Zeitraffer und Blende als Mittel zur Manipulation von Zeit und Raum

Beam me up, Scotty!

Zeitraffer und Blende als Manipulationsmittel im Filmschnitt - filmpuls So wird das Raum- und Zeitgefühl beim Schnitt verändert

Zur Sprache des Films gehört auch die Veränderung von Raum und Zeit in der Montage. ZeitrafferZeitlupe und Blende gehören dabei zu den wichtigsten Werkzeugen. Diese Effekte haben einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung der Zeitachse in einem Film: sie verändern unser Zeitempfinden und die Wahrnehmung von Raum mit optischen Manipulationen, losgelöst von der Storyline.

Jeder Film und jedes Video kann mit Aufnahmen Effekte hervorbringen, die in der Fotografie mit einem einzelnen Bild nicht möglich sind. Drei Arten von Blenden (Abblende/Aufblende, Überblendung, Rückblende), Zeitraffer und Zeitlupe ergänzen die Möglichkeiten der Montage in der Kommunikation mit Film und Video.

Die Blende

Die Blende kann definiert werden als eine technische Methode zur Wahrnehmungsänderung der Zeit in einer Aufnahme für ein Film oder ein Video. Dabei kann zwischen Überblendung, Aufblende und Abblende unterschieden werden:

Abblende und Aufblende

Die Blende ist ein äußerst subjektives Gestaltungsmittel, das im Rahmen der Montage dem Filmbild und Videos einen subjektiven Code verleiht, der sofort verstanden wird. Blendet das Bild stufenlos aus der Verdunklung zum ersten Filmbild auf, eröffnet die Aufblende das Blickfeld auf etwas, was schon vorher war und an dem die Handlung nun teilnehmen wird.

Als langsam dunkler werdendes Bild symbolisiert die Abblende das Zeitvergehen in einer Aufnahme.

Überblendung

Die Überblendung lässt eine Einstellung nicht verschwinden (Abblende) oder Auftauchen (Aufblende), sondern sie verschmilzt zwei Einstellungen miteinander: Die vorgehende Einstellung verblasst und nahezu gleichzeitig erscheint die nachfolgende Einstellung. Die Überblendung verbindet unterschiedliche Vorgänge und deutet gleichzeitig immer auch die Veränderung der Zeit an.

Verpönt ist der Einsatz von Überblendung anstelle des Schnitts, wenn damit ein Schnitt simuliert werden soll, der aufgrund fehlerhafter Gestaltung des Filmbildes ansonsten nicht möglich wäre (beispielsweise weil der Bildschwerpunkt oder die Blickachsen nicht stimmen). Natürlich kann man rein technisch solche beim Dreh erfolgten Fehler ausbügeln – Regisseur und Cutter müssen sich in der Montage aber bewusst sein, dass sie bei solchen Rettungsversuchen mit der Überblendung immer auch (dramaturgisch ungewollt) Zeitvergehen symbolisieren.

Überblendungen funktionieren am einfachsten bei Großaufnahmen, sind aber nicht nur auf diese beschränkt.

Je sparsamer mit Überblendungen in der Montage umgegangen wird, desto stärker ist die Wirkung. Je häufiger Überblendungen eingesetzt werden, desto mehr empfindet sie der Zuschauer als sinnentleerter, verspielter Formalismus.

Rückblende

Die Rückblende ist das Einfügen von Szenen in einen Handlungsverlauf um frühere Ereignisse zu zeigen. Rückblenden

  • können Erinnerungen sein, aber auch
  • Erklärungen für den Zuschauer,

der damit im Vergleich zu den im Film vorkommenden Personen einen Wissensvorsprung bekommt.

Filmzeit ist mit der Rückblende umkehrbar!
Walter Dadek

Flashbacks (engl. = Rückblende) schaffen die dramaturgisch wichtige Möglichkeit zur Konfrontation der Gegenwart mit der Vergangenheit oder der Zukunft. Das Erscheinen der Rückblende ist zwar an die Handlung gebunden, erfolgt aber definitionsgemäss losgelöst von der Realzeit.

Die Rückblende ermöglicht dem Zuschauer, Vorgängen zu sehen und zu verstehen, die ihm im wirklichen Leben verschlossen bleiben.

Die Rückblende wächst in der Montage über das lineare, reale Zeit- und Raumempfinden hinaus. Sie manipuliert das Zeitempfinden.

Die Technik der Blende ist dabei, ein Revival zu erleben: Während Szenenübergänge mit Blenden die letzten Jahre als veraltet galten, wird sie in jüngerer Zeit von Regisseuren wieder häufiger in der Montage genutzt. Ihre neue Beliebtheit erfreut sich die Blende auch darum, weil sie wie kein anderes Mittel im Schnitt ein Paradox leisten kann: die Blende ist „Trenner“ und „Verbinder“ zugleich. Anders als Match Cut oder Jump Cut signalisiert die Blende als einziges Mittel in der Montage eine versöhnliche Verbindung zwischen zwei getrennten Sequenzen.

