Videos schneiden und professionell Filme montieren (2/4)

Filmmontage: Raum und Zeit verändern

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Videos schneiden bedeutet immer auch, selbst einen Teil der Filmgeschichte zu sein: In den Pionierzeiten des Films beschränkte sich die Filmmontage darauf, mit dem Schnitt die für die Erzählung notwendigen Ereignisse in chronologischer Folge hintereinander zu schneiden. Spannung konnte dabei nicht durch den Schnitt entstehen, sondern nur durch den Inhalt der Erzählung. Der Filmschnitt war Diener der Realität.

Schon 1901 ging der Engländer James Williamson in seinem Film „Attack on a China Mission“ einen Schritt weiter: Er fand heraus, dass die Zuschauer sich vom Filmschnitt auch über größere Zeit- oder Raumsprünge hinweg führen ließen, wenn in der Einstellung vor und nach dem Schnitt ein identisches Objekt oder eine identische Person vorkam. 

In der Filmbranche wird und wurde, anders als beim Videoschnitt,  lange und streng zwischen Montage und Schnitt unterschieden. Mit Schnitt war in der Regel der physische Vorgang beim analogen Filme-schneiden gemeint: das effektive Zusammenschneiden unterschiedlicher Filmteile (Einstellungen) zu einem großen Ganzen.

Mit der Montage wurde umgekehrt der künstlerische Aspekt des Schnitts bezeichnet: die Kombination unterschiedlicher, einzelner Filmteile zu einem Werk, das (zumindest in der Absicht des Schöpfers) mehr als die Summe seiner Einzelteile darstellt.

Im heutigen Sprachgebrauch werden die Begriffe Montage und Schnitt oftmals gleichwertig verwendet, ähnlich wie auch zwischen Cutter und Editor nurmehr beschränkt und immer seltener unterschieden wird. Trotzdem gilt da und dort der Begriff „Schnitt“ als weniger wertig als derjenige der „Montage“. In der Regel und für die Zukunft aber gilt im digitalen Zeitalter:  Der Filmschnitt ist tot. Lang lebe die Montage!

Die Kausalmontage

Das von Williamson angewandte Montageprinzip zur Überwindung von Raum und Zeit wird heute noch angewandt. Es wird in einer erweiterten Form als Kausalmontage bezeichnet. Von einer kausalen Montage spricht man, wenn das Geschehen in einer Story einstellungsübergreifend nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip in einem Zusammenhang steht.

Die Parallel-Montage

Weit komplexer, weil gestalterisch und konzeptionell weit anspruchsvoller als der chronologische Schnitt und die Kausalmontage, ist die parallele Montage von unterschiedlichen Handlungsverläufen. Bei der Parallemontage gilt es, Storylines nebeneinander zu erzählen. Ein Paradebeispiel dazu liefert das Epos „Game of Thrones“, das je nach Episode bis zu 8 Geschichten von unterschiedlichen Figuren an unterschiedlichen Handlungsorten gleichzeitig erzählt. Die Schwierigkeit liegt nicht nur darin, im richtigen Moment von einem Handlungsstrang zum anderen zu springen.Der Zuschauer erwartet bei der Parallelmontage normalerweise am Ende das Zusammenführen aller Parallelhandlungen.

Die Schwierigkeit der Parallelmontage beim Filme schneiden und Video schneiden und bearbeiten liegt also nicht nur am Zusammenspiel der individuellen Handlungsstränge und dem Umgang der daraus erwachsenden Erkenntnisse für den Zuschauer. In der Regel müssen am Ende auch alle Parallelhandlungen zusammengeführt werden und in einem Höhepunkt kulminieren.

Erfolgt keine Zusammenführung, spricht man nicht von einer Parallel-Montage, sondern von einer „parallelisierenden Montage“.

Die Parallelität des Zeitablaufs mündet bei der Parallel-Montage in das Zusammenfallen der Räume. Kurt Hoffmann

Die Parallelmontage wird von Regisseuren und Editoren beim Film schneiden oft zur Steigerung der Dramatik eingesetzt. Das gilt im Spielfilm wie auch für TV-Serien und Dokusoaps. Immer dann, wenn es so richtig spannend zu werden droht, springt das Bild auf die Parallelhandlung und erzählt diese weiter.Die kausale Montage und die Parallel-Montage erweitern und verschieben das Zeitgefühl und das Raumgefühl für den Zuschauer.

Auch in der Literatur findet sich das Prinzip der Parallel-Montage. Autoren von leichten Unterhaltungsromanen, wie es sie an Flughäfen zu kaufen gibt, setzen das Prinzip oftmals extensiv ein.

Zeitmanipulation beim Videos schneiden

James Williamson

Filmpionier, 1855–1933 | Photo: Wikipedia

Was der Filmpionier James Williamson bereits 1901 entdeckte: Filmzeit und reale Zeit sind in der Regel nur auf der Ebene der Einstellung identisch. Dies aber auch nur, wenn die Einstellung nicht durch Zeitlupe oder Zeitraffer manipuliert wird.

Erfolgreich angewendet können die Montage und die parallele Montage nur bei Beachtung der filmdramaturgischer Erfordernisse durch den Cutter oder Editor. Das dafür vorausgesetzte künstlerische Talent verbunden mit Erfahrung und extremem Wissen ist mit ein Grund, warum Filme nicht geschnitten sondern montiert werden.

Pacing

Pacing ist das amerikanische Pendant zum Ryhthmus. Jeder Filmschnitt hat einen Rhythmus. Bewusst gewählt oder unbewusst entstanden, der Rhythmus ist der Herzschlag eines Filmes und sollte im Gleichklang zur Story schlagen.

Timing

Das Timing bezeichnet die Wahl des Beginns und Ende einer Einstellung und bestimmt damit deren Länge. Ist das Timing bei Start und Ausstieg kurz hintereinander gewählt, ergibt sich ein schneller Rhythmus (der „Pace“ ist hoch). Die richtige Wahl des Einstiegs und Ausstiegszeit in der Montage von Film und Video ist ähnlich anspruchsvoll wie beim Scriptwriting. Auch dort ist der wahre Meister daran zu erkennen, wie und wo er in eine Szene ein- und aussteigt. Mehr zu dieser Thematik findet sich bei Filmpuls im Beitrag 15 Punkte, die jedes gute Filmkonzept enthalten muss.


Nächste Woche geht es weiter mit Teil 3: Film schneiden und bearbeiten als formales Prinzip. Dabei wird auch der künstlerische Anteil am Filmschnitt gewichtet und gewürdigt. Letztendlich aber gilt: Trends kommen und gehen. Die Wichtigkeit der Montage aber bleibt bestehen.

Einen separaten Beitrag wird Filmpuls demnächst dem faszinierenden Phänomen der unsichtbaren Schnitte in der Kommunikation mit Film und Video widmen. Der unsichtbare Schnitt steht für das klassische Editing und für die Montage im Zentrum der Arbeit jedes Cutters und Editors. Zugleich sind unsichtbare Schnitte ein wunderbares Sinnbild für die Funktionsweise des Schnitts im Spannungsfeld zwischen Handwerk, Kunst und Unterhaltung.


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