Off-Kommentar für Film und Video: Ein Leitfaden aus der Praxis für die Praxis

Was er darf. Und was er nicht darf.

Off-Kommentar für Filme und Videos - filmpuls Warum guter Off-Kommentar selten ist

Er ist unzertrennlicher Teil der Gesamtkonzeption filmischer Kommunikation und muss darum in den wesentlichen Zügen bereits im Drehbuch angelegt sein. Die Rede ist vom Off-Kommentar, der begleitende Stimme aus dem Hintergrund. Er sie macht professionelle Filme und Video erst richtig gut.

Seine finale Form findet der Kommentar erst nach den Dreharbeiten in der Montage. Zu den Grundprinzipien des Off-Kommentars in der Kommunikation mit Bewegtbild gehört es, dass die Erzählstimme nicht das Bild beschreibt, sondern die visuelle Information ergänzt.

Bei den Dreharbeiten muss sich die Kamera darauf konzentrieren, den Aussagewunsch optisch zu erfassen. Für die Kamera ist darum das zu drehende Motiv der Hauptträger der Informationen. Anders beim der Stimme aus dem Off3:

Der Off-Kommentar (deutsch) wird auch Off-Voice oder Off-Comment (englisch), oder etwas weniger präzise, Voice-Over genannt. Der Begriff Voice Over ist darum missverständlich, weil er auch für Sprachversionen (bei denen die Stimme des Sprechers „über“ den Originalton in Deutsch spricht) verwendet wird. Er ist im Auftragsfilm, im TV, aber auch im Dokumentarfilm (mit erklärender Funktion) und im Spielfilm (als zusätzliche Erzählebene) zu finden.

Die Form des Off-Kommentar

Hauptsätze müssen immer einen Bildbezug haben. Informationen ohne Verortung im Bild gehören in Nebensätze. Der Kommentar folgt dem Rhythmus des Bildschnitts. Daraus ergibt sich konsequenterweise auch die maximale Satzlänge.

Kurze Hauptsätze wirken durch ihre Stakkato eindringlich und transportieren formal das Gefühl von Unruhe und Spannung. Kurze Hauptsätze in hoher Frequenz kommen bei News zum Einsatz.

Anders die Nebensätze. Sie transportieren Informationen, welche durch die Kamera und Montage nicht vermittelt werden können. Mit Nebensätzen können sog. bildfremde Informationen an zu Hauptsätzen gehörende Bildsequenzen  gebunden werden.

Off-Kommentar in Film & Video: Leitfaden aus der Praxis für die Praxis | (c) Foto: Condor Films

Kommentar-Aufnahme im Studio | (c) Foto: Condor Films

Wo Kommentar zum Einsatz kommt, gehören auch Pausen zum festen Repertoire des Schnittredaktors. Pausen sind für die Verarbeitung der Informationen im On (Tonquelle ist im Bild zu sehen) und Off (Quelle ist nicht zu sehen) wesentlich.

Zugleich können Pausen auch als dramaturgisches Element eingesetzt werden.

Oftmals wird vergessen, dass Text-Pausen nicht nur auf die nachfolgende Textpassage wirken. Auch den ihnen vorgehenden Textstellen und der Sprache geben sie Raum für einen Nachhall (Echo).

Der große Bruder des Satzes sind Textblöcke aus mehreren Sätzen. Genau wie einzelne Sätze können auch Textblöcke durch ihre Länge und die Abstände zueinander als Rhythmus gebendes oder spannungsbildendes Element genutzt werden.

Sprachstil

Der Sprachstil für Off-Kommentar gehorcht eigenen Regeln. Schwer verständliche, komplizierte Formulierungen müssen unbedingt vermieden werden:

Umständliche Formulierungen werden vom Zuschauer nicht oder nur teilweise verstanden. Deutsch und deutlich lautet die Prämisse. Unklarheiten führen zudem zu starker Betonung des Off-Kommentars, der dadurch unerwünscht deutlich in seiner Rolle als komplizierter Begleitkommentar in den Vordergrund rutscht; Text muss immer sprechbar sein. Die Verständlichkeit für den Zuschauer ist zwingend.

