Warum es die Filmklappe auch im digitalen Filmschaffen braucht

Über ein Filmwerkzeug mit großer Wirkung

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Viele Filmbegeisterte träumen davon, die Klappe halten zu dürfen. Gemeint ist natürlich die Filmklappe, auch bekannt als Regieklappe oder Synchronklappe. Wenn es neben dem Regiestuhl ein Symbol für professionelles Filmschaffen gibt, so ist sie es. Dieser Artikel erklärt, was es mit diesem Werkzeug auf sich hat und warum auch im digitalen Filmschaffen ein Clapperboard nach wie vor dazu gehört.

Die Synchronklappe (engl. Clapperboard) ist besser bekannt unter ihrem falschen Namen Filmklappe oder Regieklappe. Wie die Metallbüchsen, in welchen früher die Filmrollen vor Umwelteinflüssen geschützt wurden, hat auch die Filmklappe eine Karriere auch als Dekorelement an Partys gemacht. Aber anders als das Zelluloid hat sie den Sprung in die digitale Welt geschafft.

Es gibt nur wenige Werkzeuge im professionellen Filmschaffen, die dermaßen einfach konstruiert und mit denen so viel Geld und Zeit gespart werden kann, wie mit Filmklappen. Zumindest galt das für die analogen Klappen. Diese bestanden aus zwei beweglichen Teilen aus Holz oder Plastik, die man gegeneinander schlagen konnte. Der Effekt aber, der aus diesem Zusammenschlagen erzielt wurde, war gewaltig.

Älter als der Tonfilm

Bevor Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts der Tonfilm erfunden wurde, war die Filmklappe keine Klappe. Sondern einfach eine schwarze Tafel aus Schiefer. In der englischen Sprache wurde sie Slate genannt. Auf diese wurde mit weißer Kreide (wir sind im Zeitalter des Schwarz-weiß-Films und lichtarmer Filmbeschichtung und ebensolcher Kameraobjektive) die Einstellung vermerkt, die gerade gedreht wurde. Kurz die Tafel vor die Kamera gehalten und fertig. Damit konnten die Cutter, die nicht beim Dreh anwesend waren, im Schneideraum die Einstellungen schneller den jeweiligen Szenen zuordnen und damit schneller arbeiten.

Gleichzeitig konnte der Regisseur oder seine Assistenz, schon beim Dreh ein Protokoll führen, welche Einstellung er für gelungen hielt. Auch das half dem Cutter bei der effizienten Erledigung seiner Arbeit.

Im Kopierwerk entwickelte man das Negativ und erstellte davon eine Arbeitskopie. Montiert („geschnitten“) wurde zuerst die Arbeitskopie (eine Positivkopie, die man im Vorführraum ansehen konnte). Die Zuordnung von Nummern erlaubte auch, misslungene Einstellungen im Kopierwerk gar nicht erst auf die Arbeitskopie zu kopieren. Auch das sparte Zeit und Geld.

Mit der Filmklappe konnte man also schon Zeit und Geld sparen, bevor sie als solche erfunden war. Die eigentliche Karriere begann für die Synchronklappe aber erst mit dem Erfolg des ersten Tonfilms 1927.

Professionelle Filmkameras waren lange Zeit wahre Monster. So schwer, dass man sie unmöglich in der Hand halten konnte. So laut, dass kein Schauspieler fragen musste, ob die Kamera schon angelaufen war. Der Sperrgreifer (auch bekannt als Malteserkreuz), der den Film mechanisch Bild für Bild vor die Blende führte, ratterte wie eine Nähmaschine. Am Gewicht der Kameras änderte erst die Erfindung des Flugzeugs und der Erste Weltkrieg etwas. Plötzlich waren mobile Kameras zur Luftaufklärung gefragt.

