Mein Video muss überall einsetzbar sein! Was muss ich dazu beachten?

Leser fragen ★ Filmpuls antwortet

Wenn mein Video überall funktionieren muss: Was muss ich dabei beachten? Ein Video für alle und alles! Ein Wunschtraum?

Leserfrage: Mein Video für einen mittelständische Kunden soll überall einsetzbar sein. Der Kunde will es nicht nur auf seiner Webpage, YouTube und Social Media einsetzen, sondern zusätzlich am Point of Sale und Fachmessen. Er sagt, sonst würde sich das Budget für das Video nicht rechnen! Was müssen wir für Konzept und Umsetzung beachten? B. Nuspliger, Staufen im Breisgau, per Email

Der Wunsch ihres Kunden erinnert uns an die Geschichte vom Bräutigam, der den Fotografen an seiner Hochzeit sicherzustellen bat, „dass mindestens eines der Fotos von ihm auch gleich für den Reisepass und für zukünftige Bewerbungsunterlagen verwendbar wären. Ein professioneller Fotograf würde dazu ja wohl in der Lage sein!“

Aber legen wir den schönsten Tag im Leben zur Seite. Ihre Frage dürfte auf vielen Zungen brennen. Gäbe es ein Ranking für die am häufigsten gestellten Fragen im Auftragsfilm, die Einsetzbarkeit eines Videos auf unterschiedlichen Kanälen käme wohl gleich nach den Filmkosten.

Die einfache Antwort lautet: Machen wir! Wo ist das Problem?

Sie müssen nicht mehr tun, als die Länge Ihres Videos möglichst kurz zu halten und ihr Werk am Ende im Videoformat H264 als mp4-Datei (idealerweise in HD) dem Kunden abzuliefern. Anschließend kann der Kunde das Video problemlos auf jedem handelsüblichen Computer mit einem Standard-Player abspielen. Das funktioniert für Windows als Betriebssystem wie für Apple. Aber damit nicht genug.

Alle bekannten Videoplattformen (YouTube, Vimeo, Facebook, etc.) verarbeiten H264 problemlos. Der Upload ist auch für technische Laien im Handumdrehen vorzunehmen. Kostenlos ist er noch dazu. Innert wegen Minuten ist das Video für ein globales Publikum via Smartphone, Tablet oder Desktop zugänglich. Mein Video für alle! Das ist so einfach wie den Partner seiner Träume zu finden. Man muss dazu nur die richtige Person kennen lernen …

Die korrekte Antwort ist: Vielen Dank für das Wespennest!

Warum? Distributionskanal ist nicht Distributionskanal. Was Social Media betrifft, so streben YouTube Kanäle ebenso wie Facebook,  LinkedIn, Twitter und Co. zwar mit aller Hartnäckigkeit danach, das jeweils alleine seligmachende Medium zu werden. Frei nach Alexandre Dumas: Einer für alles – alles für einen. Tatsache aber ist: Jeder Kanal besitzt in Realität nach wie vor ein unterschiedliches Profil und zieht ein anderes Zielpublikum an.

Die Erkenntnis: Mein Video gibt es, aber wo bitte finde ich meine Zuschauer? Der Besucher einer für das Publikum geschlossenen Fachmesse (B2B, Business to Business) unterscheidet sich in seinen Bedürfnissen radikal von der Schulklasse, der vor einem Besuch des Betriebs im Empfangsraum ein Unternehmensvideo vorgeführt wird. Bei Social Media verhält es sich selten anders.

In absoluten Zahlen ist die Anzahl an Interaktionen auf Social Media nahezu unfassbar: auf YouTube werden 3,25 Milliarden (!) Stunden an Videos pro Monat angesehen (Stand Q4/2016). Bei Facebook tummeln sich pro Monat 1,93 Milliarden aktive User (Stand Q1/17). LinkedIn konnte kürzlich über 500 Mio. Mitglieder vermelden.

Was also tun, wenn der Kunde ein Video einfordert, dass in seiner Erscheinung elegant wie eine Antilope sein soll, in sich aber die DNA einer eierlegenden Wollmilchsau trägt?

Mein Video muss überall funktionieren!

Mein Video online auf Social Media

Smartphones und Social Media | © Grafik: Faktenkontor GmbH

Unsere nachfolgenden Empfehlungen beziehen sich nicht auf die Frage, ob ein Imagefilm gleichzeitig auch ein Produktfilm sein kann, der als Werbevideo online problemlos als How-to-Video genutzt werden kann. Auch Fragen der Videotechnik klammern wir in diesem Beitrag aus. Hierzu finden sich umfangreiche Informationen im FILMPULS-Artikel Videoformat.

Wie also optimiere ich Videos für das Web und Social-Media Plattformen?

