Kommunikation mit Film und Video: Was kein Produzent freiwillig sagt

Business as usual

kommunikation-mit-film-und-video-filmpuls Kommunikation ist auch, was man nicht sagt

In der Kommunikation und in einer Geschäftsbeziehung ist wichtig, was gesagt wird. Meist noch wichtiger ist das, was geschrieben wird. Aber am Wichtigsten ist das, was nicht gesagt wird. Und das lässt sich nicht immer zwischen den Zeilen lesen. Dieser Artikel nennt 10 Dinge, die ein Produzent kaum, selten oder nie freiwillig seinem Auftraggeber kommunizieren würde.

Bevor ein Chirurg seine Patienten operiert, ist er gesetzlich dazu verpflichtet, seinen Schützling über tatsächliche und mögliche Risiken zu informieren. Bei Filmproduzenten und Videomachern ist das anders. Zwar ist das Wissensgefälle zwischen Anbieter und Leistungsempfänger oftmals ähnlich spektakulär wie zwischen Arzt und Patient. Aber wer was wem warum wann wie bei einer Filmproduktion sagt, dafür bestehen im Geschäft mit Bewegtbild keine festen Regeln.

Dort wo es keine Regeln gibt, verhält es sich ähnlich wie bei der Frage, was die Länge eines Kleids bestimmt. Für das Kleid werden die Grenzen ohne Vorgaben von zwei Faktoren bestimmt: vom Anstand auf der einen Seite, und vom Boden auf der anderen Seite. In der Kommunikation mit Film und Video sind es: der Charakter der verantwortlichen Führungsperson, die Strategie im Bezug auf Nachhaltigkeit der Kundenbeziehungen, und last but not least die Lebenserfahrung. Diese besagt nach mehr als zwanzig Jahren im Filmbusiness:

1. Projekte können in fürchterliche Schieflage geraten

Filme und Videos sind Projekte und Projekte sind oftmals Prototypen. Ob schon bei der Projektanalyse, bei der Planung oder erst bei der Projektsteuerung. Projekte können in die Hose gehen. Das sagt nicht nur die Statistik, sondern das zeigen immer wieder auch Filme und Videos, die als scheintote Zombies unverstanden durch die Welt geistern.

Tipp
ProjektkompetenzDarauf bestehen und etablieren, dass nicht nur Erfolge, sondern auch Misserfolge offen kommuniziert werden. Aus Misserfolgen lernt man oftmals mehr als aus Erfolg.

2. Auch große Talente haben schlechte Tage

Über Kim Jong-il wurde in Nordkorea angeblich verbreitet, er müsse nicht aufs Klo, weil er für sein Land soviel Energie einsetze und verbrauche, dass er damit auch mühelos alle körpereigenen Schadstoffe verbrenne und sie darum nicht ausscheiden müsse. Wer dieses Privileg nicht besitzt, ist das, was wir alle sind: ein Mensch. Menschen haben gute und schlechte Tage. Es muss ja nicht gerade so sein wie beim Regisseur, der am ersten Drehtag bei einer meiner Auftragsproduktionen in den USA erfahren hat, dass seine junge Frau ihn für einen Tantra-Lehrer verlässt. Der arme Mann war ab diesem Moment auf dem Set nicht mehr zu gebrauchen.

Tipp
MenschseinBei der Besetzung der Schlüssel-Funktionen darauf achten, dass sich pro Funktion eine Person auf Augenhöhe mit den Leistungsträgern befindet und als Backup einspringen kann.

3. Nicht alles lässt sich filmen und verfilmen

Verfilmte Excel-Tabellen haben ihren eigenen Charme. Nämlich keinen. Es gibt Inhalte und Fakten, die man besser dort konsumiert, wo sie hingehören. Auf Papier oder online, als Schrift, Grafik-Tabelle oder als Chart. Erklärvideos sind dankbare Empfänger für fast alles, aber manchmal kann auch dieses Genre nicht weiter helfen. Dasselbe muss auch von Personen gesagt werden, die wegen ihrer Fotogenität entweder besser nur Fotos von sich machen lassen, oder vor gar keine Kamera gehören. Wenn ein Film oder Video den Aussagewunsch nicht verbessert sondern verschlechtert oder verfälscht, ist das Bewegtbild das falsche Rezept.

