Gut aussehen vor der Kamera: Fotogenität und Bildwirksamkeit bei Film und Foto

Wen die Kamera liebt. Und warum.

Fotogenität in Film und Video: Gut aussehen vor der Kamera Fotogenität in Film und Video: Grusskarte von Rita Hayworth an Condor Films (c) Condor Films

Die Kamera lügt nicht, sagt das Sprichwort. Aber nicht alle und nicht alles sieht durch das Auge der Kamera betrachtet gleich gut aus. Diese Unterscheidung der Bildwirksamkeit wird in der deutschen Sprache auch als Fotogenität bezeichnet. Wer von der Natur mit einem attraktiven Äußeren gesegnet wurde, kann auf Fotos, in einem Film oder Video unglaublich gut aussehen. Oder überhaupt nicht attraktiv wirken.

Dieser Artikel erklärt, warum das Auge der Kamera Menschen und Objekte anders wahrnimmt als das menschliche Auge. Er  gibt Tipps, wie man vor der Kamera am Besten posiert.

Es gibt unscheinbare Zeitgenossen ohne große Anmut, welche die Kamera und das richtige Licht zu einer charismatischen Persönlichkeit verzaubert. Kameramänner sprechen diesfalls davon, dass die Kamera eine Schauspielerin oder einen Schauspieler liebt, er oder sie fotogen ist. Fotogenität hat nicht nur mit subjektiver Wahrnehmung zu tun.

Für das Marketing und die Kommunikation mit Film und Video, wie auch in der Photographie, gibt es eine Reihe etablierter und bewährter Regeln aus der Praxis, wie man die Abbildung von Menschen oder Objekten vor der Kamera formal positiv beeinflussen kann:

Was heißt Fotogenität?

Nachfolgend geht es nicht darum, wer vor einer Kamera steht, sei es für Bewegtbild oder ein Standbild. Sondern es geht um die Frage, was die Kamera für die Person vor der Kamera eigenständig tun kann. Drei Dinge gibt es dabei zu beachten. Erstens gelten die grundsätzlichen Regeln der Bildgestaltung gelten auch für die Betrachtung des Phänomens der Fotogenität. Zweitens ist gut aussehen vor der Kamera natürlich von dem abhängig, was die Kamera vor die Linse bekommt. Drittens spielen auch immer die Tagesform der Menschen vor und hinter der Kamera mit.

Sie lauten wie folgt:

  • Menschen oder Tiere, grundsätzlich alle lebenden Objekte, wirken vor der Kamera immer attraktiver und sind einfacher abzubilden als leblose Motive. Wer schon einmal bei einem Werbefilm die Aufnahmen sog, Pack-Shots (Produktaufnahmen) miterlebt hat, der weiß ein Lied davon zu singen, was fotogen ist. Allerdings: Film und Video können wie kein anderes Medium (von der Fotografie vielleicht abgesehen) statische Gegenstände zum Leben erwecken und tote Gegenstände optisch aufwerten;
  • Exklusive, seltene Aufnahmen und ungesehene Bildwelten wirken dank neuer Informationen immer stärker als Aufnahmen, die dem Zuschauer als bereits bekannt vorkommen. Dies gilt für real gedrehte Aufnahmen wie Aufnahmen aus dem Archiv;
  • Bewegung im Bild schafft Dynamik, welche immer besser wirkt als Statik. Gut aussehen tut Bewegung, weil sie (Lebendigkeit und Leben symbolisierend) positiv mit der menschlichen Wahrnehmung verknüpft ist;
  • Bilder mit klar erkennbarem Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund wirken immer attraktiver als Aufnahmen ohne Bildebenen.

Ob lebende oder tote Objekte, ob exklusive Aufnahme oder Kopie, ob CEO-Video oder Testimonial, ob statische oder dynamische Motive mit oder ohne Vordergrund, Hintergrund und Mittelgrund – sie alle folgen in formaler Hinsicht unseren Sehgewohnheiten und der Wahrnehmungspsychologie und damit den fünf Prinzipien der Bildwirksamkeit:

Gut aussehen vor der Kamera: 5 einfachen Regeln

Für die sogenannte formale Bildwirksamkeit bestehen erprobte Regeln. Dabei geht es immer um die Frage, was vor der Kamera gut aussieht und was nicht.

1. Einfachheit

Einfachheit, Klarheit und Ordnung sind für menschliche Augen die Grundvoraussetzungen für fotogene Bilder. Das bewegte Bild kann dabei durch die sequentielle Erzählweise ganz besonders brillieren und durch die Bildkomposition und den Schnitt die Bildmotive nicht nur mit Blick auf den Inhalt, sondern auch die visuelle Wirksamkeit zerlegen.