Geschriebener Text und gesprochener Text sind nicht ein Paar Schuhe. Komplizierte Schachtelsätze liest das geübte Auge ohne Probleme. Aber auch geübte, professionelle Sprecher werden mit komplex verschraubten Wortkonstruktionen scheitern.

Der Zuschauer eines Filmes oder Web Videos hat im Gegensatz zum Leser keine Möglichkeit, das Text-Tempo selbst zu bestimmen. In der Bewegtbild-Kommunikation fehlt die Möglichkeit, Textinhalte in Ruhe zu rekapitulieren oder eine Textstelle nochmals zu lesen.

Inhalt

Kommentar  darf nie nur den Inhalt von Bildern beschreiben. Das Benennen von Dingen mit Sprache, die der Zuschauer selbst sieht, lässt weder Kontext noch Originalität entstehen. Doppelungen sind schlechter Stil und  in ihrer Nutzlosigkeit nur noch von „Text-Bild-Scheren“ zu überbieten. Von einer solchen spricht man dann, wenn die Inhalte von Bild und Erzählstimme sich widersprechen und damit Irritation hervorrufen.

Text-Bild-Scheren gibt es darum nicht nur beim Bewegtbild, sondern überall dort, wo mit zwei Ebenen oder Gestaltungsarten gearbeitet wird, beispielsweise in der Publizistik.

Populär wurde der Begriff „Schere“ durch die Analysen zur Informationsvermittlung im deutschen Fernsehen, Medienwissenschaftler in Deutschland in den 70er Jahren publizierten. Sie belegen, dass die Verständlichkeit von Informationen markant schlechter wird, wenn sich die Aussagen auf unterschiedlichen Ebenen widersprechen. Bilder verlieren damit ihre Prägnanz und werden zu bedeutungslosen Füllmaterial.

Spätere Untersuchungen und praxisorientierte Studien (experimentelle Nachprüfungen) haben zur Erkenntnis geführt, dass das Zusammenspiel von Wort und Bild weitaus komplexer ist und sich mit dem Bild-Text-Scherenmodell nicht alle Irritationen ausreichend erklären lassen. Bild und Wort spielen nach heutigem Stand der Forschung auf vielerlei Ebenen zusammen und berühren unterschiedliche Disziplinen, so Linguistik, Wahrnehmungspsychologie und Logik. Zudem rufen nicht vorhandene Text-Bild-Beziehungen andere Ergebnisse hervor, als sich widersprechenden Text-Bild-Beziehungen.

Besonders wichtig ist die inhaltliche Gestaltung beim Filmanfang. Nicht nur will der Mensch erkennen, wer aus welcher Perspektive spricht. Der Zuwendungsgrad des Zuschauers wird im Storytelling wesentlich vom Anfang eines Filmes oder Videos mitbestimmt. Die unbewusste Suche nach einem Erzählmuster findet in den ersten Filmminuten statt. Während der Exposition sucht der Zuseher nach Antworten, in welchem Genre das Thema des Filmes stattfindet.

Ob man mit der Betonung  von Kontrasten einsteigt, die Ausgangslage mit neutralen Fragen skizziert oder ob er auf Humor setzt, stets trägt er eine Mitverantwortung für den weiteren Verlauf der Story und des Verhaltens des Betrachters.

Die Textfigur

Nicht nur die Personen oder Schauspieler im Filmbild haben eine definierte Rolle. Auch der Off-Kommentar ist ein Schauspieler, wenn auch ein unsichtbarer. Die Wortwahl und die Art des Kommentars muss sich entweder an der Umgangssprache des Zielpublikums orientieren oder aber der Erzählperspektive des Kommentars gerecht werden.

