Wie das Kino im Kopf funktioniert und wie wir Filme sehen

Gorillas und Kraken

Wie das Kino im Kopf funktioniert und wie wir Filme sehen Aus dem Hirn in das Hirn

Das Kino im Kopf beginnt im Hirn des Regisseurs und endet hinter den Augen des Zuschauers. Bis der Film aber im Kopf des Zuschauers angelangt ist, passiert erstaunliches. Wer über Filme spricht, Filme in Auftrag gibt oder vom Filmemachen lebt, sollte sich mit Vorteil nicht nur damit beschäftigen, wie gute Filme noch besser werden. Sondern nahe liegender Weise auch damit, wie wir Filme sehen.

Dieser Artikel hat weder Räubergeschichten vom Filmset zum Gegenstand, noch dreht er sich um Kreation, Storytelling oder Dramaturgie. Für einmal stehen zwei heimliche Protagonisten im Vordergrund, ohne die Filme sehen nach landläufiger Meinung unmöglich ist: das Auge und das Hirn. Dank Forschung und Technik ist es zwar heute auch möglich, Filme mit der Zunge sehen. Aber vor der Erklärung, warum und wie das Sehen mit der Zunge funktioniert, springen wir zuerst zu Adam und Eva und beginnen gewissermaßen dort, wo alles anfängt, bei der Geburt.

Filme sehen und das Kino im Kopf

Die Art und Weise, wie wir heute sehen, ist die Folge einer 500 Millionen Jahre langen Entwicklung. Fünf Milliarden Neuronen beschäftigen sich als Ergebnis davon alleine mit der Verarbeitung visueller Reize in unserem Hirn und nutzen dazu mehr als 30 unterschiedliche Hirnregionen, welche die Signale aus unseren Augen zu einem scheinbar einheitlichen Bild verknüpfen.

Nach dem Stand der heutigen Hirnforschung beruht unser Sehen nur zu einem geringen Teil aus dem, was wir „wirklich“ sehen und damit auf den Lichtsignalen, die via Sehnerv und Thalamus in der Großhirnrinde zu einem Seherlebnis verarbeitet werden. Der größte Teil von dem, was unsere visuelle Wahrnehmung zum eindrücklichen Erlebnis macht, stammt aus unserem Hirn selbst. Es sind Erinnerungen und Gefühle, die im Hirn mit den Sehsignalen ohne unser Zutun vermischt werden und die von unserem Hirn zu einem individuellen, scheinbar logischen und scheinbar realitätsnahen, und damit für uns als Person individuell fassbaren und erfassbaren Erlebnis geformt werden. Wie wir Filme sehen, folgt dem Grundsatz der Äquivalenz, auch hier und im Bezug auf die Wahrnehmung.

Kraken (achtarmige Tintenfische) können als gutes Beispiel dafür dienen, was Sehen heißt. Durch eine zufällige evolutionäre Parallelenwicklung besitzen Kraken ähnliche Sehorgane wie der Mensch. Weil die visuelle Wirklichkeit nicht im Auge, sondern im Gehirn entsteht (welches das Überleben der jeweiligen Spezies sicherzustellen hat), haben Kraken ein gänzlich anderes Kino im Kopf. Trotz vergleichbarer Sehorgane nehmen sie ihre Umwelt komplett unterschiedlich wahr als der Mensch. Es ist darum ratsam, für die Realisation von Videos und Filmen auf die Zusammenarbeit mit Kraken zu verzichten.

Schon ein Jahrhundert früher stellte Karl Marx in Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklungen fest, dass das Bewusstsein unser Sein bestimmt. Für das Kino im Kopf und Filme sehen gilt das Umgekehrte: Das unbewusste Sein bestimmt unser Bewusstsein.  Aus Sicht der Hirnforschung gibt es kein Publikum. Es gibt nur Menschen im Publikum, und die erleben jeden Film höchst individuell und unterschiedlich. Auch darin liegt die Kraft des bewegten Bildes.

Die Entwicklung des Sehens

Bis vor wenigen Jahrzehnten galt es als gesichert, dass Neugeborene kaum sehen oder hören und kaum Schmerz empfinden können. Heute denkt die Wissenschaft radikal anders. Säuglinge sind erstaunlich kompetent, empfangene Signale sinnvoll zu interpretieren. Der Mensch als Baby mag teilnahmslos wirken, aber seine Sinne für die spätere Kommunikation arbeiten bereits auf Hochtouren.

