Deborah Neininger und Jan Sulzer: Mit Humor auf Erfolgskurs

Interview

Auf Erfolgskurs mit Humor: Deborah Neininger und Jan Sulzer Deborah Neininger und Jan Sulzer: Experten für Mockumentary

Deborah Neininger und Jan Sulzer haben sich als Regisseure und Produzenten der Serie „Güsel – Die Abfalldetektive“ als Pioniere für seriellen Web-­Content aus der Schweiz und als Spezialisten für subtilen Humor offenbart. Ihre bisher in zwei Staffeln veröffentlichte Online-­Serie, geschrieben vom Schweizer Komiker Gabriel Vetter, hat beim Publikum wie bei Kritikern schweizweit ein großes Echo ausgelöst.

Güsel – Die Abfalldetektive mit Olifr M. Guz, Michael von Burg und Gabriel Vetter ist die aktuell erfolgreichste Web­-Serie der Schweiz. Umgesetzt wurde sie von Deborah Neininger und Jan Sulzer als Mockumentary. Das Kunstwort aus den Wörtern „to mock“ (engl = vortäuschen, verspotten) und Documentary steht für Parodien auf Dokumentarfilme. Bekanntere Beispiele für Mockumentary sind „Take the Money and Run“ (1969) von Woody Allen oder „Borat – Kulturelle Lernung von Amerika, um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen“ (2006) von Sacha Baron Cohen.
Im Interview mit Filmpuls erklärt das erfolgreiche Regie-­Duo, was Humor aus ihrer Sicht bedeutet und was es heißt, humorvolle Filme und Videos zu realisieren:

Interview mit Deborah Neininger und Jan Sulzer

Filmpuls: Euer bekanntestes Werk heißt „Güsel – Die Abfalldetektive“. Wie kam es zu dieser für die Schweiz einzigartigen Web-­Serie?

Jan Sulzer: Das war ein recht spontaner Entscheid. Gabriel Vetter, mit dem wir lange befreundet sind und mit dem wir schon mehrfach zusammengearbeitet haben, ist mit der Idee zu uns gekommen. Die Vorstellung, eine satirische Serie über Abfalldetektive zu machen, hat uns sofort begeistert.

Deborah Neininger: Güsel ist ja das ostschweizerdeutsche Wort für Müll. Was man uns im Ausland nie glauben will: Die Schweiz hat tatsächlich eine Abfallpolizei. Der Schweizer wird gebüßt, wenn er seine Abfallsäcke zu früh oder zu spät für die Abfuhr auf die Straße stellt. Oder wenn er falsche Güselsäcke verwendet. Das schien uns eine gute Angriffsfläche für Humor. Man kann sich über diese Vorschriften lustig machen und gleichzeitig das typisch Schweizerische daran hervorheben.

Jan: Wir wollten das als Mockumentary umsetzen. Trotz großer Vorbilder aus dem englischsprachigen Raum war dieses Genre für die Schweiz eher neu. Als Ausgangslage haben wir uns einen sehr regionalen TV-Sender vorgestellt, welcher einen Dokumentarfilm über unsere drei Abfalldetektive dreht. Die Protagonisten versuchen natürlich die ganze Zeit, vor der Kamera möglichst gut zu wirken. Gleichzeitig beweisen sie ungewollt, was und wer sie in Wirklichkeit sind. Daraus ergeben sich Differenzen, das finde ich lustig. Wie im echten Dokumentarfilm entsteht durch die Interview-Sequenzen und die beobachtende Kamera ein Gefühl von Intimität. Dass man als Zuschauer um die Künstlichkeit genau weiß, macht die Sache nur noch reizvoller. Mit diesen Elementen lässt sich wunderbar spielen, man kann so tun, als sei die Kamera in gewissen Momenten versehentlich nicht ausgeschaltet, der Protagonist bei Peinlichkeiten ertappt worden.

Die Serie wurde im Schweizer Dialekt realisiert. Ergaben sich daraus Schwierigkeiten?

