Schöner Fernsehen: Studie verknüpft TV mit Wahlverhalten

Der TV-Zuschauer heute: durchsichtig wie Bergsee?

Filmpuls über schöner Fernsehen, Wahlverhalten und TV-Konsum Dumm geboren und nichts dazugelernt?

Eine neue Studie beweist, dass zwischen Wahlverhalten und TV-Konsum eine enge Abhängigkeit besteht. So sieht schöner Fernsehen heute aus: Sag mir was Du am Fernsehen schaust, und ich sage Dir, wie du wählst? Weil TV-Content immer mehr online konsumiert wird und spezialisierte Produzenten wie Netflix ihr Publikum mit ausgeklügelten Algorithmen analysieren, ist das Resultat der Studie einigermaßen beunruhigend.

„Das politische Vermächtnis des Unterhaltungsfernsehens“, so lautet der Titel der im März 2017 erschienen Studie der drei Wissenschafter Ruben Durantey, Paolo Pinottiz und Andrea Teseix von der Queen Mary Universität in London. Die Daten der erwähnten Studie stammen aus Italien. Sie umfassen die Zeit, in welcher der private TV Sender Mediaset ihren Besitzer Silvio Berlusconi zum Medien-Mogul und schließlich zum Premierminister Italiens machte und seine vierfache Wiederwahl absicherte. Die ersten Zahlenreihen der Untersuchung stammen aus den achtziger Jahren. Sie umfassen ab da den Zeitraum über 1994 (erste Wahl) bis zur letzten Amtsperiode von 2008 bis 2011 von Berlusconi.

Wahlverhalten und TV-Konsum

Die langjährige Studie zeigt, dass Zuschauer von TV-Quiz-Sendungen und von Castings-Shows im Vergleich zu anderen Zuschauern vermehrt dazu neigen, sich bei Wahlen für Demagogen zu entscheiden. Interessanterweise spielt dabei keine Rolle, ob die politischen starken Männer und Frauen eher einer radikalen rechten oder linken Strömung angehören. Hauptsache, sie haben Charisma, wissen in den Nachrichten mit starken Schlagwörtern umzugehen und haben in Live Sendungen das Zeugs zum Showmaster. Für das südliche Nachbarland besteht gemäß Studie ein direkter Zusammenhang zwischen TV-Konsum und Wahlverhalten, und damit indirekt auch zwischen Fernsehen und dem Aufstieg des Cavaliere, der ab Mitte der neunziger Jahre fünf Mal zum Premierminister gewählt wurde.

Das Bild, als Fan von Casting-Sendungen oder Quiz-Formaten bei späteren Wahlen Extrempositionen einzunehmen, zeigt sich besonders deutlich bei jüngeren Wählern oder Senioren. Gewissermaßen im Nebeneffekt wird deutlich, dass Personen, die als Kleinkind einem hohen TV-Konsum ausgesetzt waren, als Erwachsene unterdurchschnittlich ausgebildete kognitive Fähigkeit besitzen. Diese Gruppe ist darum weitaus empfänglicher für populistische Botschaften als andere Referenzgruppen. Nicht untersucht wurden die Auswirkungen von Werbung oder Apps mit Bewegtbildcontent.

Eltern, die ihre Kinder dem Fernsehen überlassen, so das Fazit, machen ihre Nachkommen später zum Opfer von populistischer Propaganda und, so die in der Studie nicht ausgesprochene aber logische Folge, gefährden mit ihrem TV-Verhalten letzten Endes die Demokratie. Auch das ist schöner Fernsehen.

Die Studie (30 Seiten im Format A4, das zusätzliche Quellenverzeichnis mit Anlagen nicht einberechnet) kann als PDF im Original in englischer Sprache hier als Download für Conputer bezogen werden.

Hervorzuheben ist im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Studie, dass in Vergangenheit fast alle relevanten Untersuchungen zum TV-Verhalten vom Erbfeind des TV, den Zeitungen und Print-Magazinen, ebenso lustvoll wie ausgiebig ausgebreitet und für den Leser hochgelobt und breit gewalzt wurden.

