Filmkosten und Kalkulationen mühelos und richtig verstehen

Anleitung für Einsteiger

Voodoo-Accounting: Budget und Kalkulationen für Film und Video verstehen Voodoo-Accounting war gestern

In Teil 2 zu Voodoo-Accounting und Kostenwahrheit tauchen wir, soweit das in einem Überblick möglich ist, tiefer in die Materie Filmkosten ein. Und stellen uns die Frage, wie man ein Budget mühelos verstehen kann, und, wie bei Anpassungen für die Qualität des angestrebten Werkes wichtiger mit einer Kalkulation für Film oder Video korrekt umgegangen werden soll.

Der vorgehende Teil 1 dieser Artikelserie zum Filmbudget und zur Darstellung von Handlungskosten und Gewinn bei Film und Video hat sich mit der Art der Darstellung von Kosten in Budgets und Filmkalkulationen befasst. Richtwerte mit Filmkosten finden sich im Artikel Was kostet ein Film.

Der Preis für eine Marketing-Maßnahme mit Bewegtbild ist im Total der Videokalkulation einfach festzustellen, solange man über eine solche verfügt. Schwierig wird es aber, wenn man ein Budget nicht als notwendiges Übel und als simplen Kostenfaktor, sondern als Bauplan für einen Film versteht – und als Bauherr hinter die Kulissen blicken möchte. Wir wagen den Versuch, dazu eine kleine Anleitung für Einsteiger in das Thema Kalkulation für Film und Video zu skizzieren:

1. Vorbereitung zur Analyse der Filmkosten

Was kosten Filme? Die korrekte Analyse einer Filmkalkulation beginnt nicht damit, das Kalkulationsschema in die Hand zu nehmen und zu studieren. Die Analyse startet mit der Frage, welche Punkte für den geplanten Film relevant sind. Dazu muss man das Filmkonzept kennen. Wer nicht weiß wonach er sucht, der stößt entweder zufällig auf irgendwelche Fundstücke (oder schlimmer: Bruchstücke) oder findet gar nichts.

Darum sollte der Leser eines Filmbudgets, ungeachtet ob für einen Imagefilm, ein CEO Video oder sonst eine Filmart, sich folgende Fragen vorab stellen und sich – sei es alleine oder mit fachkundiger Unterstützung durch einen Experten – die dazugehörigen Antworten eigenständig erarbeiten. Im Idealfall ist das keine große Arbeit, weil sich Filmkosten bereits aus dem Briefing des Auftraggebers und dem Rebriefing oder der Offerte des Auftragnehmers herausziehen lassen.

Bewegtbild-Content

So erstaunlich es ist, wir erleben immer wieder Fälle, in denen ein Budget für Filme losgelöst vom herzustellenden Inhalt beurteilt wird. Wer den mit filmischen Mitteln umzusetzenden Aussagewunsch oder das zu verfilmende Storyboard nicht kennt, verwechselt die Produktion eines Filmes mit der Herstellung von Schrauben. Zugegeben, diese lassen sich nach Deutscher Industrien-Norm (kurz DIN) herstellen. Filme und Videos nicht.

Production Values

Die sogenannten Production Value im Film sind eines der größten Mysterien im Auftragsfilm. So wenig sie unter Filmproduktionen einer einheitlichen Definition folgen, so häufig werden sie als Argument in Budgetdiskussionen gebraucht und als Filmkosten missbraucht. Wir verwenden den Begriff in diesem Artikel und im Zusammenhang mit Kalkulationen als Teil der Produktqualität:

Production Values sind diejenigen Treiber, mit denen das angestrebte Qualitätsziel einer Bewegtbild-Kommunikationsmaßnahme mit optimalen Einsatz der Mittel erreicht werden kann
Kristian Widmer

In anderen Worten: es geht um Budget-Allokation.

  • Wo setzen wir (immer mit Blick auf das vorgegeben Filmkonzept) welche Mittel mit welchem Effekt ein?
  • Macht es Sinn, in die Darsteller zu investieren?
  • Oder in digitale Effekte? Oder besser in den Soundtrack?

Im Idealfall sind für alle wichtigen Positionen genügend Mittel da. Leider gibt es den Idealfall nur im Film, nicht beim Film. Wer lange genug in der Filmbranche tätig ist weiß, was auch Exponenten im Spielfilm kolportieren: kein Budget ist hoch genug, um für den in Frage stehenden Film alle Wünsche des Regisseurs zu erfüllen. Wer seine zu kommunizierenden Inhalte kennt, sollte über Production Values nachdenken. Welche Schwerpunkte sind in der Kalkulation zu setzen, damit die Qualitätsvorgaben erreicht werden können.

Qualitätsvorgaben

Qualitätsvorgaben entstehen meist aus einem Benchmarking. Welche Qualitätsstufe nutzt der Mitbewerber und welche geschätzte oder bekannte Wirkung erreicht er damit? Während die Production Values die Zuordnung der Mittel innerhalb eines Budgets kennzeichnen, betrifft die Qualitätsvorgabe die Kalkulation als Ganzes. Sie bestimmt, auf welcher Stufe ein Film oder Video angesiedelt werden soll, sie sagt ob High-End oder Low-Budget.

Termine

Die Herstellung von Bewegtbild-Content orientiert sich nicht nur an Qualitätsvorgaben und Budgetwerten, sondern auch an Terminen. Sportliche Terminvorgaben können mit tieferer Qualität oder, wenn die Qualitätsvorgabe sakrosankt ist, mit höheren Filmkosten kompensiert werden. Darum gehört immer auch ein Terminlayout zur Budgetanalyse.

