Dokusoap und Reportage: Im Dschungel Camp der Fachbegriffe

Neuer Trend in der Kommunikation mit Film und Video

Dokusoap und Reportage werden wichtiger Neue Formate erobern die Unternehmenskommunikation

Seit einigen Monaten sind mit Dokusoap und Reportage in der Kommunikation mit Film und Video vermehrt Formate anzutreffen, die in ihrem Aufbau und mit ihrer Machart stark an Sendegefässe aus dem Fernsehen erinnern. Insbesondere für die serielle Herstellung von Video-Content für das Web, YouTube und Social Media kann dieser Trend verstärkt beobachtet werden.

Aber auch für den erfolgreichen Transport von Emotionen und Informationen mit Imagefilmen orientieren sich Filme und Videos immer wieder an der ebenso erfolgreichen wie bewährten Mechanik von TV-Formaten: Schöner Fernsehen in der Unternehmenskommunikation.

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich dabei insbesondere zwei Gefäße: Dokusoap und Reportage. Filmpuls analysiert aus diesem Grund die Machart von Dokusoaps und Reportagen und legt dabei die Baupläne für zwei der weltweit erfolgreichsten Genres im TV offen:

Darauf, dass Terminologien im Auftragsfilm stets auf’s Neue einem Abgleich zwischen Auftraggeber und Produktionsfirma bedürfen, ist Allgemeinwissen

Dokusoap: Geliebt und gehasst

Als Dokusoap (Seifenoper) bezeichnet man eine Form des Reality-TV, in der die gezeigten („dokumentierten“) Personen in dramaturgisch inszenierter, unterhaltender Weise dargestellt werden. Streng analytisch betrachtet handelt es sich bei diesem Genre um eine Art Dokumentarfilm, die Personen, Gruppen (oder im TV: Familien) in außergewöhnlichen Situationen begleitet. Typisch sind vor allem Ereignisse, die an einen bestimmten Ort, eine bestimmte Situation oder eine bestimmte Personengruppe gebunden sind.

Doku-Soaps bedienen sich bei Elementen der Unterhaltung und ergänzen diese mit Information. Sie gelten darum als typische Vertreter des Infotainment (deutsch: informierende Unterhaltung) oder Edutainment (deutsch: bildende Unterhaltung). Wie bei den namensgebenden Seifenopern oder täglichen Talkshows stehen die Emotionen im Vordergrund. Probleme und Konflikte werden als treibende Kraft der Geschichten herausgehoben.

Es gibt drei Phasen der TV-Unterhaltung: In der ersten Phase machen Kluge Unterhaltung für Kluge. Dann merken sie, dass es mehr Dumme als Kluge gibt. Also machen in der zweiten Phase Kluge Unterhaltung für Dumme. Enden tut es mit der dritten Phase: Weil es den Klugen zu dumm wird, Unterhaltung für Dumme zu produzieren, machen am Ende Dumme Unterhaltung für Dumme.
Harald Schmidt

Die von einzelnen Machern bewusst nicht deklarierte Vermischung von Emotionen und Informationen, oftmals kombiniert mit einer oft heillos übertrieben wirkenden Dramatisierung der Ereignisse hat der TV-Dokusoap in den Feuilletons nicht ganz zu Unrecht einen schlechten Ruf eingetragen. Tatsachenverfälschungen im Schnitt oder bei Kommentaren sind in einzelnen Shows zur Regel geworden, auch weil Quoten und Publikumszahlen dieser Gangart recht geben. Aus diesen Entgleisungen im Feld der gnadenlosen Publikumsbespassung kann und darf aber nicht rückgeschlossen werden, dass dieses Genre kein Potential für Unternehmenskommunikation hat. Publizistisch-journalistisch sauber produziert, verdient auch die Doku-Soap für Marketing mit Bewegtbild eine sorgfältige Evaluation.

Kennzeichen der Dokusoap

Folgende Eigenschaften sind für eine Doku-Soap typisch:

  • Konzentration auf wenige Personen (diese dienen als Identifikationsfiguren für den Zuschauer);
  • Beobachtung von alltäglichen Menschen in außergewöhnlichen Situationen;
  • hohe Emotionalität;
  • keine Wertung des Geschehenen;
  • Erhöhung des Wiedererkennungsfaktors durch einprägsames Erscheinungsbild;
  • Spannungsbögen über das Ende einer Folge oder eine Werbe-Unterbrechung hinaus (Cliffhanger).

