Cinemagraph erobern Social Media & Ad-Screen – wir erklären warum

Konkurrenz für Video

Cinemagraph für Online Kampagne von Buckmanngewinnt.ch Cinemagraph für Online Kampagne von Buckmanngewinnt.ch

Unter ihrem neuen Namen Cinemagraph erobern die einstigen Animationsclips des GIFS Formats zum zweiten Mal die Welt, diesmal auch im Format H264/MP4. Europa ist hat diesen Trend noch nicht bemerkt. Diese Spielart der Bewegtbildkommunikation ist hier noch kaum auf dem Radar der Werbewirtschaft und der deutschsprachigen Fachpresse.

In den USA aber setzen Toyota, Mercedes Benz und Dunkin Donuts erfolgreich auf die Kombination aus Animation, Bewegtbild und Photo. Wirkungsanalysen von Nielsen Brand Effect geben ihnen recht. Getrieben ist dieser Eroberungsfeldzug der heimlichen Muskelprotze nicht nur von hochauflösenden Ad-Screens am POS (Point of Sale). Sondern auch durch den Entscheid von Facebook und Instagram, Cinemagraphs als Werbeform für Social Media-Kampagnen im Internet technisch zu unterstützen.

Warum ist diese neue Spielart auf dem besten Weg zu einem neuen Megatrend, der den Auftragsfilm zurück in die Zukunft führen könnte?

Megatrend

Auch die iPhone von Apple und neue iPad setzen mit Live Photo Apps verstärkt auf bewegte Bilder. Sie verwandeln Photos mit automatisch erstellten kurzen Videosequenzen in kurze Bildschlaufen. Dazu zeichnet das Smartphone von Apple automatisch je 1.5 Sekunden Video am Ende und Anfang jedes Photos auf und verwandelt die Photos mit einem sog. 3-D Touch in Mini-Animationen. Dies allerdings mit technischen Werten und einem Look and Feel, bei dem sich nicht nur dem Profi die Haare zu Berge stehen. Das Resultat erinnert im allerbesten Fall an die sich bewegenden Portraits aus der Harry Potter-Filmserie. Auch wenn Apple dem Trend zu folgen versucht, gilt es Klartext zu sprechen. Zusatzfunktionen und Apps aus dem iTunes Store alleine ergeben noch lange keine Wirkung.

Was ist ein Cinemagraph?

[Weder Foto noch Film. Er bewegt sich zwischen beiden Welten. Anders als ihre gepixelten Vorgänger oder die Spielereien im iTunes Store spielen sich die heutigen Animationen qualitativ wie inhaltlich-künstlerisch auf höchstem Niveau. Trotzdem kostet ihre Herstellung nur einen Bruchteil eines Videos. Wer selbst die Kosten benchmarken möchte, findet eine Tabelle mit Richtpreisen im Artikel Was kostet ein Film.

Nüchtern betrachtet sind Cinemagraphs eine digitale Endlosschleife (Loop), bei der sich ausgesuchte Bildelemente ohne erkennbaren Anfang und Ende bewegen. Wer sich für die Kommunikation mit Film und Video interessiert, muss auch an dieser Art Video ein Interesse haben.

Funktionsweise

Ähnlich wie Videos ziehen Cinemagraph die Aufmerksamkeit durch Bewegung auf sich. Aber anders als Videos geben sie dem Betrachter die Freiheit, Bildinhalte selbst zu entdecken und zu reflektieren. Der Siegeszug und ihre Kraft begründet sich auch darin, dass sie für den Betrachter kein marktschreierisches Werbemittel sind.

Eigene Regeln für das Storytelling

Cinemagraph mit Photoshop erstellen - filmpuls

Cinemagraph mit Photoshop erstellen – filmpuls

Konzeption und Kreation folgen eigenen Regeln. Die große Herausforderung liegt in der Reduktion. Weglassen ist sehr viel schwieriger als hinzufügen. Für die Kreativen gilt es in Rahmen der Konzeption den schmalen Grat zwischen überraschender, diskreter Bewegung und Ruhe zu finden.

Aber damit nicht genug: die Bewegung, so will es die Natur des Cinemagraphs, muss sich zu einer Endlosschleife zusammenfügen lassen. Der Ausgangspunkt des sich in Bewegung befindlichen Objekts muss zwingend identisch sein mit dem Schlusspunkt der Bewegung. Nur so kann ein Endlosvideo seine nahezu hypnotische Wirkung erzielen.

Der Zwang zur Reduktion bedeutet allerdings nicht, dass keine Geschichten erzählt wird. Im Unterschied zu einem Video zeigen die meisten Video-Schleifen nicht die Entwicklung einer Story, sondern einen Augenblick, eine Situation. Wird diese als Teil eines größeren Ganzen vom Zuschauer erkannt und wahrgenommen, entsteht im Kopf des Zuschauers eine Geschichte, die im besten Fall in ihrer Intensität (da die Geschichte der eigenen, individuellen Vorstellungskraft entspringt) die Kraft eines Videos übertreffen kann.

Die Frage, wie lang muss ein Video sein, stellt sich nur bedingt: die Länge ergibt sich hier durch die Frage, wie lange ein Zuschauer braucht bis er die Wiederholung bemerkt.