Synchronizität als Geburtshelfer

Die Piloten, die mit offenem Cockpit in ihren Doppeldecker über die Front tuckerten, wollten leichte und kleine Kameras. Leise aber mussten sie nicht sein. Die knatternden Flugzeugmotoren waren lauter als jede Kamera.

Anders sah es in den Filmstudios aus. Im Tonfilm zerstörte der Lärm der Kameras jede Illusion. Er überlagerte die Stimmen der Schauspieler und machte auch dem dümmsten Zuschauer von der ersten Sekunde an klar, das was er sah ein Film und nicht die Realität war. Die Lösung des Problems war ebenso einfach und billig. Man isolierte die Kameras mit dicken Hüllen, sogenannten Blimps. Im Studio standen die Kameras sowie auf Rollen und spielte das Gewicht keine Rolle.

Traditionelle Filmklappe - Filmpuls

Traditionelle Filmklappe

Das viel größere Problem bestand im Erfordernis, Bild und Ton im Schneideraum synchron zu bringen. Das war die Geburtsstunde der Filmklappe, wie wir sie heute kennen. Schlug ein Kameraassistent vor der Linse die zweiteilige Klappe mit einem harten, kurzen Knall zusammen, hatten die Cutter nicht nur die Einstellungsgrößen im Bild, sondern im Bild und Ton einen Synchronpunkt.

Das Zusammenschlagen auf der Tonspur legte der Cutter parallel auf dasjenige Bild an, auf dem die Klappenteile sich berührten. Heute ruft der Kameraassistent sicherheitshalber parallel zum Klappenschlagen die Szene-, Einstellungs- und Wiederholungsnummer.

Die noch einfachere Lösung, Bild und Ton von Beginn weg auf dasselbe Medium aufzuzeichnen, hat sich interessanterweise bis heute noch nicht überall im professionellen Filmschaffen durchgesetzt. Ausnahmen wie der Dokumentarfilm oder Dokusoaps und Reportagen für das Fernsehen bestätigen die Regel.

Einerseits ermöglicht die Trennung von Bild und Ton den jeweiligen Spezialisten, sich ungehindert dort zu bewegen und auf dem Dreh zu positionieren, wo es für die jeweilige Aufgabe optimal ist. Andererseits ist die Konzentration auf nur eine Aufgabe ein Kennzeichen der Professionalität. Das gilt auch für Kamera und Tonaufzeichnungsgeräte. Diese müssen so nicht multifunktional, sondern können hoch spezialisiert sein. Das Beste aus jeder Welt, gewissermaßen.

Die Filmklappe ist darum überall dort anzutreffen, wo höchste Qualität gefragt ist.

Auf dem Filmset

Auf dem Set ist der 2te Kameraassistent in der Regel für die Filmklappe zuständig. Bei kleineren Produktionen übernimmt oft der 1te Assistent oder ein Praktikant die Verantwortung für das Beschriften und Schlagen der Klappe.

Vermerkt wird jede Szene, jede Einstellung und die Anzahl der Wiederholungen, in der eine Einstellung gedreht wird, bis der Regisseur zufrieden ist. Vielfach ist auf der Filmklappe auch der Namen der Produktion, der Filmtitel und der Name von Regisseur und Kameramann vermerkt.

In der analogen Zeit war dies für das Filmlabor wichtig (auch wenn der Kameraassistent natürlich auch die Filmbüchsen mit dem latenten Negativ sauber beschriftete, um Verwechslungen vorzubeugen). Heute stehen bei den Zusatzinformationen eher die Angabe der Frame Rate, das Datum oder weitere wichtige Informationen für die spätere Bildbearbeitung.

Geschlagene Klappen und präzise geführte Files ermöglichen es dem Editor bei der Vorbereitung der Montage, schnell und effizient zu arbeiten. Gleichzeitig befreit es die Crew im Schneideraum davor, jede einzelne Wiederholung einer Einstellung von A bis Z durchsehen zu müssen.

