Ein gutes Storyboard: Merkmale, Beispiele, Checkliste

Tipps, Tricks und alles, was man über Storyboards wissen muss

ein gutes storyboard erkennen checkliste und beispiele filmpuls Die Brücke zwischen Wort und fertigem Film: das Storyboard

Das erste Wort, welches ein Jungfilmer als Baby zu sagen lernt, ist Kamera. Das zweite Wort ist Storyboard. In diesem Artikel schauen wir uns genauer an, welche Merkmale ein gutes Storyboard auszeichnet und was die gezeichnete Abfolge von Bildern für einen Imagefilm oder für ein Video in der Praxis leisten kann. Natürlich und wie bei Filmpuls üblich, inklusive einer exklusiven Checkliste und Beispiele.

Einsteiger und Amateure glänzen oftmals mit der festen Überzeugung, ein Film ohne Storyboard sei kein richtiger Film. Das ist Unsinn. Ein gutes Storyboard ist keine Verkaufshilfe, sondern es schließt die Lücke zwischen einer in Wörtern festgehaltenen Geschichte (Drehbuch) und deren bildlichen Umsetzung (Dreharbeiten). Es bewegt sich dabei im Spannungsfeld von Kreation, Filmtechnik, Logistik und Planung.

Die Funktion als Kommunikations- und Planungstool ist mit ein Grund, warum im Spielfilmen nur technisch komplizierte Szenen als Beispiele zeichnerisch prävisualisiert sind. Während bei einem 30 Sekunden langen Werbespot mit 10 bis 15 Einstellungen das Zeichnen aller Shots vertretbar ist, ist der Aufwand dazu für einen Spielfilm enorm. Ein Kinofilm von 90 Minuten Länge besteht, abhängig vom Genre, aus durchschnittlich 1’045 Einstellungen (1). Tausendundfünfundvierzig Einzelbilder zeichnen zu lassen, ob von Hand oder am Computer, ist ein erheblicher Aufwand, auf den wegen der damit verbundenen Kosten meist verzichtet wird.

(1) Analyse Spielfilme für den Zeitraum 1997 bis 2017 von Follows.

Warum ein Storyboard?

Verwendet wird ein Storyboard von unterschiedlichen Funktionen und zu unterschiedlichen Projektphasen. Diese bestimmen denn auch die Anforderung und den Detaillierungsgrad. Trotzdem aber bestehen auch Gemeinsamkeiten quer über alle Genre und Anwendungen hinweg. Auf diese wollen wir im nächsten Abschnitt eingehen. Ergänzende Beispiele und Illustrationen enthält der letzte Absatz.

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Pro Einstellung ein Bild

Wie ein Comic erzählt das Storyboard eine sequentielle Geschichte in Bildern. Aber anders als der Comic werden diese linear auf der Zeitachse dargestellt. Ebenso stehen nicht die Idee, die Form oder der Stil der Darstellung im Vordergrund, weil diese Elemente nicht durch den Zeichner, sondern durch den Regisseur, Kameramann und Art Director festgelegt werden. Gemeinsam ist beiden Formen, Graphic Novel (wie Comics auch bezeichnet werden) und Boards, die Darstellung von Bewegung durch gezeichnete Pfeile oder Linien. Ansonsten haben Comic und Storyboard komplett unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen.

Manchmal ist das beste Storyboard kein Storyboard. Denn es gibt keine Regeln und keine Gesetze, die ein Storyboard zwingend erforderlich machen. Bei allen Arten der Bewegtbild-Kommunikation zählt am Ende für den Erfolg nicht der Weg zum Resultat, sondern ob ein Film oder Video seine Zuschauer erreicht, berührt und verführt.

Checkliste für ein gutes Storyboard

Ein gutes Storyboard lässt sich an unterschiedlichen Merkmalen erkennen. Die 7 wichtigsten Kriterien sind, zusammengefasst als Checkliste und in Stichworten erklärt:

AnforderungErklärung
Visualisierungskonzeptist nachvollziehbar, was warum als Storyboard visualisiert wird?
visuelle Klarheithelfen die Bilder beim Filmverständnis? sind sie einfach verständlich?
Absendervom Storyboard-Artist im Alleingang erstellt oder in Zusammenarbeit mit Regie und Kamera?
Professionalitätwird die Filmsprache (Einstellungsgrößen, Kameraperspektiven) berücksichtigt?
Kernaussagewird die Anforderung an das Filmbild verdeutlicht?
Selbstzweckein gutes Storyboard verschafft Klarheit. Es versucht nicht, ein Comic zu sein.
Bildbeschreibungdie Zeichnung ergänzend oder beschreibend?
Ton-Ebeneerwähnt, weil handlungsrelevant für Bild? oder unüberlegt und grundlos eingefügt?

