Grundlagen: Warum es jeden Film nicht ein Mal, sondern vier Mal gibt!

Das ABC der Bewegtbild-Geburt

Grundsatz der 4 Stufen der Wirkungsäquivalenz bei Film und Video 4-fache Geburt: die Entstehung von Filmen und Videos

Katzen haben neun Leben. Ein Film hat vier Leben. Filmpuls erklärt die Grundlagen der Entstehung von Film und Video im Schnittfeld von Kunst, Handwerk und Wirkungsäquivalenz für Filmemacher und Marketing und Kommunikation mit Film und Video.

Alte Hasen im Filmgeschäft wissen es. Filme sind einfach anzusehen, weil sie schwierig zu machen sind. Schlaue Füchse wissen aber auch, dass ein Film oder ein Video nicht ein Mal, sondern immer vier Mal geboren wird. Sie nutzen die unabänderlichen Grundlagen des Filmhandwerks und machen eine Chance daraus. 

Kinofilme, TV-Filme und Auftragsfilme beginnen im Kopf des Autors, des Regisseurs, des Creative Directors oder des Art Directors. Sie alle haben ein grosses Interesse daran, ihre Vision, ihr Konzept oder ihre Idee möglichst unverfälscht auf der Leinwand oder dem Bildschirm als Film und Video zu sehen. Das ist nur möglich, wenn der Film und sein ideelles Fundament eine Reise über vier unterschiedliche Stufen schadlos übersteht.

Grundlagen: die 4 Stufen der Wirkungsäquivalenz beim Film

Ein Film ist ein Wirtschaftsgut und ein Kommunikationsmittel, das sich im besten Fall auch der Kunst annähert. Oder, im Idealfall, zusätzlich sogar den Rang eines Kunstwerks besitzt. Die eigentliche Entstehung eines Films kann man entweder nach Produktionsphasen unterscheiden (Kreation, Drehvorbereitung, Bild- und Tonbearbeitung) oder unter dem Blickwinkel der Wirkungsäquivalenz. Wirkungsäquivalenz bedeutet nichts anderes, als dass ein Film oder Video in allen Phasen seiner Herstellung auf ein identisches Wirkungsziel ausgerichtet sein muss. Wer sich nun fragt, warum man sich an dieser Stelle und in diesem Artikel mit etwas beschäftigen sollte, was doch sowieso und selbstverständlich ist, hat die Herstellung eines Filmes wohl noch nie hautnah begleitet oder sich die wirklich gefährlichen und kritischen Phasen in der Bewegtbildproduktion vergegenwärtigt.

Natürlich: Drehvorbereitungen können unvollständig oder fehlerhaft verlaufen und bei Dreharbeiten tanzt nicht selten der Bär oder ist der Teufel los. Aus Sicht der Produktion liegt in der Herstellung viel Gefahrenpotential. Ungleich kritischer und gefährlicher (aber auch nochmals interessanter!) wird es, wenn man die Entstehung eines Films nicht aus produktioneller Sicht, sondern aus dem Blickwinkel seiner Wirkungsziele untersucht. Diesfalls lassen sich vier einzelne Stufen unterscheiden, die für den Lebensweg eines Filmes oder Web-Videos schwierig zu meisternde Hürden sein können und die einen Film im Extremfall sogar „töten“ können. Sie zu kennen ist für Filmemacher und Auftragskunden unerlässlich.

Die vier Stufen der Wirkungsäquivalenz beim Film sind: Konzeption (Stufe 1), Dreharbeiten (Stufe 2), Schnitt (Stufe 3) und Visionierung/Rezeption (Stufe 4). Die beabsichtigte Wirkung, die einst als Grundlage der Auslöser für den Start der Umsetzung war, kann sich auf jeder dieser vier Stufen verändern oder, im schlimmsten Fall, sogar verloren gehen und den Film sinn- und nutzlos werden lassen.