Deborah: Im Ostschweizer Dialekt! (lacht) Im Schweizerdeutschen werden im Vergleich zur Schriftsprache viel weniger Wörter verwendet, um eine Aussage zu machen. Oft kann ein Ja oder Mhm schon viel mehr bedeuten als vier ganze Sätze. Viele Schweizer Drehbuchautoren denken in Hochdeutsch. Eine Figur wird in Hochdeutsch konstruiert und unsorgfältig mundartisiert, was dann aber nichts mit gesprochener Sprache zu tun hat.  So entsteht eine merkwürdige Mischung. Bei mir stellen sich immer die Nackenhaare auf, wenn ich sehe, wie jemand im im Film Dialekt spricht, aber nicht im Dialekt denkt! Das ist das Interessante für uns in der Schweiz: Es gibt noch ganz viele Möglichkeiten, die noch viel zu wenig genutzt werden!

Es gibt im Bezug auf die Arbeit mit Dialekt noch ganz viele Möglichkeiten im Schweizer Film, die noch viel zu wenig ausgenutzt werden!
Deborah Neininger

Jan: Gabriel ist natürlich ein Experte auf diesem Gebiet. Er hat ein ausgezeichnetes Gespür für Sprache und die Mundart. Er gibt sich jedoch nicht damit zufrieden, wenn es realistisch tönt sondern steigert diese ja auch ein wenig seltsame Sprache gern ins Absurde. In unserer Zusammenarbeit haben wir viel daran gesetzt, den Rhythmus des Dialekts aufrecht zu erhalten. Es gibt ja nicht nur einen Dialekt in der Deutschschweiz, das eine Dorf grenzt sich von seinen Nachbarn im nächsten Tal auch über die Sprache ab. So transportiert man mit einem spezifischen Dialekt auch die Identität einer Region, mit all ihren Facetten. Auch wenn sich das alltägliche Leben an vielen Orten sehr ähnelt, man ist halt sehr stolz auf sein Anderssein und das hat wieder komisches Potenzial.

Deborah: Bei Güsel haben wir konsequent auf Ostschweizer Dialekt gesetzt. Jetzt ist der viel verspottete Dialekt fast en vogue! (lacht) Ich habe sogar von Ostschweizer Schauspielern gehört, dass sie jetzt endlich für Rollen besetzt werden, wo sie so reden dürfen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Aber es ging nie um Lokalfetischismus. Zwar freuen sich alle Schaffhauser, dass sie endlich einmal Schauplatz einer nationalen Serie geworden sind, aber interessanterweise funktioniert „Güsel“ in der ganzen Schweiz und sogar in Deutschland. Je detailgetreuer und präziser lokale Dinge dargestellt werden, desto übertragbarer werden sie auch auf andere Regionen. Jede Stadt hat ihr Herblingen.

Abgesehen von der Sprache, habt ihr weitere Stilmittel eingesetzt, um Humor und Witz zu vermitteln?

Deborah: Wir haben sehr viele Witze mit der Bildsprache gemacht. Jan hat den Begriff Mockumentary bereits erwähnt, Güsel ist als fiktiver Dokumentarfilm konstruiert. Die Figuren schauen öfter „versehentlich“ direkt in die Kamera oder glauben, dass die Kamera bereits ausgeschaltet ist obwohl sie noch läuft. So entsteht Komik, die Figuren offenbaren etwas von sich selbst, das vielleicht peinlich ist.

Wir behandelten die Kamera wie einen Darsteller.
Jan Sulzer

Jan: Eine solche Bildsprache ist natürlich akribisch geplant, alle Wackler und Kamerabewegungen waren ganz genau gesetzt um schließlich wieder zufällig auszusehen. Ohne Proben kriegt man das nicht hin, dass im richtigen Moment noch irgendetwas scheinbar beiläufig im Bild erscheint. Also muss man die Kamera genau so ernst nehmen wie einen Schauspieler. Unsere Kameramänner David Röthlisberger und Severin Kuhn haben da wirklich einen grossartigen Job gemacht.

