Richtig entscheiden: Sieben Strategien nicht nur für Film und Video

So oder ganz anders!

Richtig Entscheiden: Sieben Strategien nicht nur für Film und Video Im Irrgarten auf der Suche nach dem richtigen Entscheid

Entscheidungen prägen unser Dasein. Das Privatleben wie auch das Berufsleben stellt uns fortwährend und nicht immer gewollt vor eine Vielzahl von Möglichkeiten, über die es zu entscheiden gilt. Filmpuls präsentiert 7 einfache, wissenschaftlich fundierte, aber auch praxisorientierte Strategien zur Entscheidungsfindung.

Die Möglichkeit auswählen zu können ein wesentlicher Aspekt unserer Selbstdefinition und ein zentraler Teil unserer Individualität. Wählen heißt für die Mehrzahl der Menschen in den meisten Fällen, Verstand und Gefühle in Einklang zu bringen oder einem von Beiden, Verstand oder Gefühl, den Vorrang zu geben.

Weil die meisten Entscheidungen vorwärtsgerichtete Ereignisse betreffen und damit die Zukunft und Dinge, die noch gar nicht eingetreten sind, sind mit Entscheidungen immer auch Unsicherheiten verbunden. Kommt zum Entscheidungsdruck noch Zeitdruck dazu, bei Film und Video ist das eher die Regel als die Ausnahme, bekommt die Frage nach der richtigen Entscheidung noch mehr Gewicht. Es ist darum hilfreich, über die mentalen Prozesse und Muster Bescheid zu wissen, die bei der Entscheidungsfindung in uns Menschen ablaufen.

Wie sich richtig entscheiden?

Richtig Entscheiden - Das Prinzip von Ignatius von Loyola in: Filmpuls: Entscheiden

Ignatius von Loyola (*1491 – †1556)

Ignatius von Loyola, ein Mitbegründer des Ordens der Jesuiten, hat für seine Glaubensbrüder bereits im 16. Jahrhundert einen Weg entwickelt, der seiner Meinung nach immer zur „richtigen“ Entscheidung führt. Der Jesuit propagierte, während drei Tagen so zu tun, als hätte man seinen Entscheid bereits gefällt. In dieser Zeit sollen die eigenen Gefühle, Gedanken und Träume, die im Zusammenhang mit dem Entscheid stehen, akribisch notiert werden. Am vierten Tag beginnt man denselben Prozess mit dem Entscheid, den man zuvor verworfen hat. Am Ende vergleicht man seine Notizen mit kühlem Kopf und entscheidet sich auf dieser Basis definitiv für eine Option… und darf sich dann nach Ignatius von Loyola sicher sein, die beste aller menschenmöglichen Entscheidung gefunden zu haben.

Alternativ und ergänzend bieten sich sieben weitere Entscheidungshilfen an, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Die jeweiligen Quellen und Forscher sind mit Fußnoten am Ende dieses Artikels gekennzeichnet.

Strategie 1: RecherchierenStrategie 1: Recherchieren

Gefühle sind keine Behinderung bei der Entscheidungsfindung. Sondern ein integraler Bestandteil davon. Gefühle sind schnell. Unseren frühesten Vorfahren haben sie als automatische Reaktion dazu gedient, in lebensbedrohlichen Situationen blitzschnell, aber unbewusst, überlebenswichtige Entscheidungen zu treffen. Ohne Gefühle lassen sich, wissenschaftlich bewiesen, keinerlei Entscheidungen treffen, selbst wenn diese hoch rationaler Natur scheinen. Menschen mit schweren Verletzungen in der für das Gefühlsleben erforderlichen Hirnregion sind nicht in der Lage, selbst einfache und alltägliche Entscheidungen zu treffen.[1]

Zur professionellen Entscheidungsfindung, gerade im Filmgeschäft, gehört eine Recherche-Strategie. Auch wenn die Gefühle immer ein Wörtchen mitreden, es geht im Projektbusiness auch um Know-how und um Fakten. Liegen dist Fakten offen auf dem Tisch, fällt die Entscheidungsfindung fundierter aus, als wenn mit einer Schrotflinte aufs Geratewohl in die Dunkelheit geschossen wird.