Bereits in der Gebärmutter werden der Tastsinn und der Geruchs- und Geschmacksinn wie auch der Hörsinn für die späteren Aufgaben trainiert. Die einzigen Sinnesorgane, die kaum vor der Geburt stimuliert werden, sind die Augen. Sie sind im letzten Drittel der Schwangerschaft zwar schon funktionstüchtig. Schon Ungeborene können sehen und nehmen Helligkeitsunterschiede im Mutterleib wahr (beispielsweise wenn die Mutter mit nacktem Bauch am Strand sonnt).

In den ersten Monaten nach der Geburt schärfen Babys die Wahrnehmung und verknüpfen ihr Sehen mit den anderen Sinnen. In dieser Phase entwickelt sich die Fähigkeit, zu riechen, zu schmecken und zu fühlen noch schneller als die Fähigkeit, zu sehen und zu hören. Dann aber beginnt sich in erstaunlich kurzer Zeit das Auge zum wichtigsten Sinnesorgan zu entwickeln. Wie kein anderes Medium übermittelt es unserem Hirn, selbst aus großer Entfernung, viele detailreiche Informationen mittels Lichtstrahlen. Unterschiedliche Details der Umwelt hinterlassen dabei ihre Spuren im Hirn und prägen so immer auch zukünftige Seherlebnisse.

Ab etwa dem sechsten Lebensjahr entspricht die Sehschärfe des kindlichen Auges etwa derjenigen eines Erwachsenen. Sie ist damit physisch am Höhepunkt der Entwicklung angelangt. Die eigentliche Schaltzentrale für unser Sehen, das Hirn, entwickelt sich bis ins hohe Alter weiter. Das Kino im Kopf arbeitet lebenslang daran, unsere Sinnes- und Seherlebnisse möglichst sinnvoll für die eigene Lebensrealität zu interpretieren. Das sind auch für Quentin Tarantino gute Nachrichten. Der Meisterregisseur und bekennende Prophet aller B-Movies hat damit alle Chancen, sich über sein Lieblingsgenre hinaus weiter zu entwickeln.

Chaotische visuelle Wirklichkeit

Eine Reihenfolge verschiedener Tönen erlebt der Mensch nur deshalb als Einheit, weil das Gehirn und das Kino im Kopf in der Lage ist, vorangegangene und gerade erklingende Laute miteinander zu einer Melodie zu verbinden. Genau so geschieht es auch mit Bildeindrücken. Selbst scheinbar einfache Sinneseindrücke dringen nicht ungefiltert in das Bewusstsein vor. Einige Bereiche des Gehirns sind nonstop damit beschäftigt, die gelernte Farbigkeit eines Objekts konstant zu halten. In Realität ist die Farbe immer auch abhängig davon, wie kalt oder warm das auf das Objekt fallende Licht ist. Dank der Korrekturfunktion des Hirns erscheint eine Rose immer rot, losgelöst davon ob sie von der grellen Mittagssonne, einer blauen Energiesparlampe oder vom Abendrot beleuchtet wird. Die Farbkorrektur des Hirns stellt ebenso sicher, dass alle Bereiche der Rose rot sind, ungeachtet davon, ob einzelne Bereiche der Rose abgeschattet sind und andere im Licht liegen – und damit in Realität ein Farbspektrum haben, das nicht der Farbe Rot entspricht.

Was Farbpsychologie in Film und Video darüber hinaus beim Filme sehen leisten kann, erklärt der Artikel zu diesem Thema im Filmpuls.

Diese Wirklichkeitskonstruktion ist für den Menschen überlebenswichtig. Gut möglich, dass im Zeitalter von Adam und Eva die wilden Tiere keinen Appetit auf Mensch hatten. Spätestens nach der Vertreibung aus dem Paradies musste der Mensch dann aber in der Lage sein, gezielt Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen brauchen ein Referenzsystem, brauchen Orientierungswerte. Entscheidungen brauchen eine klar definierte, verständliche Welt. Diese Welt lässt das Hirn für jeden Menschen individuell entstehen. Unzählige Neuronen bilden riesige Koalitionen aus Zellen, damit uns unser Umfeld als Einheit ohne Brüche erscheint.