Deborah: Und die Schauspieler müssen die Kamera auch in dieser Rolle akzeptieren. Als wäre die Kamera ihr Spielpartner.

Jan: Unsere Serie hat auch den Schauspielern einiges abverlangt, einen Text unzählige Male zu wiederholen und ihn trotzdem beiläufig und alltäglich klingen zu lassen, ist unglaublich schwer. Eine Mockumentary darf auf keinen Fall gespielt wirken, man muss den Schauspielern die „Echtheit“ abnehmen. Die Schwierigkeit besteht nicht darin perfekt zu reden sondern eben unperfekt. All das verlangt großes rhythmisches und komisches Talent.

Deborah: Die Leute glauben den Fake-Dok (lacht)Auch werden wir nun, wie von Euch, für Auftragsfilme angefragt. Offenbar ist auch hier für gute Auftragsfilme und Authentizität ein großes Bedürfnis vorhanden.

Wir werden oft gefragt, ob die Leute in der Serie wirklich Schauspieler sind und nicht doch einfach auf dem Werkhof in Schaffhausen arbeiten.
Deborah Neininger

Wie würdet ihr „Humor“ für den Duden definieren?

Jan: Ich bin vollkommen ungeeignet, Humor zu definieren. Vielleicht kannst du das, Deborah? Also ich kann’s nicht (lacht).

Deborah: Das kann ich auch nicht. Während des Studiums hatte ich zwar mal ein Seminar über die Komik, es gibt ja unzählige Humor-Theorien. Aber für unsere eigene Arbeit spielt die Theorie nicht so eine große Rolle. Wir fragen uns vielmehr, was wir selbst lustig finden und ob das auch andere zum Lachen bringen kann.

Jan: Und natürlich gibt es Vorbilder und Inspiration, wobei wir uns fast ausschließlich am angelsächsischen Raum orientieren.

Deborah: Oftmals ist es auch eine Überraschung, man findet etwas auf dem Set extrem lustig, was dann gar nicht ankommt oder umgekehrt.

Deborah Neininger und Jan Sulzer: Mit Humor auf Erfolgskurs

„Güsel – Die Abfalldetektive“. Darsteller (von links): Olifr M. Guz, Michael von Burg, Gabriel Vetter von Deborah Neininger und Jan Sulzer

Jan: Ich finde es zum Beispiel sehr lustig, wenn sich Figuren unabsichtlich in peinliche Situationen hineinmanövrieren, aus denen sie nicht mehr ohne Gesichtsverlust hinauskommen. Das kenne ich aus meinem Leben nur zu gut.

Deborah: Das stimmt! (lacht) Über sich selbst lachen zu können, das ist für mich einer der wichtigsten Aspekte wenn es um Humor geht.

Kürzlich habt ihr zusammen mit Condor Films fünf Filme realisiert, bei welchem Humor eine wichtige Rolle gespielt hat. Wie war diese Erfahrung für euch?

Deborah: Das war eine super Erfahrung. Das Drehbuch stand ja schon, als wir ins Boot geholt wurden und war auf Humor angelegt. Es hat Spaß gemacht, es mit den tollen Schauspielern mit einem Augenzwinkern umzusetzen.

Jan: Bei einem Auftragsfilm muss die handwerkliche Ebene genauso stimmen wie bei einer Komödie. Ich mag keine Werbung, in der Schauspieler nur schön ausgeleuchtet werden, aber nicht richtig und somit auch nicht authentisch spielen dürfen. Auch eine gewisse Leichtigkeit kann nicht schaden.

Könnt ihr mir etwas über eure Zusammenarbeit von Deborah Neininger und Jan Sulzer als Regie­-Duo verraten?

