Editing und Montage von Film und Video

5-Punkte Checkliste inklusive

Professionelles Filmschaffen: Editing oder Montage? Ein Brett vor der Stirn schont das Gehirn

Auch das Editing hat seine eigene Geschichte, und die lässt sich zeigen und geht meilenweit über die Geschichte von digitaler Bildbearbeitung, Computer, Edit Files und Software für den digitalen Schnitt hinaus: Die bemerkenswert schnelle künstlerische Entfaltung des Filmes liegt nämlich nicht nur für Storytelling und Dramaturgie im 19. Jahrhundert begründet.

Auch die Montage hat ihre frühe konstitutive Kraft aus dieser Zeit bezogen: Der literarische Realismus von Flaubert, der mit seinen Worten dem unscheinbaren Detail metaphorische Bedeutung abgerungen hat, findet in der Filmmontage seine Referenz. Und ebenso das musikalische Werk von Beethoven, der sich durch energisches Erweitern, Verkürzen und Verwandeln der rhythmischen und orchestralen Struktur neue emotionale Räume erschlossen hat.

Davon profitiert die Montage und das Editing bis heute, nicht nur für fiktive Formate im Kino und TV und für Video, sondern auch überall da, wo die Kommunikation und Bearbeitung von Video unter Zeitdruck und Kostenzwang zielgenau erfolgen muss: Im Marketing für Auftragsfilm, Imagefilm, Produktfilm, und nicht zuletzt im Werbespot.

Editing und Montage

Voranmerkung: die nachfolgenden Begriffe werden auf Deutsch umgangssprachlich meist anders verwendet und definiert, als dies in der englischen oder französischen Sprache der Fall ist. Einen Film oder ein Video zu montieren, heißt in erster Linie, den Content im Editing zu verdichten. Damit dies gelingen kann, empfiehlt es sich, einen Plan zu haben und einem Prinzip zu folgen. Die Grundlage dazu bildet die Story, oder auch, im Auftragsfilm, der Aussagewunsch.

Der eigentliche, ursprüngliche Zweck der Montage besteht darin „das Thema, das Sujet, Handlungen, Taten, die Dynamik (…) innerhalb eines Filmes zusammenhängend und folgerichtig darzulegen“ (Sergei Eisenstein). Damit wird auch klar, warum die Film- und Videomontage, im Unterschied zum sog. Schneiden (oder Editing) als reinen „Zusammenhängen“ und „Bereinigen“ von Drehmaterial, dem Filmschnitt in der Wertigkeit übergeordnet sein sollte.

Editing und Montage von Film und Video: Sergei Eisenstein (1898-1948), Regisseur und Cutter

Sergei Eisenstein (1898-1948), Regisseur und Cutter

1888 brachte Eastman den ersten Rollfilm auf den Markt. Der Bewegungseindruck einer Vielzahl von Einzelbilder, der dadurch möglich wurde, bezeichnet die Wahrnehmungspsychologie als Phi-Phänomen: es ist die Urform der Montage. Aneinander gereihte Einzelbilder verschmelzen zu mehr als der Summe ihrer Einzelteile. Der vorzitierte Eisenstein hat diesem Phänomen in Kombination mit dem sog. Nachbild-Effekt 1925 in seinem legendären Film „Panzerkreuzer Potemkin“ (deutsch, russischer Originaltitel: Bronenossez Potjomkin) ein Denkmal gesetzt.

Wer das Thema nicht nur aus historischer sondern auch aus gesamtheitlicher Sicht angehen will, kann sich für die Montage und Editing beispielsweise an der während fünfzig Jahren (!) verfeinerten Checkliste des Oscar-Preisträgers (Apocalypso Now, The English Patient), Filmeditors und Sounddesigners Walter Murch orientieren.

Mehr zu diesem Thema findet sich im Artikel Gute Filmbücher.

Die 5-Punkte Checkliste nach Walter Murch

Murch versteht seine Checkliste (nachfolgend unter Pkt. 4 vereinfacht dargestellt) explizit als Prioritätenliste. Wer vor der Entscheidung steht, sich für Emotion oder Rhythmus entscheiden zu müssen, sollte auf das übergeordnete Kriterium Emotion setzen. Wer unsicher ist ob Storytelling oder Rhythmus wichtiger ist, sollte auf Storytelling setzen, undsoweiter.

In einer perfekten Welt für einen idealen Film oder ein ideales Video kann die Montage im Sinne von Best Practise sämtliche nachfolgenden Punkte in der aufgeführten Reihenfolge gewichten und berücksichtigen:

1. Emotionen

Im Editing und in der Montage stellt sich immer wieder die Frage, ob die angedachte Veränderung der Einstellungslänge die Emotionen des Zuschauers verstärkt oder abschwächt. Warum?Werden die Emotionen verstärkt, hilft der Schnitt der Montage. Im gegenteiligen Fall schwächt er sie.

Der Zuschauer kümmert sich nicht um die Begebenheiten während dem Filmdreh, nicht darum was in der Edit Suite erfolgt ist oder hinter den Kulissen geschehen ist. Den Zuschauer berühren einzig die Gefühle, die er beim Ansehen des Filmes erlebt.

2. Storytelling

Was für Drehbuchautoren gilt, gilt auch im Edit und dem von Software unterstützten Schnitt während des Editings: Kill Your Darlings!Was die Story im Film nicht vorwärts treibt, oder schlimmer noch, verwirrt, bremst das Zuschauer-Erlebnis und droht das Publikum zu langweilen.

