Video schneiden und bearbeiten wie die Profis (1/4)

Handwerk und Kunst

Video schneiden und bearbeiten wie ein Profi Video schneiden und bearbeiten wie ein Profi (Teil 1 von 4)

Video schneiden und bearbeiten und die Montage von Filmen ist nicht nur Handwerk, sondern besitzt  zusätzlich das Potential einer Kunstform. Ein Filmschnitt kann hart wie ein unerwarteter Schlag ins Gesicht, oder sanft wie ein liebender Blick sein  sein. Er kann die Zeit verändern und im völligen Kontrast zur Bewegung vor der Kamera stehen. Der Schnitt kann das Auge führen, oder uns daran hindern, etwas zu sehen.

Die vierteilige Sommer-Serie mit Artikeln zum Handwerk der Montage startet mit den wichtigsten Prinzipien des Filmschnitts und den 6 wichtigsten Regeln für Editing und Montage in der Kommunikation mit Film und Video:

Video schneiden und bearbeiten mit der richtigen Einstellung

Beim Film wie beim Filmschnitt ist vieles eine Sache der Einstellung. Denn die Basis des Filmschnitts ist… – die Einstellung.

Vsevolod Pudovkin, 1893-1953

Vsevolod Pudovkin, 1893-1953, russischer Regisseur, Autor

Die Länge einer Einstellung war bis zum Aussterben der analogen Filmkameras von der Länge des Filmrolle in der Kamera abhängig. 100 Meter Negativfilm entsprachen (abhängig davon, ob mit 24 Einzelbilder/Sekunde oder 25 Einzelbilder/Sekunde gedreht wurde) einer „Aufzeichnungskapazität“ von 3:40 bis 3:30 Minuten. In der Regel wurden beim professionellen Kinofilm 35MM-Filmrollen mit einer Länge von 1’000 Fuß eingesetzt, was eine maximale Aufnahmelänge von 11 Minuten ergab. Das Erstellen eines Filmes war damit immer auch von der Länge einer Filmrolle abhängig. Heute können, ein Speichermedium mit genügend Kapazität vorausgesetzt, auch 120min Film oder Video problemlos am Stück gedreht werden Eine Einstellung definiert sich im Film und Video durch das Anstellen und das Abschalten der Kamera.

Das zwischen dem Moment des An- und Abstellen der Kamera aufgezeichnete Video- oder Filmbild ist die Einstellung. Als Einstellung wird, so kann man es anders auch formulieren, im Film eine Folge von ununterbrochen Einzelbildern bezeichnet.

Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist der (nach drei Proben ohne Unterbruch!) gedrehte abendfüllende Spielfilm „Victoria“ von Regisseur Sebastian Schipper, der 2010 an der Berlinale seine umjubelte Premiere feierte. Der aus einer einzigen Einstellung bestehende Film hat eine Länge von 140 Minuten.

Die Montage ist die Sprache des Filmregisseurs. Vsevolod Pudovkin, Regisseur

Wenn nun theoretisch und technische jede denkbare Einstellungslänge möglich ist, wie bestimmt sich dann die Länge einer Einstellung beim Video schneiden und bearbeiten?

Checkliste: 6 inhaltliche Regeln, die für die Montage beachtet werden müssen

Die nachfolgenden Regeln haben sich in der Praxis als Entscheidungshilfen und Checkliste zum Videos schneiden bewährt:

Das Genre spielt mit: Jedes Genre muss mit den Erwartungen des Publikums umgehen. Davon ist auch die Montage und das Filme schneiden betroffen. Der Editor eines Videos muss sich beim Schneiden danach richten. Schnelle Schnittfolgen, wie sie bei Verfolgungen in Actionfilmen (gerne kombiniert mit Explosionen in Zeitlupen) üblich sind, eignen sich nicht für ein einfühlsames, lyrisches Liebesdrama. Bei historischen Archivaufnahmen erwartet der Zuschauer längere Einstellungen als bei einem Musikvideo, das auf Google mit Klicken gestartet werden kann. Ein Produktfilm oder Imagefilm darf als Video, sofern inhaltlich passend, in flottem Tempo daherkommen. Hier gibt es für das Schneiden keine vom Genre vorbestimmte Erwartungshaltung des Zuschauers.