Bei Doku-Soaps werden häufig Techniken zur Emotionalisierung und Personalisierung eingesetzt. Die Realität als Handlungsrahmen verleiht den präsentierten Geschichten hohe Glaubwürdigkeit und Plausibilität.

Die vier Grundtypologien der Doku-Soap:

Unterschieden werden Doku-Soaps nach vier Grundtypen. Jede dieser Kategorien arbeitet gewöhnlich auch mit Off-Kommentar. Aus den vier Archetypen der Dokusoap sind mittlerweile auch Mischformen entstanden, welche die Vorteile der nachfolgend aufgeführten Grundformen thematisch und stilistisch zu verbinden versuchen.

(1) Transformation

Die Protagonisten werden in einem bestimmten, für sie prägenden, Lebensabschnitt filmisch begleitet. Dies können Umzüge, Diäten, Renovierungen oder Auswanderungen sein. Bekannte Beispiele sind: Auf und davon, Einsatz in vier Wänden oder Jedes Kilo zählt-Eine Insel wird schlank.

(2) Dokumentation (Unbekanntes, Alltägliches)

Meist bereits feste Gruppen von Personen werden filmisch beobachtet, um Einblick in den (vermeintlich) authentischen Alltag zu gewinnen. Ziel sind Familien oder Institutionen. Beispiele sind: Jobtausch, „Die Fussbroichs“ oder „Die Ludolfs – 4 Brüder auf’m Schrottplatz“.

(3) Sozial-normative Konditionierung

Personen mit norm-abweichenden Verhalten werden resozialisiert, indem sie in die Gesellschaft oder der Familie zurückgeführt werden. Beispiele sind: „Die Super Nanny“, „Das Erziehungcamp“ oder „Teenager außer Kontrolle“.

(4) Isolation und Bewährung

Personen oder Personengruppen werden in einer fest begrenzten Umgebung über einen begrenzten Zeitraum von ihren Herkunftsbindungen und -orten isoliert, in der sie sich durch soziales Selbstmanagement unter Beobachtung des Publikums behaupten müssen, von dessen Gunst ihr Verbleib (und damit ein Gewinn) abhängen kann. Sie müssen sich hierbei sozialen und psychischen Extremsituationen stellen. Beispiele sind: Big Brother, Dschungelcamp: Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! oder Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus.

Kombination aller vier Typologien ist möglich

Als Beispiel einer Dokusoap, die sich konzeptuell virtuos aller vier vorgenannten Aspekte bedient, kann man „Rach, der Restaurant-Tester“ erwähnen. In dieser Serie bieten sich dem Zuschauer eindrückliche Einblicke hinter die Kulissen der Gastronomie-Branche (Dokumentation/unbekanntes Alltägliches). Zugleich stehen in der Erfolgsserie immer wieder auch Renovierungsaktionen im Vordergrund (Transformation) und es werden Konditionierungsprobleme (Mentalität des Gastronomen) thematisiert, die der Gastronom auf dem harten Weg zum Erfolg zusammen mit anderen Hindernissen bis zum nächsten Besuch des Coaches bewältigen muss (Bewährung).

Abgrenzungen zu Scripted Reality

Einzelne Fernsehsender bezeichnen auch so genannte Scripted Reality (frei: „Realität nach Drehbuch“) als Dokusoap. Reality-Soaps weisen von ihrer Machart her zwar eine große Ähnlichkeit zu klassischen Doku-Soaps auf, folgen allerdings einem (frei erfundenen oder durch wahre Ereignisse inspirierten) Drehbuch und werden mit Laiendarstellern inszeniert und meist bis an die Schmerzgrenze dramatisiert. Auf Grundlage der hier postulierten Definitionen gehören Formate aus dem Bereich Scripted Reality darum nicht zu den Doku-Soaps.