Bei der aktuellen Studie zum Wahlverhalten und TV-Konsum zeigt sich ein anderes Bild: Es ist es im Print überraschend still geblieben. Das gilt auch für das Internet, Facebook und andere Online Plattformen. Ist die Mehrheit der schreibenden Zunft tatsächlich entweder arbeitslos oder in die audiovisuellen Medien desertiert? Oder hat sich der Distributionskanal TV wegen YouTube schon so weit von seinem Publikum entfremdet, dass das Schicksal Medium Fernsehen aus Sicht der Kommentaren nicht mehr interessiert?

Dumm und Dick!

Manfred Spitzer, Prof. Dr. med. Dr. phil., meint nicht nur schöner Fernsehen, sondern auch Computerspiele, wenn er sagt: Wenn wir am Medienkonsum unserer Kinder und Jugendlichen nicht sehr schnell etwas ändern, dürfen wir in 20 Jahren vielleicht gerade noch die T-Shirts für China nähen. Aber nur, wenn wir Glück haben! Nach Meinung des Psychiaters und Buchautors sind die Auswirkungen des Medienkonsums auf Kinder und junge Menschen auch in Deutschland katastrophal. Unter Medienexperten sind diese Thesen umstritten. Die Studie „International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity“ aus dem Jahr 2012 von Caroline Fitzpatrick und Linda Pagani immerhin beweist, was sich einfacher messen lässt: Fernsehen macht dick.

Autistische Kinder wegen Teletubbies?

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Studie im Zusammenhang mit dem TV-Konsum für Schlagzeilen sorgt. 2006 publizierte die Cornell University eine wissenschaftliche Untersuchung von Michael Waldman, die nahelegte, es könnte zwischen dem Konsum von TV- und Video von Kleinkindern unter 2 Jahren und Autismus eine Korrelation geben, die näher zu untersuchen sei.

Belegt wurde die Behauptung anhand der Kinderserie Teletubbies, die im Test zu einem dramatischen Anstieg der Fälle von Autismus unter Kleinkindern geführt habe. Auf Kleinkinder ausgerichtete TV-Serien gibt es seit den achtziger Jahren. Trotz der Studie und der Welle der Empörung, die sie weltweit auslöste, spricht heute kein Mensch mehr davon.

Schöner Fernsehen

Losgelöst von den großen Mühen die es kostet, wissenschaftlich akkurate Datengrundlagen für solche Untersuchungen zu akquirieren und auszuwerten, darf man sich aus der Helikoptersicht fragen, wie relevant solche Forschungsergebnisse überhaupt sein können.

Ist es wirklich statthaft, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit einem Test zu behaupten, dass ein menschliches Individuum, das im Alter X diese und jene Sendung am Fernsehen regelmäßig sieht, genau darum im Alter Y das Verhalten Z zeigt? Ist es nicht möglich, dass auch andere, nicht messbare Faktoren, im Zeitraum X bis Y das Verhalten Z bewirkt haben? Das Dasein des Menschen wird von Widersprüchen geprägt. Lassen sich vor diesen Hintergründen zwischen einzelnen Elementen adäquate Kausalzusammenhänge erstellen?

Eine relevante Wirkungsforschung dürfte darum im Zeitalter von Big Data und künstlicher Intelligenz erst richtig losgehen. Ob der „normale“ Mensch jemals erfahren wird, in welchem Detaillierungsgrad die Entertainment-Industrie für Schlüsse aus den Verhaltensanalysen ihrer Konsumenten ziehen kann, bleibt nicht nur aus Gründen des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte fraglich. Sicher ist einzig: Selig sind die Dummen, denn sie merken nicht, wenn sie betrogen werden. Nicht nur beim Wahlverhalten und TV-Konsum. Dafür braucht es keine Studie. Schöner Fernsehen braucht nicht mehr als gesunder Menschenverstand.


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