Einführung in die Filmsprache: Alles über Kameraeinstellungen

Filmwissen aus erster Hand

Filmpuls Filmschule: Kameraeinstellungen «Es gibt keine Regeln beim Filmemachen. Nur Sünden. Die grösste Sünde ist das Unwissen.» - Frank Capra

Filme machen bedeutet, das Leben in seine Einzelteile zu zerlegen. Aber dazu später mehr. Zuerst klären wir die Begrifflichkeit. Unter Kameraeinstellungen versteht man nicht die Einstellung der Kamera. Dazu gibt es Gebrauchsanweisungen. Auch das Filmwort „Einstellungen“ bedeutet etwas anderes.

Eine Einstellung bezeichnet die Zeitspanne, in der eine Kamera ohne Unterbruch läuft. Im der englischen Sprache heißt das „Take“. Kameraeinstellungen sind etwas anderes.

Sie definieren wie etwas gefilmt wird. Damit sind sie Teil der Filmsprache. Man könnte auch sagen, sie sind ein Bestandteil der Grammatik von Film und Video. Aber anders als Grammatik sind Kameraeinstellungen einfacher zu verstehen.

Die Kameraeinstellungen für Film und Video

Zwei Fragen sind für die Arbeit mit Bewegtbild und der Bildgestaltung wichtig. Welche Kamera-Einstellung soll wann wo verwendet werden. Und welche Arten von Einstellungen gibt es überhaupt. Oft wird der Begriff „Einstellungsgröße“ als Synonym für die Kameraeinstellung verwendet. Das ist nur zum Teil korrekt.

Viele Filmemacher zählen nicht nur das Kriterium der Nähe zu einer Person (Subjekt) oder einem Gegenstand (Objekt) zur Kameraeinstellungen. Sondern vielmehr auch die Art, wie die Kamera auf etwas sieht. Das kann von oben sein. Oder von unten. Des weiteren auch frontal oder seitwärts.

Einstellungsgrößen sind Ausdrucksmöglichkeiten der Kamera. Sie sind so wichtig wie die Bewegung der Kamera in einem Film oder Video. Zusammen mit dem Bildaufbau (Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund) gestalten sie das Filmbild.

Welche Arten von Einstellungen gibt es?

Totale

Die Panorama-Einstellungen wird umgangssprachlich als „Totale“ bezeichnet. Mit Weitwinkel-Aufnahme ist meist dasselbe gemeint. Sie zeigt eine Übersicht von dem, was ist. Umgekehrt sind in einer totalen Kameraeinstellungen meist nur wenig Details zu erkennen. Die Kamera ist weit weg von einer Person oder einer Sache.

Weil die Totale dem Zuschauer eine Orientierung ermöglicht wird sie oft als erste Einstellung einer Szene verwendet. Daher wird sie im englischen Sprachraum auch als Etablishing Shot bezeichnet (was sinngemäß als „darlegende Einstellung“ übersetzt werden kann).

Die Totale bettet eine Handlung in ihr Umfeld ein. Sie zeigt den Kontext, in dem etwas stattfindet. Das kann auf den Zuschauer psychologisch je nach Handlungsverlauf bedrückend oder befreiend wirken.

Einstellungsgröße: TotaleDeutschEnglisch
Einstellungsgrössen und Kameraeinstellungen: Die TotaleTotale, Panorama, Etablisher
  • Long Shot (LS)
  • Wide Shot (WS)
  • Etablishing Shot (ES)

In Dokumentarfilmen sind häufig mehr Totalen zu finden als bei inszenierten Videos. Ganz einfach darum, weil im Dokfilm die Ereignisse in der Realität stattfinden und nicht kontrollierbar sind.

Wollen Regisseur und Kameramann sicher sein, alles im Bild zu haben, drehen sie total.

Die Totale kann auch gesteigert werden. Dann wird sie zu einem Super-Panorama oder einer extremen Totale.

Einstellungsgröße: Super-TotaleDeutschEnglisch
Einstellungsgrössen und Kameraeinstellungen: Die Super-TotaleSuper-Panorama, Super-Totale
  • Extreme Long Shot (ELS)
  • Extreme Wide Shot (EWS)

Oftmals werden Totalen auch mit langsamen Fahrten oder Schwenks verbunden. Beliebt ist diese Kombination bei Landschaftsaufnahmen.

Wenn in Hollywood von einem Extreme Long Shot (ELS) gesprochen wird, ist damit die extreme Totale gemeint. Long Shot (LS) oder Wide Shot (WS) bezeichnet eine normale Totale.

Halbtotale

Die Halbtotale, der Name sagt es, ist nur noch halb so weit weg von einer Person oder Sache. Der distanzierte Zuschauer wird mit der Halbtotalen zum Beobachter. Er sieht mehr.

