15 Punkte, die jedes gute Filmkonzept enthalten muss

Checkliste

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Das Filmkonzept ist für jede Kommunikationsmaßnahme mit Bewegtbild ein essentieller Bestandteil. Man kann mit gutem Gewissen behaupten, dass ein Film oder ein Video, zumindest aus Sicht des Auftraggebers, nur so gut werden kann, wie es das dahinter liegende Konzept ist.

Es gibt unzählige Arten und Möglichkeiten, einen Film oder ein Video zu konzipieren und zwecks Abstimmung und Freigaben zu verschriftlichen. Ob wie beim Werbefilm mit einer Directors Interpretation (auch DI genannt) und Storyboard, ob als Exposé, Treatment, Story Outline oder ganz einfach mit einem Dokument, das mit „Konzept“ überschrieben ist, jedes Filmkonzept hat einen gemeinsamen Nenner: es sollte Antworten auf 15 Fragen geben, die über das Schicksal des späteren Werkes mitbestimmen.

Was muss ein Filmkonzept können?

Ein Filmkonzept ist kein Drehbuch, kein detaillierter Bauplan, sondern die Basis für die weitere Kreationsarbeit. Es ist die erste Stufe auf dem Weg zum fertigen Film, der aus Sicht der Wirkung in allen weiteren Schritten dem Grundsatz der Äquivalenz folgt. Gleichzeitig, und das ist wichtig, muss ein Filmkonzept als Checkliste für alle Beteiligten sicherstellen, dass der Auftrag richtig verstanden wurde und sich die Umsetzung auf dem richtigen Weg befindet. Ein Filmkonzept bekommt damit auch den Charakter eines Milestone.

Es empfiehlt sich, innerhalb eines Filmkonzepts zwei Stufen zu unterscheiden: Storyforming und Storytelling.  Storyforming ist die Antwort darauf, WAS die Story ist. Das Storytelling erklärt, WIE die Story erzählt werden soll.Nicht nur jüngere Autoren und wenig geübte Talente verwechseln diese beiden Aspekte einer Geschichte oft. Die Unterscheidung zwischen Storyforming und Storytelling zwingt dazu, sich der Unterschiede bewusst zu werden, und sich gezielt für eine Erzähldramaturgie zu entscheiden. Schließlich ist Storytelling ohne Storyforming nicht möglich.

Beide Stufen, Storyforming und Storytelling, können abhängig von der Komplexität der Aufgabenstellung bei der Konzeption entweder zeitgleich und miteinander verknüpft betrachtet werden, oder in aufeinander folgenden Schritten.

Der Unterschied zwischen Storyforming und Storytelling

Eine junge Frau surft an einem abgelegenen Strand mit Freunden im Meer. Nachdem ihre Kollegen von einem Haifisch getötet wurden, flüchtet sich die Frau auf einen Felsen weit vom Ufer entfernt. Der Hai zwingt die Frau, die Nacht auf dem Felsen zu verbringen. Um auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam zu machen, zeichnet sie mit einer Actioncam einen Hilferuf auf, und wirft die Kamera mit einem Plastikhelm wie eine Flaschenpost ins Wasser. Ein Kind findet die Kamera, und die Frau gerettet. Das ist Storyforming.

Wäre der Film The Shallows eine wahre Begebenheit, der Ablauf der Ereignisse wäre wohl in etwa dieser Reihenfolge in einem Polizeibericht aufgezeichnet worden

Chronologische Reihenfolge und die Verkettung von Aktion und Reaktion kennzeichnen das Storyforming.

Das Storyforming ist also die Geschichte, in der alles schön nacheinander erzählt wird. So, als ob eine Kamera bei dem, was in der Erzählung passiert, von A-Z dabeigewesen wäre. Für die Konzeption einer Filmproduktion, ob Spielfilm, Webvideo oder Imagefilm für ein Unternehmen, sind diese chronologischen Ereignisse nicht viel mehr als Informationen. Damit diese Informationen dem Publikum als Bild spannend erzählt werden können, braucht es das Storytelling. Eine Uhr lässt sich nicht anhalten. Was passiert, fügt sich stets in eine Zeitlinie ein und formt damit die Story. Beim Erzählen (und nichts anderes heisst „Storytelling“) ist das gänzlich anders: Der Erzähler darf, ja er muss sogar, Lücken setzen, er kann Ereignisse rückwärts erzählen.