Ohne korrigierenden Autofokus im Hirn wäre der Mensch ob der Vielfalt der Eindrücke dieser Welt handlungsunfähig. Das Gehirn sortiert und filtert die chaotische reale Wirklichkeit. Es bündelt die Empfindungen, gleicht sie mit Erwartungen und Vorwissen ab und lässt so im Bewusstsein das stabile Bild eines Hier und Jetzt entstehen. Facebook zeigt dem User dank Algorithmen basierend auf bisher gelesenen Artikel, was er sehen möchte. Anders unser Hirn. Es zeigt uns nur, was wir sehen müssen.

Wie wichtig visuelle Sinneseindrücke für den Menschen und das Kino im Kopf sind, belegt die wissenschaftliche Erforschung der Erinnerungswerte: Nach einer Stunde kann sich der Mensch noch an 10% von dem erinnern, was er gehört hat und an 17% von dem, was er gelesen hat. Ganz anders, wenn der Mensch selbst etwas erlebt oder (!) sieht: in diesem Fall bleiben stolze 80% haften. Aber damit nicht genug: Verbindet sich ein visuelles Erlebnis mit einer Tätigkeit (dazu zählt auch die Interaktion im Rahmen der virtuellen Realität), steigert sich der Erinnerungswert auf sagenhafte 90%.

VorschaubildFilmpuls: Wie wir Filme sehen und wie das Kino im Kopf funktioniert

Das berühmte „Gorilla-Experiment“ des US-Psychologen Daniel Simons aus dem Jahr 1999 belegt das visuelle Ausblenden von visuellem Informationsmüll eindrücklich, auch wenn es heute etwas in die Jahre gekommen scheint: Simons ließ in einem Video zwei Basketball-Teams gegeneinander spielen. Die Teilnehmer der Studie wurden gebeten, zu zählen, wie viele Pässe sich die Mitglieder der einen Mannschaft zuspielten.

Mehr als die Hälfte der Zuschauer verneinte am Ende des Videos die Frage, ob während des Spiels etwas Besonderes vorgefallen sei. Ihr Hirn blendete aus, dass unübersehbar und mitten im Spiel ein als Gorilla verkleideter Mann das Spielfeld betrat, sich fröhlich unter die Spieler mischte um sich nach Affenart auf die Brust zu trommeln, und dann wieder gemächlich aus dem Bild lief. Das Fazit der Studie: Sehen wird in erschreckend hohem Ausmaß von unserer Aufmerksamkeit mitbestimmt. Wie wir etwas wahrnehmen, hat beim Filme sehen immer auch damit zu tun, was wir schon kennen und was wir erwarten.

Warum wir Filme fühlen

1998 wurde in den USA eine Untersuchung zur Einheit von Körper und Wahrnehmung veröffentlicht. Die Teilnehmer der Studie mussten sich an einen Tische setzen und ihre linke Hand vor sich auf die Tischplatte legen. Die Forscher deckten diese Hand mit einem Sichtschutz und legten (im sichtbaren Bereich) eine Hand aus Gummi neben die echte Hand.

Wurden beide Hände mit einem Pinsel gleichzeitig gestreichelt, verspürten die Teilnehmer die Berührung nicht in ihrer echten, eigenen Hand, sondern in der für sie sichtbaren, künstlichen Hand. Das Bewusstsein hatte diese in die Wahrnehmung des eigenen Körpermodells integriert. Die Studie beweist, dass scheinbare Übereinstimmungen optischer Informationen und Berührungen ausreichen, damit das Hirn ein nicht zum Organismus gehörendes, gesehenes Objekt als einen eigenen Köperteil wahrnimmt. Vor diesem Hintergrund erstaunt nicht, dass wir Filme und Videos nicht nur sehen, sondern immer auch fühlen. Ob wir es wollen oder nicht, das Hirn synchronisiert die eigene körperliche Befindlichkeit mit den visuellen Impulsen, die uns ein Film vermittelt.

Mit der Zunge sehen

Unsere Fähigkeit zu sehen, beschränkt sich nicht nur auf das Auge. Der menschliche Wahrnehmungsapparat zeigt sich auch in Bezug auf visuelle Reize erstaunlich flexibel. Diese Flexibilität besteht darum, weil die menschlichen Sinnesorgane zwar spezifisch auf Umweltreize reagieren (Schall, Licht, Duftstoffe), aber immer denselben neuronalen Code aus elektrischen Signalen an das Hirn senden. Je nachdem, welche Hirnregion diese Signale empfängt und verarbeitet, ändert sich die Empfindung beim Filme sehen.

