kameras nebeneinander montiertJe nach System entweder eine einzelne Kamera oder mehrerer Kameras, die mit einem Rigg nahtlos aneinander gereiht werden und den Rundumblick ergeben.
Kameras sind statisch auf einem Rigg montiert, spätere Bahn der Bewegung ist durch das Rigg vorgegeben (nicht aber das Tempo)Kamera kann sich frei im Raum bewegen, Bewegungsbahn und Tempo werden bei der Aufnahme durch Bewegung des Kameramanns bestimmt
Der Blickwinkel der Kameras geht nach Innen auf ein zentrales Objekt oder eine Person. Die Umgebung (hinter den Kameras) wird oftmals digital eingefügtDie 360-Kamera blickt aus dem Zentrum nach Aussen
Kein toter Winkel (alle Kameras blicken in das Zentrum)Abhängig vom Verfahren Blind spot („toter Blickpunkt“ über / unter dem Kamerazentrum)
Bewegung und Tempo der Fahrt entsteht erst in der BildbearbeitungBewegungen und Fahrten entstehen durch Bewegung der Kamera / des Kameramannes
Einzelbilder werden meist digital bearbeitet damit der Bildfluss verbessert wird (sog. Interpolation) Einzelbilder werden meist digital bearbeitet damit die Übergänge von Bild zu Bild (wenn Mehrkamera-Systeme) nicht sichtbar sind (sog, „Stitching“)

Der Unterschied zu einer „echten“ Kamerafahrt um ein Objekt

Martha (1974) | Ausschnitt aus TV-Movie von Reiner Werner Fassbinder, Kamera: Michael Ballhaus

Vorschaubild360 Kreisfahrt von Kameramann Michael Ballhaus in Martha (1974) von Rainer Werner Fassbinder
Time Slice ShotsKamerafahrt um Objekt
Mehrere Dutzend Foto-Kameras nebeneinander montiert1 Kamera, in Ausnahmefällen 2 Kameras (ermöglicht Umschnitt, allerdings gilt es bei zwei Kameras darauf zu achten, dass sich die Kameramänner nicht gegenseitig „abschiessen“ (= ins Bild der jeweils anderen Kamera geraten)
Kameras sind statisch auf einem Rigg montiert, spätere Bahn der Bewegung ist durch das Rigg vorgegeben (nicht aber das Tempo)Kamera fährt auf einem Dolly auf einer vorbestimmten Bahn um das Objekt oder wird mit einer Steadycam vom Kameramann um das Objekt bewegt.
Der Blickwinkel der Kameras geht nach Innen auf ein zentrales Objekt oder eine Person. Die Umgebung (hinter den Kameras) wird oftmals digital eingefügtDer Blickwinkel der Kameras geht nach Innen auf ein zentrales Objekt oder eine Person. Die Umgebung (hinter den Kameras) wird (seit einigen Jahren) oftmals digital eingefügt
Kein toter Winkel (alle Kameras blicken in das Zentrum)Kein toter Winkel (alle Kameras blicken in das Zentrum)
Einzelbilder werden meist digital bearbeitet damit der Bildfluss verbessert wird (sog. Interpolation)Einzelbilder werden im Bezug auf ihre Anzahl (Frame Rate) oder Bewegung nicht nachträglich digital bearbeitet

Lesenswertes Interview mit Michael Ballhaus zur seiner weltberühmten Kamera-Kreisfahrt in 360.

Um die Ecke gedacht: Anleitung zur Umsetzung von Flow Motion mit nur 1 Kamera

Vorschaubild

Die GlamCam – 360 an Events

An Events, die mit prominenten Gästen aufwarten können, werden in den USA oftmals sogenannte Glamour Cams (Kurzform: GlamCams, Glamcam oder auch Glam Cam geschrieben) installiert. Glamour Cams bieten Celebrities die Gelegenheit, sich und ihre Garderobe für ein Online-Publikum in 360-Grad in Szene zu setzen.

Bullet Time Shots auf dem roten Teppich: die GlamCam

Slice Time Shots auf dem roten Teppich: die GlamCam

Beispiel für GlamCam: 360 Bullet Time

GlamCam: 360 Bullet Time im Event-Einsatz


Im Interesse der Lesbarkeit wurden in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen soweit sinnvoll und möglich auf die männliche Form reduziert. Gemeint sind immer Frauen und Männer | © Fotos und Screenshots: Tumblr, Splice Boys, E! Entertainment | ©  Filme: YouTube und ihre jeweiligen Rechteinhaber | © Artikel Filmpuls

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Unter der Bezeichnung "Redaktion Filmpuls" erscheinen Beiträge, die von mehreren Autorinnen und Autoren kollaborativ erstellt werden.

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