Die Halbtotale lässt mehr erkennen. Sie schränkt das Blickfeld mehr ein und lenkt damit den Blick.

Für TV-Produktionen und kleine Bildschirme ist die Halbtotale besser geeignet. Mit einer Totalen ist in einem Western im Kino der Reiter im Hintergrund noch deutlich erkennbar. Auf dem Smartphone sind Pferd und Mensch im selben Film nur noch ein verpixelter Punkt.

Einstellungsgröße: HalbtotaleDeutschEnglisch
Einstellungsgrössen und Kameraeinstellungen: HalbtotaleHalbtotale
  • Medium Long Shot (MLS)
  • Full Shot (FS)
  • Complete View (CS)

Menschen sind in der Halbtotalen von Kopf bis Fuß zu sehen. Die Halbtotale als Einstellungsgröße ist wichtig, wenn körperliche Aktionen im Film deutlich werden soll.

Ein Sprung oder ein Sturz wirkt in der Halbtotalen jedenfalls deutlich intensiver als wenn die Person aus dem Bild springt oder fällt. Auch für Comedy und Slapstick werden Halbtotalen eingesetzt.

Der englische Medium Long Shot (MLS) entspricht bei den Kameraeinstellungen der Halbtotalen. Wer von einem Full Shot (FS) oder eine Complete View (CS) spricht, meint damit eine Halbtotale, die hauptsächlich eine Person so im Bild zeigt. Dies so, dass die Person gänzlich und die Umgebung nur beschränkt abgebildet wird.

Halbnah

Die halbnahe Einstellung zeigt eine Person von der Hüfte bis zum Kopf. Diese Einstellungsgröße entspricht dem menschlichen Blickwinkel auf eine andere Person bei einem Gespräch. Darum wird diese Kameraeinstellung häufig für Dialogszenen eingesetzt.

Auch bei Innenaufnahmen wird vielfach halbnah gedreht. Je nach Anzahl der Personen im Bild spricht man auch von einem halbnahen Zweier (2 Personen im Bild) oder beispielsweise einem halbnahen Dreier (3 Personen im Bild).

Englisch wird die Halbnahe als Medium Shot übersetzt.

Einstellungsgröße: HalbnahDeutschEnglisch
Einstellungsgrössen und Kameraeinstellungen: HalbnahHalbnahMedium Shot (MS)

Berühmter als Medium Shot oder Mid Shot (MS)  ist sein Bruder, die „Amerikanische“. Diese Einstellung heißt richtig American Shot (AS). Sie wurde erfunden um in Western die Cowboys von den Oberschenkeln (wo Hände und Colt sich beim Duel befanden) bis zum Kopf abzubilden.

Einstellungsgröße: AmerikanischDeutschEnglisch
Einstellungsgrössen und Kameraeinstellungen: AmerikanischeAmerikanischAmerican Shot (AS)

Naheinstellung

Bei einer Naheinstellung beginnt das Blickfeld oberhalb der Hüfte und geht bis an die Oberkante einer Person. Die Kamera zeigt eine Person so, wie sie früher von einem Bildhauer als Büste modelliert worden wäre.

Die grössere Nähe zum Kopf betont allerdings den Gesichtsausdruck und die Augen der Person vor der Kamera. Der Zuschauer sieht seinem Gegenüber buchstäblich ins Gesicht.

Auch hier wird im deutschprachigen Raum wieder von einem nahen Einer (1 Person im Bild) oder nahen Zweier (2 Personen im Bild) gesprochen.

Einstellungsgröße: NahDeutschEnglisch
Einstellungsgrössen und Kameraeinstellungen: Naheinstellung / Nahe EinstellungNaheinstellungShoulder Close Up (SCU)

Die Naheinstellung heißt im englischen Shoulder Close Up.

Großaufnahme

Die Großaufnahme, der Name sagt es schon, ist nah dran. Während der Kopf im Bild ist, sind die Schultern nur noch knapp sichtbar oder erahnbar.

Entsprechend deutlich sind Mimik und Gesichtsausdruck zu lesen. Was nicht wichtig ist wird folglich von der Kamera abgeschnitten. Eine Grossaufnahme kann natürlich auch nur Hände oder sonst ein Körperteil zeigen.

Einstellungsgröße: GrossDeutschEnglisch
Einstellungsgrößen und Kameraeinstellungen: Grossaufnahme / große EinstellungGroßaufnahmeClose-Up (CU)

Der Close-Up (CU) ist dieselbe Einstellungsgröße.

Detailaufnahme

Noch näher an eine Person oder ein Objekt geht die Detailaufnahme. Folglich zeigt sie dadurch nur noch einen Ausschnitt. Diesen aber überdeutlich, somit unmissverständlich und sehr groß. Der Zuschauer braucht nicht zu überlegen was er sieht sobald er eine Detailaufnahme serviert bekommt.

