Wo steht VR 360 Video heute? Eine Einordnung

Steht uns das Beste der virtuellen Realität erst bevor?

VR 360 Video - Hype Zyklus und Einordnung Lernen aus den Fehlern der anderen: VR 360 Video

Vorhersagen sind einfach, wenn sie die Vergangenheit betreffen. Anders sieht es mit der Zukunft aus. Das gilt auch für VR 360 Video. Vor Jahresfrist noch der ultimative Trend und Heilsbringer, wird es zunehmend ruhiger um diese neue Technologie. Wo steht die virtuelle Realität heute und wohin geht die Reise? Dieser Artikel wagt nicht nochmals eine neue und weitere Prognose. Sondern er zeigt am Beispiel von 360 Videos auf, wie sich Innovationen bei Film und Video einschätzen und beurteilen lassen.

Einige der größten Firmen dieser Welt schlagen sich heute mit der Frage herum, wohin die Reise für VR 360 Video geht. Wenn man nicht der Meinung ist, dass schlaue Menschen nicht für Konzerne arbeiten wollen, dürften es auch einige der schlauesten Menschen auf diesem Planeten sein, die sich damit beschäftigen, was die Zukunft für VR und AR bringt.

Die virtuelle Realität feiert nächstes Jahr ihren 50 Geburtstag. Nicht ganz so alt ist das Modell, dass oftmals zum Einsatz kommt um Prognosen und Trends etwas präziser zu betrachten. Erfunden hat es ein amerikanisches Forschungsinsitut. Gartner Inc. sitzt in Stamford, USA und hat sich auf Marktforschungsergebnisse und Analysen über die Entwicklungen in der IT spezialisiert.

1995 hat das Unternehmen unter Anleitung der Analysten Jackie Fenn ein Stufenmodell entwickelt, das den Weg einer Innovation auf dem Weg zum Allgemeingut abbildet. Basis bildete die Beobachtung, dass der Hype um neue technologische Lösungen immer gleich abläuft. Damals ging es um die Bewertung von Microsoft und Software. Die Bewertung von VR 360 Video lässt sich damit aber ebenso gut vornehmen.

Das Modell von Gartner ist heute als Hype-Zyklus bekannt. Es unterscheidet fünf Phasen.

Die fünf Phasen von VR 360 Video

Während der Kondratjew-Zyklus die zyklische Entwicklung der Wirtschaft als Modell beschreibt, verortet der Hype-Zyklus die Entwicklung auf zwei Achsen innerhalb eines Zyklus. Diese Achsen zeigen einerseits das Maß der Aufmerksamkeit und andererseits der Zeitverlauf. Anders formuliert zeigt das Modell, wie hoch die Aufmerksamkeit über einen gewissen Zeitraum ist.

Das berühmteste Beispiel der jüngeren Geschichte, das sich mit diesem Modell illustrativ untersuchen lässt, ist das Internet. Zuerst massivst unterschätzt, dann bis zur ersten Dotcom-Blase genauso maßlos überschätzt, um sich dann als Revolution in unserer Welt wohl für immer festzusetzen. Ironischerweise war die Erfinderin des Hype-Zyklus, Jackie Fenn, mit ihrem Analyse-Modell in der Lage, den Börsencrash von 1999 auf ein halbes Jahr genau vorauszusagen. Umgekehrt prognostizierte sie aber vier Jahre zuvor den endgültigen Niedergang des Internets als Information-Superhighway.

Der Hype-Zyklus besitzt fünf Phasen: Technik-Trigger (engl. Innovation Trigger), Gipfel der übertriebenen Erwartung (Peak of Inflated Expectations), Tal der Enttäuschung (Through of Disillusionment), Pfad der Aufklärung (Slope of Enlightenment) und Plateau der Produktivität (Plateau of Productivity).

I. Technik-Trigger

Am Anfang der ersten Phase steht ein technologischer Auslöser. Zuerst gibt es Gerüchte, meist gezielt gestreut. Dann erste Events und eine Technologie, die unsere Welt zu verändert verspricht und darum den Nutzer wie auch Investoren begeistert. Die technische Innovation ist wie ein Stein, der in einen ruhigen See geworfen wird. Die ersten Wellen erfassen das kundige Fachpublikum. Aber bald schon schwappt die Begeisterung der Profis auf die halbprofessionellen Nutzer und Amateure, also das ganz große Publikum über.

Das Ende der ersten Stufe der Einführung einer neuen Innovation ist daran erkennbar, dass immer mehr Trittbrettfahrer auf den Plan treten und sich ein Stück vom Kuchen sichern wollen. Das treibt den Hype in schwindelerregende Höhen.

II. Der Gipfel der übertriebenen Erwartung

In der zweiten Phase ist die neue Technologie längst zum Geheimtipp geworden, den jeder kennt und der darum keiner mehr ist. Die Marketingabteilungen der Anbieter überschlagen sich mit der Presse vor Begeisterung während die Ingenieure sich noch immer die Haare raufen und nicht wissen, wie sie die Innovation von lästigen Kinderkrankheiten befreien sollen. Das Management pocht auf die Einführung der Produkte im Markt, um vom Hype zu profitieren.

