Regisseur und Filmemacher Patrick Merz: «Wir alle sind gute Schauspieler!»

Ein exklusiver Blick ins Nähkästchen

Regisseur und Filmemacher Patrick Merz: »Wir alle sind gute Schauspieler!« «Ich bin ein Breitbildformat-Mensch», sagt Patrick Merz (im Bild rechts)

Als kleiner Junge ist Patrick Merz mit zugekniffenen Augen durch die Welt gelaufen, weil die Welt dann wie in einem Kinofilm aussah. Die Leidenschaft zum Kino und die Faszination für Schauspieler ist dem Regisseur und Filmemacher geblieben.

Heute lebt der erfolgreiche Schweizer Filmschaffende von Spielfilmen und Auftragsfilmen in Deutschland und geht mit weit geöffneten Augen durch das Leben. FLMPULS hat Patrick Merz, der auch an einer Filmschule junge Filmstudenten ausbildet, bei einem Kaffee zum Interview getroffen, um mit ihm über das Filmemachen und seine einzigartigen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Laiendarstellern zu sprechen, von denen sich manche schon mal für Hollywoodstar Brad Pitt halten können.

Regisseur und Filmemacher Patrick Merz über Laien als Schauspieler

Filmpuls: Bei vielen Regisseuren würden sich die Nackenhaare aufstellen, wenn sie mit nicht-professionellen Schauspielern arbeiten müssten. Patrick, warum tust Du Dir als Profi die Zusammenarbeit mit Laien an?

Interview 10 Fragen an Regisseur Patrick Merz

Interview 10 Fragen an Regisseur Patrick Merz

Patrick Merz: Die Zusammenarbeit mit Laienschauspielern ist eine außerordentliche Bereicherung. Sie bringt mir in erster Linie viele Vorteile. Laien sind unverbrauchter. Sie können viel authentischer wirken als jeder Schauspieler. Laien spielen nicht. Sie sind.

Mir fällt auf, dass Du sagst, „…in erster Linie Vorteile“. Warum diese, wie mir scheint sehr sorgfältig gewählte, Formulierung?

Natürlich gibt es Herausforderungen. Diese werden mal besser mal weniger gut gemeistert. Beim Spielfilm sehe ich als Filmemacher den Nachteil darin, dass eine Szene mit Laien schnell dutzendfach wiederholt werden muss, bis sie wirklich sitzt. Bei einem professionell ausgebildeten Schauspieler kann man mehr einfordern. Diese werden schließlich auch dafür bezahlt, dass sie Dialoge hinkriegen und spielen können. Da darf und da muss der Regisseur auch mal etwas Druck aufsetzen. Bei einem Laiendarsteller funktioniert das überhaupt nicht. Im Auftragsfilmbereich werden Laien sehr oft dazu verknurrt vor die Kamera zu treten.

Wer vor die Kamera muss, weil der Chef das verlangt, es selbst aber nicht will: Das sind schwierige Voraussetzungen.  In solch einem Fall muss ich als Regisseur nicht nur darauf achten, was die Person macht und sagt, ich muss auch stark motivieren. Mit einer solchen Ausgangslage zu arbeiten ist nicht unmöglich – im Gegenteil – aber es braucht nochmals etwas mehr Energie vonseiten des Regisseurs.

In deinen Filmen entpuppen sich Laien erstaunlich oft als schauspielerische Talente. Wie stößt du auf diese ungeschliffenen Diamanten?

Patrick Merz: Ob eine Person ein Talent ist oder nicht, merke ich schon beim Casting. Wenn die Person zu spielen beginnt, ist schnell klar, woran man ist. Ganz besonders dann, wenn die Leute sich selber darstellen sollen. Wenn man einen Rohdiamanten vor sich hat, es gibt ja wirklich Laiendarsteller welche ohne jede Ausbildung und Erfahrung völlig abgefahren spielen können, muss man ihrem Spiel eher entgegenwirken. Laien mit Talent haben die Tendenz ausschweifend zu sein. Sie trauen sich dann anfangs nicht zu sein, sondern sie überspielen. Als Regisseur musst du dann eingreifen. Trotzdem: Talentierte Laien zu ihrer Höchstform führen zu dürfen, das macht unheimlich Spaß.

