Filme schneiden (Teil 4): wenn der Filmschnitt durch Manipulation die Wahrheit verdreht

Nur wer die Lügen erkennt kann die Wahrheit finden

Manipulation und Wahrheit beim Filme schneiden Studieren oder probieren?

Will man von Demagogen lernen oder folgt man der europäischen Geschichte ab der Zeit der Weimarer Republik und glaubt man der Theorie des Films, so ist das bewegte Bild eines der gefährlichsten aller Medien überhaupt! Filme schneiden kann durch Manipulation der Wahrheit beträchtlichen Schaden anrichten?

Der einfach nachvollziehbare Grund, warum Filme und Videos so brandgefährlich sein können: Ein Film erhält seine endgültige Form nicht bei den Dreharbeiten auf dem Filmset, sondern erst später und nachdem eine Vielzahl von wichtigen Entscheidungen im dunklen Kämmerlein des Editors getroffen wurden.

Das Arrangieren von Einstellungen und Sequenzen im Rahmen der Montage bietet etliche Möglichkeiten zur Manipulation. Dieser Artikel, der letzte der vierteiligen Filmpuls-Sommerserie zum Thema, zeigt die wichtigsten Arten der Manipulation, und erklärt die dahinterliegenden Mechanismen anhand von Beispielen:

Die digitale Bildbearbeitung ermöglicht ungeahnte Formen der Manipulation von Wahrheit. Gerade weil heute in Hollywood-Krachern alles was denkbar ist auch visualisiert wird, erscheinen dem Zuschauer real gedrehte Bilder als echt und wahr. Das gilt ganz besonders für den TV-Zuschauer und die Berichterstattung am Fernsehen oder für Dokusoap und Reportagen.

Die Dialektik und der Panzerkreuzer

Sergei Eisenstein

Sergei Michailowitsch Eisenstein (1898-1948), Regisseur und Cutter

Ein schönes Beispiel für Manipulation  der Wahrheit beim Filme schneiden bietet einmal mehr die Filmgeschichte, und der (ironischerweise für seine dialektische Montage berühmt gewordene) Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkim“ (1925). Der russische Propaganda-Spielfilm von Regisseur (und Cutter!) Sergei Eisenstein zeigt die Meuterei der Besatzung des Kriegsschiffs Knjas Potjomkin Tawritscheski gegen deren zaristische Offiziere.

1925 in Moskau im Bolschoi-Theater als Jubiläumsfilm zur Feier der Revolution des Jahres 1905 uraufgeführt, wurde das Werk aufgrund seiner Montage und trotz seiner radikalen Botschaft zu einem Welterfolg.

Die Montage ist die moralische Dimension des Films!
Sergei Eisenstein

Ein Jahr später erteilte Regisseur Eisenstein einem Verleiher in Schweden vertraglich die Erlaubnis, seinen Film vor der Vorführung (Zitat:) „geringfügig umzuschneiden, aber ohne etwas wegzulassen oder hinzuzufügen“.

Der Film beginnt im Original mit der Ausbeutung der Matrosen durch die Offiziere, die auf den Protest ihrer Mannschaft mit Todesurteilen reagieren. Im letzten Moment wendet sich das Exekutionskommando gegen die Offiziere und die Revolution beginnt.

In der für den skandinavischen Markt bestimmten Version begann der Film neu damit, dass das Exekutionskommando die Offiziere liquidiert, aber ohne die Gründe dafür zu zeigen. Dafür standen die Revolutionäre am Ende des Films zitternd vor den Gewehren der zaristischen Offiziere, die damit – anders als im Original – die Oberhand zurückgewonnen und die Revolutionäre besiegt hatten!

Einer der revolutionärsten Filme der damaligen Zeitgeschichte wurde in der Montage durch Manipulation beim Filme schneiden in sein Gegenteil verkehrt. Es muss Ironie des Schicksals gewesen sein, dass dieser Vorfall gerade Sergei Eisenstein passierte. Wahrheit im Film ist, was wir sehen.