Tipp
FähigkeitenEin Film oder Video transportiert Emotionen und Informationen. Möglich ist dies über Identifikation mit Menschen. Zahlen und Tabellen kann man mögen, aber nicht lieben.

4. Gewisse Kosten basieren auf Erfahrung

Vom großen Stanley Kubrick ist ein Zitat überliefert, das sinngemäß besagt: „Was man nicht schreiben kann und nicht erklären kann, soll man in einem Film erzählen.“ Wer weiß, was Film leisten kann, wird dem zustimmen. Nur: erklären Sie einmal der Einkaufsabteilung eines Großkonzerns, dass sie ein Produkt herzustellen gedenken, das am Ende zwar besser wirkt als andere Medien, aber eben darum,  weil es aus mehr als der Summe der Einzelteile besteht. Ihr Ansprechpartner aus dem Procurement wird begeistert sein oder ihre Argumente für Ausreden halten. Oder verzweifeln. Weil er nicht für Wirkung bezahlen will, sondern für Einzelteile. Unaussprechliches löst, nachvollziehbar, hier in der Regel grössere Ängste aus als ein Projekt- oder Produktionsabbruch, der an die Rechtsabteilung delegiert werden kann.

Tipp
ErfahrungErfahrung hat nicht nur einen Preis, sondern auch einen Wert. Reserven offen deklarieren und kommunizieren fördert Qualität des Werks und Vertrauen des Kunden gleichermaßen.

5. Manche Kunden sind nicht für die Kommunikation mit Film und Video bereit

Im schönen Berlin durfte ich in jungen Jahren als Produktionsleiter einen Imagefilm verantworten. Am zweiten Drehtag wurde uns der Zutritt zur Location des Kunden kategorisch verweigert. Der talentierte Star-Regisseur stand sich mit der gesamten Crew am Alexander in eisiger Kälte die Beine in den Bauch und wunderte sich, während ich verzweifelt versuchte, die Bosse der Condor Films in Zürich ans Telefon zu kriegen. Nach stundenlangem Warten zogen wir irritiert ab. Am nächsten Tag und nach einigen Krisenmeetings stellte sich heraus, dass sich Management und Aufsichtsrat über die inhaltliche Ausrichtung des Films nicht einig waren. Dass Kunde und Produzent am gleichen Strick ziehen sollten, ist eine Binsenweisheit. Wo interne Machtkämpfe toben ist die Qualität des Films das erste Opfer. In solchen Fällen ist es ratsam, das Ende der am Ende meist großflächig auffallenden Wundreinigung abzuwarten.

Tipp
ZielkongruenzStarke Filme enstehen weder durch Zusammenschrauben noch bei „Dienst nach Vorschrift“. Konflikte darum vorab ausfechten.

6. Ein Film alleine ist nur ein Film

Der schönste Film und das beste Video ist ohne Zuschauer nichts. Ohne Distributionsstrategie findet kaum ein Video sein Publikum. Und ohne Publikum kann ein Film weder seine Kraft noch seine Wirkung entfalten. Ob großes oder kleines Investment: kaum ein Film verdient es, sich nicht dem Urteil seines Adressatenkreis stellen zu dürfen. Und Nein! YouTube ist kein Synonym für Film-Marketing. Virals, also Filme die von selbst ein Riesenerfolg werden, sind wie Hollywood-Stars: auf jeden Erfolg kommen hunderttausende verzweifelte Versuche, das Unmögliche möglich zu machen.

Tipp
MarketingMaßnahmen frühzeitig planen und auch für Imagefilm und Produktfilm andenken.

