Der eigene Spielfilm – vom Himmel in die Hölle und (vielleicht) wieder zurück!

Furchtbares und fruchtbares Scheitern

der Weg zum eigenen Spielfilm Überraschungen garantiert - der Weg zum eigenen Spielfilm

Der Weg zum eigenen Spielfilm führt fast immer über die Hölle. Himmelhoch jauchzend mit dem eigenen Drehbuch oder dem eigenen Film direkt und mühelos in die Vorbereitung der Dreharbeiten zu gehen, ist ebenso wahrscheinlich, wie dass Tom Hardy, Gal Gadot oder Emilia Clarke die Hauptrolle im eigenen Erstlingswerk spielt. Das hat nicht nur mit der Qualität der Stoffe zu tun, sagt FILMPULS.

Regisseur Werner Herzog behauptete: auch Zwerge haben einmal klein angefangen! Trotzdem scheitern die meisten Spielfilme, und beileibe nicht nur Erstlingswerke, nicht an der Kinokasse, sondern daran, überhaupt realisiert zu werden.

Die Todesrate auf dem Weg in die Produktion ist selbst bei höchst professionellen Projekten erschreckend groß. Während es in Ländern, in denen eine Filmförderung existiert, detaillierte Statistiken gibt, wie viele Spielfilme im jeweiligen Jahr unterstützt wurden, gibt es keine Angaben zu Filmvorhaben, die es gar nie bis zu einer Eingabe gebracht haben.

Frei nach dem Motto „zuerst bitte in der eigenen Küche nachschauen“ haben wir uns aus Anlass des 100ten Artikels in FILMPULS in das Archiv der Condor Films AG gestürzt, um Antworten zu finden.

Am Ende standen aus dem Zeitraum von 1947 bis 2003 insgesamt 73 erfolgreich realisierte Langfilme (Spiel- und Dokumentarfilme über 70 Minuten, darunter auch der Oscar-Gewinner „The Journey of Hope“) einem traurigen Total von 241 weiteren Projekten gegenüber, die es als Spielfilm oder Dokumentation nie über das Papier, Konzept und Drehbuch hinaus geschafft haben.

Nicht in unsere Untersuchung eingeschlossen wurden Projekte, von deren Existenz wir wussten, oder von denen wir in früheren Jahren irgendwann auf dem Korridor gehört hatten, die aber aus uns unbekannten Gründen nie im elektronischen Archiv erfasst wurden. Mag sein, dass manche Dokumente im Frust über den frühen Tod des Projektes vom zuständigen Produzenten als Altpapier entsorgt, anstatt gescannt wurden. Auch möglich, dass sich in den physischen Dokumentationen, die seit einigen Jahren zusammen mit über vier Tonnen Filmbüchsen der Condor Films in der Cinémathèque suisse (dem nationalen Filmarchiv der Schweiz) gelagert sind, noch weitere Trouvaillen finden.

Anders als bei der Frage, wie viele Entscheidungen für die Herstellung eines Films oder Videos notwendig sind (zu diesem Artikel geht es hier), war bei der aktuellen Fragestellung nicht möglich, einfach „zwei und zwei“ zusammenzuzählen. Im Spielfilm oder Dokumentarfilm spielen bei der Entstehung auch viele sogenannte weiche Faktoren eine wichtige Rolle. Ziel musste es darum sein, erstmals Thesen zu formulieren, warum Projekte in das Stadium der Realisation kommen. Oder eben nicht.

Dabei wurde davon ausgegangen, dass die jeweiligen verantwortlichen Produzenten der Condor Films als hoch professionelle und langjährig erfahrene, talentierte Fachkräfte nur Spielfilme auf ihrem Schreibtisch akzeptierten oder zu realisieren versuchten, die hohe Standards erfüllten und allerhöchsten Ansprüchen genügten. Dies sowohl auf Stufe Drehbuch, Treatment und im Bezug auf die Aufbereitung zur Umsetzung und die beteiligten Mitwirkenden.