VorschaubildWenn der Filmschnitt lügt

Eisenstein gilt bis heute als eigentlicher Vater der Dialektik im Filmschnitt. Seine Filme haben der Welt demonstriert, dass durch den Schnitt auch inhaltlich voneinander losgelöste Einstellungen zueinander in Beziehung treten können. Der Zuschauer glaubt, in der Kombination losgelöster Dinge die Wahrheit zu entdecken.

Wurde beispielsweise ein Männergesicht vor eine Großaufnahme eines Stücks Brot geschnitten, waren die damaligen Kino-Zuschauer überzeugt, die Person der das Gesicht gehört, wäre hungrig. Wurde aber eine lächelnde Frau zwischen die Aufnahmen des selben Männergesichts geschnitten, waren die befragten Kinobesucher fest überzeugt, der Mann hätte Freude, die Frau zu sehen.

Wenn TV-Formate lügen

Manipulation durch Umstellungen ganzer Filmsequenzen sind beim Filme schneiden heute die Ausnahme. Alltag aber ist die Umstellung der Reihenfolge chronologisch gedrehter Einstellungen, vor allem in Dokusoap und Reportage am Privatfernsehen. Hier wird oftmals im Schnitt manipuliert und getrickst, bis selbst dem Teufel ein Tränlein aus seinem Augenwinkel rinnt.

Beispiel: Ein Ehepaar spricht vor der Kamera über seine Beziehung. Als der Mann beifügt, dass es bei ihm Liebe auf den ersten Blick war, wirft die Frau ihrem Gatten einen kritisch-verneinenden Blick zu. Im Schnitt wird die Aussage zum Kennenlernen des Paares vom Schnittredaktor als wenig quotenrelevant beurteilt. Sie landet nicht in der Sendung. Der kritische Blick der Frau aber findet seine Weg in die Öffentlichkeit.

Um die Folge aufzupeppen und um dem Inhalt zusätzliche Spannung zu verleihen, ist die Einstellung als Zwischenschnitt an einer Stelle gelandet, wo der Mann nicht ohne stolz erklärt, die Beziehung funktioniere auch im verflixten siebten Ehejahr sehr gut. Wo im Original die Frau in Wahrheit zustimmend gelächelt hat, dreht der asynchrone Zwischenschnitt die Aussage nun in ihr Gegenteil und signalisiert: zwischen diesem Paar wird es in einer der kommenden Episoden noch richtig Zoff geben!

In den Kreis von Tier-, Dokumentarfilm und von Tierschützern gibt es das sogenannte Mickey-Mousing. Der Begriff, der Name sagt es, wurde von Disney geprägt. Die Tierfilme der 50er-Jahre des Unterhaltungskonzerns waren auch darum so erfolgreich, weil die Montage durch geschickte Abfolge der Einstellungen den Tieren scheinbare Emotionen und Reaktionen im Zusammenhang mit der Handlung verlieh, die zwar menschengleich, aber nichts mit der Realität zu tun hatten. Filmhund Lassie lässt grüssen.

Der Trick mit der Zeit

Ein alltäglicheres Beispiel für weit harmlosere Manipulationen beim Filme schneiden ist das Einfügen unbeweglicher Objekte in einen Handlungsverlauf.

Bewegungslose Objekte verbindet der Zuschauer im Gegensatz zu lebenden Objekten nicht mit Zeitvergehen. Zeigt ein Film oder Video hintereinander zwei Einstellungen eines gehenden Menschen, folgert der Zuschauer daraus nicht unbedingt, dass zwischen den Einstellungen Zeit vergangen ist. Wird zwischen dieselben beiden Einstellungen eine dritte Einstellung eingefügt, die ein bewegungsloses Objekt zeigt, suggeriert diese Kombination plötzlich den Fortgang der Zeit.