Wir Menschen sind alle super Schauspieler. Wir machen unser Leben lang nichts anderes!
Patrick Merz

Ich behaupte, dass jeder Mensch das Zeug zu einem grandiosen Schauspieler hat. Wir erfüllen alle ganz unterschiedliche Rollen. Eine Rolle als Familienvater, als Chef, eine Rolle als Hausmann oder Hausfrau, eine Rolle als Kinderbetreuerin, undsoweiter. Meine Meinung als Filmemacher ist: Der Mensch spielt die ganze Zeit Rollen und übt sich darin jeden Tag. Bewusst. Oder unbewusst. Einige folgen dabei fremden Rollenmustern. Andere versuchen ihr eigenes Drehbuch zu schreiben. Einem guten Schauspieler musst du darum nur sagen, dass er genau das tun soll. Eine Rolle spielen. Ihnen hilfst du als Regisseur einzig, zu verstehen, in welche Rolle sie für den Film hineinschlüpfen müssen.

Wenn wir einen Schritt zurückgehen, nämlich zum Casting: Was ist dir dabei aus Sicht der Regie wichtig? Ein hübsches Gesicht alleine wird kaum ausreichen, um von Dir zum Casting für deinen nächsten Spielfilm eingeladen zu werden?

Patrick Merz: Ich schaue schon aufs Äußere, aber in dem Sinn, dass das Äußere und das Innere zusammen passen. Der Typus ist wichtig. Manchmal täuscht man sich als Filmemacher auch. Man denkt, diese Person wäre perfekt für diese Rolle. Das Wesen des Schauspielers oder der Schauspielerin steht definitiv über dem Aussehen. Klar ist das Casting wichtig. Noch wichtiger ist für mich aber bei der Zusammenarbeit mit Laien, dass mein Drehbuch eine gewisse Flexibilität der Rollenbilder erlaubt. Sagen wir, du siehst dir 50 Leute an und du hast 5 Rollen zu vergeben. Dann versuchst du natürlich denjenigen Bewerbern die Rolle zu geben bei denen du spürst, dass sie diese spielen können.

Und manchmal, wenn du 5 Talente hast, aber die Rollen nicht hundertprozentig stimmen, muss man jonglieren oder das Buch an den Menschen anpassen. Es gibt kaum ein Autor, der beim Schreiben nicht schon ein Bild vor dem inneren Auge hat. Warum sollte man diesen Prozess nicht umkehren können? Besser das Drehbuch behutsam an einen Laien anpassen, statt diesen in ein Drehbuch-Korsett zu sperren, das ihm die Luft nimmt. Filme wollen atmen.

Spielfilme mit Laienschauspielern zu drehen ist eine deiner vielen herausragenden Fähigkeiten, für die du in Deutschland bekannt geworden bist. Gibt es eine besonders witzige, absurde oder schöne Situation, welche du nie vergessen wirst?

Patrick Merz: Beim Dreh meines Films „Fuck The Music“ gab es, wie ich meine, ein schönes Beispiel dafür, wie ich als Regisseur funktioniere, und in was man hineingeraten kann, wenn man mit Laien als Schauspieler arbeitet. Als ich das Drehbuch schrieb, wusste ich bereits welchen Laiendarsteller ich als Bösewicht wählen würde. Ich habe darum die Rolle auf das Wesen dieser Person, oder was ich dafür hielt, ausgerichtet.

Dann, am ersten Drehtag, steht dieser Kerl vor der Kamera und legt eine Parodie von Brad Pitt hin. Er spielte eine völlig schräge Version eines durchgeknallten Wunschschwiegersohns, statt eines cholerischen Musikproduzenten. Total jenseitig und abgefahren! (Patrick wedelt mit den Armen). Ich wusste in der ersten Sekunde: So geht das nicht! Ich gehe also zu ihm hin und sage, dass es schon gut ist, was er macht, aber dass er der Bad Guy ist und nicht auf Klamauk machen kann. Dann haben wir die Kamera erneut angestellt. Wieder genau das Gleiche. Und nochmals und nochmals.

