Der Filmschnitt ist tot. Lang lebe die Montage!

Puzzle für Profis

Die Kunst der Montage ist der Schnitt Filme wollen montiert werden, nicht geschnitten

Auch dafür ist der Filmschnitt mitverantwortlich: Die Dauer eines Spielfilms definiert sich nach Hitchcock durch das Fassungsvermögen der menschlichen Blase. Die dadurch erforderliche längenmäßige Begrenzung eines Filmes oder Videos erfolgt durch den Schnitt. Wird vorne und hinten vom Cutter „ein Stück Film“ abgeschnitten, dann ist die Bezeichnung Schnitt dem Vorgang durchaus angemessen. Für alles andere, was im Schneideraum passiert, ist das Wort zu vereinfachend, wenn nicht sogar irreführend.

Filme werden nicht mit dem Hammer zusammengenagelt, sondern mit intelligent montiert und damit kunstvoll verschraubt. Die Grundlage, die Kraft und das Potential des Filmschnitts liegt in der Montage. Nicht ohne Grund sprechen viele professionelle Filmschaffende darum ganz bewusst nicht von schneiden sondern von der Montage, von montieren oder editieren.

Filmschnitt

Der Schnitt bezeichnet den reinen technischen Vorgang am Rohmaterial. Ob wie früher physisch und von Hand und mit Klebepresse, oder ob heute digital, ob für Kino oder YouTube, stets wird dabei eine sequentielle Abfolge von Einzelbildern verlängert oder gekürzt. Diesem Schritt kommt, dem Grundsatz der Äquivalenz folgend, auch mit Blick auf Wirkung und Qualität höchste Wichtigkeit zu.

Interessanterweise wurde im analogen Zeitalter von Schneideräumen und Filmmontage gesprochen. Heute in der digitalen Welt werden die Räume mit derselben Zweckgebung als Edit oder, nobler, als Editing Suites bezeichnet. Trotzdem wird in vielen dieser technologisch hochgerüsteter Räume geschnitten statt editiert.

Editing und Montage

Die Bezeichnung Editing wird umgangssprachlich oftmals mit dem Schnitt gleichgesetzt. Korrekterweise geht der Begriff aber viel weiter. Er umfasst nebst dem technischen Vorgang der Verlängerung oder Verkürzung auch die Benennung der Ursache für den Filmschnitt.

Die Montage ist nicht ein Aspekt eines Films. Sie ist der Aspekt eines Films.
Orson Welles

Genauso wenig wie das Prinzip Zufall bei  Führung der Kamera die übergeordnete Aussage in der Kommunikation mit Film und Video sicherstellen kann, darf der Filmschnitt nicht dem Prinzip der Beliebigkeit folgen. Darum werden Filme editiert und montiert. In seiner bewusst gewählten sequentiellen Abfolge von Bildern gleicht der Film den Comics. Warum das für die Qualität und Wirkung von Film und Video essentiell ist, zeigt unter anderem die Checkliste im zweiten Teil dieser Artikelserie zum Thema Editing.

Pacing

Selbst Filme, in denen Szenen ungeschnitten oder ohne Montageprinzip hintereinander gereiht werden haben einen Rhythmus.

Pacing erzeugt rhythmische Strukturen. Dies geschieht durch das Timing der jeweiligen Filmsequenz.

Aus Sicht des Cutters ist jeder Film, wirklich jeder Film, ein Puzzle. Walter Murch

Zeitraffer, Blende oder Zeitlupe können mithelfen, das Pacing zu formen oder zu verändern.

Timing

Der Rhythmus eines Filmes ergibt sich nicht nur durch die Abfolge unterschiedlicher Handlungselemente, sondern wie bereits erläutert auch durch die Länge einer Szene, die wiederum durch Einstellungen bestimmt wird.

Werden Einstellungen (im englischen auch Takes genannt) geschnitten, gekürzt oder später wieder verlängert, ändert sich das Timing.