Stufe 1: Drehbuch

Am Anfang war das Feuer. Und die Kraft der Kreation. Noch vor dem Feuermachen gab es die Idee, eine Vision, den unabänderlichen Willen, losgelöst von altbekannten Grundlagen etwas Neues, noch nie Dagewesenes, zu schaffen. Damit dieses Neue den (eigenen und fremden) Vorstellungen und Anforderungen genügt, war immer schon eine gehörige Portion Arbeit und Inspiration vonnöten. Auch beim Film. Bewegtbildkreation ist langwierig und oftmals schwierig. Aber wenn das Wunder einmal geschehen ist, gibt es nichts Schöneres auf dieser Welt als ein „rundes“, noch von der Zwängen der Produktionsrealität verschontes und von einem möglichen Mangel an Talent unverdorbenes Drehbuch, das inhaltlich-dramaturgisch funktioniert, mit dem Zielpublikum zu „klicken“ verspricht, die Auftraggeber oder Financiers begeistert und die an der Umsetzung Beteiligten zu Höchstleistungen motiviert.

Dann aber geht es los: Wie einst für die Lachse bei ihrer Wanderung vom Meer in die Flüsse, reiht sich für den zukünftigen Film bald schon Hürde an Hürde.

Stufe 2: Herstellung

Ein Drehbuch, das Wort sagt es, ist ein „Buch“. Ein Drehbuch legt die Grundlagen. Aber: Wörter auf Papier machen möglicherweise einen Film. Aber sie sind (noch) kein Film. Um ein Film zu werden, müssen die Wörter und Sätze in Aktionen vor der Kamera verwandelt und in die Sprache der Schauspieler und in die Grammatik des Films übersetzt werden. Ein Drehbuchautor kennt alle Tricks und Kniffs des Filmhandwerks, unterstreicht mit Satzrhythmus und Satzbau die von ihm geschriebenen Figuren und Wendungen in der Handlung, betont und simuliert quasi schon den späteren Schnitt: An der Übersetzung von einem Medium (Papier) in das andere (Film) kommt kein Script vorbei.

Grundlagen Filmwissen: 4 Stufen der Wirkungsäquivalenz bei Film und Video

Basis für Filmwissen: 4 Stufen der Wirkungsäquivalenz bei Film und Video

Gelingt der Transfer von einer Darstellungsform (Wort) in eine andere (Bewegtbild) über die Medienarten hinweg, ensteht eine Wirkungsäquivalenz zwischen Drehbuch und Verfilmung (gedrehtem Material): der Herzschlag ist geblieben, der Kreislauf intakt und das Werk konkreter und schöner als je zuvor. In einer perfekten Welt erkennt der Autor als Vater der Idee sein Kind, welches er eine Stufe zuvor nicht ohne großes Sorgen der Obhut des Regisseurs anvertraut hat, mühelos und mit Freude sofort wieder. Die ursprüngliche Vision wurde gewahrt. Aus einem guten Drehbuch ist ein guter Film geworden.

Im Alltagsgeschäft entstehen Filme im Rahmen der Dreharbeiten oftmals neu. Der Inhalt entwickelt ein anderes Leben, wird mit oder ohne Absicht durch äußere und innere Zwänge umdefiniert oder anders interpretiert als einst auf der Stufe Kreation. Was im Dokumentarfilm, oder im Fernsehen beim Factual Entertainment und Light Entertainment, ganz bewusst und kontrolliert zugelassen wird, ist für Marketing und Kommunikation mit Bewegtbild ein schlechter Ratgeber. Imagefilme und TV-Spots sind wie maßgeschneiderte Schuhe. Ein klares Profil, den Zweck und Aufgabe bis ins Detail durchdacht und kein Wort im Drehbuch ein Zufall – das kennzeichnet die meisten Filme für Unternehmen. Scheitert ein Auftragsfilm beim Erklimmen einer Stufe, scheitert immer auch der Aussagewunsch.