2. Bildkontrast

Kontraste haben nicht nur in der Dramaturgie sondern auch in der Arbeit des Kameramanns ihren festen Platz. In der Form von Unterschieden zwischen Hell und Dunkel hilft der Bildkontrast mit, Objekte plastisch erscheinen zu lassen.  Je räumlicher ein Objekt wirkt, desto realer und lebendiger scheint es. Dies sofern der der Kontrast ein gewisses Höchstmaß nicht übersteigt und unserem gewohnten Seherlebnis nicht widerspricht.

3. Größe und Form

Nahaufnahmen, auch das eine Spezialität des Storytelling mit Film und Video, sind für das Gut aussehen wirkungsstärker als weite Bildausschnitte (Totalen). Einer der Gründe für die Wirkungsstärke von Großaufnahmen ist darin zu sehen, dass kleinere Bildausschnitte wenige, aber deutlichere Formen besitzen, die dadurch zugleich größer erscheinen.

4. Schärfeunterschiede

Der Einsatz von Schärfe-Ebenen und damit die Scharfzeichnung von Details inmitten einer unscharf abgebildeten Bildumgebung hilft unserem Auge und Hirn wirksam zu fokussieren. Diese Sehhilfe in Form der Fokussierung auf handlungsrelevante Inhalte wird von unserem Hirn als attraktiv empfunden.

5. Wiederholung im formalen Aufbau

Die Wiederholung einzelner fotogener Formelemente innerhalb eines Bildes oder einer Szene verstärken die Einheitlichkeit des Bildes. Sie lassen Bildkompositionen und Aufnahmen attraktiv erscheinen.

Zusammengefasst

Wer von einer Kamera gut Aussehen will, darf also beruhigt sein: Es gibt Regeln und Informationen dazu, wie eine positive Bildwirkung formal erzeugt werden kann. Was fotogen ist und wie Fotogenität gefördert werden kann, ist nicht nur Zufall. Gerade bei CEO Videos ist diese Erkenntnis enorm wichtig. Wer vor der Kamera steht, kann gut – oder schlecht – daher kommen. Das Talent liegt nicht nur im Auge des Betrachters, sondern auch im Auge des Regisseurs und Kameramanns.

Wenn Dir jemand sagt, Du bist fotogen, so bedeutet das in Wahrheit nichts anderes, als dass Bilder von Dir schöner sind als Du selbst.
Ritu Ghatourey

Allerdings kann auch das größte Talent hinter der Kamera nicht beeinflussen, was für ein Gesicht oder Körper vor der Kamera steht. Wie bei der Rechtschreibung besitzt auch „Schönheit“, was immer das ist, keine Verpflichtung zur Fairness.

Ein Blick in die Zukunft

Wer nun wissen möchte, was Bildwirksamkeit und Fotogenität für sich selbst bedeutet, kann die eigene visuelle Attraktivität seines Gesichts online sofort und gratis testen: Mitarbeiter der ETH Zürich haben dazu einen Algorithmus entwickelt. Aber aufgepasst! Bewertet wird das Aussehen durch ein neurales Netzwerk auf Basis… – eines Fotos. Und dieses Foto ist, wie jede visuelle Kommunikation, auch von der Einhaltung der vorgehenden fünf Regeln der Bildwirksamkeit abhängig.

Umgekehrt gilt es sich aber auch bewusst zu sein: Bildwirksamkeit alleine garantiert keine guten Filme oder Videos. Das belegt der FILMPULS-Artikel Die Top 10 der absurdesten Auftragsfilme eindrücklich.


Fotogenität, Bildwirksamkeit und gut aussehen: Grußkarte von Rita Hayworth an Condor Films (c) Condor Films

Grußkarte von Rita Hayworth an Condor Films (c) Condor Films

Anmerkung zum Foto: Rita Hayworth (* 1918, †1987) gilt als eine der größten weiblichen Filmlegenden aller Zeiten. Die als Margarita Carmen Cansino geborene Schauspielerin mit spanischen Wurzeln wurde von Hollywood im wahrsten Sinne des Wortes auf Fotogenität getrimmt. So wie viele andere Film-Ikonen ihrer Zeit. Trotz gegenseitigem Interesse ergab sich nie eine Zusammenarbeit von Rita Hayworth mit Condor Films.


Im Interesse der Lesbarkeit wurden in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen soweit sinnvoll und möglich auf die männliche Form reduziert. Gemeint sind immer Frauen und Männer | © Grafik und Artikel Filmpuls

Über Carlo P. Olsson

Carlo P. Olsoon berät Auftraggeber und Produktionsfirmen. Er begleitet als Line Producer die Herstellung von Filmen, Videos und TV-Serien. In seiner Freizeit spielt er Eishockey und beschäftigt sich mit barocker Klangdramatik.

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