Erst der Filmschnitt bringt das Komma auf den Punkt | Kino-Werbespot, Foto (c) Condor Films

Erst der Filmschnitt bringt das Komma auf den Punkt | Kino-Werbespot, Foto (c) Condor Films


Ordnung als Voraussetzung

Der Himmel in der digitalen Welt ist blau. Und die Menge an verfügbarem Speicherplatz auf dem Hochleistungscomputer im Edit lässt das Herz des Regisseurs lachen. Umso größer ist die Verlockung, nach erfolgreichem Dreh über Nacht ruck zuck das Material in den Rechner zu spielen. Geschieht dies ohne den technischen Workflow mit allen involvierten weiteren Stellen (Color Grading, Animation, Grafik, etc.) definiert zu haben, kann aus dem blauen Himmel schnell einmal das blaue Wunder werden. Dann müssen stunden- und tageweise Einzelstücke gesucht, gefunden und womöglich in anderer Auflösung neu eingelesen werden. Die Terminziele gehen flöten, die Kreativität baden. Von späterem Schwierigkeiten für die oft vertraglich geschuldete Archivierung oder bei Adaptionen ganz zu schweigen.

Aber nicht nur darum ist Ordnung essentiell. Einen Film zu editieren heißt, ein Werk aus Hunderten von Einzelstücken, Informationen und Emotionen, zu montieren. Wer als Editor oder Regisseur seine Energie dazu braucht, diese Stücke zu finden, weil die Einzelteile keiner Struktur folgend, wild durcheinander auf einem Videoserver oder einer Harddisk liegen, fokussiert seine Kräfte und seine Konzentration am falschen Ort.

Ich könnte mit gutem Gewissen behaupten, dass alles, was der Arbeit im Schneideraum vorausgeht, nur dazu geschieht, um Material für die Montage herzustellen.Stanley Kubrick

Arbeitsablauf beim Schnitt

Der Filmschnitt, und damit auch die Montage, folgt normalerweise einem festen Arbeitsablauf, der in seinen Grundlagen bei allen Filmen an jedem Standort, an dem es entsprechende Angebote gibt, identisch ist.

Schritt 1: Einlesen und Visionierung

Vor die Arbeit und das Denken in der Editing Suite, die vormals Schneideraum hieß, beginnen kann, gilt es das Material für die Montage vorzubereiten. Anders als vor der digitalen Postproduktion wird das gedrehte Filmmaterial heute vom Speichermedium der Kamera auf den Datenträger für die Bildbearbeitung überspielt.

Ob Harddisk oder ob auf einen Videoserver einer professionellen Infrastruktur: essentiell ist bei diesem Vorgang, von den Ursprungsdaten (Rohdaten) gleichzeitig auch eine Sicherungskopie anzufertigen. Meistens werden die Einstellungen und Szenen bereits beim sog. Einlesen in das Schnittsystem bereits nach einem vorab festgelegten System beschriftet, sofern dies nicht schon automatisiert in der Kamera beim Dreh erfolgt ist. Bei Reportagen für TV oder die Unternehmenskommunikation mit Film und Video wird bei diesem Arbeitsschritt meist auch ein Transkript erstellt, das heißt der im Video gesprochene Text wird separat in einem schriftlichen Dokument erfasst.

Schritt 2: Rohschnitt (Off-Line)

Der Rohschnitt wird auch als Off-Line Editing bezeichnet.

Bei der physischen Filmmontage mit Zelluloid konnten die Arbeitsschritte auf der Stufe Einzelbild nicht rückgängig gemacht werden. Darum musste sich der Cutter stückweise an den finalen Schnitt herantasten. Das war der Grund, warum von Rohschnitt gesprochen wurde. Die Frage, wie lang muss ein Video sein, wird nicht nur, aber auch in der Montage beantwortet.

