Subjektive Wahrnehmung in Film und Video: Risiko oder Chance?

Wenn das Kind mit dem Bad ausgeschüttet wird

Subjektivität im Film ist gut Film ist immer subjektiv. Ja er soll es sogar sein.

Bei der Erläuterung der Frage, was subjektive Wahrnehmung ist und sein kann, wurde in einer der redaktionell stärksten Tageszeitungen der Schweiz darüber gejammert, dass Filme und Videos in den letzten Jahren, und nicht zuletzt wegen der Beliebtheit von YouTube, nurmehr (Zitat:) „gnadenlos subjektiv und gnadenlos beliebig“ seien, und darum weitgehend an Wirkung verloren hätten. Wie bitte?

Diese Wahrnehmung ist Unsinn, und alter Käse! Wer solche Antworten in seine Computertastatur schlägt, ist im falschen Film oder weiß nicht, wie subjektive Wahrnehmung und Film interagieren. Diese Behauptung ermöglicht dem wissenden Menschen keinen Einblick in die Wirklichkeit aktueller Trends der Bewegtbildkommunikation, sondern vermittelt einzig Rückschlüsse auf das eigene, mangelhafte Fachwissen.

Gnadenlos Subjektiv. Gnadenlos beliebig.

Filme und Videos werden von Kameras aufgenommen, oder im Computer generiert. So oder so, gearbeitet wird immer mit Bildausschnitten. Das Wort Bildausschnitt sagt es schon: mit einem Ausschnitt, also einem Teil des Ganzen. Filme und Videos haben nur schon damit und darum, ob gewollt oder ungewollt, einen Blickwinkel. Genau so wenig wie ein Foto, kann auch ein Film oder Video nicht und nie die objektive Realität zeigen.

Abgebildet und wiedergegeben wird aber nicht nur ein Ausschnitt, sondern auch nicht die Realität, sondern ein Abbild eines dokumentierten (realen) oder inszenierten Augenblicks. Auch wenn am Ende viele dieser Ausschnitte (in der Filmsprache „Einstellungen“ genannt) nach der Film-Montage zusammen ein großes Ganzes (den Film) ergeben: jedes Teil dieses Puzzles ist subjektiv. Subjektiv, nicht objektiv. Das Gesamtwerk bleibt es darum auch, ja, es soll es in vielen Fällen sogar sein. Denn ohne eine starke Erzählperspektive ist starkes Storytelling überhaupt nicht möglich.

Was objektiv messbar ist, wird durch die im „Objekt“ wirksamen, subjektiven Kräfte und Faktoren erzeugt, oder zumindest in einer objektiv nicht kontrollierbaren Weise beeinflusst.
G. Hüther, Prof. für Neurobiologie

Ob TV-Spot, Spielfilm, Produktvideo, Web-Video oder beim Imagefilm produzieren: Es gibt keine objektive Bewegtbildkommunikation.

Es gibt nur Filme, in denen bewusst mit der Subjektivität umgegangen wird, oder in denen aus Ignoranz eine unbewusste, unkontrollierte Subjektivität zum Tragen kommt.

Subjektive Informationen und subjektive Wahrnehmung gehören zu den grundlegenden Eigenschaften des Films.

POV (Point of View)

Die Krönung der Subjektivität filmischen Erzählens ist die sog. POV-Einstellung. Das Kürzel mit drei Buchstaben bedeutet „Point-of-View“ (deutsch: Blickwinkel). Gemeint ist damit nicht der Blickwinkel der Kamera an sich, sondern, dass die Kamera stellvertretend für einen Protagonisten im Film den Blickwinkel dieser einen Person einnimmt: Der Zuschauer sieht in einer POV-Einstellung die Handlung aus der Sicht des Darstellers. Die Kamera ist damit nicht mehr nur das Auge des Publikums, sondern zusätzlich (!) auch noch das Auge des Darstellers.

Subjektive Wahrnehmung: Son of Saul von László Nemes. With Géza Röhrig, Levente Molnár, Urs Rechn, Todd Charmont

Subjektive Wahrnehmung: Das Meisterwerk „Son of Saul“ von László Nemes.

360° Videos

Wer behauptet, mit 360° Videos lasse sich das Argument des Blickwinkels wiederlegen, täuscht sich. Zwar zeigen 360 Videos als im Trend liegende Spielart der Videokommunikation ein Rundum-Bild der Umwelt, durch das sich der User mehr oder weniger interaktiv scrollen darf und kann.

Nur: Ob zufällig, und bedingt durch die Location, irgendwo platziert, oder ob bewusst und nach Tests kongruent zum Aussagewunsch mit viel liebevoller Überlegung am Drehort positioniert, sogar ein 360 Grad Video ist durch subjektive Wahrnehmung geprägt. Es zeigt nur einen visuellen Kontaktpunkt zur Umwelt, nur eine gewählte Location zu einem gewählten Zeitpunkt, und ist darum … – subjektiv.

Beliebigkeit

Gnadenlose Beliebigkeit war für Marketing und Kommunikation, und ganz besonders im Kampf um Aufmerksamkeit, noch nie ein Erfolgsrezept. Zufall und subjektive Wahrnehmung sind zwei paar Dinge. Beide haben mit einander nichts zu tun. Aber viel mit fehlendem Wissen und mit der Absenz von filmischem Handwerk.

