Kamerabewegungen im Film in Theorie und Praxis (1/4)

Was Profis dazu sagen

Kamerabewegungen im Film in Theorie und Praxis (1/4) Gewusst wie: Kamerafahrten im Filmen und Videos

Zur Einordnung von Kamerabewegungen gilt es zuerst, Bewegungen grundsätzlich zu betrachten. Es gibt in Filmen und Videos immer zwischen zwei Arten von Bewegung zu unterscheiden. Entweder bewegt sich ein Objekt vor der Kamera, oder aber die Kamera bewegt sich.

Die beiden Spielarten der Bewegung können auch kombiniert werden, das Objekt vor der Kamera bewegt sich und ebenso die Kamera.

Bewegung gehört zur Grundcharakteristik des Mediums Film. Trotzdem herrscht, ganz besonders bei Entscheidern im Bereich Auftragsfilm für Imagefilm und bei Produktvideos oder Online Videos, oftmals große Unklarheit, wie und wann Bewegung in der Kommunikation mit Bewegtbild eingesetzt werden soll. 

Filmpuls beleuchtet in der Serie Filmschule in vier Teilen das Thema Bewegung im Film und die damit verbundenen filmischen Ausdrucksmittel aus unterschiedlichen Blickwinkeln:

Bewegung vor der Kamera

In der Ursprungszeit des Films beschränkte sich die Bewegung auf das Abfilmen von Szenen durch eine Kamera auf einem starren Dreibein-Stativ. Die Väter des Kinos ließen die Bilder im schönsten Wortsinn für den Zuschauer laufen, und das solange, bis ihnen der Film ausging. Ja sie waren geradezu unersättlich im Auskosten dieses Ausdrucksmittels. Bis heute bekannt sind die von Verfolgungskomik geprägten Stummfilme, in denen auch Chaplin seine ersten Sporen abverdiente: Leute, oftmals Polizisten und Gangster, jagen in Filmen dieser Epoche hin und her durchs Bild, geraten einander in den Weg, purzeln durcheinander, stürzen und rutschen.

Mit der Bewegung vor der Kamera kommt physikalische Gesetzlichkeit von Objekten zum Ausdruck, die keines Anstoßes durch die Kamera bedürfen und keinem verändernden Einfluss durch die Kamera ausgesetzt sind.
Walter Dadek

Im Mittelpunkt dieser Filme steht die Eigenbewegung von Menschen oder Objekten vor der Kamera. Die Kamera selbst, sie bleibt während der Dauer der Einstellung statisch. Sie beobachtet. Dies oftmals ohne Umschnitt, ohne zu schwenken und damit für heutige Verhältnisse ungewöhnlichen lang anhaltenden identischen Einstellungsgrößen.

Kamerabewegungen

Die zweite Art der Bewegung beim Film machen entsteht durch die Bewegung der Kamera selbst. Selbstsprechend ist es dabei nicht unerheblich, ob sich das Objekt vor der Kamera zugleich selbst auch noch in Bewegung befindet oder nicht. Die Bewegung der Kamera bestimmt die Gestaltung eines Films oder Videos genau so mit wie die Wahl der Perspektive und der Brennweite.

Mit der Kamerabewegung eröffnete sich dem Kameramann als Künstler (und zwar bereits während der Stummfilmzeit) neue Horizonte. Die Bewegung der Kamera ermöglichte den Pionieren wie später die Erfindung der Handkamera eine ganze Reihe interessanter, zusätzlicher Ausdrucksmöglichkeiten. Die Kamera konnte sich auf Objekte zubewegen oder sich von ihnen entfernen, dies in konstantem Tempo oder mit wechselnder Geschwindigkeit. Oder, in fahrenden Automobilen in die Weite gerichtet, konnte die Kamera nun auch eine Szenerie bestreichen (man nannte das panoramieren) oder sogar umkreisen, ein aus dramaturgischer Sicht besonders interessanter Fall , der Jahrzehnte später das Markenzeichen des genialen Kameramanns Michael Ballhaus wurde.

