Warum Horror im Film ohne starke Spielregeln nicht funktionieren kann

Meistverkannt, aber auch heißgeliebt: der Horrorfilm

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Nicht nur als Teil der Filmgeschichte oder für hartgekochte Fans sind Horrorfilme interessant. Ob Frankenstein, Dracula oder der nette Nachbar von Nebenan, der plötzlich zur Kettensäge greift: Das Genre Horror verdeutlicht für Filmemacher nahezu alle wichtigen Merkmale, die für die erfolgreiche Kommunikation mit Bewegtbild erforderlich sind.

Es gibt grundsätzlich, und leider, zwei Arten dieser Filme. Die eine Filmart trägt diesen Namen, weil sie ihre Zuschauer in Angst und Schrecken versetzten will. Die Absicht dient dem Ziel. Dramaturgisch, inhaltlich und formal. Die andere Art Film oder Video ängstigt ihre Zuschauer ebenso, aber ohne Absicht. Auch wenn filmische Rohrkrepierer nicht nur im Spielfilm zum Geschäft gehören – von ihnen ist in diesem Artikel nicht die Rede. Angst mit einem Film hervorzurufen braucht Talent, Erfahrung und Know-how.

Regel 1: Keine Regel ohne Ausnahme

Regeln spielen im Horrorfilm auch außerhalb des Genres eine wichtige Rolle. Die wichtigste Regel lautet: „keine Regel ohne Ausnahme“. Sucht der Zuschauer im Film die Sicherheit in etwas, das er kennt, sei es eine Verhaltensregel im gesellschaftlichen Umgang oder ein Naturgesetz, wird dieses mit dem Gegenteil kontrastiert. Das Verhalten einer Person erfolgt gegensätzlich zur Erwartung des Zuschauers. Das Naturgesetz (beispielsweise Schwerkraft), auf das der Held vertraut, erweist sich nicht als rettende Tatsache sondern als Illusion, die noch mehr Schrecken in sich birgt.

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Subjektive Kamera als Prinzip: The Blair Witch Project

Keine Ausnahme ohne Regel und keine Regel ohne Ausnahme, heißt die Devise. Die Bedrohung entsteht durch die Ungewissheit, auf was sich die Figuren im Film verlassen können. Das alleine reicht aber noch nicht aus. Oftmals entsteht die Bedrohung aus einem Umstand, der sich wissenschaftlich nicht nachvollziehen lässt. Gespenster, Geister und Zombies sind die Ausnahme der Regel, dass nur existiert was sich beweisen lässt.

Frankensteins Monster (das heute in vielen Filmen mit dem Namen seines Erfinders gleichgesetzt wird, was falsch ist: der junge Schweizer Arzt, der das Monster im Roman von Mary Shelley an der Universität in Ingolstadt aus Leichenteilen baut, heißt Dr. Victor Frankenstein. Das Monster selbst – es ist namenlos und zeitlos. Wie der Horror, den es seit der anonymen Publikation des Romans im Jahr 1818 verbreitet, bestätigt das Monster als Ausnahme die Regel, dass was tot ist tot bleibt. Heute, wo  in absehbarer Zeit von der medizinischen Wissenschaft tatsächlich Ersatzorgane gezüchtet und transplantiert werden können, steht Frankensteins Monster nur noch bedingt für die Antithese. Gut möglich, dass das Urmonster der Filmgeschichte nicht nur alternative Fact, sondern in naher Zukunft von der Realität eingeholt werden könnte.

Es gelten die Gesetze aus dem Alltag des Zuschauers. Zumindest so lange, bis sie gebrochen werden. Die Realität ist die Basis, auf welcher die Ausnahme aufsetzt. Das unterscheidet diese Art Film beispielsweise vom Märchen- und Fantasy-Film. In den Gesetzmäßigkeiten eines Märchens sind Dämonen ebenso wie Hexen oder Werwölfe ganz einfach ein Teil der Realität. Alleine die Tatsache ihrer Existenz ist Normalität im jeweiligen Universum. Darum ist die Harry Potter-Reihe auch ganz klar dem Fantasy-Genre zuzuordnen.

Wesentlicher Bestandteil des Horror ist immer die Bedrohung. Diese kann konkret und sichtbar sein, oder aber diffus und unsichtbar. Es gibt Filme die es schaffen, die Bedrohung die ganze Filmzeit über nicht zu offenbaren. Beispielhaft dafür ist der legendäre Spielfilm der Regisseure und Autoren Daniel Myrick und Eduardo Sánchez,  The Blair Witch Project, der meisterhaft mit der Projektion der Hauptdarsteller und der Zuschauer arbeitet.

Gehörte Melodien sind süß, ungehörte sind süßer, sagt das Sprichwort. Dasselbe gilt auch für Angst und Schrecken: Ungesehenes ängstigt oftmals mehr als Gesehenes.