Der Grund für dieses Phänomen darin zu finden, dass die sichtbare Bewegung mit unserem natürlichen Zeitempfinden verknüpft ist.

Bewegungslose Objekte symbolisieren in der Gefühlswelt des Zuschauers kein reales Vergehen der Zeit. Sie sind gewissermaßen zeitlos oder unendlich. Die Kombination von realer Zeitempfindung mit nicht einschätzbarem Zeitvergehen ruft für die nachfolgende Einstellung beim Video machen darum das Gefühl hervor, es sei Zeit vergangen. Zur Frage der „richtigen“ Filmlänge siehe Wie lang muss ein Video sein.

Manipulation der Wahrheit

Filmlügen kann man nur erkennen, wenn man versteht, wie sie sie beim Film schneiden entstehen können.

  • Die Montage kann unterschiedliches Filmmaterial und unterschiedliche Szenen und Einstellungen anders als beim Drehen geplant zueinander in Beziehung setzen.
  • Schnitte werden mit Absicht so angelegt, dass sie nicht als solche erkennbar sind. Beispielsweise mit einem Reißschwenk.
  • Der Schnitt wird als starkes dramaturgisches Element missbraucht, das zur Manipulation falsche Kontraste schafft oder nicht existierende überraschende Momente provoziert.
  • Manipulierend kann die Montage auch durch die Kombination von Einstellungen wirken, die im Zusammenspiel eine neue Wirkung entfalten („Mickey Mousing“).
  • Zeitraffer und Zeitlupe erzählen nicht die Wahrheit, sondern eine Verkürzung oder Verlängerung realer Vorgänge.
  • Das offensichtliche ist für den Zuschauer oftmals nicht sichtbar. Ein schönes und essentiell wichtiges Beispiel dafür ist das Phänomen der  sogenannten unsichtbaren Schnitte.

Hugo Ball, Mitbegründer der Dada-Bewegung und Autor, erkannt schon in den dreißiger Jahren: „Das Bild ist die Mutter des Wortes„.  Der Vater des bewegten Bildes ist der Filmschnitt. Darum besitzen Filmemacher und Videoproducer eine ganz besondere Verantwortung.

Die Inhalte der Serie Filme schneiden auf einen Blick:

Weitere Artikel:

Mehr zum Thema Filme schneiden und Manipulation der Wahrheit findet sich in der untenstehenden Literaturliste und im Artikel von Filmpuls über Gute Filmbücher.


Literatur zum Thema

  • Die Kunst des Filmschnitts, Michael Ondaatje,  1996
  • Handbuch der Filmmontage: Praxis und Prinzipien des Filmschnitts, Herausgegeben von Hans Beller, TR-Verlagsunion
  • Ein Lidschlag, ein Schnitt. Die Kunst der Filmmontage, von Walter Scott Murch, Alexander Verlag  Berlin
  • Geschichte der narrativen Filmmontage: Theoretische Grundlagen und ausgewählte Beispiele, von Michaela S. Ast, Tectum Verlag

Seit Anfang 2017 ist Filmpuls auf Smartphones ergänzend auch im neuen Google-Mobile-Standard AMP (Accelerated Mobile Pages) verfügbar. Ebenso ist Filmpuls für eingeloggte Mitglieder auf Facebook Apps neu auch kostenlos in den News als Instant Article als Test sichtbar. Die Lesbarkeit von Tabellen ist für entsprechende User beider Anbieter aus technischen Gründen aktuell noch erschwert. Wir bitten um Verständnis.

Im Interesse der Lesbarkeit wurden in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen auf die männliche Form reduziert. | © Artikel Filmpuls

Über Redaktion Filmpuls

Unter der Bezeichnung «Redaktion Filmpuls» erscheinen Beiträge, die von mehreren Redaktionsmitgliedern gemeinsam erstellt werden.

Filmpuls geben

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*