Trends für 2017 … – und was die gute Fee damit zu tun hat

Katzenvideos für alle Ewigkeit

Trends für 2017 … – und was die gute Fee damit zu tun hat Trends für 2017 … – und was die gute Fee damit zu tun hat

So zuverlässig wie die jährliche winterliche Grippewelle durchs Land zieht, lesen jeweils zum Jahresanfang unzählige Schlauberger frohen Mutes im Kaffeesatz und verkünden lautstark, welche Trends im neuen Kalenderjahr die Kommunikation mit Film und Video auf den Kopf stellen werden. Für 2017 verhält es sich damit nicht anders.

Weil Dummheiten durch Multiplikation offenbar für Wahlsiege reichen, aber Dummheiten durch Vervielfältigung nie an Intelligenz gewinnen, verzichtet Filmpuls anders als in den Vorjahren für 2017 auf eigene Prognosen. Statt Trends für das visuelle Storytelling listen wir hier auf, was wir uns für das noch junge Jahr und für die Kommunikation mit Film und Video in heimlichen Stunden von einer guten Fee wünschen würden.

Die Kommunikation vor der Kommunikation

Das Wort Storytelling befindet sich schon seit längerem auf dem besten Weg dazu, sich als schwammiger Auswuchs eines Trends auf den Mond zu schießen. Schuld daran sind nicht nur absurde Definitionen wie „Storytelling bedeutet, Fakten als eine logische Abfolge von Ereignissen zu kommunizieren“ (Eigenwerbung PR-Agentur [1]) sondern die auch die Nachlässigkeit im Umgang mit Fachbegriffen in der Kreativwirtschaft.

Visuelles Storytelling kann nur erfolgreich sein, wenn Begrifflichkeiten von allen an einem Projekt Beteiligten gleich verstanden werden. Storytelling ist und bleibt ein extrem machtvolles Instrument. Es wäre allerdings mehr als nur wünschenswert, wenn die „Kommunikation vor der Kommunikation“ (Rudi Hackl) endlich mit der gleichen Präzision abläuft, wie sie von der Kreation, Produktion und Distribution gefordert wird. Das ist unser erster Wunsch für 2017.

Bewegtbild-Content für Mobile Devices

Als zweites wünschen wir uns für 2017 den Bilderstreit zurück, der jahrelang zwischen Produzenten, Kameraleuten und Editoren für engagierte und oftmals auch hitzige Diskussionen sorgte. Im Kern ging es um die nicht nur theoretische Frage, ob Kinobilder wegen dem Trend zum Home-Entertainment im Mäusekino (Fernsehen) überhaupt eine vergleichbare Wirkung entfalten können. Als Argumentationshilfe musste jeweils eine als Totale gedrehte Einstellung herhalten, oftmals eine Plansequenz. Gleichzeitig wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass Rhythmus und Tempo des Schnitts je nach Größe der Projektionsfläche eine komplett unterschiedliche Wirkung entfalten.

Die Kinoleinwand (Bild-Diagonale) war in den neunziger Jahren um 85% [2] grösser als ein handelsüblicher Consumer-TV-Bildschirm. Nur: Der durchschnittliche Unterschied zwischen einem heutigem Flat-Screen-TV und dem Display eines Smartphones beträgt… – 90% 3! Die Aktualität der Frage nach der Bildwirkung in Abhängigkeit von der Plattform, auf der Bewegtbildinhalt konsumiert wird, besteht also nicht nur in Prozent gemessen auch noch heute und im Zeitalter von Google, Twitter und Facebook.

Adobe Digital Video Benchmark Report

Adobe Digital Video Benchmark Report

Hat unsere Gesellschaft wegen YouTube, dieser von Katzenvideos dominierten universellen Müllhalde, das Sehen verlernt? Oder wie beim Datenschutz nur resigniert? In einer Zeit, in der einerseits Video als Trend noch immer rasant an Wichtigkeit gewinnt und andererseits in der Wirtschaft die Präzision von Marketing und Kommunikation für Unternehmen immer (überlebens-)wichtiger wird, wünschen wir uns für 2017 wieder heftige Diskussionen über Wirkung und Bildmacht. Film und Video sind nicht nur ein Spiegel der Kompetenz der Macher, sondern auch ein Spiegel der Gesellschaft, von der sie konsumiert werden.