Diese, die Erzählperspektive bestimmende, Rolle wird Textfigur genannt. Als solche kann auch eine Person agieren, welche selbst in einem Video vorkommt, beispielsweise als Moderator. Die Textfigur ist auch bestimmend dafür, ob neutrales Deutsch oder Dialekt eingesetzt wird.

Bekannte Beispiele für Textfiguren sind

  • die erzählende Haltung („Es war einmal…“),
  • die kritische Haltung, und
  • die ironische Haltung.

Die erzählende Handlung weist dem Betrachter von Beginn weg den Weg. Sie ist darum auch für die weitere Handlung bestimmend. Entsprechend gut muss der Umgang mit der erzählerischen Figur geplant werden. Kritik funktioniert in den Augen des Publikums immer dann besonders gut, wenn sie nicht aus Prinzip eingenommen wird, sondern belegt wird.

Dies kann beispielsweise mit Interviewfragen im Film belegt werden oder durch Zwischenschnitte argumentativ belegt werden. Eine wichtige Rolle spielt die kritische Textfigur bei Reportagen und Videos mit investigativem Ziel.  In diesem Genre erhalten die Bilder die Funktion, zusammen mit O-Ton, die im Off-Kommentar behaupteten Thesen zu belegen.

Besonders gefährlich, aber auch enorm attraktiv, ist Ironie. Gefährlich ist Ironie darum, weil sie meist nur in den Augen des Absenders vorhanden oder erkennbar ist. Viele TV-Verantwortliche sind darum aus Prinzip der Meinung, dass Ironie am Fernsehen nicht „funktioniert“.

Wenn sie aber funktioniert (sprich: wenn die Ironie als solche erkannt wird), können Filme und Videos mit ironischer Erzählstimme sich in Bezug auf die Zuschauerzahlen oder Klicks auf YouTube und im Web als wahre Perlen erweisen. Sie werden über Monate immer wieder angeschaut. Hier zeigt der Off-Kommentar dann ganz besonders deutlich seine Macht und Wichtigkeit.

Gäbe es eine Bewerberliste der Todsünden für Videofilmer und Filmemacher, die Unwissenheit und Nachlässigkeit im Umgang mit Off-Voice würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weit oben auf der Liste stehen,

Das einzige Genre, in dem Off-Kommentar nichts zu suchen hat, ist das Video Testimonial (von dem möglichen Übersprechen eines Claims, Call to Action oder Logos abgesehen): Testimonials ziehen wie gute Auftragsfilme ihre Kraft aus der Authentizität und dem Fokus auf nur eine Handlungsebene. Dasselbe gilt für Dokusoap und Reportage.

Warum die Qualität im Fernsehen mehr als nur ein akademisches Anliegen weniger Redakteure und Redaktionsleiter sein muss, verdeutlicht eindrücklich die Studie Wahlverhalten und TV-Konsum der drei Wissenschafter Ruben Durantey, Paolo Pinottiz und Andrea Teseix von der Queen Mary Universität in London. Auch das ist schöner Fernsehen.


Literaturhinweise:

  • Karl Heinz Drescher: Erinnern und Verstehen von Massenmedien: empirische Untersuchungen zur Text-Bild-Schere. Wien, 1997.
  • Karl Nikolaus Renner: Die Text-Bild-Schere. Studies in Communication Sciences, 2001, S. 23-44. (nicht auf Deutsch erhältlich)
  • Bernward Wember: Wie informiert das Fernsehen? München, 1976.

Im Interesse der Lesbarkeit sind in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen auf die männliche Form reduziert. Gemeint sind immer Frauen und Männer | © Filmpuls – das Magazin für Filmemacher und Videoproducer

Über Markus Röthl

Markus Röthl ist Geschäftsführer der Fernsehproduktionsgesellschaft FaroTV und Mitglied der Geschäftsleitung der Condor Films AG.

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