Recherchieren bedeutet auch, eine Entscheidung aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Die Darstellung von alternativen Entscheidungsmöglichkeiten übt zwar einen Rahmeneffekt auf einzelne Entscheide aus (das Hirn versucht, ein der Entscheidung übergeordnetes Referenzsystem aus allen Entscheidungsoptionen zu bilden, einen „Rahmen“, der dann zu einer unbewussten Bewertung der einzelnen Entscheide führen kann). Dieser Rahmen kann aber auch sehr wertvoll sein. Nämlich dann, wenn ein alternativer Blickwinkel ganz bewusst diesen Rahmen erweitert und auch Argumente und Sichtweisen berücksichtigt, die man auf den ersten Blick und von vorherein schon als Negativargumente zu erkennen glaubt. Auch das gehört zum Mensch: Wir suchen nicht Widerspruch, sondern instinktiv Bestätigung für das, was wir schon zu wissen glauben. Übereinstimmende Argumente gewichtet unser Hirn unreflektiert höher, als solche, die uns zu eine Gegenposition zwingen würden.

Wenn zu wenig Wissen und zu wenig Informationen vorliegen, verhindert zusätzlich der sog. Anker-Effekt gute Entscheidungen. Es liegt in der Natur des Menschen, immer nach Orientierung, nach einem Ankerpunkt, zu suchen. Als Orientierungshilfe nehmen wir, was verfügbar ist. Notfalls und unbewusst verwenden wir dabei auch unvollständige, irrelevante oder falsche Informationen.[2] Diesen Effekt nutzt auch der Detailhandel zur Umsatzsteigerung. Wird ein Produkt im Umfeld des Angebots extra teuer angepriesen, kaufen die Kunden verstärkt normal-preisige Produkte, weil sie diese im Vergleich zum „Informationsanker“ (das teure Produkt) instinktiv als Schnäppchen wahrnehmen.

Strategie 2: Auswahl eingrenzenStrategie 2: Auswahl eingrenzen

Recherchen können umgekehrt aber auch zum Entscheidungskiller werden. Das droht immer dann, wenn die Recherche-Strategie keine Limite enthält. Wer alles zu allem wissen will, wird in der Flut der Informationen ganz einfach untergehen. Das Internet, oftmals die erste Anlaufstelle im Recherche-Prozess, ist eine allwissende Müllhalde, von der nur profitieren kann, wer Informationen und Quellen zu gewichten weiss. Der Überblick macht den Meister.

Wer zuviele Informationen hat, kann diese nicht nur nicht auswerten und damit verwerten, er wird damit auch nicht glücklich und ein Opfer vom sog. Wahlparadox-Effekt. Der Mensch will aus einer begrenzten Bandbreite an Möglichkeiten auswählen können. Wer aus fünf Schokoladen-Sorten auswählen kann, ist mit dem von ihm gewählten Produkt glücklich. Wer mehrere Dutzend Schokoladen im Supermarkt vor sich zur Auswahl hat, entscheidet sich am Ende der Entscheidungsfindung zwar auch für eine Schokolade, ist damit aber weniger glücklich.[3]

Ein guter Entscheid und eine weitere, willkommene Spielart von Eingrenzung ist es, den oftmals mit einer Entscheidung einhergehenden Gruppendruck zu vermeiden. Eine falsche Meinung wird nicht richtig, wenn sie von mehr als einer Person vertreten wird und das Resultat eines gruppendynamischen Prozesses ist.