Aber: Tempo ist bei Videos nicht alles! Bei einem Video Testimonial mit zu hoher Schnittfrequenz fragt sich der medienkonsumgewohnte Zuschauer schnell einmal, ob entweder der Inhalt an sich langweilig ist und vom Editor beim Erstellen der Schnittfassung durch formale Tricks aufgepeppt werden musste, oder ob das häufige „Umschneiden“ von einem Blickwinkel (oder von einer Kamera auf die andere) nur darum angewendet wurde, um Aussagen oder Interviews zu trimmen und damit Sätze und Inhalte schön- und wegzuschneiden.

Dramaturgie ist die Schwester der Montage: Der Schnitt geht mit der Dramaturgie Hand in Hand.Die Schnittlänge einzelner Szenen darf sich aus dramaturgischen Gründen bewusst vom Genre und dem Rest des Videos unterscheiden.

Mit unterschiedlichen Rhythmen kann beim Film schneiden beispielsweise der abweichende Charakter einer Szene vom Rest des Films bewusst verstärkt werden.

Hinsehen und Verarbeiten neuer Informationen braucht Zeit. Je wichtiger eine Person oder Objekt für das Storytelling ist, desto länger sollte sie zu sehen sein.

Aus Gründen der Wahrnehmung und Psychologie werden Schnitte, die den Zuschauer in die Exposition einer Szene einführen, vom Editor meist etwas länger angelegt, als dies bei Schnitten später im Film oder Videos der Fall ist.

Dominanz bestimmt die Screentime: Die Summe der Zeit, in der das Bild einem Darsteller oder einem Gegenstand gehört, wird Screentime genannt.

Aufnahmen, deren Inhalt für den Transport von Emotionen und Informationen essentiell sind, müssen länger in Videos stehenbleiben als Einstellungen, die eine Nebenhandlung erzählen oder die Haupthandlung als Textur nur illustrieren. Sie erhalten mehr Screentime.

Aus der Screentime schließt der Zuschauer oftmals auch unbewusst auf die Wichtigkeit einer Person im Film oder auf die Wichtigkeit des Geschehens auf der Leinwand.

Die Rolle der Farben: Die Farbgebung eines Filmes ist nicht nur aus Gründen der Farbpsychologie wichtig. Je nach Farbunterschied zweier nacheinanderfolgender Einstellungen kann der Schnitt beim Erstellen eines Videos sanft und unmerklich einen Bildübergang bilden, oder den Zuschauer durch Widerspruch und Kontrast aus der Handlung werfen.

Der Schnitt hat darum nicht nur die Gestaltung des Filmbildes (Fotogenität, Bewegung vor der Kamera) zu beachten, sondern auch die Farben.

Der Schnitt ist der Stil eines Filmes, sein Tempo und sein Rhythmus. Béla Balázs, Film-Kritiker

Unsichtbare Schnitte: Das Phänomen der unsichtbaren Schnitte zeigt den Profi. Im Continuity Editing zeigt sich, wer das Handwerk des Editings versteht und mit dem Kopf bei der Sache ist. Nicht zu verwechseln ist der unsichtbare Schnitt mit dem versteckten Schnitt und Match Cuts und Jump Cuts.

Fazit aus Teil 1 der vierteiligen Artikel-Serie zum Video schneiden und berarbeiten

Der Editor oder Cutter muss beim Filme machen aus verwirrend vielen Einzelstücken, vergleichbar mit einem Puzzle (oder besser noch: vergleichbar mit einem Schachspiel), das einzig richtige Bild zu finden und montieren.

Die Kunst des Filmschnitts liegt beim Video schneiden ebenso wie in der Montage zu einem wesentlichen Teil darin, die Länge einer Einstellung im Kontext mit der Handlung, und damit der Dramaturgie, zu finden, ohne dem Stil des Filmes und der Vision des Regisseurs untreu zu werden.

Im zweiten Teil unserer sommerlichen Artikel-Serie zu Editing und Film und Video schneiden und bearbeiten wird Filmpuls der Frage nachgehen, wie die Montage das Zeitempfinden des Zuschauers verändern und manipulieren kann. Teil 3 zeigt dann, wie Film schneiden und bearbeiten aus formaler Sicht funktioniert. Die Stilmittel Zeitraffer, Zeitlupe und Blende werden später einen eigenen Beitrag im Filmpuls erhalten. Bis bald!


Empfohlenes Filmbeispiel:
Victoria“ (2015), Spielfilm von Regisseur Sebastian Schipper, mit Laia Costa, Frederick Lau und Franz Rogowski u.a., Kamera: Sturla Brandth Grøvlen.


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