Weiter muss ein gutes Storyboard 4 weitere Anforderungen erfüllen:

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1Auflösen des Drehbuchs oder der Drehvorlage in einzelne Einstellungen
2Erstellen von Bild-Panels, abhängig von der Aufgabenstellung und Komplexität mit Beschreibung der Kameraeinstellung, der Kamerabewegung und Sound. Möglicherweise auch Beschreibung der Handlung soweit nicht visualisierbar (übergeordnete Zusammenhänge verdeutlichen)
3ein neues Panel (Einzelbild) bedeutet immer eine neue Einstellung
4alle Bilder sind nummeriert. Beim Spielfilm oder TV-Spot sinnvollerweise identisch zum Drehplan und der Shotlist (Beispiel: Szene 3, Bild 2, wird als S3-2 im Storyboard aufgeführt)

Wir lernen aus der Checkliste: ein gutes Storyboard ist dann gut, wenn es seine Funktion als erklärendes Werkzeug erfüllt. Wie „gut“ es aus künstlerischer Sicht gezeichnet ist, spielt keine Rolle. Darum gibt es hier immer wieder Konfliktfelder. Insbesondere Auftragsproduktionen wollen mit dem Storyboard auch den Kunden beeindrucken. Hauptsache bunt und realistisch gezeichnet.

Merkmale und Anforderungen

Das Konzept zur Visualisierung bestimmt, was als Storyboard gezeichnet wird. Beim Spielfilm sind das in der Regel die wichtigsten Schlüsselszenen oder technische anspruchsvolle Einstellungen. Anders beim Werbefilm oder TV-Spot, wo aufgrund der Kürze immer alles zeichnerisch festgehalten wird. Unprofessionell ist ein Board immer dann, wenn für den Betrachter nicht nachvollziehbar ist, aus welcher Motivation die Auswahl der Bilder erfolgt ist.

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Handskizze von Spielberg für „Poltergeist“ (1982)

Ebenso so klar dürfte durch die Checkliste und die Beispiele sein, dass ein gutes Storyboard das Leben einfacher und nicht schwerer macht. Dabei helfen unverständliche Bilder nicht. Wenn Skizzen nur mit Text lesbar und verständlich sind, lässt man sie besser weg. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie das Beispiel von Steven Spielberg zeigt. Der Star-Regisseur scheut sich nicht davor, auch mit Handskizzen zu arbeiten.

Die Professionalität zeigt sich ganz besonders in der Art, wie die Ersteller schon auf dieser Stufe das filmische Handwerkszeug einzusetzen wissen. Dabei muss in dieser Hinsicht ganz deutlich und laut gesagt sein, dass dieses Qualitätskriterium nicht nur den Storyboard-Artist betrifft. Bereits erklärt haben wir die Funktion des Storyboards. Es kann darum nicht angehen, dass ein Regisseur die Arbeit am Storyboard einem Zeichner delegiert. Denn damit übernimmt der Storyboarder die Funktion der Regie und des Kameramannes.

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Der Meisterregisseur am Drehort

Was wir hier als filmisches Werkszeug bezeichnen ist nichts anderes als das Gewusst-wie im Umgang mit der Filmsprache. Also das Wissen um die Grösse von Einstellungen, Perspektiven, Arten der vor der Bewegungen vor der Kamera und mit der Kamera (Kamerabewegungen), Rhythmus und Montage. Damit wird spätestens an dieser Stelle auch klar sein, dass nicht jeder Zeichner ein Storyboard-Artist ist. Ebenso wenig, wie der Storyboard-Artist gleichzeitig auch Regisseur und Dramaturg sein kann.

Bewährt hat es sich in der Praxis, wenn der Regisseur das Storyboard von Hand vorab skizziert und dabei in groben Strichen die Inhalte und Einzelbilder definiert. Dies zwingt ihn, sich mit sämtlichen Gedankengängen für die zu visualisierenden Szenen oder Schlüsselbilder auseinanderzusetzen, bevor er den Storyboard-Artist beauftragt, die Bilder reinzuzeichnen.