Strategie 3: Gut ist gut genugStrategie 3: Gut ist gut genug

Wer unendlich viele Informationen zur Verfügung hat und eine unendliche Menge an Wahlmöglichkeiten besitzt, trifft die schlechteren Entscheide als derjenige, der mit begrenzten Informationen limitierten Optionen gegenüber steht. Dieser Effekt ist als Wahlparadox bekannt.[4]

Das Wahlparadox trifft ganz besonders die Gruppe der Maximierer, also diejenigen Menschen unter uns, die immer und überall die beste Wahl treffen wollen. Der Druck, die zumindest theoretisch beste Wahl treffen zu wollen, führt beim Entscheider zum regelmäßigen „Umsturz“ bereits gefällter Entscheide. Instabilität und Chaos sind die Folge. Schön beobachten lässt sich dieser Effekt nicht nur bei komplexen Großproduktionen im Spielfilm mit unerfahrenem Produzenten, sondern auch bei Singles, die mit Hilfe von Partnervermittlungsplattformen ihren Traumpartner optimieren wollen und als Folge endloser Optionen statt zu einem Menschen eine dauerhafte Beziehung einzig zu einem emotionalen Burnout finden.

Strategie 4: Keine Angst vor den FolgenStrategie 4: Keine Angst vor den Folgen

Nicht nur der Zwang nach Orientierung bestimmt das Verhalten des Menschen. Sondern auch die Angst. Wir wägen automatisch ab, ob ein Entscheid einen Gewinn „bringt“ oder einen Verlust bedeutet. Gewinn oder Verlust können ideeller Art sein oder eine materielle Natur haben.

Fies dabei ist, dass der westliche Mensch, wie unterschiedliche Studien belegen, seine Verlustängste viel höher gewichtet, als die Lust am Gewinn. Wer einer Wahl gegenüber steht, bei der er mit gleichem Risiko gleich viel verlieren oder gewinnen kann, entscheidet sich mit großer Wahrscheinlichkeit dafür, kein Risiko einzugehen.

Erst wenn der hypothetische Gewinn den potentiellen Verlust um Faktor 2 übersteigt, wird ernsthaft abgewogen. Viele Entscheidungen in diesem Bereich sind daher keine Entscheidungen, sondern in den Worten der Psychologie sog. affektive Prognosen, getrieben von Angst statt von neutraler Betrachtung der Handlungsoptionen.[5] Entscheider sollten sich vor diesem Hintergrund hinter die Ohren schreiben, was für erfolgreiche Produzenten und Start Ups selbstverständlich ist: Das grösste Risiko besteht oftmals im Leben darin, kein Risiko einzugehen.

Der erfahrene Entscheider wird in einer Situation, in der er Angst vor den Folgen hat, nicht sofort entscheiden. Sondern zuerst eine vertraute Person in seinem Umfeld, die in einer vergleichbaren Situation bereits so entschieden hat wie es der Entscheider zu tun gedenkt, dazu befragen, wie dieser die Folgen erlebt hat. Und erst dann für sich persönlich die Wahl zu treffen.

Strategie 5: Dem Bauchgefühl vertrauenStrategie 5: Dem Bauchgefühl vertrauen

Tom Manings war einer der ersten Fallschirm-Instruktoren weltweit, der seine Schüler im Freifall ausgebildet hat (vorher mussten angehende Fallschirmspringer zuerst eine Anzahl Sprünge an einer Reißleine absolvieren, die den Fallschirm sofort nach dem Absprung aus dem Flugzeug automatisch öffnete). Manings hatte die Maxime: „Wenn Du im Extremsport nicht sicher bist, ob die Bedingungen gut genug sind damit Du den Tag überlebst, sind die Bedingungen nicht gut genug.“ Erst wenn das Bauchgefühl stimmte, gab es für ihn Anlass, eine Handlungsoption auch rational zu hinterfragen.