Kurzum: Eine Detailaufnahme lässt keine Missverständnisse zu. Diese Nähe kann auf den Zuschauer, abhängig von Dramaturgie und Bildinhalt, angenehm oder abstoßend wirken.

Einstellungsgröße: DetailDeutschEnglisch
Einstellungsgrößen und Kameraeinstellungen: DetailaufnahmeDetailaufnahmeExtreme Close Up (ECU)

Eine besondere Spielart der Detailaufnahme ist die „italienische Einstellung“. Ihr Ursprung geht ebenfalls auf den Western zurück.

Für den Film Spiel mir das Lied vom Tod wollte Regisseur Sergio Leone im Duell zwischen Henry Fonda und Charles Bronson die Dramatik auf die Blick zwischen den beiden Schauspielern reduzieren. Die „Italienische“ zeigt darum nur die schmale Augenpartie. Das funktioniert nur mit einem entsprechenden Filmformat. Instagram mit seinem quadratischen Bildausschnitt macht viele Kameraeinstellungen unmöglich.

Einstellungsgröße: ItalienischDeutschEnglisch
Einstellungsgrößen und Kameraeinstellungen: Italienische EinstellungItalienische EinstellungItalian Shot (IS)

Eine Detailaufnahme ist das Maximum des Möglichen. Sie ist ein Superlativ. Darum sollte sie nicht allzu viel in einem Film oder Video eingesetzt werden.

Die Detailaufnahme ist die wohl extremste Form der Großaufnahme (Close Up) und heißt darum in Hollywood folgerichtig Extreme Close Up (ECU).

Welches ist die beste Einstellungsgröße?

Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Jede Einstellung hat ihre Vorteile und Nachteile. Denn je nach Bildausschnitt kann so mal die eine oder andere Einstellungen für eine Szene ideal sein, weil die Story dies erfordert. Mit anderen Worten: ohne Know-how, Talent und Erfahrung ist die professionelle Arbeit mit Einstellungen unmöglich.

Jedes Genre und jede Filmnation besitzt zudem eigene kulturelle Spielregeln im Umgang mit Einstellungsgrößen.

Im Umgang mit Einstellungen müssen Kamera und Regie sich infolgedessen bewusst sein, dass Filme sequentiell erzählt werden. Es ist wie in einem Orchester. Erst das Zusammenspiel und beim Film der Wechsel der Einstellungen ergeben dem Film und der Filmsprache ihre Kraft.

Übersicht über Einstellungsgrößen

Zusammenfassung der wichtigsten Kameraeinstellungen

Einstellungsgrößen
BeispielNameMerkmale
Einstellungsgrössen und Kameraeinstellungen: Die TotaleTotaleOrientierung im Raum. Der Mensch ist „nur“ Teil der Umgebung. Beantwortet Frage: Wo sind wir?
Einstellungsgrössen und Kameraeinstellungen: Die Super-TotaleSupertotaleRaum ist überwältigend, Mensch erscheint im Panorama erschreckend unwichtig und klein.
Einstellungsgrössen und Kameraeinstellungen: HalbtotaleHalbtotaleMensch von Kopf bis Fuß. Person in ihrer ganzen Größe. Betrachter ist einige Armlängen entfernt.
Einstellungsgrössen und Kameraeinstellungen: HalbnahHalbnahHüfte bis Kopf. Die Größe entspricht dem Abstand des Zuschauers von einer Person, die er nicht gut kennt.
Einstellungsgrössen und Kameraeinstellungen: AmerikanischeAmerikanischOberschenkel bis Kopf. Weil Cowboys und Spacegirls ihre Waffen am Bein tragen. Heute in allen Genre verwendet.
Einstellungsgrössen und Kameraeinstellungen: Naheinstellung / Nahe EinstellungNahoberhalb Hüfte bis Kopf. So spricht man mit Person, die man kennt. Mimik ist unmissverständlich lesbar.
Einstellungsgrößen und Kameraeinstellungen: Grossaufnahme / große EinstellungGroßKopf mit Schulter. Jedes Detail zählt. Ob Zucken der Mundpartie oder Blitzen der Augen: Die Großaufnahme zeigt es.
Einstellungsgrößen und Kameraeinstellungen: DetailaufnahmeDetailAusschnitt eines grösseren Ganzen. Beispielsweise eine Hand oder Pistole. Führt den Blick des Zuschauers .
Einstellungsgrößen und Kameraeinstellungen: Italienische EinstellungItalienischZeigt ausschließlich die Augenpartie. Berühmt geworden mit den Spaghetti-Western von Sergio Leone.

Mehr zu diesem Thema findet sich im Artikel „Gute Filmbücher„.


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