7. Kreation ist nicht, was man erwartet

Wer exakt weiß was er will, braucht keine kreativen Köpfe. Sondern Mathematiker, die die Zahlen aus der Formel im eigenen Briefing herleiten. Die Kreation muss das Komma auf den Punkt bringen. Sie muss dabei die notwendigen Antworten liefern. Aber bitte auf originelle, unerwartete Weise. Kreativ eben. Wo die Erwartungen nur getroffen, aber nicht übertroffen werden sollen, lässt sich kein Oscar gewinnen.

Tipp
KreationVertrauen ist längst nicht alles, aber ohne Vertrauen ist alles nichts. Auch das verbindet Film und Kommunikation.

8. Die Halbwertzeit für Filme wird laufend kürzer

Je stärker die Medienflut, je höher unser Medienkonsum, desto kürzer wird die Erinnerungsspanne, die uns beim Kino im Kopf und Filme sehen noch zugute kommt. Grosse Filmprojekte sind toll und ein Privileg. Aber wo früher die Markttragfähigkeit eines Imagefilms je nach Branche noch 5 bis 12 Jahre betrug, sind es heute manchmal 5 bis 12 Monate. Der Innovationsdruck treibt viele Marktteilnehmer zu immer neuen Bestleistungen in immer kürzerer Zeit. Es ist nicht die dümmste Strategie, statt auf Großbild-Dinosaurier auf kleinere Film-Einheiten in grösseren Stückzahlen für Social Media zu setzen.

Tipp
LaufzeitFilme können für die Ewigkeit sein. Im Kino. Für das Budget im Auftragsfilm gilt: Erzielte Wirkung und Frequenz = Erfolg.

9. Die Vergleichsmaßstäbe (Benchmarks) sind verdammt hoch

Wer Film sagt, denkt an HBO, an Netflix und an das ganz große Kino auf Augenhöhe mit der großen Leinwand. Hier werden die Maßstäbe für das Storytelling definiert und visuell, kulturell sowie inhaltlich neu gesetzt. Für den VJ, der als One-Man-Show dieselbe Performance liefern soll, Film ist Film und Video ist Video, eine nahezu unlösbare Aufgabe. Darum repetiere ich mich hier nochmals: es gibt Filme, die besser nie gemacht werden. Allerdings, das ist tröstend, auch in Hollywood.

Tipp
ErwartungshaltungNicht nur aus Sicht des Auftraggebers und Absenders, sondern auch aus Sicht des Publikums abklären

10. Content is King

(Sensible Geister mit einer Abneigung gegenüber Kraftwörtern überspringen bitte diesen Punkt.) Mein wohl wichtigster Förderer und Lehrmeister im Umgang mit bewegtem Bild pflegte in – damals für mich erschreckender Häufigkeit – jeweils salbungsvoll zu sagen: „Aus Scheiße kannst Du keinen Kuchen backen“. Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Tipp
StorytellingStorytelling besteht aus drei Wörtern: Story (Geschichte), telling (Erzählen) und Talent (der zuckerweiße Hase aus Alice im Wunderland).

… und was man daraus lernen kann

Ab einem gewissen Alter und ab einer gewissen Arbeitslast lohnt es sich als Produzent schlichtweg nicht mehr, seinen Kunden die Wahrheit zu verschweigen. Ganz einfach darum, weil man am Ende eines hektischen Tages manchmal nicht mehr weiß, wem man was gesagt hat, und was nicht.

Über Kristian Widmer
Kristian Widmer ist Experte für Kommunikation mit Film und Video. Der gelernte Jurist und Absolvent eines MBA der Universität St. Gallen arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren im Mediengeschäft und ist seit 2002 Geschäftsführer der Condor Films AG.

2 Comments

  1. Das steckt viel Wahrheit, persönliches Erleben und Erfahrung drinnen. Sehr cool das hier zu finden!

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