Stufe 3: Schnitt und Montage

Die Montage eines Films ist nach Meinung vieler großer Filmemacher mindestens so wichtig wie die Dreharbeiten. Hier entsteht der Film nochmals, dialektisch montiert und vom Cutter verdichtet. Im Schnitt bekommt der Film die finale Form, die das Publikum zu sehen bekommt, entstehen wichtige Grundlagen für das Filmerlebnis. Hinzufügen lässt sich im Schnitt nur, was bei den Dreharbeiten aufgenommen wurde. Weggelassen werden kann in der Montage nahezu alles: Personen, Handlungsstränge, aber auch die ursprüngliche Absicht von Autor oder Regisseur. Dazu braucht es nicht zwingend, wie in Hollywood, einen Produzenten, der in der Bildbearbeitung den Final Cut an sich reisst. Im Schnitt kann ein Film gerettet und neugeboren oder in Grund und Boden geritten werden. Auch auf dieser Stufe ist es alles andere als selbstverständlich, dass die in Form eines Drehbuchs entstandene und über die Dreharbeiten mit harter Arbeit gehütete Vision nicht doch noch in einen abweichenden Aussagewunsch überführt wird.

Stufe 4: Visionierung

Ist das Kunststück vollbracht und hat jeder Arbeitsschritt das Werk kongenial in ihre, sich von Stufe zu Stufe zunehmend konkretisierende Welt verwandelt ohne seine Grundlage verloren zu haben, kommt der wahre Härtetest: das Publikum. Hier gilt, auch wenn die Anhänger der Demokratie in diesen Tagen von Trump’s Triumph das nicht mehr in jeder Hinsicht behaupten dürfen, nach wie vor die Erkenntnis von Regisseur Billy Wilder: „Jeder einzelne im Publikum ist ein Idiot, aber alle zusammen sind sie ein Genie.“ Auch wenn das Filme sehen aus Sicht der Wahrnehmung ein höchst seltsamer, fast beängstigend individueller Vorgang ist: Das Publikum hat immer recht. Weil Filme immer Kommunikationsmittel und Wirtschaftsgut sind, bestimmt der Zuschauer, und nur er, letztendlich über die finale Form der Wahrnehmung! Das trifft auch aufs Internet zu. Ein Film oder Video ist das, was das Publikum in ihm sieht.

Fazit

Ein Film ensteht im Grundsatz vier Mal. In Form eines Drehbuchs, bei den Dreharbeiten, im Schneideraum und im Kopf des Publikums. Jedes Mal muss der Film dazu ein Stück weit neu geschaffen werden. Dazu braucht es Informationen und Kommunikation im Klartext. Jede Stufe bringt Chancen zur Korrektur von Fehlern aus vorhergehenden Stufen, birgt ohne Know-how, Talent und Erfahrung aber auch Risikos auf Stufe essentieller Grundlagen. Nicht ohne Grund kämpfen Regisseure um die Hoheit über den Schnitt, streben Autoren und Cutter nach dem Stuhl des Regisseurs und gilt die relativ neue Funktion des Showrunners bei Filmschaffenden in aller Welt als nonplusultra.

Wer ganz scharf denken will, wird als fünfte Stufe, oder noch exakter, als Stufe dreieinhalb (also nach Schnitt, aber vor der Visionierung durch das Zielpublikum), noch einen weiteren Schritt als Voraussetzung für die Grundlagen zu einem erfolgreichen Film erkennen wollen: die Vermarktung. Zu ihr gehören nicht nur Video Thumbnails für YouTube, sondern ein ganzes Universum aus mehr als nur sieben goldene Regeln.


Im Interesse der Lesbarkeit werden in diesem Artikel nur männliche Berufsbezeichnungen verwendet.  © Grafik-Design: Freepik | Grafik-Bearbeitung: filmpuls

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Unter der Bezeichnung "Redaktion Filmpuls" erscheinen Beiträge, die von mehreren Autorinnen und Autoren kollaborativ erstellt werden.
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