Es war zum Jodeln. Ich wusste, jetzt muss ich eine Entscheidung treffen. Alleine. Sofort. Aus der Situation und aus dem Bauch heraus. Und was immer ich in den nächsten Sekunden sage – es wird den Film und viele andere Menschen betreffen, die mir wichtig sind. Nach der vierten Wiederholung der Schwiegersohn-Parodie bin ich zu meinem Hauptdarsteller und habe mit ruhiger Stimme gesagt: „Ok, du kannst das so spielen! Aber dann musst du es ab jetzt, so, bis ans Ende durchziehen.“ Es ist super gekommen! Das Publikum liebt den Film bis heute wegen diesem Schauspieler. Schon spannend, in was man als Regisseur hineingeraten kann, nur weil man das Gefühl hat, dass ein Mensch dieses oder jenes Wesen hat. Und es ist dann genau anders! Dann musst du als Filmemacher geistige Flexibilität besitzen und in großen Zügen denken. Mit Engstirnigkeit machst du in einer solchen Situation deinen Film kaputt.

Ist das die wichtigste Eigenschaft für den erfolgreichen Umgang mit Laien vor der Kamera, großzügig zu denken?

Einen sehr sehr starken Willen zur Zusammenarbeit brauchst du ebenso. Die Arbeit mit Laiendarstellern ist absolutes Teamplaying. Hohe soziale Kompetenz ist grundlegend. Und Empathie. Ich muss mich, als Regisseur, in den Laiendarsteller hineinversetzen können. Das ist viel wichtiger als Geduld. Man kann auch mal ungeduldig sein, selbst wenn man mit Laien arbeitet.

Was prägt Dich in der Zusammenarbeit mit Laiendarstellern?

Patrick Merz: Mein Lieblingssatz ist folgender: Es sind nie die Schauspieler, die schlecht sind. Es ist immer das Drehbuch! Du merkst als Filmemacher sofort, wenn das Buch nicht stimmt. Wenn zum Beispiel jemand aus der Szene hinausfällt oder Sätze vergisst, sind das die Indizien dafür. Dies gilt nicht nur für Spielfilm, sondern auch für den Auftragsfilm. Gerade bei Laiendarstellern ist es wichtig, dass du deine Arbeit, dein Drehbuch und deine Vorstellungen auch auf dem Set während dem Dreh hinterfragen und adaptieren kannst. Das ist genau das, was man sonst bei Film nicht macht. Viele Regisseure haben Angst davor. Normalerweise kommt der Filmemacher nach wochenlanger Vorbereitung auf das Set und setzt den Darsteller, wie ein Stück Dekor, in einen wohldurchdachten Bauplan. Bei Laiendarstellern ist das dein Tod. Hier musst du um den Schauspieler herum bauen.

Wenn ein Auftraggeber von mir will, dass ich Statements drehe, ist meine erste Frage nie, was der Inhalt sein soll. Nein, ich will wissen: Wer soll sprechen und darf ich entscheiden, in welcher Umgebung diese Person ihren Auftritt hat? Ein Laie, der vor die Kamera tritt, muss sich noch wohler fühlen als ein Profi.

Im Auftragsfilm hast du es ständig mit Leuten zu tun, die noch nie vor einer Kamera standen. Dafür musst du dir Zeit einrechnen. Mein Ziel ist es, jedes Projekt in einem partnerschaftlichen Verhältnis machen zu können. Leider geht das nicht immer. Wenn du den CEO eines internationalen Konzerns vor der Kamera stehen hast, der im Stress von einem Fuß auf den anderen tritt, ist „partnerschaftlich“ ein großes Wort. Viele Chefs müssen auch vor der Kamera der Chef sein. Manche geben der technischen Filmcrew sogar Regie-Anweisungen und werden selbst zum Filmemacher oder Regisseur. Ich versuche darum, die Autorität einer Führungsperson nicht über deren Funktion aufzubauen, sondern, idealerweise, schon in einem Vorgespräch, Vertrauen in meine Fähigkeiten entstehen zu lassen.

Gelingt dies, geschehen auch erstaunliche Dinge. Manager zeigen vor der Kamera plötzlich Qualitäten, die sie im alltäglichen Berufsleben nie zeigen würden. Wenn du dies erreichst, dann hast du gewonnen. Dann kannst du auch sagen: „Wir machen das nochmals. Diesmal bitte etwas kürzer und auf den Punkt, Sie sind schließlich der Chef!“

Ist es auch schon vorgekommen, dass du einen Dreh nicht zufriedenstellend beenden konntest, weil du mit Laienschauspielern gearbeitet hast?