Der Königsweg: Bewegung vor der Kamera und bewegte Kamera

Bewegt sich die Kamera und das Objekt vor der Kamera, so stellt das an alle Beteiligten erhöhte Anforderungen. Kameratechnisch, weil die Bewegungen der Kamera meist mit derjenigen der Bewegung vor der Kamera abgestimmt sein will. Inhaltlich-dramaturgisch, weil die Bewegung neue Blickwinkel eröffnet, die ebenso durchdacht sein wollen.

Kamerabewegungen in ihrer komplexesten Form: Planung für Flugaufnahmen

Kamerabewegungen in ihrer komplexesten Form: Planung für Flugaufnahmen | (c) Condor Films

Als hohe Schule und anspruchsvollste Kombination von Bewegung vor und hinter der Kamera gelten Aufnahmen auf dem Wasser oder Flugaufnahmen. Während auf dem Wasser die Eigenbewegung der Kamera und die Einstellung noch einigermaßen koordiniert kontrolliert werden kann, ist die fliegende Kamera unterschiedlichen, manchmal nur schwer einschätzbaren, Turbulenzen und Luftströmen ausgesetzt.

Verfolgt die fliegende Kamera ein anderes fliegendes Objekt, gilt es die Bewegung zweier Objekte (1. der Kameraplattform und 2. diejenige des zu verfolgenden Objektes) in Gleichklang zu bringen. Darauf spezialisierte Kameraleute und Meister des Schwenks wie David B. Nowell (u.a. Pearl Harbor, Iron Man, Zero Dark Thirty) haben darum meist nicht nur extremes Know-how was verschiedene Kamerabewegung betrifft, sondern besitzen oftmals auch eine flugtechnische und meteorologische Ausbildung.

Zusammengefasst

Die bewegte Kamera, durch den technologischen Fortschritt zweier Weltkriege immer leichter und handlicher geworden, lernte zu fliegen und zu hüpfen oder in ruhig geschwungener Bahn wie auf Schienen zu schweben. Um dies zu leisten, bedurfte es ein neues Vokabular für Kamerabwegungen. Die entsprechenden Fachausdrücke (Beispielsweise Kamerafahrt, Zoom oder Schwenk) sind Gegenstand von Teil 2 und Teil 3 dieser Serie, während sich Teil 4 dann gezielt mit der Frage befasst, wann und warum die Kamera in einem Video überhaupt bewegt werden soll. Unberührt davon bleibt die Tatsache, dass die subjektive Wahrnehmung des Zuschauers das Filmerlebnis mitbestimmt.

Ebenso wie Kamerabewegungen ist auch das Filmformat ein Teil der Arbeit mit der Kamera. Mehr zu dieser Thematik findet sich im Filmpuls-Artikel: „Die ultimative Einführung in Filmformate und Videoformate.“ Auch bei CEO Videos, einem Genre, das nach wie vor unterschätzt wird, bieten sich eine bewegte Kamera an. Nicht nur weil diese dem CEO räumliche Tiefe und damit Nahbarkeit verleihen, sondern weil sie auch mithelfen, den Amateur vom Profi zu unterscheiden.

Eine gänzlich andere, weltberühmte Spielart bewegter Kamera sind Bullet Time Shots. Hier umfährt die Kamera nur scheinbar die Szene. Tatsächlich entsteht der Eindruck einer 360-Kreisfahrt durch die Montage einer Reihe Einzelbilder.


Foto: Dreharbeiten für den deutschen Monumental-Film „Metropolis“ (1927) von Fritz Lang. Kamera: Karl Freund.

Über Redaktion Filmpuls
Unter der Bezeichnung "Redaktion Filmpuls" erscheinen Beiträge, die von mehreren Autorinnen und Autoren kollaborativ erstellt werden.

Kommentar hinterlassen

(Email-Adresse bleibt anonym.)


*