Zeitraffer und Zeitlupe

Die Zeitlupe (englisch: Timelapse) zeigt durch die Verlangsamung durch Highspeed Aufnahmen Vorgänge, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind.

Die Zeitlupe gibt dem Zuschauer durch Zeitdehnung die Gelegenheit, Dinge zu sehen und zu verstehen. Sie ist die Antwort auf unsere Neugierde, was passiert wenn man genauer hinsehen könnte. Die Zeitlupe verwandelt Sekunden in Minuten. Darum wird die Zeitlupe im Produktfilm bei der Erklärung von technischen Vorgängen gerne und richtigerweise eingesetzt. Menschen in Zeitlupe werden im Gegensatz zu Realaufnahmen, die im Zuschauer psychologische Reaktionen in höchster Komplexität auslösen, zum Objekt der reinen Beobachtung. Bilder in Zeitlupe lösen bei der richtigen Wahl des Motivs eine starke Faszination beim Zuschauer aus. Speed-Aufnahmen sind aus Sicht der Technik (Spezialkameras) anspruchsvoll.

VorschaubildZeitraffer, Blende und Zeitlupe im Film: Zeit- und Raummanipulation

Schnellere Bilder dagegen eröffnen durch Zeitraffung den Blick auf Abläufe, die erst durch ihre Beschleunigung erkennbar werden. Ein schmelzender Gletscher wird erst durch Timelapse wirkungsstark. Diese Aufnahmen können auch scheinbar tote Objekte zum Leben erwecken. Der unendlich langsam erfolgende Zerfall eines Felsbrockens, über Monate und Jahre mit Einzelbildern gedreht, haucht diesem plötzlich Leben ein.

VorschaubildZeitraffer, Blende und Zeitlupe im Film: Zeit- und Raummanipulation
VorschaubildZeitraffer, Blende und Zeitlupe im Film: Zeit- und Raummanipulation

Verlangsamte Aufnahmen oder schneller gedrehte Aufnahmen „vergeistigen“ (Zeitlupe) oder „verstofflichen“ (Timelapse) eine Einstellung.

Zusammenfassung

Mit dem Einsatz von Blenden, Zeitraffer und Zeitlupen kann sich der Regisseur und Cutter über die Möglichkeiten der Kamera hinaus im Rahmen der Montage einen neuen, eigenen filmischen Zeitraum erschaffen. Mit der Wieder-Entdeckung von Blenden, Zeitraffer und Zeitlupen hat der Film in der Gestaltung Möglichkeiten, die der Fotografie nur beschränkt und anderer Form zur Verfügung stehen. Es gibt allerdings auch Genre in der Kommunikation mit Bewegtbild, in denen diese Gestaltungsformen wenig bis nichts verloren haben: dazu zählen insbesondere CEO-Videos.

Alle Formen der Zeitveränderung haben einen Einfluss auf die Videokalkulation, den Zwang zur Geschichte, die Kameraführung und die subjektive Wahrnehmung eines Films und damit auf das Kino im Kopf.

Eine besondere Art, die Zeit im Film oder in einem Video zu komprimieren, ist der Jump Cut. Der Jump Cut ist eine ungewöhnliche Alternative zur Verdichtung der Zeit und gewissermaßen die Antithese zum klassischen unsichtbaren Schnitte (der Découpage Classique, im englischen Sprachraum auch Continuity Editing genannt). Eigenen Aussagen zu Folge hat Regisseur Jean-Luc Godard den Jump Cut nur darum erfunden, weil er keinen anderen Weg gefunden hat, sein Meisterwerk „A Bout de Souffle“ (Ausser Atem) aus dem Jahr 1960 mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg auf Kinolänge zu kürzen. Die Lösung fand Godard in der Verkürzung der Einstellungen. Nicht in dem er Anfang oder Ende der Einstellung kürzte, sondern innerhalb der Einstellung kürzte – daraus entstand der Jump Cut. Der Jump Cut ist nicht zu verwechseln mit dem Match Cut, den einige Jahre später ein anderer Meister der Montage und Regie, Stanley Kubrick, in „2001 – A Space Odyssee“ (1968) unsterblich machte.

Eine ganz besondere Art der Zeitlupe ist Bullet Time. Dieser Effekt wird in Filmpuls hier mit einem ausführlichen, eigenen Artikel kommentiert.

Die erwähnten formalen Stilmitteln haben immer auch damit zu tun, Wie wir Filme sehen und wie das Kino im Kopf funktioniert.

Elemente, die an unterschiedlichen Orten aufgenommen oder zu unterschiedlichen Zeiten in einer Storyline spielen, können mit Blenden und mit Änderungen der Tempi von Filmbildern zu einer neuen Wirklichkeit zusammengefügt werden. Ob ernst oder mit erzählerischem Witz: Zeitraffer, Blenden und Zeitlupe gehören genau so selbstverständlich zur Sprache des Films wie Filmwitze zur Filmbranche.

Literatur-Tipp zum Thema

  • Dadek, WalterDas Filmmedium: Zur Begründung einer Allgemeinen Filmtheorie. Ernst Reinhardt Verlag, 1968

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