Wo unklar ist, was der Schnitt in einer Szene für die Erzählung leistet, muss die Montage eingreifen… – und helfen.

3. Rhythmus

Ähnlich wie ein Musikstück hat jeder Film und jedes Video seinen Takt und seinen Rhythmus. Passt der Rhythmus nicht zu den Emotionen oder zum Storytelling, fällt der Film in der Montage auseinander.Rhythmus, Emotionen und Story sind darum eng miteinander verknüpft, und die drei Top-Prioritäten der Montage und des Editors.

Ein langweiliger, schlampiger Schnitt im Editing beruht meist auf einer fehlerhaften, missverstandenen Abstimmung dieser drei essentiellen Elemente (Rhythmus, Emotionen und Story) in der Film-Montage.

4. Blickpunkt

Um die in einem Film oder Video enthaltene visuelle Informationsmenge überhaupt erfassen und verarbeiten zu können, setzt das menschliche Auge, wie im realen Leben, radikale Schwerpunkte. Einerseits lesen wir in der westlichen Welt Bilder und Schriften von links nach rechts und von oben nach unten, andererseits reagieren wir auf Bewegungen stärker als beispielsweise auf statische Objekte. Die Montage hat zur Aufgabe, unsere Blickpunkte in einem Film zu leiten und zu setzen. Die Montage bestimmt, worauf unser Auge wann in einer Szene zu blicken hat, sie bestimmt damit unsere Wahrnehmung.

Maßgeblich ist das Setzen des Blickpunkts im Edit nicht nur dort, wo mit Symbolen und Metaphern gearbeitet wird, sondern immer auch im Zusammenspiel von Szenen, bei Übergängen. Stimmen dort die Blickpunkte nicht überein, empfinden wir den Schnittübergang als seltsam.

5. Raumgefühl

Die Montage ist auch für das Raumgefühl des Zuschauers in Filmen oder einem Video verantwortlich. Die Montage entscheidet, ob der Blickwinkel uns die Verortung einer Handlung erlaubt, oder bewusst nicht. Sie ermöglicht uns die dreidimensionale Orientierung im Raum. Zum Umgang mit Raum in der Montage gehört auch die Vermeidung von sogenannten Achsensprüngen (die Kamera springt beim Achsensprung über die imaginäre Bildachse, so dass sich zwei Personen nicht mehr rechts und links sondern ohne Bewegung plötzlich links und rechts im Bild gegenüberstehen).

Editing, Videoschnitt oder Montage?

Editing (deutsch = Bearbeiten, Aufbereiten, Schneiden) von Filmen und Videos ist ein kreativer Akt. Kreativität benötigt Zeit. Wer bei der Kommunikation mit Film und Video beispielsweise im Newsgeschäft eines TV-Senders als Editor tätig ist, wird diese Zeit weder haben noch von seinem Disponenten bekommen. Wer hier von Videoschnitt spricht, darf das mit Stolz und Achtung tun.

Unter Zeitdruck täglich sendefähige TV-Beiträge zu editieren, den Redaktor oder Journalisten der für den Beitrag mit seinem Namen zeichnet, im Edit mit dem Text und Manuskript bei der Bildbearbeitung stets hinter sich wissend, und den unabwendbar fixen Abgabetermin nicht nur vor dem geistigen Auge vor sich habend, das ist kein Pappenstiel. Im Gegenteil.

Wer für ein filmisches Werk mit höherem Anspruch als nur der Editor oder Cutter zur finalen Form auch künstlerisch beiträgt, wer aus sich, seinem Wissen und seiner Lebenserfahrung schöpft, wer seine Lebenszeit während langen und einsamen Tagen und Nächten im Editing in den entstehenden Film oder die Bearbeitung eines Video am Computer einbringt, ist in den meisten Fällen nicht nur Editor, sondern er oder sie schneidet und montiert.

Fazit

Editing und Montage von Film und Video

Muss nicht editiert werden: Testbild

Das Verdichten von Bildinformationen ist für die Montage und das Film schneiden und bearbeiten ebenso kennzeichnend wie die Gestaltung von Film und Video im Edit. Ob die Bildbearbeitung eines Videos am Computer sich am Ende des Tages als Schnitt oder als Montage erweist, liegt nicht nur am Zweck der Films oder Videos und am zu schneidenden Film- oder Videomaterial, sondern immer auch am Know-how, an der Erfahrung und am Talent des Editors, der in der Editing Suite die Tasten drückt. Das gilt für Video schneiden und bearbeiten ebenso wie für den professionellen Umgang mit dem Phänomen der unsichtbaren Schnitte oder den Einsatz von Zeitlupe und Zeitraffer in der Montage.


Bücher zum Thema Filmschnitt (Auswahl):

  • Die Kunst des Filmschnitts, Michael Ondaatje,  1996
  • Handbuch der Filmmontage: Praxis und Prinzipien des Filmschnitts, Herausgegeben von Hans Beller, TR-Verlagsunion
  • Ein Lidschlag, ein Schnitt. Die Kunst der Filmmontage, von Walter Scott Murch, Alexander Verlag  Berlin
  • Geschichte der narrativen Filmmontage: Theoretische Grundlagen und ausgewählte Beispiele, von Michaela S. Ast, Tectum Verlag

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Über Kristian Widmer
Kristian Widmer ist Experte für sequentielles Storytelling. Er ist CEO der 1947 gegründeten Condor Films AG, promovierter Jurist und Inhaber eines MBA der Universität St. Gallen HSG.

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