Stellen Sie sicher, dass Ihr Video auch auf kleinen Screens funktioniert. Die Zahl der User, die via Mobile Phone auf das Internet zugreift, wächst unaufhaltsam. Viele Filmemacher und Videoproduzenten träumen von „großen Bildern“ und streben nach der großen Leinwand. In Realität heißt das auf dem Smartphone: unlesbare Titel, weil zu klein.

Denken Sie daran, dass nicht alle Kanäle die gleichen Bildformate zulassen. Ob 16:9, vertikal oder quadratisch, das heißt: Sie arbeiten mit Versionen.

Gehen Sie davon aus, dass viele Menschen das Video ohne Ton ansehen. Das gilt nicht nur für Webvideos und Online Werbeclips, sondern auch für Videos auf Messen. Ist die Tonspur verständnisrelevant, droht die Gefahr des Scheiterns. Das bedeutet: sie brauchen einen Autor, Creative Director oder Konzepter, der richtig gut mit Bildern (nicht Worten) erzählen kann.

Seien Sie sich bewusst, dass „Verlinken“ im Vergleich zu native Video die schlechtere Wahl ist. Auch wenn es auf der Hand liegt, ein Video auf YouTube hochzuladen und als Link der Einfachheit halber in andere Plattformen einzukopieren – die Betreiber von Social Media Plattformen strafen dieses Verhalten fast ausnahmslos ab! Direkt auf die jeweilige Plattform hochgeladener Content (sog. native Content) wird dagegen von den Algorithmen bevorzugt behandelt und mit höherer Sichtbarkeit (Timeline, Chronik, Suchmaschinen) versehen.

Haben Sie keine Angst, aufzufallen. Nicht nur mit dem Video, sondern auch mit der Beschreibung des Videos und einem Video-Thumbnail. Bevor Menschen Ihr Video anklicken, sehen Sie zuerst den geschriebenen Titel und das Titelbild ihres Videos. Das will heißen: Sie müssen Headlines knackig texten (lassen) und ein überdurchschnittlich attraktives Posterfoto des Videos (einen Video Thumbnail) erstellen (lassen.) Nur so bestehen Sie im Kampf um Aufmerksamkeit.

Beachten Sie, dass einzelne Plattformen eine Autoplay-Funktion besitzen. Diese kann teilweise, aber nicht immer, vom User deaktiviert werden. Ihr Video kann darum automatisch starten. Ohne Ton, oder bevor Sie die Aufmerksamkeit es Zuschauers haben. Anders gewendet: Berücksichtigt ihr Filmkonzept (oder ihre Videoversion für diese Kanäle) diese Tatsache nicht, performt ihr Video suboptimal.

Nutzen Sie die Optionen, die Ihnen die Betreiber der Plattformen anbieten, auch wenn diese einfach zu nutzen sind und für Amateure ausgelegt scheinen. Professionelle Filmemacher neigen dazu, gedanklich nur Tools zuzulassen, die für Profis gemacht sind. Filme mit Apps zu adaptieren gilt als unprofessionell. Trotzdem empfiehlt sich für Instagram den Einsatz von Boomerang und/oder Hyperlapse zu prüfen. Beide Programme sind als App kostenfrei downloadbar. Sie helfen, mein Video perfekt auf die Plattform zu konfektionieren. Besser noch: Sie fördern das Verständnis, was Instagram unter Video versteht.

Vergessen Sie nie und niemals, werte B. Nuspliger: Sie haben keine Hoheit über die Spielregeln einer Video Plattform von einem Drittanbieter wie YouTube, Facebook oder Vimeo! Was heute das perfekte Feature für Sie und Ihren Kunden darstellt, kann ohne Vorwarnung vom Betreiber der Plattform schon morgen komplett anders daherkommen. Im Extremfall verlieren Sie bei Umstellungen sogar den Zugriff auf Ihren mühsam erstellten Content (Wenn Sie das nicht glauben: lesen Sie das Kleingedruckte in den Nutzerbedingungen und fragen Sie sich, warum was dort steht, dort steht!). Video Plattformen können weder eine Strategie zur Archivierung noch ein Speichermedium sein. Bei Snapchat sollte es selbstverständlich sein: Ihr Content löst sich nach 24 Stunden in Wohlgefallen auf. Wenn Sie zuerst auf Snapchat publizieren und nachher den Content für weitere Plattformen einsetzen wollen ohne ihn separat gespeichert zu haben, wird daraus nichts.

filmpuls-social-channels-video-unterschiede

Social Media und Video: jeder Channel adressiert sein Publikum anders

Social Videos werden im Idealfall vom User mit Likes versehen, oder noch besser geteilt. Die Chance, dass dies gelingt, kann folgendermaßen erhöht werden:

Sie können die Frage beantworten, warum der User dieses Video teilen oder mögen soll. Am einfachsten geht das, wenn Sie darauf hören, was ihre Fans sagen und sie wissen, wie ihre Follower „ticken“. Passen Sie ihr Video auf diese Antwort an. Das bedeutet: Sie arbeiten nicht mit einem Video, sondern mit Versionen.