Natürlich gibt es auch beim professionellen Film ab und an Situationen, in denen das Schlagen einer Regieklappe schlichtweg unmöglich ist. Diesfalls hilft man sich mit dem Zusammenschlagen der Hände vor der Kamera und behilft sich nur mit der Stimme. Wo auch dies unmöglich ist, schlägt man die Klappe am Ende der Einstellung und dreht sie zur Kennzeichnung des Endes der Einstellung um 180 Grad, sodass sie sich kopfüber vor der Linse befindet.

Arten und Typen

Eine professionelle Regieklappe zeichnet sich durch Robustheit aus. Das unterscheidet sie vom Schrott, den viele Webportale im Internet als Requisition anbieten. Es gibt Dutzende unterschiedliche Arten von Synchronklappen mit diversen Optionen. Von den Top-Modellen (mit dem entsprechenden Preisschild dran) mit digitalem Timecode über den Klassiker aus Holz bis zu Klappen aus Plexiglas.

Regieklappe mit Klebeband - Filmpuls

Regieklappe mit Klebeband

Damit sich die 2te Kamera-Assistenz nicht nach jedem Beschriften der Klappe die Hände waschen muss, hilft ein Trick. Statt direkt auf der Klappe notiert man die Zahlen auf einem Textilklebeband . Mit diesem werden die Ziffern nicht nur aufgeklebt, sondern können auch einfach entfernt und mehrfach entfernt werden. Um noch schneller zu sein, hat sich der erfahrene Assistent auf der Rückseite dieser Klappen bereits einen Vorrat an Zahlen notiert.

Davon eine Variante ist die Filz/Klett-Klappe. Hier sind die Klebestellen mit Klettbandstreifen bereits angebracht und ebenso die Zahlen vorfabriziert. Beide Arten von Klappen, klassisch aus Holz oder mit vorgefertigten Zahlen und Befestigungen, sieht man eher früher als später den Alltagsgebrauch an. Bei der Holzklappe splittert der schwarze Lack und das wiederholte Abreißen des Klebebandes hinterlässt Spuren. Umgekehrt haften bei der Klett-Variante bald schon die Ziffern nicht mehr zuverlässig und zeigen sich ausgefranste Ränder und Verschmutzungen.

Die Plexiglasklappe kennt diese Probleme nicht. Sie nutzt auch weniger schnell ab. Erfunden und beliebt ist sie aber aus einem anderen Grund. Das weiße, halbtransparente Plexiglas gewährleistet eine hervorragende Lesbarkeit der Zahlen. Sogar, wenn man die Klappe im dunkleren Bereich des Filmsets einsetzt. Weil Plexiglas beim Zusammenschlagen keinen lauten Knall erzeugt, ist oben an der Plexiglasklappe eine Leiste aus Ahornholz angebracht. Denn, darauf schwört der Profi, von allen Holzarten knallt Ahorn am schönsten.

Auf einem professionellen Spielfilm-Dreh werden zugleich auch Klappen in unterschiedlichen Größen eingesetzt. Kleine Klappen kommen immer dahin zum Einsatz, wenn die Kamera nahe an einer Person ist und Nahaufnahmen gedreht werden. So sind auch bei kleinem Bildausschnitt alle Daten lesbar.

Digitale Filmklappe

Timecode-Klappen und digitale Synchronklappen sind die Bentleys unter den Filmklappen. Weit teurer als die durchschnittliche Regieklappe, bieten sie dem Nutzer einen hohen Komfort. Dazu gehört aber auch die Notwendigkeit zusätzlicher Akkus. Ebenso braucht es eine spezielle Komponente, die beim Einsatz von Timecode diesen mit dem Tonaufnahmegerät synchronisiert.

Regieklappe mit Timecode - Filmpuls

Synchronklappe mit Timecode

Damit Bild und Ton bildgenau zugeordnet werden können, zeigen Timecode-Klappen keine Sekunden (oder deren Bruchteile), sondern einen Zählwert von 0 bis 23. Dies, weil eine Filmsekunde standardmäßig aus 24 + 1 Einzelbildern besteht.