Films ist nicht nur Transportmittel und Wirtschaftsgut, sondern auch ein Medium mit inhärentem künstlerischem Potential. Das Wehklagen ob der Beliebigkeit ist nichts Neues. Schon die de’ Medici beschäftigten sich im 16. und 17. Jahrhundert mit der Frage, wie viel subjektive Wahrnehmung, schöpferische Eigenständigkeit und Kreativität ein Bild besitzen muss, um als Gemälde mehr als die Summe seiner Einzelteile darzustellen.

Was ist Subjektivität?

Subjektivität kommt aus dem Latein und steht für „Unterworfen sein“. Der Begriff ist seit der Antike in seiner genauen Definition philosophisch umstritten. Einig sind sich die Denker aber darin, dass die Subjektivität den Menschen vom Gegenstand unterscheidet (ähnliche Fragestellungen prägen zunehmend unsere Wahrnehmung und unseren Umgang mit der Tierwelt).

Wer einem Blickwinkel, wer einer Ansicht unterworfen ist, ist nicht objektiv. Und was nicht objektiv ist, das macht Angst.

In der Wissenschaft findet die subjektive Wahrnehmung einzig als Fehlerquelle ihre Anerkennung.

In der Psychologie dagegen wird, wie in den Sozialwissenschaften, der Erkenntniswert subjektiver Forschungsmethoden seit längerem meist anerkannt. Wohl auch, weil als Gegenstand dieser Forschungen Subjekte, Menschen, im Zentrum stehen. Studien in diesem Bereich sind per se subjektorientiert.

In der Pädagogik wird Subjektivität auch in dem Sinne verstanden, dass sie dem Menschen hilft, seine Handlungsfähigkeit und den Erhalt des Selbstwertgefühls zu definieren.

Subjektivität, nicht nur Objektivität, ermöglicht dem Menschen, Krisen zu meistern und dem konstanten Fluss an Herausforderungen im Alltag erfolgreich zu begegnen.

Jeder Einzelne ist ein Idiot. Alle zusammen sind ein Genie.
Billy Wilder, Regisseur (1906-2002)

Man kann darum im Bezug auf die Subjektivität mit guten Argumenten sogar soweit gehen, zu behaupten, die Wirklichkeit bestehe aus der Summe der subjektiven Wahrnehmung aller Menschen. Damit wäre die Wirklichkeit nicht objektiv und unabhängig von der Subjektivität, sondern Objektivität entstünde erst durch das Zusammenführen der individuellen Ansichten aller Beteiligten.

Film und Video heißt immer: subjektive Wahrnehmung

Filme und Videos sind, ungeachtet wie weit und breit der Begriff der Subjektivität ausgelegt wird, wie unsere Wahrnehmung: Immer subjektiv. Diesbezüglich gibt es keine Ausreden. Es ist wie bei der Wirkung von Farben oder der Sprache der Blumen.

Sind Filme gnadenlos subjektiv, umso besser! Nicht die unsinnige Frage, ob Filme objektiv oder subjektiv sein können, darf bei der Prüfung der Wirkung von Bewegtbildkommunikation im Zentrum stehen. Viel wichtiger ist es, wie mit der Subjektivität umgegangen wird. Möglich ist das nur, wenn man Subjektivität in Film und Video als unabwendbar akzeptiert.

Wer Subjektivität in der visuellen Kommunikation verneint, überlasst die Antworten, und die Wirkung, und damit das Erreichen seiner Kommunikationsziele, dem Zufall, weil damit einer unkontrolliert entstehenden Subjektivität Tür und Tor geöffnet werden. Das mag für Amateure und Personen, die ihre Filme dem größten Bewegtbild-Friedhof der Welt, YouTube, anvertrauen wollen (über 97% der auf YouTube Kanäle hochgeladenen Videos werden nicht mehr als 3 Mal angeklickt) in Ordnung sein.

Last but not least: subjektiv ist nicht nur der Blick der Kamera und der Filmemacher selbst. Auch Filme sehen ist subjektiv. Jeder Zuschauer ist anders, sieht anders und versteht Filme und Video anders. So wie die Brennweite die Perspektive der Kamera mitbestimmt, bestimmt der persönliche Blickwinkel die Wahrnehmung mit. Das dies auch für die Macher hinter der Kamera gilt, zeigt der FILMPULS-Beitrag Die Top 10 der absurdesten Auftragsfilme der Welt.

Fazit

Für Profis darf Unwissenheit keine Option sein. Fragen kostet nichts. Im Strafrecht wie in der Kommunikation gilt für den Menschen: Unwissen schützt vor Strafe nicht.

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Filmtipp:  Ein grausam grandioses, unübertreffliches Beispiel für das Leben, die Wahrnehmung, die Subjektivität, subjektive Wirklichkeit und filmische Arbeit mit subjektiver Kamera besitzt der in Cannes ausgezeichnete und dieses Jahr zusätzlich mit einem „Oscar“ prämierte Spielfilm Son of Saul.

Das Meisterwerk von Regisseur László Nemes Jeles und Kameramann Mátyás Erdély zeigt nicht nur Menschen und Grausamkeiten, die jedes Vorstellungsvermögen übersteigen, sondern vertraut wie schon lange kein Film mehr auf die Kraft der Begrenzung des Blickwinkels, auf die Ton-Ebene und auf die Vorstellungskraft des Zuschauers. Kluger kann subjektive Wahrnehmung nicht für einen Film genutzt werden.


Im Interesse der Lesbarkeit wurden in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen soweit sinnvoll und möglich auf die männliche Form reduziert. Gemeint sind immer Frauen und Männer | Filmposter: Son of Saul (2015), von Regisseur László Nemes. Darsteller: Géza Röhrig, Levente Molnár, Urs Rechn, Todd Charmont | © Grafik und Artikel Filmpuls

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