Es geht in den nachfolgenden Thesen also nicht um die allgemein und sattsam bekannten Fragen nach der Qualität einer Story, eines Drehbuchs oder nach der Größe des finanzierbaren Budgets im Bezug auf die Finanzierbarkeit (Pre-Sales, Förderung, Eigenanteile) eines Spielfilms im Verhältnis zum Zielmarkt. Hierzu bestehen es jede Menge Literatur, Meinungen und Infos.

Warum also können professionelle Projekte auf dem Weg ins Ziel plötzlich untergehen wie ein lausig gefaltetes Papierschiffli auf dem föhngepeitschten Vierwaldstättersee?

Warum ein Spielfilm trotz perfektem Setup nie realisiert wird : 5 Learnings

Nach der Analyse von 241 „filmischen Blindgängern“, deren Funke nie gezündet hat, und 73 Filmen, die auf der großen Leinwand ein Publikum erreichten (und im Fall von The Journey of Hope von Regisseur Xavier J. Koller mit dem Academy Award sogar Filmgeschichte schrieben und Weltrum erlangten) haben sich fünf Thesen herauskristallisiert, warum ein professionell aufgesetzter Spielfilm oder Dokumentarfilm auf dem Weg zur Realisation einen unerwarteten Tod erleiden kann:

Grund 1: Kein Bedürfnis erkennbar

Es klingt erschreckend banal. Niemand will den Film. Die Beteiligten sehen das selbstsprechend anders, schaffen es aber trotz aller Anstrengungen nicht, schlüssig zu erklären warum ihr Film ein Bedürfnis des Publikums zu erfüllen mag. Damit ein Film zum fliegen kommt, muss er mehr als nur eine professionelle Story sein. Er muss das Publikum verführen, berühren und eine Brücke in die reale Lebenswelt zu schlagen vermögen.

Man mag das gut finden, oder schlecht. Aber jeder Film ist nahezu immer auch ein Produkt. Das spricht einem Spiel- oder Dokumentarfilm das künstlerische Potential nicht ab. Aber als Produkt gehorcht der Film den Gesetzen von Angebot und Nachfrage. Zu viele Produkte sind nicht nur für die Filmförderung ein Problem, sondern führen irgendwann zu einer Übersättigung des Marktes und zu einem Käufermarkt statt einem Verkäufermarkt.

Grund 2: Kein Geld im Markt

Ein Drehbuch lässt sich ohne große Investitionen schreiben, als Autor mit dem notwendigen Willen oder Übermut sogar nahezu ohne Geld. Genau umgekehrt verhält es sich bei der Realisation. Selbst sogenannt kleine Filme kosten eine enorme Stange Geld. Ist dieses Geld nicht vorhanden, sei es weil die Filmförderung ihre Mittel ausgeschöpft hat, oder weil private Investoren alternative Investments als ein kleineres Risiko mit mehr Ertragschancen einschätzen, kann kein Film gedreht werden.

Handwerk kostet, und die Kunst benötigt – gerade im Film – das Handwerk dringender, als das Handwerk die Kunst.

Grund 3: Keine Dringlichkeit gegeben

Niemand mag Stress, Termindruck und Deadlines. Trotzdem finden Projekte, die aus einem bestimmten Grund bis zum Zeitpunkt X abheben müssen, meist zuverlässiger auf die Startbahn als qualitativ gleichwertige Spielfilme, die irgendwann realisiert werden können. Irgendwann heißt in der Unterhaltungsindustrie: es geht genau so gut auch später. Später bedeutet oft: nie.

Dort wo Dringlichkeit herrscht, idealerweise gekoppelt mit einem Bedürfnis, das Projekt zu realisieren, kommt der Ball mit ungleich höherer Wahrscheinlichkeit ins Rollen.