Die unrealistischen Erwartungen kollidieren mit der Realität und leiten die nachfolgende dritte Phase ein.

III. Das Tal der Enttäuschung

Mit lauten Schreien der Entrüstung wird das Ende der Technologie vorausgesagt und herbeigeschrieben. Die neuen Produkte erfüllen die Erwartungen nicht, oder nur teilweise, oder können sie wegen unrealistischen Erwartungsmanagement überhaupt nicht erfüllen. Einmal mehr stellt so mancher technikverliebte Möchtegern-Harry Potter frustriert fest, dass es eben doch nur in Hogwarts Zauberei gibt.

Während es in der Öffentlichkeit um die neue Innovation still wird, werden hinter der Kulisse die geschwächten Erfinder der Technologie von anderen Konzernen übernommen. Diese haben die Entwicklung beobachtet, verstehen die Technologie und sie bereit, aus den Fehlern ihrer Vorgänger zu lernen. Damit beginnt die vierte Phase.

IV. Der Pfad der Aufklärung

Viele Produkte haben den Durchbruch im Markt nicht geschafft und sind verschwunden. Die Presse ist nicht länger an der neuen Technologie interessiert. Die neuen Player aber arbeiten hinter der Kulissen fleißig an der Weiterentwicklung der Innovation. Ihre neuen Produkte konzentrieren sich auf Anwendungsgebiete, in denen sie ihre Stärken ausspielen können. Die Grenzen der neuen Technologie werden respektiert. Kennzeichen für diese Entwicklungsphase sind 2.0-, 3.0-Versionen.

Die nun funktionierenden Innovationen werden in Form von neuen Produkten gezielt mit Bedürfnissen spezifischer Märkte und Nutzer gekoppelt. Die Akzeptanz steigt wieder. Erste Verkaufserfolge stellen sich ein. Investoren und Börsen beginnen wieder vorsichtig zu träumen. Viele von ihnen warten aber die fünfte und letzte Phase ab.

V. Das Plateau der Produktivität

Erst im fünften Schritt entscheidet sich, ob die neue Technologie sich im Massenmarkt durchsetzt, weil entsprechende Anwendungsformen gefunden werden können. Aber auch wenn die Innovationen nur für einen Nischenmarkt eine entscheidende Innovation darstellen, haben sie damit ihren festen Platz und eine Daseinsberechtigung in der schönen neuen digitalen Welt gefunden. Dies, weil sie sich auch dort bald schon nicht mehr wegdenken lassen.

Das Plateau der Produktivität erkennt man daran, dass über das Produkt nicht mehr gesprochen und diskutiert wird. Weil es sich durchgesetzt hat. Es wird ohne viel Aufheben als Selbstverständlichkeit betrachtet, gekauft und eingesetzt.

Wohin bewegt sich 360 Video und VR-Storytelling?

Im Juni 2014 machte Facebook den Gründer von Oculus VR um zwei Milliarden reicher. Der Kaufpreis für Oculus spiegelte den Gipfel der übertriebenen Erwartungen. Nur wenige Stimmen sprachen kritisch  von einer gewaltigen Wette auf die Zukunft. Facebook selbst hatte geistig das Tal der Enttäuschung praktischerweise schon beim Erwerb von Oculus übersprungen. Der Konzern verkündete beim Kauf von Oculus munter, auf welche weiteren Anwendungsbereiche sein Konzern die virtuelle Realität auszuweiten gedenke.

Während Zuckerberg und Zalando noch vor Freude schrien, mehrte sich die Kritik an der Technologie. 2016 schloss Facebook die Türen des eigenen VR-Animationsstudios und reduzierte die Verkaufspunkte seiner VR-Brillen.

Es gibt viele Gründe, warum die zunehmende Stille für VR 360 Video ein gutes Zeichen ist. Hinter den Kulissen tüfteln Unternehmen wie Google mit Kanälen wie Daydream District oder Spotlight Stories an der Zukunft. Erste Erfolge wie die Oscar-Nomination für den VR-Kurzfilm Pearl zeigen, was die Zukunft für Bewegtbild in der virtuellen Realität bereithalten mag. Noch, auch das ein deutlicher Indikator, ist die breite Presse auf dem Weg ins Tal der Enttäuschung. Pressehäuser haben im Hype in VR Technologie investiert und müssen feststellen, dass sich damit der Inserateschwund nicht kompensieren lässt.

Wo also steht VR 360 Video? Wenn man dem Hype-Zyklus glauben darf, in einer heilsamen Phase, nach der uns das Beste erst noch bevor steht.


Im Interesse der Lesbarkeit sind in diesem Artikel die Bezeichnungen auf die männliche Form reduziert. Gemeint sind immer Frauen und Männer | © Filmpuls – das Magazin für Filmemacher und Videoproducer

Über Kristian Widmer

Kristian Widmer ist Mitglied der Schweizer Filmakademie. Der promovierte Jurist und Inhaber eines MBA der Universität St. Gallen HSG war langjähriger CEO der 1947 gegründeten und mit einem Academy Award™ ausgezeichneten Condor Films AG.

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