„Pearl“: ein 360 Film auf Augenhöhe mit dem Oscar

Wie ein VR-Film erfolgreich Technik und Emotionen verbindet

Mit 360 Film an die Oscar-Verleihung: Eine Fallstudie 2017 für die Oscars nonimiert: 360-Kurzfilm "Pearl"

Es war das erste Mal, seit die Goldmännchen vergeben werden: Ein 360 Film an den Oscars. Aber damit nicht genug. Es war ein Film, bei dem es aus technischer Sicht gar nicht mehr so klar war, ob man es wirklich mit einem Film oder „nur“ mit einem Filmerlebnis zu tun hatte. Soll noch einer sagen, die Academy, die über die Nominierung und die Gewinner bestimmt, bestünde nur aus alten weißen Männern, die einzig 2te Weltkrieg-Filme oder Melodramen aus der Gründerzeit der USA bevorzugten. 

Patrick Osborne, Regisseur des 360-Kurzfilms „Pearl“, ist kein Unbekannter in Hollywood. Schon 2015 stand er bei den Academy Awards für seinen von Disney produzierten, animierten Kurzfilm „Feast“ im Rampenlicht. Damals durfte er, damals gemeinsam mit seiner Produzentin Kristina Reed, seinen ersten Oscar entgegen nehmen.

Regisseur Patrick Osborne

Regisseur Patrick Osborne (rechts) wird 2015 mit seiner Produzentin für den besten animierten Kurzfilm ausgezeichnet

Anfangs Jahr wurde Osborne, der auch an Animationsfilmen wie „Big Hero 6“ und „Paperman“ mitwirkte, mit „Pearl“ erneut, und damit zum zweiten Mal, in derselben Kategorie nominiert. Diesmal aber, erstmals in der Geschichte des Films, mit einem Virtual Reality kompatiblen 360 Film, der für die Virtual Reality Reihe „Google Spotlight Story“ entstanden ist. Google will damit um auf das Potential von 360 Storytelling aufmerksam machen und beabsichtigt mit seinen Kurzfilmen nicht mehr und nicht weniger, als eine Brücke zwischen Technik und Kreativität schlagen.

Für den Oscar hat es diesmal nicht gereicht. Es blieb bei der Nominierung. Trotzdem setzt Osborne mit seinem immersiven Kurzfilm neue Maßstäbe für das Genre. Der 360 Film zeigt, was bei kluger  Kombination von Storytelling, Know-how und Talent mit dem 360-Format möglich ist.

Film-Analyse

„Pearl“ ist die einfühlsam erzählte Geschichte von Sara, einem Mädchen das mit ihrem Vater, einem Musiker, in einem Auto aufwächst. Während der Vater seine Rolle als Elternteil und Musiker unter einen Hut zu bringen, wird seine Tochter erwachsen. Sie entdeckt ihre eigene musikalische Berufung und lernt, was im Leben Glück bedeutet. Ob der Filmtitel „Pearl“ (deutsch: Perle) für den Kosenamen der Hauptfigur Sara steht, eine Referenz an die gleichnamige Musikgruppe ist oder für schicksalhafte Momente steht, bleibt offen.

Der in Form einer Rückblende erzählte Kurzfilm bewegt sich genremäßig gekonnt auf dem Grat zwischen Road Movie und Music Video. Regisseur Patrick Osborne sagt dazu: „Meine Absicht war es, einen Road Trip mit einem Musical verbinden“ (Quelle: techcrunch.com).

VorschaubildFallstudie: 360 Google Spotlight Story: Pearl

Das Talent von Osborne zeigt sich in der Leichtigkeit und Eleganz, mit welcher der Regisseur seine Story als 360 Film umgesetzt hat. Wesentlich sind aus Sicht von FILMPULS dabei folgende Elemente:

Gekonnte Zuschauerführung: Es gibt bei 360 Videos zwei vorherrschende, sich teilweise widersprechende, große Dogma, die fast schon Glaubenssache sind.

Die eine Lehre vertritt die Meinung, dass im Format 360 eine Führung des Zuschauers nicht möglich ist. Als Konsequenz daraus kann eine Storytelling nur innerhalb einer Szene oder Situation erfolgen, die der Zuschauer selbst erkunden muss.

Storyboard für PEARL (c) Google/Patrick Osborne

„Pearl“: Storyboard von Patrick Osborne

Die gegenteilige Ansicht bejaht die Möglichkeit, die Blickrichtung des Zuschauers zu steuern. Als Mittel dazu dienen großräumige Bewegungen oder, wo technisch möglich, die gezielte Platzierung von Toneffekten im 360-Raum.

„Pearl“ schafft es, beide Theorien unter einen Hut zu bringen und die Widersprüche aufzulösen. Der Film balanciert gekonnt zwischen klassischem Storytelling und einer 360-Grad Komposition.

Osborne steuert die Aufmerksamkeit des Zuschauers nicht nur durch die klassischen Kniffs und Tricks des Formats, sondern, das ist neu und ungewöhnlich, zusätzlich auch durch Musik- und Rhythmuswechsel.

Geniale Montage: Normalerweise mögen sich das 360 Format und die Montage ganz und gar nicht. Durch das Wegfallen der Einstellungsgrößen ist jeder Schnitt bei 360 Videos sowas wie ein Tritt in den Hintern des Zuschauers. Die Ausnahme davon, welche die Regel bestätigt, ist der Wechsel von einer Szene zur nächsten. Ein 360 Film wird darum in der Regel in Kapiteln (Szenen, die zugleich eine einzige Einstellung sind) erzählt.