Adressieren Sie das Publikum auf jedem Kanal unterschiedlich. Jede Plattform hat eine andere Publikumsstruktur. Das bedeutet: Sie arbeiten nicht mit einem Video, sondern mit Versionen.

Setzten Sie auf Storytelling. Gnadenlos. Hartnäckig. Das bedeutet: Sie brauchen eine Story, die auf den von Ihnen oder ihrem Kunden angestrebten Plattformen funktioniert.

Ganz wichtig: nicht ihr Produkt, nicht ihre Marke, nicht ihre Kernaussage ist der Held. Sondern der User (der Kunde ihres Kunden). Es geht nicht um mein Video. Sondern um das Video des Users. Der Köder muss dem Fisch schmecken. Findet der Endkunde keine Flächen für Resonanz im Video, wird er seine Lebenszeit nicht weiter in das Ansehen Ihres Videos  investieren. Das heißt:  wählen Sie einen Autor, Creative Director oder Konzepter, der nicht nur mit Storytelling sondern auch mit Erzählperspektiven umgehen kann.

Stellen Sie Emotionen in den Vordergrund. Emotionen stimulieren den User weit stärker als Informationen zum Teilen ihres Videos. Der Verband APS (Association of Psychological Science) hat in einer Studie bewiesen, dass positive Emotionen sog. „soziale Transmissionen“ mehr fördern als alles andere. Das heißt: setzen Sie auf Storytelling. Mein Video heißt: meine Story perfekt erzählt.

Bringen Sie das Komma auf den Punkt. Kürzer ist besser (aber wie wir Filmer wissen, nicht unbedingt billiger), auch wenn auf YouTube immer wieder Videos von 15Minuten bis 20Minuten mit guten Klickzahlen zu finden sind.

Vermeiden Sie lange Diskussionen über Kameratypen und Technik: kaufen Sie ein Kamera-Modell, das einfach und intuitiv zu bedienen ist. Sie erzielen damit bessere Resulate.

Machen Sie am Anfang des Videos ein starkes Versprechen, dass Sie im Video auch einlösen. Dabei hilft das WILD-Prinzip.

Beschäftigen Sie sich mit den Suchmechanismen innerhalb der von Ihnen oder Ihrem Kunden gewählten Plattform. Ihr Video soll schließlich gefunden werden. Die Erstellung von Metadaten sind nicht mühsam, sondern wichtig. Stellen Sie zudem sicher, dass Ihr Video mit einem attraktiven Thumbnail versehen wird. Wird ihr Video ab einer eigenen Webpage gestreamt, nutzen Sie die dazu verfügbaren SEO-Best Practises.

Virale Videos gibt es. Aber sie sind so selten wie Einhörner. Und auch die Mehrzahl viraler Hits bekommt das Momentum nicht durch Zufall, sondern durch eine kluge Strategie. Erstellen Sie einem Marketingplan und überlegen Sie, wie Sie mit Paid, Earned und Owned Media umgehen wollen. Von Nichts kommt nichts.

Zusammengefasst

Sie werden nicht daran vorbeikommen, von ihrem Video etliche Varianten zu erstellen um nicht im falschen Film zu sitzen. Noch besser als Varianten sind ein modulares Videokonzept. Das ist die bad News. Die good News: der Aufwand dafür hält sich ein Grenzen. Ein gutes Videokonzept kostet ungleich weniger als ein schlechtes Video. Die Adaption ist auch mit einfachen Tools möglich. Und bitte nicht vergessen! Mein Video (Sicht des Absenders) ist immer auch „dein Video“ (Sicht des Zuschauers).


In der Rubrik „Leserfragen“ beantwortet das Team von Filmpuls an die Redaktion per Email gestellte, grundsätzliche Fragen zu Marketing und Kommunikation mit Bewegtbild, wie beispielsweise: „Wie lang muss ein Video sein?“ oder „Was kostet ein Film?“

Das in diesem Artikel in leicht abgeänderter Form verwendete Zitat „Einer für alle, alle für einen!“ stammt aus dem Roman „Die drei Musketiere“ des Schriftstellers Alexandre Dumas. Es wurde im 19. Jahrhundert zum (inoffiziellen) Wahlspruch der Schweizerischen Eidgenossenschaft. | Im Interesse der Lesbarkeit wurden in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen soweit sinnvoll und möglich auf die männliche Form reduziert. Gemeint sind immer Frauen und Männer | © Artikel Filmpuls

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Unter der Bezeichnung "Redaktion Filmpuls" erscheinen Beiträge, die von mehreren Autorinnen und Autoren kollaborativ erstellt werden.
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