Kamerafahrt im Film in Theorie und Praxis (3/4)

Begrenzte Unmöglichkeiten

Kamerabewegungen im Film in Theorie und Praxis (1/4) Gewusst wie: Kamerafahrten im Filmen und Videos

Wenn eine Kamera ihren Standort während einer Einstellung verlässt, so spricht man von einer Kamerafahrt. Die Bewegung enthält also stets das Verlassen des Ausgangspunkts. Ob in Fahrtrichtung, rückwärts oder quer zur Bewegung, die Blickrichtung der Kamera kann, solange sie dramaturgisch motiviert ist, bei Fahrten in alle Richtungen gehen.

Am häufigsten sind Fahrten als Vorwärtsbewegung oder Rückwärtsbewegung. Wie werden Kamerafahrten in Videos richtig eingesetzt?

Filmpuls erklärt in einer vierteiligen Artikelserie die wichtigsten Arten der Bewegung vor der Kamera und ihre typischen Anwendungsfälle. Rückblickend ist es heute schwer zu glauben, dass in den ersten Jahren nach Erfindung des bewegten Bildes die Kamera meist nur bewegungslos die Handlung beobachtete. Dynamik gab es im frühen Stummfilm meist nur als Slapstick vor der Kamera. Nebst grundsätzlichen Informationen zur Bewegung im Film (Teil 1) betrachten wir Schwenks (Teil 2) und Kamerafahrten (Teil 3) und beleuchten die Frage, nach welchen Kriterien (Teil 4) Bildbewegung in der Kommunikation mit Film und Video erfolgen sollte.

Definition der Kamerafahrt

Eine Bewegung der Kamera durch den Raum wird als Fahrt der Kamera bezeichnet. Auch wenn heute Bewegungen in der späteren Bildbearbeitung (meist aufwändig!) digital stabilisiert werden können: eine der größten Herausforderungen bei der Bewegung der Kamera ist nicht nur die inhaltliche Motivation der Kamerabewegung, sondern auch die technische Stabilität während der Dauer der Bewegung.

Ruckelt die Kamera, stört das den Zuschauer empfindlich und lenkt ihn von der Wahrnehmung des Inhalts ab. Darum existieren es für die Bewegung der Kamera im professionellen Filmschaffen unterschiedliche Systeme, die stets weiter entwickelt werden. Filme folgen aus Sicht der Bewegung und Kamera seine eigene Sprache. Für Fahraufnahmen ab Fahrzeugen wird die Kamera auf einem Rig montiert, meist zusammen mit Lichtquellen. Das Fahrzeug selbst wird in der Regel auf einem Anhänger (Trailer) von einem Zugfahrzeug gezogen damit die Schauspieler sich auf ihr Spiel und nicht auf das Lenken konzentrieren können.

Dolly (mobile Schienenwagen, die sich auf Schienen bewegen), Kamerakran, Slider oder die sog. Steadycam, bei der die Kamera am Kameramann befestigt und dank ausgeklügelten Stabilisierungssystemen vom Kameramann wie eine Handkamera äußerst mobil gehandhabt werden kann, geben dem Filmemacher nahezu unbegrenzte Bewegungsfreiheit.

Zu den exotischen Kamera-Bewegungs-Systemen gehört die Seilkamera. Hier folgt die Kamera, ferngesteuert durch einen Motor, an einem aufgespannten Seil über die Szenerie oder mitten hindurch. Nicht fehlen in dieser Aufzählung dürfen die Kamera-Drohnen. Ob als professionelle Quadrokopter oder in semiprofessioneller Ausführung: Kameradrohnen tragen im Zeitalter, in dem die Mehrheit der Film auf Youtube geladen wird und ein einfacher Slider nicht mehr kostet als ein Smartphone, leider einen wesentlichen Anteil daran, dass die Kamera heute überall dort filmt, wo sie fliegen kann. Ungeachtet ob dem Inhalt zusätzliche Sinnhaftigkeit verleiht, ober ob nicht.

Zu Beginn von Szenen führen oftmals Fahrten vorwärts den Zuschauer näher an die Hauptpersonen. Rückwärts verlaufende Fahrten geben dem Zuschauer im gleichen Fall das Gefühl einer wachsenden Distanz. Seit Hitchcock in Vertigo auf geniale Weise den Zoom (der nicht zu den Fahrten zählt und keine Fahrt ist) mit einer gegenläufigen Fahrt verknüpft hat, weiß auch der filmliebende Laie: die Fahrt kennzeichnet sich optisch durch ein sich ständig änderndes Zentrum der Bildperspektive aus. Ein Umstand übrigens, der bei hochwertig geplanten 360-Filmen im Rahmen der Bildbearbeitung übrigens schon bei manchem Produzenten viel Nerven gekostet hat.

Kamerafahrt: Dreharbeiten Condor Films - filmpuls

Fahrende Kamera: Dreharbeiten Condor Films

Um neue Bildeindrücke zu filmen, muss eine Fahrt nicht unbedingt kurvenreich sein. Auch auf gerader Strecke erlaubt es die Kamerafahrt dem Zuschauer, neues zu entdecken. Versteckte Dinge können ins Blickfeld rücken, wobei sich genau wie beim menschlichen Auge der Blickwinkel nicht ändert.