Risiken

Filme sind Projekte. Alle Filme, ob CEO-Videos, Imagefilme, Werbevideos oder Produktfilme. Projekte haben ein anderes Potential zur Generierung von Risiken als standardisierte, von der Industrie seriell herstellbare Produkte. Vor dem Studium der Zahlen sollten die Risiken in Worte und Zahlen gefasst werden. Nur so kann festgestellt werden, ob überhaupt an kritische Erfolgsfaktoren gedacht wurde und wie und wo diese in der Kalkulation eingespeist sind. Klar muss sein: realisiert sich ein Risiko, muss es jemand tragen. Ob budgetiert oder nicht.

Für die Filmkosten ist die Drehzeit ein wesentlicher Faktor | Probe im Studio Bellerive. Dreharbeiten Werbefilm, (c) Condor Films

Dreh-Probe im Studio Bellerive. Auch die Vorbereitungszeit mit Regie und Darsteller schlägt sich auf die Filmkosten nieder. | Dreharbeiten Werbefilm, (c) Condor Films

2. Was im Filmbudget enthalten sein sollte

Die Antwort auf die Frage, welchen Detaillierungsgrad ein Budget ausweisen sollte, ist so vielfältig wie die Art der Filmprojekte. Die einzige korrekte Antwort lautet: es kommt drauf an. Kennzeichnend sind nicht nur die Größe und das Genre des Filmvorhabens und die allenfalls schon im Rahmen des Briefings kommunizierten Vorgaben, sondern auch die Art der Beauftragung. Wer mit Pauschalbudget arbeitet erwartet nicht zwingend die gleichen Informationen wie bei einer Projektabwicklung im Markup-Modus.

3. Filmkosten: Analyse

Die Budget-Analyse für Film und Video gleicht dem Lesen einer Musik-Partitur für ein klassisches Orchester-Stück. Sie haben das angestrebte Publikum vor Augen, wissen um die Fähigkeiten eines professionellen Orchesters und seiner Solisten, erkennen das Thema, die Variationen und die freuen sich an genialen Lösungen. Aber was tut der Mensch, der nicht einmal einen Notenschlüssels aus dem Gedächtnis zeichnen kann? Diesem geht es ähnlich wie dem Empfänger eines Filmbudgets, der von keinen Erfahrungswerten profitieren kann.

Zwei Tricks bringen Sie trotzdem ans Ziel: Nutzen Sie die vorgehend unter Pkt. 1 aufgeführten Erläuterungen zur Formulierung entsprechender Fragen und lassen sie sich vom Anbieter durch die Kalkulation führen. Oder aber sie bitten den Ersteller der Kalkulation nicht um Auskunft zu einzelnen Werten sondern um Erläuterung und Darstellung der sich wechselseitigen bedingenden Abhängigkeiten der einzelnen Budgetposten. Sie erkennen damit schnell auch die Kompetenz, die in der Kalkulation und hinter der Kalkulation steckt. Jedes Budget und jeder Budgetposten muss erklärbar sein. Unaussprechliches zu schaffen gehört nicht in das Aufgabenfeld des Herstellungsleiters und Produktionsleiters, sondern ist das Privileg des Regisseur, dessen künstlerisches Bestreben es sein darf oder sogar sein muss, mit seinem Talent mehr als die Summe der Einzelteile entstehen zu lassen.

4. Zielkosten-Budgetierung

Die schon zu früherem Zeitpunk in diesem Forum erwähnte „Rückwärts-Kalkulation“ (englisch als Reverse Budgeting bekannt) verhindert auf elegante Weise die vorgenannten drei Effekte in der Budget-Analyse.  Zugleich, und fast wichtiger, lenkt das Arbeiten mit Reverse Budgeting im Umgang mit Filmbudgets und bei der Diskussion von Kalkulationen für Bewegtbild-Kommunikation den Fokus auf Qualität und die dazugehörigen Production Values.


Abschließend ist auf das Fazit von Teil 1 dieser Artikel-Serie zum Thema Handlungskosten, Markup und Gewinn zurückzukommen: Dort wurde die Meinung vertreten, dass wer seine Budgets durch den Fleischwolf drehe, folgerichtig auch Würste zu erwarten habe. Während sich an diesem Umstand grundsätzlich nichts ändert, gilt es der guten Ordnung halber ergänzend beizufügen, dass auch Würste in allerhöchster Qualität hergestellt werden können, und dazu zwingend ein Fleischwolf hinzugezogen werden muss. Würste und Kalkulationen haben insofern eine große Gemeinsamkeit in fast schon philosophisch anmutender Dimension: wo die Erwartungshaltung von Beginn weg (durch den Kunden) zusammen mit den Filmkosten (hier steht der Produzent in der Pflicht) offen kommuniziert wird, ist (fast) alles möglich.

Abgeschlossen wird die Serie zur Budgetierung mit Teil 3 und Praxis-Beispielen (Link: Filmkalkulation Beispiel) zu drei mühelos vermeidbaren Stolpersteinen in der Adaption von Kalkulationen für Film und Video. Zur Frage was ist ein Video gibt es bei Filmpuls einen eigenen Artikel, der die Unterschiede und Geschichte hinter diesen beiden Begriffen erläutert.

Über Maurus Eugster
Maurus Eugster ist Leiter Finanzen und Mitglied der Geschäftsleitung der Condor Films.

1 Kommentar

  1. Sehr cool: „Schwierig wird es aber, wenn man ein Budget nicht als notwendiges Übel versteht…“ – direkt auf den Punkt!!

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