Storytelling bedeutet, eine Geschichte so zu erzählen, dass der Zuschauer fasziniert ist und sich, ohne es zu merken, mit der Story identifiziert.

Im Storytelling zeigt sich, wer das dramaturgische Handwerkszeug des Filmemachers beherrscht. Hier unterscheiden sich Talente, Jungspund und Künstler vom Handwerker und Möchtegern.

Für die junge Frau, das Kinopublikum und den hungrigen Haifisch bedeutet Storytelling, dass die Geschichte aus Gründen der Spannungserzeugung nicht mit der Fahrt zum Strand beginnt. Sondern damit, dass der Helm mit der Action-Kamera, und damit der Hilferuf, am Strand von einem Jungen gefunden wird. Kaum hat der Film begonnen, wissen wir als Zuschauer schon: Hilfe ist unterwegs. Langweilig? Ganz und gar nicht! Weil einerseits der Fisch überraschend viel Kreativität an den Tag legt, sich die Hauptdarstellerin Blake Lively einzuverleiben. Und weil andererseits Rückblenden den Charakter zunehmend vielschichtiger zeichnen. Der Zuschauer weiß, dass Hilfe kommt. Aber nicht, ob noch rechtzeitig. Genau dieses Storytelling macht die Spannung nahezu unerträglich. Das Publikum weiß es zu danken: Der Survival-Kracher erreicht diese Tage die Grenze zu 100 Millionen Umsatz an der Kinokasse. Dem Storytelling sei Dank!

Ob selbst-ähnlich kommuniziert wird (siehe dazu den Artikel Authentizität: Warum gute Filme leuchten und schmerzen müssen) oder zum Mittel der Fiktion und Inszenierung gegriffen wird, Regisseur Jürg Ebe fasst das Storytelling ebenso einfach wie prägnant zusammen: »Storytelling heißt nichts anderes, als eine Geschichte gut zu erzählen!«


Die 15-teilige Checkliste

Die Filmpuls-Checkliste zur Bewertung von Filmkonzepten unterscheidet selbstsprechend zwischen Storyforming und Storytelling. Und sie fokussiert, wie alle Artikel in diesem Forum, primär auf Auftragsfilme. Weil auch diese Art Filme im Kampf um Aufmerksamkeit und online bestehen müssen, macht die Unterscheidung zwischen Storyforming und Storytelling auch hier Sinn. Genau so wie jeder Film nicht anders kann als einen Blickwinkel zu haben, so sucht der Zuschauer auch in jedem Film eine Story.

Der Grad der Details und der Sprache entspricht der Natur einer Checkliste: Stichwörter helfen zur Überprüfung, ob die wesentlichen Fragen in einem Filmkonzept erwähnt und bedacht worden sind. Die Kompetenz und die Erfahrung einer Filmproduktion kann die Liste nicht ersetzen.

No.Storyforming
1Kernaussage
2Inhaltsbeschreibung (Ablauf der Story)
3Personen, die in der Story vorkommen
4To do
5Do not

Quelle: Condor Films, Sommer 2016

No.Storytelling
6Erzähldramaturgie
7Erzählperspektive
8Zuschauerführung
9Off-Voice und Sprachfigur
10Story Values
11Look and Feel
12Montage, Rhythmus, Schnitt
13Musik und Sound Design
14Animation 2D/3D
15Grafische Elemente (Titel, Logo, etc.)