Regel 2: Kein Horror ohne Identifikation

Wie jede Filmart bedarf auch dieses Genre der Identifikation des Zuschauers mit den Hauptfiguren. Dies aber in ungewöhnlichem hohem Ausmass. Wer mit (s)einem Film Angst und Schrecken verbreiten will, hat nur Erfolg, wenn das Publikum sich vom Inhalt des Films betroffen fühlt. Betroffenheit kann nur durch Identifikation entstehen. Sieht sich der Zuschauer nicht selbst in den Hauptfiguren, kann er seine eigene Welt nicht im Film erkennen, wird er die Geschehnisse möglicherweise amüsiert oder gespannt verfolgen, sie werden aber nie sein Innerstes berühren und Ängste in ihm auslösen.

Horror ist darum stark darauf angewiesen, dass der Zuschauer die Vorgängen aus den Augen der Figuren im Film sieht. Nicht nur, aber auch darum spielt die subjektive Kamera (POV, point-of-view) im Genre eine dominante Rolle. Der bereits erwähnte Spielfilm „The Blair Witch Project“ erzählt seine Story ausschließlich aus der Sicht der Darsteller. Ähnlich radikal, und noch viel schlimmer, ist Son of Saul, der seine schrecklichen Bilder ebenso nicht nur aus dem, was die Kamera sieht, sondern auch aus dem, was die Kamera nicht sieht, zusammenstellt. Son of Saul berührt zusätzlich die viel diskutierte Frage, ob wenn Unvorstellbares tatsächlich Realität geworden ist, das Unvorstellbare überhaupt noch Raum haben kann.

Mehr noch als andere Genres versucht der Horrorfilm, den Zuschauer das Geschehen aus den Augen der Darsteller als Darsteller sehen zu lassen.

Definition des Genre

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Der Klassiker aus 1931: Frankenstein

Als Genre ist der Horrorfilm ein Schmarotzer. Er stülpt seine Gesetzesmäßigkeiten gewissermaßen über andere, bereits bestehende und im Bewusstsein des Zuschauers verankerte Genres. Seine Kraft zieht er dabei aus der Welt des Unterbewussten, Unbekannten oder Ungewissen. Ob Aggression, unterdrückte Sexualität oder Monster, innere Welten kollidieren hier mit der Realität wie die Ausnahme die Regeln bestätigt.

  • Die Hauptperson ist in der Regel kein Held, sondern ein Opfer. Dieses steht oftmals einem Gegner gegenüber, der selbst eine Folge des Fortschritts (Frankensteins Monster) oder einer fehlgeleiteten gesellschaftlichen Entwicklung (Son of Saul) verkörpert. Aggression und Sexualität spielen im Genre Horror eine ebenso wichtige Rolle wie Zukunftsängste oder die Bewältigung der Vergangenheit.
  • Oftmals bildet die Religion eine Brücke zwischen den kollidierenden Welten. Religion kann das Ergebnis des Konflikts im Film beeinflussen und verändern, oder sogar das zentrale Scharnier zwischen Gut und Böse in der Filmhandlung sein. Ähnlich wie sich die Aggression in einem Genre, welches es mit Absicht nicht auf Zwischentöne anlegt, selten sanft manifestiert, wird auch der Kampf zwischen Gut und Böse meist auf die Spitze getrieben und extrem – es geht um nichts weniger als Gott gegen Satan („The Exorzist“). Trotzdem geht es am Ende, wie immer in der Dramaturgie, sowohl im Bezug auf die Religion wie auf die Gewalt, um Gegensätze, die am Ende für den Protagonisten eine möglichst maximale Fallhöhe erzeugen.
  • Kinder spielenoftmals eine besondere Rolle. Oftmals kommen ihnen besondere Kräfte zu, die sie in Opposition zur Welt der Erwachsenen einsetzen. In der Welt der Erwachsenen gilt in diesem Genre: „Beziehungen können Dich nicht retten!“ Viele Plots spielen damit, dass das Opfer aus dem Kreis der Familie stammt.
  • Auch die Wahl der Location, für jeden Film wichtig, besitzt in dieser Art Film noch mehr Gewicht. Oftmals beeinflusst sie sogar den Ausgang der Handlung.

Auch bemerkenswert ist der Trend, dass im Horrorfilm immer wieder für einige Jahre die Tendenz auftritt, das Monster als Opfer der Gesellschaft erscheinen zu lassen. Bekanntester historischer Vertreter ist der Film „Frankenstein“ (1931) von James Whale mit dem nicht nur in diesem Film unsterblichen Boris Karloff. Die letzte große Welle dieser Art, nachdem die Filme in den 70er und 80er Jahren immer „härter“ wurden, war in den 90er Jahren erkennbar. Ein schönes Beispiel dafür ist der Film „The Hand That Rocks The Craddle“ von Curtis Hanson.


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