Grund 4: Kein inneres Feuer vorhanden

Ein Spielfilm wird nicht nur mit Geld, sondern auch mit einer noch teureren Währung bezahlt: mit Lebenszeit der Beteiligten. Fehlt das innere Feuer für ein Projekt, fehlt auch das notwendige Quäntchen an zusätzlicher Energie, die als Zünglein an der Waage den Ausschlag für die Realisation gibt.

Wenn die Macher und Verantwortlichen von einem Projekt nicht begeistert sind und die Energie nicht aufbringen, für das eigene Projekt zu kämpfen, wer soll um Himmels willen soll es dann sein?

Grund 5: Kein Vertrauen gerechtfertigt

Vertrauen ist das A und O im Filmgeschäft. Die Schwierigkeit besteht darin, dass die Macher eines Spielfilms oder Dokumentarfilms das Vertrauen vor Projektbeginn brauchen. Ist der Film fertiggestellt und zeigt sich, dass das Vertrauen in das Werk tatsächlich gerechtfertigt war, tut das der Seele gut. Der Film aber ist zu diesem Zeitpunkt längst gemacht, das Geld ausgegeben. Aus Sicht des Filmemachers muss das Vertrauen vor dem Film da sein. Fehlt das Vertrauen, fehlen auch die Mittel. Darum gilt: Ohne Vertrauensvorschuss kein Film.

Zusammengefasst

Ein Spielfilm stirbt nicht nur an der Kinokasse sondern in einem noch viel höheren Umfang an dem Umstand, dass er gar nie realisiert wird. Selbst wenn die Story und die dahinterstehende Produktionsfirma alles richtig gemacht hat. Schuld an diesem Umstand sind nicht nur hohe Budget oder Fragen der Regie oder Besetzung, sondern auch weiche Faktoren wie inneres Feuer, Dringlichkeit, Nachfrage und Vertrauen, deren Fehlen für  die Realisation eines Dokumentarfilms oder Spielfilms ebenso wie die harten Fakten schnell einmal den Tod bedeuten können.

Kämpfte 17 Jahre bis er seinen Spielfilm realisieren konnte: Terry Gilliam. (Foto: Facebook)

17 Jahre für seinen Film gekämpft: Terry Gilliam (Foto: Facebook)

Doch keine Regel ohne Ausnahme. Die Ausnahme heißt Terry Gilliam, ist Regisseur und ein Kaliber von Weltformat. Gilliam hat während unglaublichen 17 Jahren darum gekämpft, sein Projekt The Man Who Killed Don Quichotte drehen zu können (Zitat: „bevor dieser Film stirbt, sterbe ich!“).

Im Jahr 2000 starteten die Dreharbeiten, dann aber fehlte nach einer Reihe unglücklich verketteter Vorfälle (dokumentiert im absolut sehenswerten Dokumentarfilm „Lost in La Mancha“) das Geld und das Vertrauen um mit dem Dreh fortzufahren. Nach dem ersten Zusammenbruch des Projekts fehlte die Dringlichkeit für eine schnelle Lösung des Problems. Als 2006 die Probleme behoben waren, hatte der bisherige Hauptdarsteller Johnny Depp sein Interesse (das „innere Feuer“) verloren. Als Folge davon stiegen die bisherigen Financiers des Films aus.

2010 wurde von Gilliam angekündigt, dass die Dreharbeiten mit einem neuen Hauptdarsteller im September 2011 starten würden. Trotz reduziertem Budget (von 35 Mio USD auf 20 Mio USD) gelang es wieder nicht, die Mittel für den Spielfilm zu sichern. 2014 sagte Terry Gilliam, die Dreharbeiten für „The Man Who Killed Don Quichotte“ seien nun definitiv (Start der Preproduction). Weitere drei Jahre vergingen, bis der Film zwischen Januar 2017 und Juni 2017 tatsächlich gedreht werden konnte. Der Kinostart des Spielfilms ist für 2018 vorgesehen.


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