Der Zwang zur Geschichte – Storytelling im Imagefilm

Eine Geschichte für sich

Storytelling: die 10 wichtigsten Punkte Storytelling: die 10 wichtigsten Punkte

Der Zwang zur Geschichte ist für Imagefilme oder Produktfilme eine Realität. Teil 1 der vierteiligen Artikel-Serie erklärt, wann Storytelling zum Einsatz kommen sollte, und warum nicht immer alles eine Geschichte ist und nicht immer alles eine Geschichte sein muss. Denn: Einen Zwang zur Geschichte gibt es nicht!

Auftragsfilme sollen meist eine Geschichte (Story) erzählen, damit sie stärker wirken und eingängiger sind. Filmpuls beleuchtet in einer vierteiligen Serie die wichtigsten Trends zum Thema Storytelling für Imagefilm, Produktfilm und Online Video.Ein ebenso beliebter wie weit verbreiteter Irrtum besteht im Glauben, dass jeder gute Film eine Geschichte erzählen müsse. Das ist gleich mehrfach falsch.

Der Zwang zur Geschichte

Es gibt Filme, deren einziger und absolut legitimer Zweck es ist, einen Sachverhalt demonstrieren zu wollen. Natürlich, auch ein kurzes Dokumentationsvideo über eine hochspezialisierte industrielle Stanzmaschine für Aluminiumbleche erzählt eine Geschichte. Das Blech ist vorher unbearbeitet. Nachher ausgestanzt. Aber für den an einem Lizenzerwerb der Stanzmaschine interessierten Käufer wird die Darstellung der Präzision relevant sein. Nicht die Story. Für den Verkäufer als Auftraggeber des Videos dürfte das ebenso gelten.

Geschichten müssen transportiert, sprich: erzählt werden. Leider ist nicht jeder Mensch ein geborener Geschichtenerzähler. Daran ändert auch die Kamera nicht, deren sich der unbedarfter Erzähler als Krücke zu bedienen versucht.Situationen sind keine Geschichte. Aber sie ergeben eine Geschichte. Und sie machen Geschichte, im richtigen Leben. Reichen die Mittel des Auftraggebers weder für das Engagement talentierter Geschichtenerzähler hinter der Kamera (Autor, Regisseur, Kameramann, Cutter) noch vor der Kamera (Darsteller, Drehorte), wird besser auf eine Geschichte verzichtet.

Emotionen und Geschichten sind zwei Paar Schuhe, die sich nicht zwingend gegenseitig bedingen. Auch Situationen ohne Entwicklungslinie lassen sich hoch-emotional inszenieren und bieten dem Zuschauer breite Identifikationsfläche, vorausgesetzt der Zuschauer kann das Gesehene mit der eigenen Erlebniswelt verknüpfen.

Eine Geschichte braucht ein minimales Zeitbudget um sich entfalten zu können. Warum denken Sie, scheitern die meisten Werbe-Regisseure beim Spielfilm und sind die TV-Spots von Spielfilmregisseuren nicht immer ein Aha-Erlebnis? Weil der Spielfilmschaffende in wenigen Sekunden eine richtige Geschichte zu erzählen versucht. Und weil der Werbefilmer versucht, Situationen die für Sekunden taugen auf neunzig Minuten zu dehnen. (Warum Situationen keine Geschichten sind, wird legt der Artikel Dramaturgie für Einsteiger dar.)

Sonderfall: Motivationsvideo

Interessant ist die Frage, ob ein Motivationsvideo überhaupt eine Geschichte braucht. Damit ein Motivationsvideo seinen Zweck erfüllen kann, bedient es sich sowohl intrinsischer und extrinsischer Motivation. Intrinsische Motivation ist die eigene, bereits vorbestehende Triebkraft, ohne äußere Einwirkungen etwas zu tun oder zu bewirken. Extrinsische Motivation ist derjenige Antrieb, der durch gezielte Impulse von Aussen entsteht.