Ein Cinemagraph lässt sich auf drei unterschiedliche Arten herstellen:

Variante #1: Videoproduktion

Bei der eigenständigen Videoproduktion wird wie in normaler Film als One-Shot-Spot gedreht. Aus Gründen der Datenmenge und der damit verbundenen Ladezeiten einer Webpage im Internet wird in der Bildbearbeitung in einem ersten Schritt der statische Bildbereich isoliert (da in ihm keine Bewegung stattfindet). Im zweiten Schritt wird der Teil des Videobildes, in dem eine Bewegung stattfindet, in das statische Bild gesetzt. Die Tools zur Produktion eines Cinemagraph als Video sind identisch zu einer Videoproduktion: Videokamera, Schnittplatz mit Bildbearbeitungsprogramm und der Möglichkeit, das fertige Produkt im gewünschten Format (meist GIF oder PNG) und in der angeforderten Pixelgröße zu exportieren.

Variante #2: Fotoproduktion

Oftmals sind Bewegtbild-Loops auch als Fotoproduktion realisiert. Anders als bei der Videoproduktion fotografiert man dabei statt einer Videosequenz eine Reihe aufeinander folgender Einzelbilder. Die Aufnahmen werden anschließend in den Photoshop importiert und dort als Einzelbild-Animation bearbeitet. Ebenso wie im Fall der Videoproduktion strebt auch in dieser Variante der Profi danach, die Datenmenge möglichst klein zu halten, in dem er strikte zwischen bewegtem Bildbereich und statischem Bildbereich unterscheidet. Photoshop bietet zusätzlich dazu noch die Option an, ein Cinemagraph schon auf Stufe Einzelbild im Bezug auf die Datenmenge zu optimieren und redundante Bilddaten zu reduzieren.

Variante #3: Animation

Es gibt Fälle, in denen ein Kunde bereits die Rechte an einem Bild für eine Print-Kampagne lizenziert hat und sich nun für Ad-Screens, Social Media oder POS ein Cinemagraph wünscht. In diesem Fall bleibt nur eine Möglichkeit: die Bewegung wird in das statische Bild hinein-animiert. Dazu wird die identische Software eingesetzt, wie sie auch sonst für die 2D- und 3D-Animation von Film und Video verwendet wird. Konzeptuell, kreativ und oftmals auch hinsichtlich der Kosten, stellt diese Variante meist eine deutliche Steigerung im Vergleich zu den beiden vorgeschriebenen, alternativen Produktionswegen dar. Ebenso ist entscheidend, dass das Grundlagenbild in genügender Größe vorliegt und lizenziert ist.

Bei aufwändigen Vorhaben empfiehlt es sich, vorab zur Produktion die Intensität und das Funktionieren des angedachten Kreativkonzepts mit einem Layout zu testen. Bei einem Real-Dreh mit Video oder bei der Umsetzung mit einer Foto-Sequenz lässt sich sowohl die Wirkung wie auch der Workflow problemlos testen. Kreative Kopfgeburten können so von Beginn weg vermieden werden.

VorschaubildCinemagraph erobern Social Media & Ad-Screen

Zusammengefasst

Wer sich für den Weg der Animation auf Basis eines existierenden Fotos entscheidet, wird so oder so auf einen professionellen Motion Designer zugreifen wollen. Auch dieser ist in der Lage, mit wenig Initialaufwand in Form einer Simulation zu prüfen, ob sich aus dem Standbild eine attraktive Endlosschlaufe erstellen lässt, die den Namen Cinemagraph verdient und die den Aufwand einer 2-D oder 3-D Animation wert ist.

Stumme Videos wirken im digitalen Geschrei um Aufmerksamkeit wohltuend entschleunigend und entfalten gleichzeitig eine oftmals fast schon hypnotische Kraft. Sie sind für die Kommunikation mit Film und Video keine Konkurrenz, sondern eine sinnvolle Ergänzung. Sie nehmen unsere Faszination am Entdecken von Bildwelten ernst. Darum sollten wir das Potential von Cinemagraph auch in unseren Breitengraden ernst nehmen.

Eine gänzlich andere Spielart, aufwändiger aber mit ebenso faszinierender Wirkung, sind Bullet Time Effekte. Zum Artikel geht es hier.

Über Redaktion Filmpuls
Unter der Bezeichnung "Redaktion Filmpuls" erscheinen Beiträge, die von mehreren Autorinnen und Autoren kollaborativ erstellt werden.

6 Kommentare

  1. Hat ein Cinemagraph eine Audiospur? oder sind alle Cinemagraphs stumm?

    • GIF sind komprimierte Bilder ohne Ton. Mit JavaScript lässt sich eine „Tonspur“ erstellen. Die spielt aber nur dann, wenn der Besucher Deiner Webpage bei seinem eigenen Browser JavaScript aktiviert hat. Darüber hast Du keine Kontrolle. Besser für die Vertonung ist es, nicht GIF sondern ein anderes Format zu verwenden.

    • Vine kann das. wie GIF aber mit Ton.

    • Der Begriff Cinemagraph kann aus inhaltlicher und wirkungsorientierter Sicht oder aus technischer Perspektive definiert werden. Ich bevorzuge die inhaltliche Sicht, die damit über reine GIF oder PNG hinausgeht. Wenn mit Ton, gilt: sobald eine unsensible Tonspur die Bildebene sabotiert, wird der diskrete Muskelprotz zum Hampelmann und gehen Wirkung und Faszination flöten.

  2. Ein recht herzliches Dankeschön an die Profis in ZH. Insbesondere bedanke ich mich bei Kristian Widmer für das konstruktive Gespräch unter Kollegen aus der Branche. Für uns ist das Segment Cinemagraphics ein Novum in der Umsetzung beim Kunden. Wer kompetente Auskünfte zu dieser Thematik braucht, wird in diesem Blog bestens versorgt!

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