Eindrücklich demonstriert die Wichtigkeit der signalverarbeitenden Stelle in unserem Hirn das Beispiel von Blinden, die gelernt haben, statt mit den Augen mit der Zunge zu sehen. Damit Sehen mit der Zunge möglich ist, braucht es drei Dinge: eine Videokamera, ein kleines Plättchen bestückt mit 400 Elektroden, und Training. Die Elektroden auf dem Plättchen verwandeln das Bild der Videokamera, die in der Regel vom Blinden auf dem Kopf getragen wird, in ein Raster aus elektrischen Impulsen. Legt sich der Blinde das Plättchen im Mund auf die Zunge, übertragen die Elektroden über den Speichel auf der Zunge die Impulse auf die Nerven der Zunge. Auch so geht Kino im Kopf.

Am Anfang kann das Hirn mit diesen ungewohnten Impulsen nicht viel anfangen. Die Nerven der Zunge, die für Berühungsreize zuständig sind, lernen bei wiederholtem Training aber schnell, die elektronischen Impuls-Raster neu zu interpretieren. Bald schon werden sie vom Hirn als Eindrücke interpretiert, die man gemeinhin als Sehen bezeichnet: Sie geben Auskunft über die Form, Größe eines Objektes, Bewegungsrichtungen oder Raumtiefe. Mit etwas Übung vermag der Blinde dank diesem Plättchen auf der Zunge präzise nach einer Kaffeetasse zu greifen, einen Ball aufzufangen oder sogar zu lesen.

Sehen mit der Zunge ist erst der Anfang einer Entwicklung, deren Ende noch nicht absehbar ist. Schon heute arbeitet die Wissenschaft daran, über vergleichbare Geräte wie das Zungenplättchen auch solche Daten in unser Hirn einzuspeisen, die unsere Sinne normalerweise gar nicht wahrnehmen können. Infrarotsignale oder ultraviolettes Licht sind dabei noch die harmloseren Varianten.

Datenbrillen und virtuelle Realität (VR), aber insbesondere auch die sich am Horizont bereits anbahnende Kombination von organischem Bewusstsein mit künstlicher Intelligenz, versetzen unsere bisherige Art, zu sehen und zu erleben (oder vielmehr: das gesehene zu interpretieren und zu verarbeiten) für kommende Generationen möglicherweise in gänzliche neue Universen.

Welche visuellen Welten sich dank High-Tech vor unserem inneren Auge entfalten lassen, ist noch unklar, in dieser Hinsicht soll man aller Hysterie zum Trotz ehrlich sein und Klartext sprechen. Unsere Großhirnrinde mit ihren Milliarden Neuronen und das Kino im Kopf wird für uns beim Filme sehen sicher noch die eine oder andere Überraschung bereithalten.


Quellen und weiterführende Literatur

Gerhard Roth: Wie einzigartig ist der Mensch? Die lange Evolution der Gehirne und des Geistes, Verlag Springer Spektrum, 2010
Vicki Bruce & Andy Young: Face Perception, Verlag Psychology Press, 2011
Herbert Bruhn, Reinhard Kopiez, Andreas C. Lehmann: Musikpsychologie – das neue Handbuch, Rowohlts Enzyklopädie, 2008
GEOkompakt, Nr.36: Unsere Sinne, 09/2013


Im Interesse der Lesbarkeit werden in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen auf die männliche Form reduziert. Gemeint sind immer Frauen und Männer | Titelbild: Nervenzelle mit aktivem Neuron | © Artikel Filmpuls

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Unter der Bezeichnung "Redaktion Filmpuls" erscheinen Beiträge, die von mehreren Autorinnen und Autoren kollaborativ erstellt werden.

1 Kommentar

  1. Hallo, toller Beitrag! Eine kleine Anmerkung zum letzten Absatz. Ihr Satz: „Das unbewusste Sein bestimmt unser Bewusstsein.“ steht ja in keinem Widerspruch zu der Erkenntnis von Karl Marx und ist bezüglich dem Kino im Kopf auch nicht umgekehrt gültig. Letztlich ist das unbewußte Sein auch das Ergebnis unserer Widerspiegelung (wenn auch nicht immer der bewußten) der gesellschaftlichen und natürlichen Realität, in der wir uns als Individuum entwickeln.

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