Abfilmen, Verfilmen, Spielfilmen

Man kann existierende Lebenssachverhalte „abfilmen“, Emotionen und Informationen transportieren indem man Aussagewünsche gezielt visualisiert („verfilmt“) und man kann, statt dokumentarisch, auch mit dem Mittel der Fiktion gezielt auf Gefühle und Erkenntnisse hinsteuern („spielfilmen“).

Aargauer Zeitung, 03. Januar 2014

Aargauer Zeitung, 03. Januar 2014

Alle drei erwähnten Formen der Filmproduktion haben als Stil ihre Berechtigung. Aber nur Ignoranten glauben, mit Turnschuhen unfallfrei auf das Matterhorn gelangen zu können. Turnschuhe, Bergschuhe und Steigeisen sind kein Trend, sondern darum erfunden worden und noch immer auf dem Markt, weil sie unterschiedliche Dinge leisten können.

Wir wünschen uns für 2017 eine stark wachsende Gruppe an Menschen, vom Jungproduzenten bis zum Auftraggeber, die zwischen diesen drei Arten der Filmproduktion endlich unterscheiden können. Weil Inkompetenz-Erkennungskompetenz für die erfolgreiche Kommunikation mit Film und Video unabdingbar geworden ist.

Unterscheide Dich oder stirb!

Ob Imagefilm, Produktfilm, Hollywood oder ob intellektuelles Autorenkino: Wir wünschen uns im neuen Jahr für alle Spielarten der Bewegtbild-Kommunikation wieder mehr Erlebnisqualität. Wir wollen Sehen, was wir noch nie gesehen haben, wir wollen eintauchen in Geschichten und Welten erleben, die uns bisher verschlossen geblieben sind.

Möglich ist dies nur mit Künstlern und Talenten, Autoren, Regisseuren, Kameraleuten und Editoren, Komponisten und Set Designern, die keine Erfolgsrezepte kopieren, sondern Neues kreieren. Originäres schaffen statt klonen muss die Devise heißen. Oder, knallhart formuliert von den Autoren Jack Trout und Steve Rivkin im Titel ihres gleichnamigen Beststellers[4]: Unterscheide Dich oder stirb!

Die Knacknuss: 360 Grad Videos

Die Idee, mit Filmen ein tatsächlich immersives Erlebnis für den Zuschauer zu kreieren, ist keine neue Entwicklung. Disney und Iwerks entwickelten in den sechziger Jahren riesige analoge 360-Grad-Kameras [5]. Damit produzierten sie spektakuläre 360 Grad Filme für Themenparks. Was über Jahrzehnte in professioneller Qualität nur mit 650 Kilogramm schweren Ungetümen möglich war (die mit jeweils 9 Kameras im 35MM-Format bestückt wurden), das schaffen im Jahr 2017 und 10 Jahre nach der Erfindung des iPhone nun auch Smartphones.

Kurzum: Die Produktionsbedingungen für 360 Grad Filme sind in einer nahezu unvorstellbaren Dimension einfacher geworden. Aber statt von den seit Jahrzehnten tradierten  Erfahrungswerten für Storytelling mit Circlevision (so nannte Disney seine millionenschweren 360-Filme) zu profitieren, erfinden Verlagshäuser und Feld-Wald-und-Wiesen-Produzenten das 360-Format als Trend aus Unwissen neu. Nicht zum Vorteil der 360-Filme.

Es wäre wunderbar, wenn 2017 für die Bewegtbild-Industrie als das Jahr gelten könnte, in dem die Erfahrungsdemenz der Film- und Kommunikationsbranche mit Bezug auf 360-Videos endlich überwunden wird.