Imagefilm und TV-Spot

Im Auftragsfilm kommt einem Storyboard im Vergleich zum freien Spielfilmschaffen eine besonders wichtige Rolle zu. Hier hat man es oftmals mit filmischen Laien zu tun. Viele Menschen haben Mühe, das Potential einer Filmidee vor ihrer Fertigstellung zu beurteilen. Hier muss das Storyboard helfen. Damit rückt es beim Imagefilm und Werbefilm in die Nähe eines Comics. Die gezeichnete Bildfolge dient als Platzhalter für die noch ausstehenden Filmbilder.

Aus diesem Grund werden beim Imagefilm oftmals Schlüsselszenen bildlich umgesetzt, deren Inhalte für das Filmverständnis wichtig sind. Der aus der Visualisierung entstehende Mehrwert hält sich für Regie, Kamera und die weiteren Beteiligten dabei eher in Grenzen. Hier geht es darum, den Kunden zu begeistern und für die Idee abzuholen.

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Anders beim Werbefilm (der in der Branche auch TV-Spot oder TVC, die Kurzform für TV Commercial, genannt wird). Warum?

Erstens, weil in diesem Genre nichts dem Zufall überlassen wird. Zweitens, weil der Werbefilm im Vergleich zum Imagefilm meist harte Vorgaben zu erfüllen hat. Der TVC dient als Instrument zum Abverkauf, zur Produkt-Positionierung gegenüber Mitbewerbern oder er verleiht einem Produkt die zum Verkaufserfolg notwendige Emotionalität. Darum, drittens, bewegt sich das Storyboard beim Werbefilm oftmals auf Hollywood-Niveau. Die Einstellungen bereits mit der richtigen Brennweite gezeichnet? Nicht unüblich. Jedes Einzelbild mit dem Digital Artist besprochen? Na klar, was denn sonst!

Diese Präzision führt im Agentur- und Werbegeschäft manchmal zu absurden Auswüchsen. So hat der Autor dieses Artikels miterlebt, wie ein Regisseur, der weit herum dafür bekannt war, auf dem Set zu improvisieren und darum Kosten explodieren zu lassen, einen Storyboarder beauftragte, seinen fertigen Film Bild für Bild als Board nachzuzeichnen. Der TV-Spot und das zu 100 % dazu identische Storyboard nutzte er bei neuen Job-Anfragen von Agenturen und Kunden als Beweis dafür, wie extrem präzise er ein Storyboard zu verfilmen in der Lage wäre.

Kosten

Der Aufwand für ein gutes Storyboard lässt sich auf unterschiedlichen Wegen berechnen. So ist es möglich, die Kosten pro Bild zu kalkulieren oder Tagessätze festzulegen. Bei großen Aufträgen ergibt es Sinn, eine Pauschale mit dem Storyboard-Artist zu vereinbaren. Ob mit Farbe oder in schwarz-weiß gearbeitet wird, ist dabei einerseits eine künstlerische Frage und bestimmt andererseits den Aufwand pro Bild mit. Ein Bild zu zeichnen und zu kolorieren ist aufwändiger als die Farbgebung wegzulassen.

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Illustration der Schnittstellen von Realdreh zu Computer Generated Images (CGI) und zu Stunts

Je nach Person und Vorliebe des Illustrators können andere Techniken zum Einsatz kommen. Ob von A bis Z am Computer mit Software oder klassisch und händisch gezeichnet wird, unterscheidet sich hinsichtlich benötigter Zeit pro Bild meist nur minimal.

Dabei richtet sich der konkrete Preis, wie immer beim Film und im Videogeschäft, nach dem individuellen Talent, der Erfahrung und dem Know-how des Storyboard-Artists.

Die Bandbreite ist dabei enorm. So bewegen sich die Richtpreise pro Bild von unter € 50 bis über € 200, immer abhängig von der Art der Ausführung und der Person des Storyboard-Artists.

Abgrenzung zum Moodboard

Immer wieder werden Storyboard und Moodboard verwechselt. Das Moodboard hat beim Film eine völlig andere Aufgabe zu erfüllen. Es dient dazu, die Stimmung (oder wie der Werbetreibende in der Bewegtbild-Kommunikation sagt: den look and feel) einer Szene zu visualisieren. Darum umfasst das Moodboard nicht wie das Storyboard nur eine Einstellung pro Bild, sondern das gesamte Stimmungsbild in einem bestimmten Moment der Story.

Darin liegt der Grund, dass Mood Boards in der Regel weit aufwendiger ausgearbeitet sind. Sie dienen als Basis und Beispiele für das Set Design, für das Licht, die Kostüme und immer häufiger auch als Ausgangslage zur Kreation virtueller Welten.

Umgekehrt wird im Werbefilm, anders als beim Spielfilm, das Moodboard meist als eine Collage realer Bilder verstanden, die Kleidungsstücke oder Accessoires illustrieren sollen.