Mit dem Aufkommen digitaler Schnittsysteme gesellte sich zum Terminus Rohschnitt die Bezeichnung Off-Line-Schnitt hinzu. Weil Prozessoren, Speicher und generelle Computer nicht in der Lage waren, ohne viel Zeitaufwand die montierten Bilder in hoher Qualität auszuspielen, wurden diese zuerst in tiefer Qualität editiert.

Schritt 3: Feinschnitt (On-Line)

Wurde der Rohschnitt von Regie, Produzent, und beim Auftragsfilm natürlich auch vom Kunden, für grundsätzlich gut befunden, wurde der Filmschnitt auf dem Schneidetisch, fast ausnahmslos vom Typ Steenbeck oder auf Moviola, in die finale Form gebracht. Übergänge wurden getrimmt, damit die Bilder schön ineinander flossen, und Blenden wurden für das Labor zur späteren Montage gekennzeichnet.

Später, als mit Offline-Editing gearbeitet wurde, löste das Online-Editing den Feinschnitt ab. Der aus heutiger Sicht in lächerlich niedriger Auflösung montierte Film wurde auf High-End-Schnittsystemen gefertigt. Dazu reisten Regisseur, Kunde und Producer in Metropolen wie London oder Berlin. Pro Stunde wurden die Angebote für Online Editing mit stolzen vierstelligen Beträgen budgetiert.

Weil heute der Feinschnitt und das Online Editing (mit Ausnahme von Grafik-Arbeiten und Farbkorrekturen) sich technisch nicht mehr von der ersten Schnittfassung unterschneidet, sollte sinnvollerweise nicht mehr von Rohschnitt und Feinschnitt und Offline und Online Editing gesprochen werden.

Learnings

Die Montage ist für den korrekten und professionellen Umgang mit Bewegtbildkommunikation essentiell. Sie zu meistern bedarf beim Film schneiden und bearbeiten, wie bei den anderen filmische Disziplinen auch: Bildung und kontante Weiterbildung, großes Talent, langjährige Erfahrung und profundes Know-how.

Was die Regieassistenz bei der Produktion ist, ist der Editor und die Montage bei der Postproduktion und beim Video schneiden und bearbeiten.

Und, darauf sei zwar erst am Ende dieses Artikels, aber mit Nachdruck hingewiesen: die Montage endet nicht beim Bild.

Einen eigenen Artikel widmet Filmpuls in naher Zukunft dem Phänomen der unsichtbaren Schnitte bei Film und Video.

Die Film-Montage ist ein Universum, in dem wir nicht nach den Sternen greifen, aber uns an den Sternen orientieren sollten. Das gilt losgelöst von der Frage, was ist ein Video und wo liegt der Unterschied zum Film.


Weiterführende Literatur (Auswahl):

  • Ein dialektischer Zugang zur Filmform, Sergej Eisenstein, 1929
  • Ästhetische Theorie,  Theodor W. Adorno, 1973

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Über Kristian Widmer
Kristian Widmer ist Experte für Kommunikation mit Film und Video. Der gelernte Jurist und Absolvent eines MBA der Universität St. Gallen arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren im Mediengeschäft und ist seit 2002 Geschäftsführer der Condor Films AG.

2 Comments

  1. Danke Kristian für diesen Beitrag. Gerade die Montage, also das sorgfältige Zusammensetzen eines Filmes, das erspüren des Rhythmus, das annähern an perfekte Bewegungen und Verbindungen, die Freude an der Musik, einfach diese riesengrosse Spielwiese mit all ihren Facetten und Möglichkeiten verführen mich immer wieder dazu -auch wenn es da anderweitige Meinungen dazu gibt- meine Filme selber zu schneiden -verzeihe- zu montieren!

    • Die Montage ist die Brücke ins Herz des Zuschauers. Der Schnitt ist der Abgrund, welchen der sequentielle Herstellungsprozess im Film hinterlässt und den es mit der Montage zu überwinden gilt.

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