Tabelle: Condor Films, Sommer 2016

Erläuterungen

  1. Die Kernaussage ist die wesentliche Botschaft des Films oder Videos. Sie wird sich immer aus einem Mix aus Informationen und Emotionen zusammensetzen, die der Film zu transportieren hat.
  2. Die Beschreibung des Inhalts ist der Kern des Storyforming. Der Inhalt kann realen Ereignissen entsprechen, oder erfunden sein. Wer ohne Storyforming direkt zum Storytelling springt, backt den Kuchen, bevor er die Zutaten eingekauft hat.
  3. Statt Personen können selbstsprechend auch Handlungsorte und weitere Faktoren für das Storyforming eine Wichtigkeit besitzen. Diesfalls gehören auch diese Elemente unter diesem Punkt aufgeführt.
  4. To Dos: Gerade in der Unternehmenskommunikation werden Aussagewünsche in der Regel ganz bewusst in ein grösseres Ganzes eingefügt und auch mit weiteren Kanälen, Medien und Distributionsformen abgeglichen. Damit einher geht in der Regel eine ganze Reihe von erfolgsrelevanten Punkten, die ab Projektbeginn zwingend zu beachten sind. Das sind die To-Do’s.
  5. Don’t: sind das Gegenstück zu den To-Dos. „Was ist das schlimmste, was dieser Film auslösen und bewirken könnte“ – diese Frage beantworten die Don’ts. Zusammen mit den anderen ersten fünf Fragen der Liste bilden sie den Rahmen, innerhalb dessen das Storytelling beim Video machen aufgesetzt werden darf.
  6. Die Erzähldramaturgie erklärt, sei es in Worten, ohne fachchinesisch und auf gut Deutsch, oder bereits in Form eines Exposés oder einer Storyoutline, „wie“ die Geschichte erzählt und dem Publikum wirkungsstark präsentiert werden kann.
  7. Erzählperspektive ist der Blickwinkel, aus welchem die Geschichte erzählt wird. Sie ergibt sich nicht automatisch aus Storyforming und Storytelling, sondern muss bewusst gewählt werden. „Shallows“ beispielsweise könnte, ohne die Elemente und Dramaturgie grundlegend zu verändern, auch aus der Sicht des Retters, oder des Haifischs, statt aus der Sicht der Surferin erzählt werden.
  8. Viele Filme und Videos verwenden alle Energie auf die Erarbeitung der Erzählperspektive und die Hauptfigur – und vergessen dabei, dass bei der Kommunikation mit Film und Video das Publikum ein Recht darauf hat, vom Filmemacher und Absender des Films geführt zu werden. Die Frage nach der Zuschauerführung stellt sicher, dass auch für die Zuschauerführung ein Plan vorliegt.
  9. Bewegtbildkompetenz zeigt sich immer auch beim Umgang mit der „Sprecher-Stimme“. Viele Auftragsfilme stützen sich beim Transport der Inhalte auch auf Off-Voice und Off-Kommentar. Ihre Einbindung in ein Filmkonzept gehört nicht in den Schneideraum, sondern von Beginn weg geplant. Bei internationalen Filmen, die in der deutschen Sprache realisiert wurden, stellt sich immer auch die Frage nach Untertiteln oder Synchronisation.
  10. Story Values sind das inhaltliche Pendant zu den etwas bekannteren Production Values. Beides Mal geht es um die Frage der Allokation der Mittel zur Erzielung optimaler Wirkung. Die Story Values sollen aufzeigen, auf welche Storypoints die Aufmerksamkeit des Zuschauers bei der Erzählung fokussieren soll. Production Values beantworten dagegen die Frage, wo sich mit welchen budgetären Mitteln ein maximaler Effekt erzielen lässt (merke: inhaltliche wichtige Szenen in einem Film sind nicht automatisch auch die teuersten in der Produktion).
  11. Video und Film heißt Bild. Wie soll die visuelle Welt des Films daherkommen? Wie sich für den Zuschauer anfühlen? Das ist der „Look and Feel„.
  12. Rhythmus und Montage: siehe vierteilige Artikel-Serie Filme und Video schneiden.
  13. Ein Universum für sich sind Musik und Sound Design. Darum wird hier nicht weiter darauf eingegangen.
  14. Es gibt sie in zwei Formen: versteckt und ohne dass der Zuschauer sie überhaupt bemerkt, oder als Element der Filmkommunkation. Ungeachtet wie, Animationen sind kostenintensiv. Ein Filmkonzept, dass dazu keine Aussage macht, kann zu mancherlei Überraschungen für alle Beteiligten führen.
  15. Als Teil der Brand kennzeichnen grafische Elemente oftmals den Absender eines Filmes oder Videos. Die Integration von Logos und Titeln des Kunden in einen Film sollte daher nicht als Nebensache angesehen werden.

In der Grauzone zwischen Inhalt, Form und Technik befinden sich die Fragestellungen zum Filmformat und Videoformat. Sie bestimmen den Look & Feel eines Filmes mit und sind damit vom Inhalt abhängig, besitzen aber auch eine hohe technische Komponente.


Siehe dazu auch die Checkliste zum Thema Briefing Imagefilm mit Fokus auf die produktionellen Aspekte der Filmherstellung. Zum Preis Imagefilm und den zwei Arten zur Preisbestimmung findet sich ebenso ein Artikel  im Filmpuls (siehe vorgehendes Link „Preis Imagefilm“).

Über Philippa von Wittgenstein
Philippa von Wittgenstein ist Producerin und Consultant für Film und Video. Sie betreut bei Condor Films nationale und internationale Filmproduktionen.

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