Dramaturgie für Einsteiger in Film und Video

Ein Augenblick macht keine Story

Storytelling: Situationen sind keine Story Storytelling: Situationen sind keine Story

Wenn es um Dramaturgie für Einsteiger geht, zählt nur die wichtigste aller Fragen: Wie hilft die Dramaturgie dem Content, so dass der Zuschauer sich für ihn möglichst stark interessiert? Und Nein! Aristoteles kann nichts dafür.

Zwar wird dem griechischen Philosophen immer wieder die Urheberschaft der (vom Einsteiger in die Filmdramaturgie gerne zitierten, aber trotzdem eher blödsinnigen) Feststellung zugeschrieben, dass jede Story ein Anfang, eine Mitte und ein Ende habe. Unbestrittenermaßen sind Anfang und Ende für jede Geschichte relevant. Aber sie sind keine Geschichte.

Dramaturgie für Einsteiger

Geburt und Tod mögen für den Betroffenen und sein Umfeld höchst existentiell sein. Wenn man auf den Namen Louis XVI getauft wurde machen sie sogar Geschichte. Aus Sicht des Erzählers aber sind es nur Eckpunkte für alles, was in der Phase dazwischen passiert ist. Dramaturgie im Film heißt: Content besser, stärker, wirkungsvoller zu erzählen.

Die Wurzeln liegen tief

Und dazwischen, da kann so ziemlich alles passieren, was die menschliche Vorstellungskraft zulässt. Deswegen braucht das Storytelling für Film und Video einen Rahmen und ein Strukturprinzip, mit dem sich Lebenssachverhalte für ein breites Publikum nachvollziehbar transportieren lassen.

Die heutige Film-Dramaturgie bietet eine solchen Rahmen, nicht nur für Fortgeschrittene sondern auch für Einsteiger ins Storytelling. Die Wurzeln der Filmdramaturgie liegen theaterwissenschaftlich nicht nur bei den alten Griechen, sondern maßgeblich auch bei den Ereignissen um den glücklosen Bourbonenkönig Louis XVI: ohne die während seiner Regentschaft in Gang gekommene französische Revolution hätte weder der korsische General reüssieren können, noch wäre es als Folge seines Kaiserreichs zur Restauration gekommen.

Vor exakt zweihundert Jahren erkannten Autoren und Theaterbetreiber im wiederhergestellten Europa, dass sie die Schrecken der Vergangenheit zwar in Erinnerung rufen konnten, dies aber nur vom Publikum goutiert wurde, wenn letzten Endes auch auf der Bühne das Gute siegte. Die dazu notwendigen Szenen ließen sich stets in einer 3-Akt-Struktur einordnen: In der ersten Szene zuerst der Konflikt der wichtigsten Figur des Films gegen das Böse, dann der Kampf, und schließlich siegt das Gute. Die klassische Filmdramaturgie war geboren. Anfang des letzten Jahrhunderts übernahmen die Filmpioniere dieses Strukturprinzip. Es garantiert Hollywood und der Gaming-Industrie bis heute Milliardenumsätze und hat als Happy End weltweit Karriere gemacht. Was kann daraus für das Storytelling im Auftragsfilm abgeleitet werden, ohne dass man nicht gleich als Teilnehmer ein Seminar mit Experten im Geschichtenerzählen absolviert haben muss?

Was Storytelling mit Fallhöhe zu tun hat

Nicht um den Anfang und das Ende geht es. Sondern einzig um die Fallhöhe!  Nicht Anfang und Ende, sondern das Vorher und Nachher und damit alle Dinge, die dazwischen stattfinden, geben den Figuren und der Story in einem Drehbuch ihren Wert. Sie müssen für die Kommunikation mit Film und Video im Vordergrund stehen. Diese Erkenntnis führt schnurstracks zu einem der am häufigsten angewendeten und spannungstechnisch überaus starkem Werkzeug: Kontrast. Fernsehmacher sprechen in diesem Zusammenhang gerne von Fallhöhe. Je höher der Verlust für die Figuren, je unüberwindbar ein Problem für die Zuschauer, desto stärker zieht die Story das Publikum in den Bann. Darum müssen im Spielfilm immerfort von Helden überlebensgroße Bösewichte besiegt werden.

Auf dem Weg zum Happy End sind auch Überraschung, Verzögerung und Wissensvorsprung gern gesehene Gäste in der Toolbox des Erzählers. Sie alle gewährleisten im Kanon mit dem filmischen Handwerkszeug die Faszination des bewegten Bildes. Dank ihnen werden Situationen zu Stories.


Geht nicht ohne Filmdramaturgie: Dreharbeiten der Condor Films AG

Figuren und Dramaturgie transportieren den Aussagewunsch| Dreharbeiten, (c) Foto Condor Films


Machen Sie den Bourbonen-Test!

Wenn Sie das nächste Mal am Fernsehen einen TV-Spot sehen, probieren Sie doch bitte das, was hier in Erinnerung an den unglücklichen Nachfahren des Sonnenkönigs den »Bourbonen-Test« genannt sein soll:

Fragen Sie sich, ob der Film, der ihr Fühlen und Denken in wenig mehr als zwanzig Sekunden verändern will, nur ein auf ihre Brieftasche niedersausendes Fallbeil ist. Oder ob da mehr ist. Möglich ist es!

Und argumentieren Sie dabei bitte nicht mit begrenzten Budgets! Cineasten, Regisseure, Casting-Agenten wissen: Im Auge eines einzigen talentierten Schauspielers kann sich das Universum spiegeln. Auch im Werbespot.

Über Kristian Widmer
Kristian Widmer ist Experte für Kommunikation mit Film und Video. Der gelernte Jurist und Absolvent eines MBA der Universität St. Gallen arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren im Mediengeschäft und ist seit 2002 Geschäftsführer der Condor Films AG.

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