Die Motivation von Fahrtaufnahmen sollte darin liegen, dass sie den Zuschauer, oder alternativ die Person(en) vor der Kamera, begleitet. Die Mehrheit der Bewegungen erfolgt heute mit Steadycam oder vergleichbaren, aber einfacheren Kamera-Stabilisationssystemen, oder auf Schienen (Dolly).

Spezifikation der Kamerafahrt

Es gibt viele Arten möglicher Fahrten. Das Wortspiel reimt sich nicht nur, sondern bringt es auf den Punkt. Es gibt nicht eine Art, die Kamera zu bewegen. Nicht eine fixe Dauer für die Länge der Bewegung. So wenig wie es nicht eine Art gibt, einen Film oder ein Video zu machen, egal ob für das große Kino oder für Youtube. Fahrten können grundsätzlich in folgender Weise (Mischformen werden ausgelassen) unterschieden werden:

Langsame Fahrt

Wie beim Schwenk kann eine langsame Fahrt Gefühle und Stimmungen vertiefen. Von vielen Regisseuren werden langsame Fahrten auch darum eingesetzt, weil sie dem Zuschauer ein verstärktes Raumgefühl verleihen, was die Identifikation mit den Hauptfiguren verstärkt.

Denn ähnlich wie die langsame Fahrt und die langsam bewegte Kamera steht auch der Mensch, und damit sein Auge, selten für mehr als einen Atemzug unbeweglich für lange Dauer an Ort und Stelle. Langsame Fahrten werden gerne auch mit suchenden Schwenks kombiniert.

Umfahrt

Bei der Umfahrt bewegt sich die Kamera um ein Objekt herum. Wie bei der langsamen Fahrt wird die Umfahrt, sei es auf Schienen, Steadycam oder der Hand, oftmals mit Fahraufnahmen und Schwenks verbunden. Damit verschieben sich Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund, was in erhöhtem Maß beim Zuschauer die Illusion erzeugt, tatsächlich am Spielort zu sein.

Im informativen Film kommt der Umfahrt ein erklärenden Charakter zu, während im emotionalen Film die Umfahrt eher dramatisierend wirkt.

Kranfahrt

Die Kranfahrt wird, obwohl immer gerne eingesetzt, oftmals als Kaugummi für die Augen missbraucht. Korrekterweise muss jede Kranfahrt, dramaturgisch bedingt durch den schlichten Umfang ihrer Bewegungsspanne, streng motiviert sein.

Unmotivierte vertikale Fahrten, von alten Hasen im Spielfilm als „Fahrstuhleffekt“ bezeichnet, irritieren den Zuschauer statt Spannung zu erzeugen. (Vergleichbares muss leider auch über epische, inhaltlich unmotivierte Flüge mit Kameradrohen gesagt werden: Flugaufnahmen mit Drohnen sind leider zur neuen Pest im Auftragsfilm geworden. Wer einmal in einer Wettbewerbsjury während einiger Tage Imagefilme bewerten durfte, weiß wovon die Rede ist.)

Die entfesselte Kamera

Aus technischen Gründen war die Filmkamera bis um 1920 an schwere Stative gebunden. Als dann, auch als Folge der erstmals aus Flugzeugen erfolgenden Frontaufklärung im Stellungskrieg des ersten Weltkrieges, die ersten handlicheren Kameras nach dem Krieg auf den Markt kamen, nutzte die filmische Avantgarde die handlichen Aufnahmegeräte um neue filmische Dimensionen zu finden. Der französische Filmpionier Abel Gance ließ 1923 erstmals eine Kamera für seinen Film „Napoleon“ an einem Pferd befestigen. Der Kameramann Karl Freund befestigte für „Der letzte Mann“ die Handkamera an seiner eigenen Brust und mischte sich für eine Tanzszene selbst unter die tanzende Paare.

Bullet Time

Was wie die Fahrt einer Kamera aussieht, ist beim Bullet Time Effekt eine Serie von Einzelbildern, die gleichzeitig aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen wurden. Zur Special Effect Version der 360-Kreisfahrt existiert bei Filmpuls ein eigener Beitrag.

Zusammengefasst

Wie überall, wo technische Innovation plötzlich als bahnbrechend wahrgenommen wurde, wurde die Innovation und Technik, und damit die Kamera selbst, zum Star. Der Legende folgend versuchte Abel Gance sogar, mit einer durch die Luft auf seine Hauptdarsteller geworfeneren Handkamera die Perspektive einer Schneeflocke wiederzugeben. Zu dieser Zeit wurde der Begriff der „entfesselten Kamera“ geprägt, die heute mit Actioncams im Extremsport eine Art Rückkehr feiert.

-> Hinweis: Nicht nur Kamerafahrten und Bewegungen der Kamera prägen Film und Video. Wesentlich geprägt wird das Filmbild auch durch das Videoformat und das Filmformat. Eine Einführung für Einsteiger in das Thema gibt der Filmpuls-Artikel „Die ultimative Einführung in die Videotechnik“.


Foto: Dreharbeiten für den deutschen Monumental-Film „Metropolis“ (1927) von Fritz Lang. Kamera: Karl Freund.

Über Redaktion Filmpuls
Unter der Bezeichnung "Redaktion Filmpuls" erscheinen Beiträge, die von mehreren Autorinnen und Autoren kollaborativ erstellt werden.

1 Comments

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