Osborne hat diese Problem auf ebenso bestechende, einfache Art gelöst: durch die Ansiedlung der Story in einem Auto. Der Innenraum des Wagens bildet für die Erzählperspektive und für die 360-Kamera einen Rahmen. Dank dieser visuellen Orientierungshilfe erscheinen Umschnitt weniger als Schnitte denn als organischer Teil der Geschichte. Die Montage dient damit, und wohl zum ersten Mal in der Geschichte des Formats, ihrem vornehmsten Ziel: sie rückt in den Hintergrund und dient der Story.

Das Plakat zum Film

Das Plakat zum Film

Immersion in jeder Hinsicht:  Man kann es sich einfach machen und behaupten, das Eintauchen des Zuschauers in die Welt eines 360-Films sei systembedingt. Oborne verlässt sich nicht alleine darauf. Zwar inszeniert er mit überaus liebevollen und immer wieder überraschenden Details die Welt um den Wagen herum. Aber es gelingt seinem Film, auch inhaltlich für den Zuschauer eine ganze Reihe magischer Momente zu schaffen. Ob Eltern, Teenager, Kind oder nur Beobachter, jede Zuschauergruppen findet vielfache Anknüpfungspunkte an die eigenen Erfahrungswerte. Diese „doppelte Immersion“ macht VR mit diesem Film zu einer echten, wahren cineastischen Erfahrung.

Form Follows Function: Im ersten Moment fühlt sich „Pearl“ für den Betrachter an wie ein schon leicht in die Jahre gekommenes Videogame. Das hat seinen technischen (Hinter-)Grund, mehr dazu später weiter unten in diesem Artikel. Die Umsetzung fern von Hochglanz und Angeberei dient aber auch der Geschichte und zeigt, was einen erfolgreichen Film ausmacht: eine Story mit Herz, erzählt mit Liebe und Leidenschaft und nah am Publikum.

Einstiegspunkt: Jeder Film hat ein Anfang und ein Ende. Ein 360-Video besitzt zusätzlich noch einen Einstiegspunkt. Das ist derjenige Blickwinkel, mit dem der Zuschauer vom Video empfangen wird. Der Einstiegspunkt wird für die erste Filmsekunde vorprogrammiert. Er ist der einzige, vorgegebene Blickwinkel. Nachher wählt der Zuschauer selbst. „Pearl“ macht hier alles richtig. Begleitet und neugierig gemacht durch das Sound Design, kann der wissende Zuschauer kaum anders, als die Umgebung parallel zur sich aufbauenden Handlung zu erkunden. Wer erstmals der 360-Technik begegnet, tut nichts und schaut einfach zu – und findet sich flugs mitten in der Geschichte.

Das Making Of

(Ein-)Blick hinter die Kulissen, zusammen mit Hintergrundinformationen in Form von Statements des Regisseurs:

VorschaubildPearl - Ma,king Of mit Regisseur Patrick Osborne

360 Film oder 360 Game?

Anders als ein „normales“ 360 Video ist „Pearl“ wurde Pearl nicht auf einem Rechner erstellt und dann als Video gespeichert. Die an ein Game erinnernde Gestaltung des Films hat ihren guten Grund: Der Film wird auf der Original-Plattform in einer tatsächlichen 3D Umgebung in Echtzeit wie ein Game gerendert!

Pearl-Standbild-mit-Anna

Standbild: Anna im Fonds des Autos

Damit verbinden sich 360 Film und Game – und geben damit Hollywood-Regisseur James Cameron (Avatar, Titanic) recht, der zur sich überschlagenden Begeisterung über Virtuelle Realität lapidar meinte: „Das gibt es alles schon seit Jahren. Es heißt Game“. Möglich wurde das Rendering durch die Spezialisten von ATAP. Die vier Buchstaben stehen für „Advanced Technology and Projects“ und eine Tochterfirma von Google, die es geschafft hat, für Pearl eine Game Engine mit weniger als 1 MB zu entwickeln.

Mit und ohne VR-Brille

So wie alle bisherigen Kurzfilme der VR Virtual Reality-Reihe von Google, steht „Pearl“ auf YouTube im Videokanal Google Spotlight Stories unentgeltlich zur Verfügung. Der fünfeinhalb minütige Film lässt sich im Browser jedes Computers oder mit der eigenen Smartphone-App von Google Spotlight Stories problemlos aus jedem beliebigen Winkel und auch ohne VR-Brille betrachten. Zusätzlich besteht für HTC Vive eine erweiterte Filmversion. Hier kann der Zuschauer nebst dem 360°-Blick aus dem Auto heraus sogar seinen Kopf aus dem Dachfenster stecken und sich auch aus dieser Perspektive die Umgebung ansehen.

Wer lieber eine VR Brille bevorzugt, drückt im Video auf das Google Cardboard Symbol und kann so den 360 Film in der von den Machern gedachten Form in virtueller Realität genießen: als echtes immersives Filmerlebnis, das zeigt wohin der Weg für virtuelle Kurzfilme in Zukunft führen kann.


Im Interesse der Lesbarkeit wurden in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen soweit sinnvoll und möglich auf die männliche Form reduziert. Gemeint sind immer Frauen und Männer | © Bilder: rotoscopers.com, IMDB | © Storyboard: techcrunch.com | © Artikel Filmpuls

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Unter der Bezeichnung "Redaktion Filmpuls" erscheinen Beiträge, die von mehreren Autorinnen und Autoren kollaborativ erstellt werden.

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