Die Reportage: Das Kino im Kopf

Als Reportage (von lateinisch reportare = berichten, melden) werden Darstellungsformen bezeichnet, bei denen der Autor nicht vom Schreibtisch aus, sondern aus unmittelbarer Anschauung berichtet. Der Reporter darf Fakten durch eigene Eindrücke zu ergänzen, die er am Ort des Geschehens, oder durch Recherche, gesammelt hat. Reportage bedeutet: Kino im Kopf. In den Printmedien steht der Begriff für einen dramaturgisch aufbereiteten Hintergrundbericht, der einen Sachverhalt anhand von konkreten Beispielen, Personen oder deren Schicksalen anschaulich macht:

Definition von Reportagen

Während Nachrichtensendungen und Berichte eine gewisse Distanz wahren, geht die Reportage nah heran und gewährt auch Beobachtungen und weiteren Sinneswahrnehmungen ihrer Protagonisten Raum. Im Fernsehen bezeichnet man diese Art von Formaten oftmals auch als Dokumentation oder Feature. Im Nachrichtengeschäft gilt bereits die einfache Berichterstattung vom Ort des Geschehens als Reportage. Sportjournalisten, welche live aus dem Stadion Fußballspiele kommentieren, werden oft als Fußballreporter bezeichnet.

Wichtig: Die Rolle des Reporters

Dem Reporter ist es – im Gegensatz zum Verfasser von Nachrichten oder Berichten – erlaubt, Fakten durch eigene Eindrücke zu ergänzen, die er (oder sie), oft bei Anwesenheit am Ort des Geschehens, gesammelt hat. Entweder erzählt der Reporter, ohne dabei zu werten oder zu kommentieren (auch nicht durch Weglassen), oder er ergänzt die Erzählung mit eigene Eindrücken, die als subjektive Erfahrung benannt sein müssen. Der Reporter beschränkt sich auf eine narrative Funktion. Er spricht überwiegend im Präsens. Er bewirkt dadurch, dass sich der Fernsehzuschauer gut in die Situation hineinversetzen kann.

Stellen wir uns vor, ein Haus hat gebrannt. Die Reportage beschreibt detailliert, wie es im Haus aussieht. Sie versucht, beim Rezipienten „Kino im Kopf“ ablaufen zu lassen. Sie schildert die „versengten, schwarzen Treppengeländer, denen man nur noch schwer ansieht, dass sie aus Holz sind“. Eine Reportage kann mit Interviews und Kommentaren verknüpft sein.

Auch die Reportage/der Reporter kann Off-Kommentar einsetzen und die inhaltlichen und dramaturgischen Möglichkeiten der Off Voice nutzen.

Dokusoap und Reportage: die Learnings

Im Unterschied zur reinen Dokumentation oder zur Reportage wird die Dokusoap durch ihre Darsteller vorangetrieben. Die Doku-Soap ist „personengetrieben“ während bei Dokumentationen und Reportagen in der Regel ein Sachverhalt (der durch eine oder mehrere Personen illustriert werden kann) zentral ist.

Beide Spielarten, Dokusoap und Reportage, eignen sich zur Adaption für Kommunikationsvorhaben, die über reine Unterhaltungszwecke hinaus gehen, beispielsweise für Konzepte zur seriellen Bewegtbild-Kommunikation im Rahmen einer Multi-Channeling-Strategie.

Die Häufigkeit und Wichtigkeit von adaptierten Konzepten auf Basis von Dokusoaps und Reportagen wird in der Unternehmenskommunikation zunehmen. Nicht nur im B2C und Print sind Massenmedien einer unüberblickbaren Flut von Medienmassen gewichen: umso wichtiger werden im Kampf um Aufmerksamkeit wirkungsstarke, erprobte Konzepte, welche von schlauen Köpfen auf neue Einsatz- und Spielarten ausgebaut werden.

Was Fernsehen für den Zuseher bewirken kann, zeigt die Studie Wahlverhalten und TV-Konsum.


Hintergrund-Information: Der Autor, Markus Röthl, leitet die TV-Unit der Condor Films. Faro TV ist mitverantwortlich für einige der größten Quotenhits am Schweizer Fernsehen. Als Kompetenzpartner von Direktkunden und Agenturen entwickelt und produziert FaroTV mit interdisziplinären Teams bereits seit 2012 aber auch innovative Video-Inhalte für Crossmedia, Web, Smartphones und Tablets.

Über Markus Röthl
Markus Röthl ist operativer Leiter der Fernsehproduktionsgesellschaft FaroTV und Mitglied der Geschäftsleitung der Condor Films AG.

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