Kein Entscheider, kein Manager argumentiert gerne mit seinem Bauchgefühl. Das Zusammenspiel von Komplexität, Zeitdruck und Entscheidungsqualität im Zusammenhang mit dem Bauchgefühl wird je länger desto mehr zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung. Bereits belegt werden konnte: Je komplexer die Entscheidung, desto besser sind Entscheidungen, die instinktiv getroffen werden. Bei einfachen Entscheidungen verbessert die Ratio die Entscheidungsqualität. Dies aber nur, wenn ausreichend Zeit vorhanden ist, um alle Pro und Kontra gegeneinander abzuwägen. In allen anderen Fällen erwiesen sich Entscheide, die „aus dem Bauch heraus“ gefällt wurden, als qualitativ besser. Immer vorausgesetzt natürlich, dass der Entscheider das für die Ausübung seiner Tätigkeit notwendige Wissen besass.[6]

Anders zu bewerten sind Entscheidungen, die unter Einfluss extremer Gefühle getroffen werden. Wer kurzentschlossen und wutentbrannt eine Wahl trifft, muss damit rechnen, dass er später seinen Entscheid und die daraus erwachsenden Folgen bereuen wird.[7]

Strategie 6: Nicht entscheidenStrategie 6: Keine Wahl treffen

Entscheiden heißt wählen und die Wahl, die wird getroffen. Von einem selbst, oder von Umständen und Faktoren, die ohne eigenes Zutun stattfinden. Wer eine Tätigkeit oder Funktion ausübt, bei der die aktive Entscheidungsfindung zum Berufsbild oder Stellenbeschrieb gehört, wird gute Gründe brauchen um ein Entscheidung auf die lange Bank zu schieben statt aktiv an die Hand zu nehmen. Auch die ebenso oft wie gerne praktizierte Taktik, einen eigenen Entscheid durch Rückdelegation an andere Stellen zu umgehen, ist selten karrierefördernd. Das Mantra der Managerklasse der neunziger Jahre („Stelle sicher, dass gute Entscheide dir zugeschrieben werden und schlechte Entscheide deinem Gegner“) trägt im Zeitalter flacher Hierarchien und sozialer Medien nicht unbedingt zur Akzeptanz von Führungskräften bei.

Anders sieht es aus, wenn über eine Problemstellung mit allen Beteiligten und Anspruchsgruppen diskutiert wird, um dann zu beschließen, keinen Entscheid zu fällen. Sich bewusst gegen eine Wahl oder gegen eine Lösung  eines Problems zu entscheiden ist in vielen Fällen besser, als sich festzulegen ohne vorher über die Optionen diskutiert zu haben.

Wer nicht auswählen kann oder nicht darf, kann sich damit trösten, dass rückblickend die Nichtentscheider zu einem fremden Entscheid die grössere Zufriedenheit äußern, als die Entscheider selbst.[8]

Strategie 7: Entschieden ist entschiedenStrategie 7: Entschieden ist entschieden

Wir leben vorwärts und erkennen rückwärts. Entschieden ist entschieden. Nur wenige Entscheide haben unumstößliche Folgen, die dann – weil unumstößlich – auch nicht mehr zu ändern sind und darum nach einer Analyse auch keine Energie mehr binden dürfen. Denn ob richtig oder falsch, gut oder schlecht, einfach oder schwer, Eines ist sicher: der nächste Entscheid, der wiederum Energie kosten wird, kommt bestimmt.


Strategie 8: Tun Sie im Zweifel einfach das RichtigeFür alle, die sich nicht für eine der vorgehend vorgestellten Strategien begeistern, offeriert Filmpuls noch eine exklusive, achte Option: Verzichten Sie auf Ausreden und entscheiden Sie sich im Zweifel einfach für das Richtige!


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Verweise und Quellen:
[1] Antonio Damasio, Neurobiologe, University of Southern California
]2] Daniel Kahneman, Wirtschaftsnobelpreis-Träger und Psychologe / Amos Tversky, Kognitionswissenschafter
]3] Sheena Lyengar, Psychologin, Columbia University, New York
]4] Barry Schwartz, Psychologe, Swarthmore College, Pennsylvania
]5] Hal Arkes, & Catherine Blumer, Ohio State University / Daniel Gilbert, Harvard
]6] Ap Dijksterhuis, Universität Amsterdam
]7] Daniel Fessler, University of California, Los Angeles
]8] Simona Botti, Cornell University / Ann McGill, University of Chicago


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