In Europa sind solche Klappen darum meist nur für Musikvideos und komplexe Dreharbeiten mit mehreren Kameras im Einsatz. Meist werden sie dann nicht gekauft, sondern mit dem Filmequipment für die Dauer der Produktion angemietet.

Apps für Smartphones und Tablets

Alternativ zu den digitalen Klappen gibt es Synchronklappen, die nur als App auf Smartphones oder Tablets eingesetzt werden können. Dazu zählen Apps wie die MovieSlate oder Digital Clapperboard.  Diese Gadgets für iOS oder Android verstehen sich nicht nur als Ersatz für die klassische Klappe, sondern erfassen auch zusätzliche Informationen. Dazu zählen die Kennzeichnung guter oder schlechter Takes oder weitere Funktionen, die mehr die Organisation des Drehs als die Einstellung selbst betreffen.

Problematisch ist bei den meisten dieser Apps nach wie vor die Kopplung von Bild- und Toninformation in der realen Welt. Ganz einfach, weil der optisch-akustische Synchronpunkt eben nur von der App und damit von einem Gerät erzeugt wird und sich die Bildwiederholfrequenz (aktuell) noch nicht einstellen lässt. Passt diese nicht zur Bildrate der Kamerafrequenz oder des Tonaufnahmegeräts, muss nachträglich mühsam kontrolliert und synchronisiert werden.

App für iPad mit Klappenfunktion Filmpuls

App für iPad mit Klappenfunktion

Für die Arbeit auf dem Set verwenden Profis solche Apps bisher meist zum Erfassen zusätzlicher Informationen zur Einstellung. Diese ersetzen entweder das Mitschreiben der Informationen zu jedem Take oder dienen als Zusatzinformation für die Montage.

Findige Köpfe verbinden das beste aus beiden Welten, analoge Klappe und digitale Apps, indem sie das Tablet oder Smartphone an der Filmklappe montieren. Mittlerweile existieren Clapperboards, die extra dafür eine vorbestehende Haltevorrichtung haben. Die Software der Apps umgekehrt, reagiert automatisch auf den Klappenschlag. Damit verbindet sich Zukunft und Herkunft der Filmklappe auf pragmatische Weise.

Schnapsklappen

Entsprechen die Zahlen auf einer Filmklappe einem gewissen „Muster“,  spricht man von einer Schnapsklappe. Das können alles identische Zahlen sein, wie die sechste Einstellung der sechsten Szene in der sechsten Wiederholung. Traditionsgemäß wird bei einer solchen Schnapszahl auf dem Set eine (alkoholfreie) Runde fällig. Am Abend nach Drehende wird dann die Schnapsklappe noch richtig zelebriert.

Das Ritual beim Dreh

Auf dem Set eines professionellen Filmes ist das Schlagen der Filmklappe nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch ein tausendfach wiederholtes Rituals für alle Beteiligten. Das hört sich dann etwa so an:

1. Regie-Assistenz: «OK, Ruhe bitte. Wir drehen!» Tonmeister: «Ton läuft!» Kamera: «Kamera läuft!» 2. Kamera-Assistenz: «Szene 5, Einstellung 3, Take 2» (begibt sich zurück hinter die Kamera) Regisseur: «Und bitte!»


im Interesse der Lesbarkeit sind in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen auf die männliche Form reduziert. Gemeint sind immer Frauen und Männer | © Filmpuls – das Magazin für Filmemacher und Videoproducer

Über Carlo P. Olsson

Carlo P. Olsoon berät Auftraggeber und Produktionsfirmen. Er begleitet als Line Producer die Herstellung von Filmen, Videos und TV-Serien. In seiner Freizeit spielt er Eishockey und beschäftigt sich mit barocker Klangdramatik.

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