Imagefilm produzieren heißt, Kaugummi für die Augen vermeiden

Filmwissen aus der Praxis

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Einen Imagefilm produzieren heißt, Kaugummi für die Augen vermeiden. Denn was der Strömungswinkel beim Flügel eines Flugzeugs ist, ist in der Bewegtbild-Kommunikation der Blickwinkel, aus dem eine Story erzählt wird.

Das richtige Profil ist in der Aviatik ebenso unabdingbar wie die Erzählperspektive für die Kundenansprache in der Kommunikation. Das richtige Profil sorgt für Stabilität und Auftrieb. Ohne Profil ist ein Film kein Film und ein Flugzeug kein Flugzeug, sondern ein Stein der vom Himmel fällt. Eine Banalität. Müsste man meinen …

Imagefilme sind kein Kaugummi für die Augen!

Ein Imagefilm produzieren ist aus inhaltlicher und dramaturgischer Sicht im Vergleich zu einem Spielfilm keine Hexerei. Trotzdem scheitern erstaunlich viele Imagefilme, aber auch Produktfilme und Web-Videos schon in der Umsetzung (und nicht erst online, wenn sie vor dem Zuschauer bestehen müssen) an dieser Hürde. Der Werbefilm als meist löbliche Ausnahme vom Imagefilm bestätigt nur die Regel: beim Imagefilm wie auch beim Produktfilm erstickt oftmals gnadenlose Beliebigkeit (im besten Fall gekoppelt mit ebenso unbewusster, gnadenloser Subjektivität) jeden Aussagewunsch im Keim.

Ohne Blickwinkel geht es nicht

Filme kommen per se nicht ohne Blickwinkel aus. Das gilt auch für das Imagefilm produzieren. Umso erstaunlicher, dass Kunden bei der Filmproduktion und Videoproduktion immer wieder vergessen, diesen Blickwinkel schon auf Stufe des Briefings zu definieren und vor der Produktion auf Basis von Story und Genre sauber zu deklinieren. Denn am Ende des Tages, wenn das fertige Werk sich dem Zuschauer stellen muss, gibt es keine Filme ohne Blickwinkel. Die Subjektivität im Film ist in der DNA des Mediums festgeschrieben.

Wenn der Absender den Blickwinkel eines Films nicht definiert, dann tut das der Zuschauer nach der Produktion. Ungewollt. Undefiniert. Unkontrolliert. In der Regel möchte der Auftraggeber eines Imagefilms oder Produktfilms genau das Gegenteil: Kontrollierte Wirkung. Darum hat er sich für die Kommunikation mit Film und Video entschieden, Kosten auf sich genommen und den Herstellungsauftrag in die wissenden Hände von Profis gelegt. Unkontrollierte Wirkung kostet mehr als die eingekauften Leistungen: Wirkung, Reputation und Zeitaufwand drohen gegen die Wand zu fahren. Nicht zu tun hat dies mit der Frage, wie lang muss ein Video sein, damit es optimale Wirkung erzielen kann.

Imagefilm produzieren: ‚Wer‘ und ‚Wie‘ in der Kundenansprache macht den Unterschied

Wer sein Zielpublikum definiert hat, hat damit nicht automatisch den Blickwinkel definiert. Forrester Research wies kürzlich wieder darauf hin, dass die Gewichtung von Anspruchsgruppen nicht unterschätzt werden darf. Doch mit der Festlegung der Reisedestination und Prüfung der Kosten und Preise ist man noch nicht am Ferienort angelangt.

Das Zielpublikum ist das „Wer“. Der Blickwinkel ist das „Wie“.

Nur eine kleine Zahl professioneller Filmagenturen ist erfahrungsgemäß überhaupt in der Lage, im Kontakt mit dem Kunden dieses für den Transport von Emotionen und Informationen im Auftrag von Unternehmen unverzichtbare „Wie“ nachvollziehbar und begründbar aus einem Adressatenkreis abzuleiten und daraus ein Filmkonzept zu erstellen. Wer nur Tipps abgibt statt eine fundierte Handlungsempfehlungen, tippt falsch.

Auch wenn der Produzenten-Bauch möglicherweise parallel zur Erfahrung gewachsen ist: das Bauchgefühl mag als Indiz dienen. Die sorgfältige Herleitung aber sollte als Filmpuls im Kopf und nicht in tieferen Körperregionen stattfinden. Wer glaubt, Filmproduktion und Videoproduktion bedeute, keinen Blickwinkel für einen Imagefilm einzunehmen müssen, ist definitiv im falschen Film.

Kartenlesen im Hochgebirge

Geht ein Filmprojekt in die Umsetzung, verhält es sich wie bei einer Hochgebirgswanderung: Die beste Karte ist nutzlos wenn man sie nicht richtig zu lesen weiß. Wo Know-how und kommunikatives Rüstzeug fehlen, werden Aussagewünsche filmisch verwaltet statt gestaltet..Ohne Karte wird abgefilmt. Optimisten nennen das Resultat stolz eine Dokumentation (verkennend dass gerade der Dokumentarfilm sich durch extrem geschärfte Blickwinkel auszeichnet). Für mich sind das verpasste Chancen. Im besten Fall. Von den Kosten gar nicht zu sprechen. Über Erzählperspektiven nachdenken macht einen Film nicht teurer. Aber um Welten besser!

Über Kristian Widmer
Kristian Widmer ist Experte für Kommunikation mit Film und Video. Der gelernte Jurist und Absolvent eines MBA der Universität St. Gallen arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren im Mediengeschäft und ist seit 2002 Geschäftsführer der Condor Films AG.

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