Erweiterte Realität (AR) und Virtuelle Realität (VR): Geburtswehen des Super-Trends

Regisseur James Cameron (Titanic, Avatar) wies 2015 darauf hin, dass virtuelle Realität (VR) als Trend so bahnbrechend neu gar nicht ist:

There seems to be a lot of excitement around something that, to me, is a yawn, frankly. If you want to move through a virtual reality it’s called a video game, it’s been around forever. James Cameron

Auch Ed Catmull,  Mitgründer der Hollywood-Animationsschmiede Pixar, sieht VR und AR eher nüchtern. Wie der Co-Entwickler der führenden Animations-Software Rendeman an einem Auftritt in Zürich sagte, sei er skeptisch und glaube nicht daran, dass VR-Brillen für virtuelle oder erweiterte Realität die lineare Erzählweise des Kinos massgeblich verändern würden (Quelle: World Wide Web Forum 2017).

Wenn die Virtuelle Realität ihre technischen Hausaufgaben gemacht hat, noch ist es nicht ganz so weit, öffnen sich im Kontakt mit Immersion, mit VR und AR  für Marketing und Kommunikation tatsächlich neue Welten, Auch wahrnehmungspsychologisch [6].

Für 2017 wünschen wir uns weniger blinde, unreflektierte Begeisterungsstürme für alles, was das Kürzel VR im Produktnamen trägt. Und dafür weitere, smarte Hybridformen wie Pokémon Go im Bereich der Augmented Reality.

Kaugummis für die Augen

Kennen Sie das? Sie suchen im Internet nach Informationen und stoßen auf ein Video, das Ihnen die Antwort verspricht. Einen Klick später geht es los: das Ende der Werbung abwarten. Dann ein starkes Versprechen im Intro des Videos. Anschließend wird Ihnen minutenlang visuelle Informationsverschmutzung um den Kopf gehauen. Damit es nach Service aussieht immer nett kaschiert mit Untertiteln, Grafiken und einem  austauschbaren Klangteppich, der sie an das Frühstücksbuffet in einem amerikanischen Businesshotel erinnert, in das sie nur noch unter Gewaltandrohung zurückkehren würden. Ein Inhaltsverzeichnis: Träumen Sie weiter! Die Möglichkeit zur Navigation: Fehlanzeige! Die wichtigsten Learnings als Zusammenfassung: eine Illusion! Dafür gibt es ohne Anmelden ungefragt ein Newsletter im Abo und im Impressum keine Kontaktdaten. Service fühlt sich anders an.

Weil Sie keine Chance haben, den Inhalt vor dem Ansehen auf Relevanz zu beurteilen und schon mehr Lebenszeit in das Video investiert haben als Sie eigentlich wollten, schauen Sie weiter. Solches freut den Inhaber der Seite: Video-Kaugummi für Augen treibt die durchschnittliche Sitzungsdauer auf Webpages markant nach oben, wovon wiederum das Suchmaschinen-Ranking optimiert. Garniert mit Werbeanzeigen und abgerundet mit einigen Tricks im Quelltext zur Minimierung der Absprungrate, ergibt sich so ein hübsches Ertrags-Modell für den Seitenbetreiber.

Schon im Vorjahr (Trends Storytelling 2016) haben wir den Trend zu solchen Videos zum Teufel gewünscht. Für 2017 ändert sich daran nichts. Audiovisuelle Mogelpackungen vergraulen dem User die Lust auf Bewegtbild. Das darf nicht sein. Das Potential an Möglichkeiten in der Kommunikation mit Film und Video ist noch lange nicht ausgeschöpft! Weder qualitativ noch quantitativ.


Verweise und Quellen
[1] URL auf Anfrage bei info@filmpuls.ch erhältlich
[2] Internet-Recherche, T3N, Wikipedia
[3] Internet-Recherche, T3N, Wikipedia
[4] Differentiate or die, von  Jack Trout und Steve Rivkin, Verlag John Wiley & Sons, 2001
[5] siehe dazu am Ende der Filmpuls-Artikel-Serie zu 360 Grad Video
[6] Mehr dazu: Exklusive Insights – Standortbestimmung per Ende Q2/16


Im Interesse der Lesbarkeit wurden in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen auf die männliche Form reduziert.

Über Redaktion Filmpuls
Unter der Bezeichnung "Redaktion Filmpuls" erscheinen Beiträge, die von mehreren Autorinnen und Autoren kollaborativ erstellt werden.

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