Tipps, Tricks und Beispiele

Die Checkliste für ein gutes Storyboard kann man mit konkreten Tipps und Tricks illustrieren. Hier sind die wichtigsten 6 Beispiele, die es zu beachten gilt:

Beispiel 1 gutes Storyboard filmpuls

1 – Kameraperspektive

Beispiel 2 gutes Storyboard filmpuls

2 – Verortung im Raum

Beispiel 3 gutes Storyboard filmpuls

3 – Vordergrund, Hintergrund

Beispiel 4 gutes Storyboard filmpuls

4 – Etablisher

Beispiel 5 gutes Storyboard filmpuls

5 – Close-Up

Beispiel 6 gutes Storyboard filmpuls

6 – Reaction Shot

Beispiel 7 gutes Storyboard filmpuls

7 – Bildkomposition

Beispiel 8 gutes Storyboard filmpuls

8 – Handlungsmotivation

  1. Kameraperspektive berücksichtigen (Bild 1): Mit Ausnahme von 2D-Animationsfilmen und Einstellungen aus Vogelperspektive spielen Filme und Videos im Raum. Ein flaches Bild ohne Raumtiefe verleiht dem Storyboard eine unnötige Abstraktion.
  2. Nicht nur die Kamera, auch die Darsteller oder Objekte bewegen sich im Raum. Ein gutes Storyboard verortet Personen und Dinge in der Dreidimensionalität. Dabei kann helfen, wenn mit einem „Gittermuster“ (englisch: Grid, Beispiel siehe Bild 2) gearbeitet wird.
  3. Jedes Bild hat einen Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund, der bewusst bespielt oder bewusst ignoriert wird (Bild 3). Raum darf dabei auch aus Leerraum bestehen.
  4. Im Schnitt werden die Kameraeinstellungen, abhängig von ihrer Einstellungsgrößen und der Kameraperspektive, zu einem großen Ganzen zusammengefügt. Ein gutes Storyboard simuliert die spätere Montage. Personen werden, wie in der späteren Inszenierung, in der Zeichnung dargestellt. (Bild 4, 5 und 6).
  5. Unklare Bildkompositionen oder ein Bildaufbau, der nicht der Story oder der Zuschauerführung dient (Bild 7). Bilder, die zu gestalten sich jeder Kameramann weigert, sind Kaugummi für die Augen und darum verboten. Siehe auch Anmerkung in der Checkliste zur Kernaussage einer Szene.
  6. Ein gutes Storyboard simuliert nicht nur die spätere Bildmontage, sondern zeigt auch die Motivation für den Bildschnitt. (Bild 8)

Ähnlich wie der Drehbuchautor bringt der Storyboard-Artist seine Arbeit in den frühen Phasen seiner Arbeit oftmals nur auf Papier, um sie sogleich wieder abzuändern. Storyboarden ist ein dynamischer Prozess.

Was das Layout eines Storyboards betrifft, so bestehen abhängig von der Filmart und der Zielsetzung der Visualisierung unterschiedliche Formen. Weder gibt es nur eine richtige Form, noch ein Richtig oder falsch. Das gilt auch für die in diesem Artikel aufgeführte Checkliste. Es gibt nur Beispiele.

Wer als Filmemacher ohne Storyboard-Artist arbeiten will oder muss und seine ungelenken Handzeichnungen nicht weitergeben will, kann heute auch auf die Dienste von Software zugreifen. Spezialisierte Programme wie Storyboard That eröffnen auch für zeichnerische Laien unkompliziert die Möglichkeit, Szenen in ihre Bestandteile herunterzubrechen und zu illustrieren.

Ein gutes Storyboard erkennt man daran, dass es dem späteren Film zudient und zur Lösung wichtiger Fragen beiträgt, nicht aber den Film selbst zu ersetzen versucht.


Im Interesse der Lesbarkeit sind in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen auf die männliche Form reduziert. Gemeint sind immer Frauen und Männer | © Titelbild: cthcreative.com, unnamed-movie-action-storyboard | Quelle Storyboards: premiumbeat.com, Praktikum Medieninformatik TU Dresden | © Filmpuls – das Magazin für Filmemacher und Videoproducer

Über Carlo P. Olsson

Carlo P. Olsoon berät Auftraggeber und Produktionsfirmen. Er begleitet als Line Producer die Herstellung von Filmen, Videos und TV-Serien. In seiner Freizeit spielt er Eishockey und beschäftigt sich mit barocker Klangdramatik.

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