Videokalkulation: Wie drei böse Stolpersteine einfach zu vermeiden sind

Voodoo-Accounting oder Kostenwahrheit?

Stolpersteine auf dem Weg zur guten Kalkulation Aus Fehlern lernen

Dieser Artikel mit dem Thema Videokalkulation zeigt, wie drei böse Stolpersteine, die immer wieder bei der Analyse oder Anwendung eines Budget für Film und Video auftauchen, einfach vermieden werden können. Er nennt drei klassische Fallen der Analyse bei Kalkulationen für Film und Video beim Namen und erklärt Alternativen für besseres Budgetieren.

Stolpersteine bei einer Kalkulation finden sich mit langjähriger Erfahrung im Umgang mit Budgets für Film und Video nicht nur in komplexen Genre wie Spielfilm und 360 Videos, sondern überall dort, wo für die Kommunikation mit Film und Video die Budgetparameter analysiert werden müssen. Und ebenso immer dort, wo während den Dreharbeiten, dem Prinzip der rollenden Planung folgend, Budgets und Zahlen für finanzielle Standortbestimmugnen an die Realität eines Drehs adaptiert werden müssen.

Wer aktuelle Kosten sucht, findet diese in der Rubrik Leserfragen im Artikel Was kostet ein Film, der auch eine Tabelle mit Richtwerten enthält.

Videokalkulation Beispiel 1: „Der Domino-Effekt“

Der Domino-Effekt kennzeichnet das fehlende Verständnis für miteinander verknüpfte Parameter in einer Kalkulation. Sich gegenseitig bedingend, können dies beispielsweise prozessbedingte, technische Abläufe im Rahmen der Bild- und Tonbearbeitung sein. Auch die Zusammenstellung von Kompetenzteams kann zu einem Domino-Effekt führen.

Die Verpflichtung von Key Talent, nicht nur für große Projekte, erfolgt vom erfahrene Produzenten oftmals so, dass die Talente der beteiligten Schlüsselpersonen sich gegenseitig ergänzen (sog. Komplementär-Prinzip, auch bekannt als „Talent-Packaging“). Wird ein Element aus der ursprünglichen Orchestrierung herausgenommen, löst das eine Kettenreaktion aus. Parameter sind wie Comics, die als visuelle Sequenz auch nicht aus sich selbst heraus „automatisch“ einen Sinn ergeben.

Aus der Praxis: Für eine mittelgroße Stadt sollte eine Imagekampagne gestartet werden. Um die Entscheider von der Notwendigkeit eines Films zu überzeugen, wurde von der beauftragten Agentur mit bekannten Namen großer Talente gehandelt. Schließlich wurde das Budget für die Filmproduktion gesprochen, aber in reduziertem Umfang. Man war zur Meinung gelangt, dass der gewünschte Regisseur auch mit einem weniger erfahrenen Team die Aufgabe würde umsetzen können. Am Kick-Off-Meeting wurde der junge Kameramann vom preisgekrönten Regisseur mit den Worten begrüsst:  „Du bist also der Esel, mit dem ich ein Pferderennen gewinnen soll!“

(Wie es weiterging: Zwei Tage später wurde der Regisseur auf Antrag des Produzenten mit einer fairen Aufwandsentschädigung dankend von seiner Aufgabe entbunden und ein komplett neues Team zusammengestellt. Dieses realisierte einen wunderbaren Film.)

Videokalkulation: Wie drei böse Stolpersteine einfach zu vermeiden sind

Dreharbeiten für einen Werbespot in Südafrika | (c) Condor Films

Beispiel 2: „Der Rasierapparat-Effekt“

Der männliche Teil der Menschheit weiß: Im Gegensatz zu einem Rasiermesser kann mit einem Rasierapparat nichts schiefgehen. Egal wie lang der Tag oder kurz die Nacht war, man zieht sich das Gerät über das müde Gesicht und darf darauf vertrauen, dass jedes einzelne Haar auf die exakt gleich Länge getrimmt wird.

Bei der Videokalkulation tritt der Rasierapparat zu Tage, wenn alle Budgetposten ungeachtet ihres Inhalts linear gekürzt – oder seltener: erhöht –  werden. Ein Dreitagebart hat eine andere Qualität als ein frisch-rasiertes Männergesicht. Dasselbe gilt für lineare Anpassungen von Budgets. Hier wird an der Qualität geschraubt.

Aus der Praxis: Die Einkaufsabteilung eines bekannten Herstellers der Automobilbranche bat um eine Besprechung der abgelieferten Offerte für eine Produktfilm. Vor Ort und in Anwesenheit des Marketing-Verantwortlichen begann der Chef-Einkäufer dem Filmteam neue Filmkosten zu sämtlichen Posten der 14-seitigen Filmkalkulation zu diktieren. Es dauerte einige Zeit bis klar wurde, dass der Einkäufer sämtliche Preise ganz einfach linear gekürzt hatte.

(Wie es weiterging: Noch am Meeting konnte die vom Kunden angestrebte Reduktion des Budgets umgesetzt werden. Dies weil mit Zustimmung des Marketing-Entscheiders eine für das Produkt und die Filmdramaturgie nebensächliche Szene markant vereinfacht werden durfte.)

Beispiel 3: „Der Excel-Tabelle-Effekt“

Was kosten Videofilme? Oscar Wilde (1854-1900) muss vielen Einkäufern von Großkonzernen unheimlich sein. Der irische Dramatiker hat sich nämlich schon vor einhundertfünfzig Jahren festgestellt, dass wir „von allem den Preis kennen, aber nur von wenigen Dingen den Wert„.

Wenn die Musik zu einem Auftragsfilm von einem Komponisten eigens komponiert werden soll und der Soundtrack nicht wie das Gedudel im Aufzug eines Supermarktes klingen soll, geht es schnell einmal um Talent.

Talent, oder den Preis dafür, kann man in einer Excel-Tabelle abbilden. Wer versucht, das Honorar eines Komponisten (für Autoren und andere kreative Berufe im Film gilt dasselbe) im Excel-Sheet auf Tages- oder auf Stundensätze hinunterzurechen in der Meinung, damit die Leistung besser einordnen zu können, mag sich zwar Trends im Einkaufsverhalten zur Bewegtbildkommunikation unterordnen, wird sein Ziel aber letzten Endesverfehlen. Musikant und Noten sind wie Autor und Text zwei Paar Schuhe, die unterschieden werden müssen.

Der Preis für Talente orientiert sich, wie alle Preise, an Angebot und Nachfrage. Auch wenn der Wert einer kreativen Leistung schwer nachvollziehbar zu sein scheint, auch er folgt Regeln.


Weitere Informationen zur Budgetierung und Videokalkulation von Vorhaben im Bereich Film und Video finden sich in der mehrteiligen Filmpuls-Serie „Filmbudget“. In dieser Artikel-Reihe findet sich auch ein Muster für ein Kalkulationsschema.

Über Maurus Eugster

Maurus Eugster ist Leiter Finanzen und Mitglied der Geschäftsleitung der Condor Films AG.

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