Jan: Wir haben eine unterschiedliche künstlerische Herkunft. Ich bin über die Fotografie und dann über das Regie-Studium zum Film gekommen. Die Schauspieler waren für mich zuerst die großen Unbekannten. Abgesehen von einer Nebenrolle im Schultheater hatte ich vorher nichts mit der Schauspielkunst zu tun. Deborah kommt vom Theater, hat in Gießen Angewandte Theaterwissenschaften studiert. Und irgendwie hat das plötzlich alles zusammengepasst. Deborah ist mittlerweile auch sehr kompetent in Kamera-­ und Schnittarbeiten. Und ich habe für mich auch die Arbeit mit den Schauspielern entdeckt. Wir sind quasi symbiotisch.

Deborah: Es gibt bei uns allerdings dieses eine feste Prinzip, dass während einer Szene nur jemand von uns beiden mit den Schauspielern spricht. Zwei Anweisungen gleichzeitig, das wäre für Schauspieler dann doch sehr verwirrend. Aber wir sind immer beide auf dem Set anwesend, und wer gerade im Hintergrund steht, gewährleistet seitens Regie den Blick auf das Ganze. Es ist ungewöhnlich, so als Regie-­Team zu arbeiten. Und dann sind wir auch gleich noch verheiratet. Ich glaube, wir beide sind für viele Leute sowieso etwas sehr Verrücktes. Alle denken, dass es mit zwei Regisseuren ein Chaos gibt. Aber ich schätze das extrem, dass ich auf dem oftmals stressigen Filmset eine Person habe, auf die ich blind vertrauen kann.

Jan: Wir sind ein gegenseitiges Korrektiv, ein ausgeklügeltes Regie­-Feedback-Verbesserungs-System. Und wir verstehen uns auch oft wortlos.

Deborah: Teilweise ist man als einzelner Regisseur auf dem Set ja doch unsicher, was richtig ist und was falsch. Aber natürlich muss man als Profi dann vorgeben, man habe alles im Griff. Als Regie­-Duo sind wir in dieser Hinsicht weniger einsam und sicherer in unseren Entscheidungen. Hoffe ich.

Jan: Das ist bei mir genauso.

Deborah: Unseren allergrößten Streit hatten wir schon bei unserer ersten Zusammenarbeit! Jan hat aus der Produktion geschmissen. Da waren wir allerdings noch kein Liebespaar.

Jan: Es ging aber nicht lang ohne sie, für die nächste Produktion habe ich sie bereits wieder angefragt.

Deborah: Und dann ist er mich nicht mehr losgeworden.. (lacht)

Jan Sulzer: Ja zum Glück.

Filmpuls: Vielen Dank für das Interview. Wir freuen uns auf weitere Projekte mit Euch!

Deborah: Wir uns auch.


© Titelfoto mit Deborah Neininger und Jan Sulzer: Recha la Dous, © Foto Webserie Güsel: SRF, © Foto Darsteller: SRF/Jan Sulzer


Die Interviews in Filmpuls dürfen (beinahe) alles. Nur nicht langweilen. In der Rubrik Interview kommen Regisseure, Kreative, Schlüsselpersonen der Filmszene und weitere Exponenten der In- und ausländischen Bewegtbildkommunikation zu Wort. Die bisherigen Artikel porträtieren nebst Deborah Neininger und Jan Sulzer unter anderem: Wigald Boning (Komiker und TV-Moderator, so geht schöner Fernsehen), Jürg Ebe (Spielfilm-Regisseur) Patrick Merz (Regisseur), Jörg Buckmann (Spezialist für Frechmut), Kristian Widmer (Produzent Condor Films) zur Geschichte der Action Cam, Adrian Teijido (Kameramann, ua. Netflix‘ Narcos) und Kinofilm-Macher und Fernseh-Regisseur Markus Welter (u.a. One Way Trip 3D, Der Bestatter, Tatort).

Auch interessant: der Bezug zwischen Wahlverhalten und TV-Konsum. Mehr dazu im gleichnamigen Artikel von FILMPULS.

Über Marianne van der Kooi
Marianne van der Kooi arbeitet für Filmproduktionen als Production Coordinator auf TV-Spots.

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