Soll ein Motivationsvideo extrinsisch wirken, ist dazu Ueberzeugungsarbeit zu leisten. Diesfalls wird meist auf eine Geschichte zugegriffen. Die Story soll erklären, anleiten und zeigen was möglich ist. Anders ist es, wenn eine bereits bestehende, intrinsische Motivation ausgelöst oder verstärkt werden soll. Hier genügen Impulse. Dazu muss keine Geschichte von A-Z erzählt werden. In diesem Fall kann es als Ausnahme, welche die Regel bestätigt, durchaus genügen und absolut sinnvoll sein, in diesem Fall bei einem Motivationsvideo nur eine Situation abzubilden.

Was ist eine Story?

Eine Geschichte, oder neudeutsch: Story, sollte für längere Filmformate (Image-Film, Produkt-Film, Schulungsfilm, etc.) in Anlehnung an den Dokumentar- und Spielfilm wie folgt definiert werden (Quelle: filmschreiben.de)

Der Zwang zur Geschichte: Nicht alles ist eine Geschichte!

Nicht alles ist eine Geschichte

Eine gute Story ist ein dreidimensionales Abbild des Menschseins. Sie erzählt von Veränderungen in drei Welten:

  1. der äußeren Welt der Handlungen, der emotionalen Welt der Beziehungen und der inneren Welt der Identität. Und von den wechselseitigen Abhängigkeiten der Welten voneinander. Damit helfen Geschichten uns zu verstehen, wer wir sind. Geschichten im Auftragsfilm stiften Identität.
  2. Eine Geschichte ist ein Werte-Diskurs: Sie erzählt von Werten. Damit stellt sie eine Möglichkeit dar, uns über unsere individuellen und sozialen Werte zu verständigen. Geschichten konstituieren im Auftragsfilm Wertegemeinschaften.
  3. Geschichten spiegeln Entwicklungsprozesse. Sie erzählen von der Entstehung, der Austragung und der Auflösung von Herausforderungen, durch die sich Veränderungen vollziehen. Geschichten schaffen im Auftragsfilm die Aussicht auf positive Veränderungen.

Nicht alles was zwischen Anfang und Ende liegt ist eine Geschichte. Nicht jeder gute Film braucht eine Story. Geschichten sind faszinierend. Großartige Situationen sind es ebenso. Entscheidend ist einzig, dass der Entscheid für oder gegen Storytelling mit Rücksicht auf die beabsichtige Wirkung wohlüberlegt getroffen wird.

Auch die serielle Kommunikation mit Video braucht nicht in jedem Fall an eine Story. Ein Management-Video oder ein Video Testimonial, das in regelmäßigen Abständen mit unterschiedlichen Personenkreisen arbeitet, kann sowohl für sich allein stehen, wie auch ohne verbindende Story seriell und wiederholt produziert werden. Die Story kann dann auch nur die Tatsache sein, dass es dieses Video in einem gewissen Rhythmus und mit redaktionell vergleichbarem Content gibt.

Filme können abgefilmt, verfilmt oder inszeniert werden, authentisch sein oder sich bewusst jenseits der Realität positionieren. So oder so müssen Filme und Video leuchten und schmerzen. Das gilt losgelöst vom Zwang zur Geschichte sogar für Filme, die in erster Linie auf Authentizität setzen.


Fortsetzung: Teil 2 der Artikel-Serie wird als Checkliste die 10 wichtigsten Aspekte des Storytelling für die Kommunikation mit Film und Video behandeln. Teil 3 fasst Kernpunkte in einer Checkliste zusammen. Teil 4 zeigt zum Abschluss der Serie an Beispielen, was der Auftragsfilm vom Spielfilm lernen kann.


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Über Kristian Widmer
Kristian Widmer ist Experte für Kommunikation mit Film und Video. Der gelernte Jurist und Absolvent eines MBA der Universität St. Gallen arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren im Mediengeschäft und ist seit 2002 Geschäftsführer der Condor Films AG.

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