Tabu Produktionsabbruch: wann ins fallende Messer greifen?

Wenn alle Stricke reißen und die Pferde durchgehen

Wann beim Produktionsabbruch ins fallende Messer greifen? Agieren statt reagieren muss die Devise heißen

Kein Unternehmen mag gerne über den Unterbruch, geschweige denn über den Produktionsabbruch von Filmproduktionen und Videoproduktionen sprechen! Offiziell wird geschwiegen, weil es im eigenen Haus so was noch nie gegeben hat, und man darum unglücklicherweise nicht mit Informationen dienen kann. Der Abbruch einer laufenden Produktion ist ein Tabu.

Er wird verschwiegen, weil alleine schon im Begriff  Versagen und Inkompetenz mitschwingen. Das ist falsch. Die Herstellung eines Imagefilms oder Produktfilms ist naturgemäß nicht nur eine Marketing- oder Kommunikationsmaßnahme mit Film und Video, sondern immer auch  Projekt mit einem gewisses Risiko. Projekte können in die Hosen gehen. Aber was dann? Soll man in das fallende Messer greifen?

Ausgangslage

Projekte haben im Gegensatz zu seriellen Herstellungsprozessen auch einen gewissen Prototypencharakter und bergen darum  – zumindest statistisch und theoretisch –  eine erhöhte Gefahr zu scheitern naturgemäß in sich. (siehe dazu den Artikel zu Filmproduktionen als Projekt, der auf die daraus erwachsenden Notwendigkeiten aufmerksam macht).

Rahmenbedingungen

Ein Produktionsabbruch betrifft im Auftragsfilm mindestens zwei beteiligte Gruppen, nämlich Auftraggeber (Kunde) und Auftragnehmer (Filmproduktion). Grundsätzlich kann ein Abbruch immer und von jeder Partei veranlasst werden, aber nicht ohne Folgen. Davon ausgehend, dass die Zusammenarbeit vertraglich sauber aufgesetzt und geregelt wurde, bestimmt das Vertragswerk die Folgen eines Abbruchs.

Wenn nicht anders geregelt kommen meist die Bestimmungen des Werkvertrags zur Anwendung. Ausfallversicherungen und Completion Bonds sind in den USA im Spielfilm alltäglich, bei TV-Spots oder in der Unternehmenskommunikation mit Bewegtbild bleiben diese Absicherungstools aufgrund der im Vergleich zu einem Spielfilm tieferen Budget-Volumen meist die Ausnahme.

Produktionsabbruch ist Ultima Ratio

Filme sind Projekte. Und Projekte können abgebrochen werden. Im Klartext kommunizieren schließt Misserfolge nicht aus. Trotzdem sollte der Produktionsabbruch das wirklich letzte Mittel (lateinisch = Ultima Ratio) zur Klärung von Differenzen zwischen Kunde und Produktionsfirma sein. Losgelöst von vertraglich bereits geregelten Konsequenzen wie Schuldfragen, Haftung, oder Schadenersatzforderungen ist ein Produktions-Abbruch mit Blick auf das Ganze meist nur in wenigen Ausnahmefällen wirklich sinnvoll:

1. Wegfallen wesentlicher Grundlagen

Aussagewünsche oder für die Produktion wesentliche Bestandteile des Filmwerks ändern sich unvorhersehbar auf Seite des Auftraggebers während der laufenden Produktion. Auslöser dazu können bei börsenkotierten Unternehmen beispielsweise Übernahmen von Mitbewerbern oder der Verkauf von Unternehmenseinheiten sein.

2. Ausfall

Der ersatzlose Ausfall erfolgsrelevanter Schlüsselpersonen wie beispielsweise ein prominenter Markenbotschafter oder ein Hollywood-Regisseur, der als Oscar-Gewinner einen Image-Film alleine aufgrund der begleitenden Berichterstattung in den Massenmedien in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt. In diesem Fall müssen sich die Verantwortlichen auf allen Seiten allerdings die Frage nach der üblichen, aber offenbar vorab (nicht ) abgeschlossenen  Ausfallversicherung gefallen lassen.

3. Produktionsunterbruch

Ein bereits eingeleiteter Produktionsunterbruch (sei es aufgrund der vorgehend unter Pkt. 1 oder 2. aufgeführten Faktoren oder aus weiteren Gründen) führt anders als zum Zeitpunkt des Unterbruchs erwartet, nicht zur Klärung offener Fragen oder Differenzen zwischen den Beteiligten.

4. Höhere Gewalt

Höhere Gewalt, beispielsweise Naturkatastrophen oder Krieg verunmöglichen die Realisation und der Film kann aus inhaltlichen Gründen nicht an einen alternativen Drehort dislozieren.

Konsequenz

Jeder Abbruch einer Auftragsproduktion zieht unschöne finanzielle Folgen mit sich. Vorab zum Entscheid und parallel zum Durchlaufen der Eskalationsstufen sind darum alle denkbaren Szenarios sorgfältig zu kalkulieren. In diese Kostenschätzungen gehört auch die Evaluation möglicher Anwaltskosten. Ungeachtet welches Szenario später umgesetzt wird, hinterher sind alle Beteiligten klüger.

Ein Stopp einer Film- oder Videoproduktion sollte nicht wie die Mode Trends unterliegen, sondern als Entscheidung wohlüberlegt sein und sorgfältig abgewogen werden. Ein Produktionsabbruch passiert nicht einfach so. Oftmals gehen die Ursachen dafür schon zurück bis zur Projektanalyse in der Frühphase eines Filmes oder Videos.

In 90% aller Fälle wäre mit adäquatem Risikomanagement, mit der sorgfältigen Evaluation des Produktionspartners, mit genügend Erfahrung und ausreichen Professionalität ein Produktionsabbruch das geblieben was er sein sollte: ein Papiertiger der im Rahmen der Vertragsverhandlungen gemeinsam mit vielen anderen Themen diskutiert, aber nicht aus dem Käfig gelassen werden muss.

Über Redaktion Filmpuls
Unter der Bezeichnung "Redaktion Filmpuls" erscheinen Beiträge, die von mehreren Autorinnen und Autoren kollaborativ erstellt werden.
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