Film schneiden wie ein Profi (Teil 3): Das Geheimnis von Repetition und Rhythmus

Wie und warum der Schnitt bei der Filmgestaltung mitwirkt

Film schneiden und bearbeiten wie ein Profi: Rhythmus und Repetition Aus dem Nähkästchen der Profis

Handwerkliche wie künstlerische Aspekte der Filmmontage lassen sich nicht nur inhaltlich, sondern auch aus rein formaler Sicht betrachten. Film schneiden ist wie jede filmische Disziplin ein Handwerk mit dem Potential einer Kunst. Die durch formale Prinzipien geprägte Montage macht dank Rhythmus und Repetition die Wirkung des Filmbildes zum Stil-Prinzip.

Montage als formales Prinzip ist nicht nur bei Kunst- und Experimentalfilmen (exzessiv) anzutreffen. Abwechselnd mit weiteren Prinzipien der Montage ist der formal geprägte Schnitt in fast jedem Film oder Video zu finden:

Repetition im Schnitt: Dialog oder Monolog

Einstellungen können aus rein ästhetischen Gründen repetitiv hintereinander montiert werden. Die äußere Form des Bildes dominiert den Inhalt. Mehrheitlich diesem Prinzip folgt der großartige, experimentelle Dokumentarfilm „Samsara“ (2001) von Ron Fricke und Mark Magidson.

Die Aneinanderreihung von Einstellungen kann als Bildersammlung auf eine einheitliche Aussage, oder auf Widersprüche, hinsteuern. Auf diese Weise kann die Repetition zusätzlich den Charakter eines Monologs oder eines Dialogs bekommen. Bei der Form des Monologs gleichen sich die Einstellungen in Form, Inhalt, Motiv oder Bewegung. Anders beim Dialog, wo die Einstellungen in der Repetition keine formalen Gemeinsamkeiten aufweisen.

Einstellungen in der repetitiven Montage stehen immer in einer wechselseitigen Beziehung.

Weil der Mensch stets und überall wesensgemäß Muster und Sinnhaftigkeit erkennen will, sucht er (ähnlich wie bei der Parallel-Montage) nach der Bedeutung von Wiederholungen. Dies ungeachtet davon, ob eine solche vom Konzept und den Machern angestrebt wird oder nicht. Für den Editor ist das essentiell.

Montage ist gewonnene visuelle Sprache aus dem Feld der Dynamik, Geschwindigkeit, Energie und Kraft.
Jean Mitry, Film-Regisseur

Darum werden Leitmotive erst durch ihre Repetition zum, für den Zuschauer erkennbaren, Muster. Das Leitmotiv muss nicht wie bei Fotos innerhalb eines einzigen Bildes wiederholt werden, um erst als solches erkennbar zu sein. Ein gutes Beispiel was passiert, wenn diese Regeln nicht eingehalten wird, findet sich im FILMPULS-Artikel Die Top 10 der absurdesten Auftragsfilme der Welt.

Allerdings beschränkt sich die Anwendung von Repetition nicht nur auf formale Bereiche. Leitmotive können beim Film schneiden auch die Gestalt einer Emotion haben und einem Film ein tragendes Grundgefühl verleihen.

Film schneiden: der Rhythmus bringt’s

Der Rhythmus eines Filmes ist nicht ausschließlich von der Montage abhängig. Bewegung spielt im Bild eine ebenso große Rolle. Als Formprinzip zeigt sich der Rhythmus meist als schnelle Folge kurzer Schnitte. Viele schnelle Bruchstücke der Wirklichkeit setzen diese zu einer neuen Wirklichkeit mit der gewollten Wirkung zusammen.

Rhythmus kann als Montageprinizip auch dazu genutzt werden, um ein Lebensgefühl durch den Schnitt im Film für den Zuschauer erlebbar zu machen. Aber ungeachtet von der Art der Definition und losgelöst von Genre, Talent und Know-how des Cutters gilt für Filme und beim Videos schneiden: filmischer Rhythmus kann nicht mit mathematischer Präzision gemessen werden.

Anders als bei Fotos zeigt sich der Rhythmus eines Filmes erst im Schnitt. Aber eben nicht nur. Auch die Art wie die Kamera geführt wird, die Bewegungen der Schauspieler, die Inszenierung des Regisseurs, ja sogar das Sprachtempo des Off-Kommentar oder die Art der Interpretation der Dialoge und natürlich auch das Bild und die Musik bestimmen den Takt eines Filmes mit.

Auch die Anwendung von Zeitlupe (extreme Verlangsamung eines Filmbildes) oder von Zeitraffer (extreme Verschnellerung des Bildes) kann für den Rhythmus stilbildend sein. Der ursprünglich aus Hong Kong stammende Regisseur John Woo („Face Off“ u.a.) wurde während langer Jahre in Hollywood für seine Zeitlupen-Aufnahmen von aufliegenden weißen Tauben in seinen Action-Filmen gefeiert.

Alle diese Elemente helfen im Umgang mit dem Rhythmus mit, dass der Rhythmus eines Filmes mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Hinter jedem Schnitt steht natürlich immer ein Editor oder Cutter. Als Hauptverantwortlicher für den Schnitt prägt der Editor in Absprache mit dem Regisseur den Schnitt mit seiner Handschrift, mit seinem Wissen und mit seinem Talent. Ohne ist das Erstellen eines Films oder Videos nicht möglich.

Das Phänomen des unsichtbaren Schnitts

Zu den formalen Gestaltungprinzipien gehört auch der korrekte Umgang mit dem unsichtbaren Schnitt. Von einem unsichtbaren Schnitt (ein Phänomen) wird in der Kommunikation mit Film und Video immer dann gesprochen, wenn ein Film für das menschliche Auge zwar offensichtlich ist, vom Zuseher im Fluss der Story und der Erzählung aber nicht als störend wahrgenommen wird.

Der unsichtbare Schnitt ist nicht zu verwechseln mit dem versteckten Schnitt. Der versteckte Schnitt versucht, den Übergang zwischen zwei Einstellungen zu kaschieren. Auch das gehört zum Film schneiden.

Fortsetzung der Serie

Der abschließende Teil 4 der Filmpuls Sommer-Serie zum Thema Filme schneiden und Videoschnitt erscheint in einer Woche am 16. August 2016.

Die Inhalte der Serie Filmschnitt auf einen Blick:

Weitere Artikel:

Mehr zu diesem Thema findet sich im Artikel über gute Filmbücher.


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