Patrick Merz: Einmal in zwanzig Jahren. Bei einem Auftragsfilm. Der Kunde, welcher vor der Kamera stand, hat es nicht hingekriegt. Er ist sehr wütend geworden. Nicht auf mich. Sondern auf sich selbst. Er hatte seinen Text selbst geschrieben und darauf bestanden, diesen Wort für Wort auswendig zu lernen und aufzusagen.

Die meisten Führungskräfte wissen leider nicht worin der Unterschied zwischen gesprochenem Text und geschriebenem Text besteht. Sie schreiben eine Broschüre oder lassen sich eine schreiben. Darauf versuche ich, als Regisseur Einfluss zu nehmen, indem ich vor dem Dreh zusammen mit dem Kunden den Text anschaue und wenn nötig vereinfache. Keine Schachtelsätze. Kurze, prägnante Sätze. Auch hier finde ich den Aspekt der Flexibilität wichtig. Gerade bei CEO Videos. Oftmals sind die Texte schon abgenommen, manchmal sogar von Rechtsabteilungen geprüft und freigegeben. Aber selbst dann können Satzlänge und Rhythmus mit kleinen Tricks und Tipps an den Redner angepasst werden, ohne die Aussagen zu gefährden. Es gibt kein Rezept, mit dem eine Zusammenarbeit im Film zu 100 % gut kommt. Aber mit solidem Know-how und langjähriger Erfahrung, kombiniert mit Flexibilität, sozialer Kompetenz und Geduld kann man beim Film wie im Leben auch Ziele erreichen, die man zuerst für unmöglich hält.

Ich bin ein Breitbildformat-Mensch.
Patrick Merz

Was ist das dein nächstes Projekt?

Ich mache dieses Jahr einen neuen Spielfilm mit Laien und werde dabei erneut mit Flüchtlingen im Jugendalter und mit deutschen Teenagern arbeiten. Besonders auf das Multilinguale, das Sprachgemisch, darauf freue ich mich enorm! Wenn Schauspieler und Schauspielerinnen, die unterschiedliche Sprachen reden, aufeinander treffen wird es spannend. Das weiß ich bereits von meinem letzten Spielfilm Hotel California. Persisch oder eine der afrikanischen Sprachen spreche ich nicht und auch nicht wirklich fließend russisch. Bevor ich drehen kann, werde ich auch diesmal mit den Laienschauspielern zusammensitzen und gemeinsam das Script übersetzen.

Beim Hotel California gab es dabei geniale Situationen. Ich habe mit fünf jungen afghanischen Laiendarstellern gedreht und diese diskutierten unter sich extrem engagiert darüber, wie man ihren Dialog im Drehbuch richtig übersetzt. Das waren irgendwann nicht mehr Sätze für Darsteller, die in einem Drehbuch standen. Die Sätze wurden Teil der Darsteller. Und irgendwann stimmte es dann und war absolut perfekt. Glaube ich zumindest (lacht). Mehrsprachigkeit ist ein Mittel, dass unserem kulturellen Verständnis gut tut und uns den Horizont öffnet.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Patrick!  Wir drücken Dir die Daumen bei Deinen Spielfilmprojekten und wir freuen uns auf Updates, zu denen es anlässlich der bereits gestarteten, gemeinsamen neuen Projekte unter den Schwingen der Condor Films sicher reichlich Gelegenheit gibt.


Die Interviews in Filmpuls dürfen (fast) alles. Nur nicht langweilen. In der Rubrik Interview kommen Filmemacher, Regisseure, Kreative, Schlüsselpersonen der Filmszene und weitere Exponenten der In- und ausländischen Bewegtbildkommunikation zu Wort. Die bisherigen Artikel porträtieren unter anderem: Adrian Teijido (Kameramann von Netflix‘ Narcos) Wigald Boning (TV-Moderator und Comedian, Spezialist für schöner Fernsehen), Jürg Ebe (Spielfilm-Regisseur), Kristian Widmer (Produzent) über den Trend Action Cam, Jörg Buckmann (Frechmut-Spezialist), Dionys Frei und Davide Tiraboschi von Dedicam, Regisseur Su Turhan spricht über seine Kultromane «Kommissar Pascha», sowie Deborah Neininger und Jan Sulzer (Regie-Duo) und Markus Welter, Regisseur u.a. für „Der Bestatter“ und „Tatort“

Über Marianne van der Kooi

Marianne van der Kooi arbeitet als Produktionsleiterin für Filmproduktionen und Fernsehen.

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